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Antike

Am 12. April 2010 habe ich meine Inauguraldissertation

zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Rechtswissenschaften (Dr. jur.) durch die Juristische Fakultät der
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover mit dem Thema:

„Die Astrologische Beratung –
eine Herausforderung für das Recht“

eingereicht.

Hier eine Leseprobe:

 

  •   Antike
  • In den ältesten Vorstellungswelten über Planeten, Sonnen und Sterne wird davon ausgegangen, dass die Sterne keine selbstständig handelnde Wesen sind, sondern von Engeln und Dienern der Götter bewohnt und gelenkt werden.

    Erst in der iranischen Astrotheologie wird dies durch eine Verkörperlichung der Planeten im Sinne von handelnden Planetengeistern, in einen konkreteren Zusammenhang mit den handelnden Menschen auf der Erde gestellt.

    Eine Reflexion über Astrologie und die astrologischen Phänomene führt immer zu religiösen und moralischen Fragen, die von Anfang an in der Geschichte der Astrologie eine Rolle spielten, also schon im alten Sumer.

    Anklänge an diese indische, persische, ägyptische, und chaldäische Astrallehre finden sich auch bei Platon im „Timaeus“ und im „Staat“. In diesen Zeitläuften finden wir dann auch schon sehr früh die strikten Gegner der Astrologie. Die ionischen Naturphilosophen, z.B. Anaxagoras, lehnten jeden Glauben an die Göttlichkeit der Gestirne ab, was Anaxagoras heftige Verfolgungen eintrug und er nur durch Perikles sein Leben retten konnte.

    Schon in der ältesten Antike finden wir aber auch den Gedanken, dass die Planetengötter eigentlich in uns sind, dass sie hinaus verlegte Gebilde unserer Seele sind. Ausgehend von den alten Hermetikern über die arabischen und mittelalterlichen Denker bis hin zu Cusanus und Paracelsus, zieht sich auch dieser Strang des astrologischen Selbstverständnisses durch die Menschheitsgeschichte hindurch.

     

    In der astrologischen Forschergemeinde besteht heute Konsens, dass Ausgangspunkt für die systematische Heranreifung eines astrologischen Weltgebildes und Lehrgebildes die Notwendigkeit eines astronomisch begründeten Kalenders bei den sesshaften, Ackerbau treibenden Völkern war.

    Der Kalender wurde gewissermaßen zum Schicksalsbuch des Menschen, und diese Urform astrologischen Denkens gab es bereits in Ägypten, China, bei den Azteken und Mayas in Amerika.

    In Babylonien hat sich dann, für uns Europäer am wichtigsten, die ausgeprägte Gestirnreligion und die fortlaufende Sternbeobachtung dahingehend entwickelt, dass die Götter durch die Stellung der Gestirne den Menschen Zeichen, Omina, geben wollten.

    Für die babylonischen Astrologen war es dabei kein Problem, dass sich einerseits die Planeten kalkulierbar in bestimmten Mustern bewegten und andererseits die religiöse Vorstellung bestand, dass Götter mit den Bewegungen der Planeten den Menschen Omen übermittelten.

    Die wichtigsten archäologischen Funde diesbezüglich sind die vielen tausend, auf Keilschrifttäfelchen verzeichneten und systematisch geordneten, Omina, die manchmal bis auf sumerische Zeiten zurückgehen und die in der seit 1847 von Archäologen ausgegrabenen Bibliothek des Königs Aschurbanipal (680 v.Chr.) gefunden wurden.

    Für die Kulturgeschichte der westeuropäischen Astrologie wird übereinstimmend das alte Babylonien mit seinen sumerischen Grundlagen als Urheimat angenommen.

    Genau genommen kann erst von dem Zeitpunkt an von Astrologie gesprochen werden, von dem an die Bewegungen und Positionen der Gestirne vorausberechnet werden konnten.

    Die Kulturen Mesopotamiens waren bis Anfang des 1. Jahrhunderts bereits sehr fortschrittlich in ihren mathematischen Erkenntnissen. Belegt sind allerdings die Berechnungsgrundlagen erst seit den archäologischen Funden aus dem 7. und 5. Jahrhundert v. Chr.

     

    In der Übergangszeit aus spätbabylonischer Zeit hin zum Einfluss griechischer Denker wurde dann die Ursachenforschung für scheinbare Zufälle und Unregelmäßigkeiten im Sternenlauf zur Entdeckung gesetzmäßiger Zusammenhänge genutzt. Das führte schließlich zur Schaffung von Mond- und Planetentheorien, wodurch man Finsternisse und Gestirnstellungen vorausberechnen konnte.

    Bekannt ist die Geschichte über den Philosophen Thales von Milet, der eine Sonnenfinsternis voraussagte, die berühmt wurde, weil sie eine wichtige Schlacht und einen langjährigen Krieg beendete.

