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Leseprobe aus meiner Dissertation: “Die Astrologische Beratung - eine Herausforderung für das Recht”

Volker H. Schendel:

 

Astrologie und Wissenschaft

 

Der Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabeend  schreibt dazu in: Paul Feyerabeend: Über die Methode. Ein Dialog in: Radnitzky, Gerard, Andersson, Gunnar (1981) Voraussetzungen und Grenzen der Wissenschaft, Tübingen, Mohr, in der Schriftenreihe: Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften Band 25 - S.175ff

- S.182: „Die Wissenschaft ist unsere Religion. Was sich innerhalb dieser Religion vollzieht, ist Material für Schlagzeilen. Was außerhalb vorgeht, ist heidnischer Unsinn. Was sagten die Kirchenväter über die Gnosis? Sie nannten sie einen „irrationalen Aberglauben“. Was sagen die Kirchenväter der Wissenschaften über die Astrologie, […]? Genau dasselbe: es handelt sich um einen „irrationalen Aberglauben“. Und dabei muss man hinzufügen, dass die alten Kirchenväter ihre Gegner viel genauer studiert haben, als die Wissenschaftler ihre Gegner heute […]

A: Sie werden doch nicht die Astrologie verteidigen wollen!

B: Warum nicht, wenn die Angriffe inkompetent sind?

A: Gibt es nicht wichtigere Dinge?

B: Das hängt ganz von der Einstellung ab. Für manche Leute ist die Astrologie ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Andererseits ist die Astrologie ein gutes und relativ einfaches Beispiel dafür, wie oberflächlich Wissenschaftler bei der Kritik von unangenehmen Ideen vorgehen und das Beispiel lehrt uns Vorsicht in anderen, und wichtigeren Fällen …

A: Sie tun so, als gäbe es im Fall der Astrologie noch etwas zu diskutieren …

B: Lieber Himmel, ihr Rationalisten werdet ja geradezu lyrisch, wenn ihr Religionen angreift, die der euren widersprechen …

A: Lyrisch oder nicht – habe ich mit meinen Bemerkungen nicht Recht?

B: Haben Sie schon einmal von Johannes Kepler gehört?

A: Natürlich – ein ganz hervorragender Astronom.

B: Wissen Sie, dass er auch Horoskope ausgestellt hat?

A: Weil er Geld verdienen musste!

B: Dass er Abhandlungen zur Verteidigung der Astrologie geschrieben hat?

A: Das kann er doch nicht ernst gemeint haben?

B: Ja, warum denn nicht?

A: Aber hat denn Kepler nicht an der Verbesserung der kopernikanischen Astronomie gearbeitet?

B: Ganz sicher hat er das – er war einer der hervorragendsten Kopernikaner seiner Zeit und dennoch hat er die Astrologie nicht nur praktiziert, sondern auch verteidigt und mit empirischen Argumenten gestützt.

A: (sieht verstört drein)

B: Well, Sie brauchen mir nicht zu glauben – hier, lesen Sie Kepler selbst, seine Warnung an die Gegner der Astrologie, herausgegeben von Fritz Krafft, einem sehr bekannten Wissenschaftshistoriker – und hier habe ich ein anderes Buch von Norbert Herz, „Keplers Astrologie“, das die keplerischen Ideen auf dem Gebiet der Astrologie im Detail beschreibt.

A: In gewisser Hinsicht kann ich das schon verstehen – die Physik der Zeit war ja sehr zurückgeblieben …

B: Das war nicht Ihr Argument. Sie sagten, dass die neue Astronomie der Astrologie den Boden unter den Füßen wegzieht und sie in einen Aberglauben verwandelt, und da ist der hervorragendste neue Astronom, der hervorragendste Verteidiger der neuen Lehre, und er lässt nicht nur die Astrologie nicht fallen, er verteidigt sie, er verbessert sie, er sammelt empirische Argumente für sie …

A: Ich gebe zu, ich war etwas voreilig, aber Irren ist schließlich menschlich …

B: Das war nicht Ihre Einstellung zu Beginn dieser Unterhaltung! Verflucht haben Sie die Astrologen, als ob hier ein großes intellektuelles Verbrechen vorliege und nun stellt sich heraus, dass die Ignoranz oder, um Ihre eigene lyrische Sprache zu verwenden, die Verantwortungslosigkeit und der Aberglauben bei Ihnen liegt.

A: Ich gebe schon zu, dass ich etwas voreilig war, […] Gut, Kepler hat die Astrologie verteidigt, aber das macht sie nicht besser. Sie ist ein übler Aberglaube.

B: […] Es hat eine ganze Menge mit der Astrologie zu tun! Sehen Sie, ich habe Ihnen eben von Forschungen erzählt, die zeigen, dass die Stellung der Planeten einen Einfluss auf ziemlich subtile Prozesse an der Erdoberfläche hat.

[…]

A: Aber was hat das alles mit der Astrologie zu tun?

B: Aber sehen Sie denn nicht den Zusammenhang? In der Krebsforschung gibt es Detailforschung auf der einen Seite und den frommen Glauben, dass diese Detailforschung einmal zu einer eleganten Heilung des Krebses und zu einem besseren Verständnis führen wird. So weit hat sich der fromme Glaube noch nicht in eine Tatsache verwandelt, ja, man sieht überhaupt nicht, wie das wohl geschehen kann. Aber man gibt ihn nicht auf, man drängt ihn nicht als „Aberglauben“ zur Seite, man betrachtet ihn als eine vernünftige Hypothese und nimmt es als ganz selbstverständlich an, dass die Staatsbürger bereit sein werden, Millionen zum weiteren Ausbau dieser Hypothese auszugeben.

Im Fall der Astrologie gibt es auch einen „frommen Glauben“, den Glauben nämlich, dass die Gestirne das Leben der Menschen im Detail beeinflussen. Nun, im Falle der Astrologie gibt es ziemlich große Evidenz für den Glauben: die Jahreszeiten sind ein Beispiel (beachten Sie, dass wir im Fall der Krebsforschung keine solche grobe Evidenz haben. Nichts deutet an, dass eine bessere Kenntnis von Zellmechanismen unser Verständnis des Krebses verbessern wird). Dann gibt es auch Detailforschung, die den frommen Glauben ziemlich plausibel macht – ich habe eben einige Ergebnisse erwähnt. Und dennoch nennt man den frommen Glauben der Astrologie einen Aberglauben und macht sich daran, ihn auszurotten, während der fromme Glaube der Krebsforschung gelobt und finanziell unterstützt wird. Warum? Weil er ein Teil der Glaubenswahrheit in den Wissenschaften ist, während das auf die Astrologie nicht zutrifft …

A: Aber …

B: Einen Augenblick nur! Denn die Situation ist noch nicht vollständig beschrieben. Die Gegner der Astrologie greifen sie nicht nur an, sie sagen nicht einfach „das passt uns nicht“, sie tun so, als ob es Argumente gegen die Astrologie gäbe, aber die Argumente, die sie vorbringen, zeigen eine kolossale Unkenntnis sowohl der Astrologie als auch jener Teile ihrer eigenen Wissenschaften, der Biologie, der Psychologie, der Chemie, die gewisse Annahmen der Astrologie plausibel und wissenschaftlich machen …

A: Okay, okay, ich gebe schon zu, dass einige Wissenschaftler die Grenzen ihrer Kompetenz überschreiten …

B: Einige? Sehen Sie sich dieses Elaborat an. Es stammt aus der Oktober / Novembernummer 1975 der amerikanischen Zeitschrift „The Humanist“ (merkwürdiger Titel für ein sehr chauvinistisches Blatt!). Da gibt es eine Reihe von Aufsätzen, die die Astrologie kritisieren. Die Aufsätze sind stilistisch sehr schlecht geschrieben und sehr primitiv. Z.B. heißt es da: „astrology was dealt, a serious blow, since it is a geocentric system.“ Davon haben wir schon geredet. Kepler ließ sich durch den Kopernikanismus nicht stören, denn für ihn, wie für alle gebildeten Astrologen war die Astrologie eben nicht an den Geozentrismus gebunden. Ein Astronom Bart J. Bok schreibt: „the walls of the delivery room shield us effectively from many known radiations.“ Das soll ein Argument sein, gegen die Annahme, dass Konstellationen zur Zeit der Geburt eines Babys seinen Organismus beeinflussen können. Aber Röhrenfrüchte, die doch sicher viel gröber gebaut sind als Babys, stellen sich auf den Mondrhythmus ein in einem Laboratorium, das ganz bewusst von allen äußeren Einflüssen abgeschirmt wurde. Dann ist da der Hinweis, dass die Astrologie aus der Magie hervorging. Das ist erstens nur teilweise richtig, zweitens kein Argument, denn auch die moderne Wissenschaft war lange von der Magie beeinflusst und verdankt ihr wichtige Impulse. Nun ja, könnte man sagen, und das sagen ja auch Sie, es gibt immer Wissenschaftler, die die Kompetenz ihres Faches überschreiten und Dummheiten begehen. Sehen Sie sich aber die Liste der Unterschriften an! 186 (gemeint sind 192) Unterschriften! Ganz offenbar kam es den gelehrten Herren nicht darauf an, durch Argumente zu überzeugen – denn wenn man ein Argument hat, wozu dann so viele Unterschriften? Einen Druck wollten sie ausüben, ihre Autorität wollten sie verwenden, um Andersgläubige zum rechten Weg des Glaubens zurückzuführen. Eine wissenschaftliche Encyclika liegt hier vor uns, nicht eine wissenschaftliche Abhandlung. Und nun lesen Sie die Namen: Eccles, der „Poppersche Knappe!“, ein Nobelpreisträger. Konrad Lorenz, der Verhaltensforscher, ein anderer Nobelpreisträger. Crick, der Mitentdecker des DNA, Pauling, der Chemiker mit zwei Nobelpreisen, Samuelson, der Ökonom, ein anderer Nobelpreisträger – alles, was Rang und Namen hat, ist hier versammelt und unterstützt mit Unterschrift ein Dokument, das von Unkenntnis und Analphabetentum geradezu strotzt. Als das Dokument erschienen war, wollte ein Vertreter der BBC eine Diskussion zwischen Astrologen und einigen der Nobelpreisträger in Gang bringen. Man teilte ihm mit, d.h. einige der Nobelpreisträger teilten ihm mit, dass sie keine Ahnung von der Astrologie hätten. D.h., man hat keine Ahnung von einer Sache, verflucht sie aber öffentlich. Was kann man da noch sagen? Einzig dies, dass die Wissenschaft wirklich eine Religion ist, die ihre Gegner oder Häretiker im eigenen Lager nicht mit Argumenten, sondern mit Flüchen verfolgt, wobei ich natürlich wieder feststellen muss, dass die Kirchenväter ihre alten Gegner viel besser kannten und einst viel eingehender gelesen haben, als die rationalen Herren Wissenschaftler die ihren heute. Und solche Analphabeten bestimmen, was an Schulen gelehrt werden darf und was nicht, solche Analphabeten entscheiden, wie die Milliarden von Steuergeldern verwendet werden sollen, mit denen man sie jahrein jahraus füttert, solche Analphabeten geben vor, die einzig brauchbaren Methoden zur Heilung von Krankheiten, zur Beurteilung des Charakters von Menschen, zur Vorhersage wirtschaftlicher Entwicklungen zu besitzen, solche Analphabeten lehren unsere Kinder, was wahr ist und was nicht …

A: Um Gottes Willen, hören Sie doch auf! […] Ich habe keine Ahnung von der Astrologie …

B: So, das sagen Sie jetzt! Aber vor noch fünf Minuten nannten Sie die Astrologie einen lange überholten Aberglauben - oder was auch immer Ihre Worte waren …

A: Aber die Astrologie ist ja wirklich in großen Schwierigkeiten …

B: Fangen Sie schon wieder an?

A: Widersprechen nicht die Grundprinzipien der Astrologie den Erkenntnissen der Wissenschaften?

B: Aber davon haben wir doch eben geredet! […] Oder besser ausgedrückt, Sie widersprechen nicht „der Astrologie“, sondern gewissen speziellen Annahmen in ihr, wie etwa der Annahme, dass Konstellationen Details eines Lebenslaufes und nicht nur gewisse Tendenzen bestimmen. Schließlich gibt es in der Astrologie, wie auch in jeder anderen Wissenschaft, Schulen, man hat verschiedene Theorien, einige Theorien sind besser, andere nicht so gut. Auch „die Wissenschaft“ ist nicht dadurch widerlegt, dass eine bestimmte wissenschaftliche Theorie in Schwierigkeiten kommt …

(Auch der Rest der Ausführungen Feyerabends an der genannten Stelle ist sehr lesenswert.)

 Koch, Dieter (2001): Kritik der astrologischen Vernunft - Eine Klärung des Anspruchs der Astrologie -  Antworten der Astrologie an ihre Kritiker, Verlag der Häretischen Blätter, Frankfurt a.M., S.186 ff   ; s.a. die ausführliche Darstellung Pro- und Contra Astrologie in: Süddeutsche Monatshefte, 1927, Jg. 24, H. 9 - neu abgedruckt als Anhang zu: Schendel, Volker H. (Hrsg ). (2008): Apokryphen der Astrologie. Eine Anthologie zu Wissenschaft und Astrologie. Dt. Erstausg., 1. Aufl. Tübingen: Astronova (Astronova-Sonderausgabe).

 s.a Gillett S.30 ff.  ; s.a. Campion, Nicholas (2009): A History of Western Astrology - Volume II. The medieval and modern worlds. 1. publ. London: Continuum. S.265 ff.  ; sehr ausführlich äußert sich auch Ernst Jünger zu Pro und Contra Astrologie in seinem Buch „An der Zeitmauer“, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1959. Sein Buch hebt sich wohltuend von vielen anderen ab.

 

 

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