    Obwohl dies die Möglichkeit, Astrologie als Omendeutung zu nutzen, in Frage zu stellen schien, führte gerade die Einsicht in die grandiose Gesetzmäßigkeit des Sternenlaufs zum neuen astrologischen Weltbild im Sinne eines geordneten Kosmos und eines großen Organismus.

    Schon Platon war es besonders wichtig, das Rätsel der Planeten zu lösen und vor allem die Bewegungen der Planeten berechnen zu können.

    Dem Aufkommen der astrologischen Sichtweise entsprach das Bedürfnis, nicht zufällig zu leben, sondern einem geordneten großen Ganzen zu unterliegen.

     

    Für diese Arbeit gehe ich auf die Ursprünge der Astrologie in Indien, China und Südamerika nicht näher ein. Insoweit verweise ich auf die einschlägigen Lehrbücher.

    Wenden wir uns nun also Mesopotamien zu, dem Land der Sumerer zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris, das heute unbestritten die Wiege der vorderasiatischen Kulturen und auch die Urheimat einer errechneten Sternenkunde war.

    Die damalige Weltsicht war bekanntermaßen polytheistisch, wobei es neben den höchsten Göttergestalten wie Marduk eine Unmenge von National-, Lokal- und Naturgöttern gab.

    Der bereits erwähnte König Aschurbanipal ließ seinerzeit über 4.000 Täfelchen anfertigen, die als „Omensammlung“ des von 669 bis 626 v. Chr. über Assyrien und Babylonien herrschenden Staatsmannes berühmt geworden sind.

    Diese gewissermaßen erste ursprüngliche Astrologie war dabei universeller Natur und leitete noch keine Einzelschicksale aus dem Geburtshoroskop ab. Das erste bekannte Geburtshoroskop datiert 410 v. Chr.

    Es handelte sich, wie man heute in der astrologischen Fachsprache formulieren würde, um „Mundanastrologie“.

    In den Jahrhunderten nach Aschurbanipal erfuhr die junge Astrologie zahlreiche Einflüsse und Veränderungen, bedingt durch die Eroberung Babyloniens durch die Perser unter Kyros (539 v. Chr.).

    Später kamen dann als Fremdherrscher die Griechen, Parter und Römer hinzu. Die damit in die Gegend des Zweistromlandes einströmenden neuen Religionsvorstellungen wurden im Laufe der Jahrhunderte dann auch in die
    Astrologie in unterschiedlicher Form integriert, wobei der Übergang von der Mundanastrologie zur konkreten Geburtsastrologie über die Zwischenstufe der Stundenastrologie erfolgt sein dürfte, .

    Bei dem ersten Individualhoroskop handelt es sich um ein solches schon aus seleukidischer Zeit.

    Weitere erste individuelle Geburtshoroskope und Deutungen sind dann belegt aus dem Jahre 410 v. Chr., 263 v. Chr., 258 v. Chr. und schließlich im Jahr 142 v. Chr.

    Ab dem 2. Jahrhundert können wir von der Anwendung klassischer Praktiken zur Deutung eines Geburtshoroskops ausgehen.

    Das in der „Bibel“ der Astrologie bei Ptolemaeus niedergelegte, ausdifferenzierte Lehrgebäude der Astrologie der Antike hat sich dann im Hellenismus herausgebildet.

    Eine wesentliche Rolle spielte dabei der babylonische Priester Berossos (280 v. Chr.), der erstmals in griechischer Sprache die chaldäische Gestirnslehre dargestellt hat.

    Der Legende nach hat Berossos damals auf Kos eine der bedeutendsten antiken Astrologenschulen gegründet.

     

    Am ausdifferenziertesten vor Ptolemaeus war die antike Astrologie in dem Lehrwerk des syrischen Philosophen Posidonius von Apameia (135 bis 51 v. Chr.), der auch Lehrer des Ciceros war.

    In diesen antiken Zeiten gab es bereits bei Autoren wie Hermes, Valens oder Rhetorius umfangreiche Anleitungen zur Horoskopdeutung, die allerdings eine Unmenge von Einzeldetails und Kombinationsmöglichkeiten enthielten.

    Schon in diesen antiken Zeiten finden wir eine intensive Ausdifferenzierung des astrologischen Lehrgebäudes vor. Neben der Tierkreis- und Planetenastrologie gibt es ausführliche Darstellungen der Stundenastrologie, der medizinischen Astrologie und auch der magischen Astrologie.

    Im römischen Weltreich finden wir dann auch schon die Problematik der gebildeten Astrologie einerseits und der Vulgärastrologie andererseits.

    Als Repräsentant der gewissermaßen professionellen Astrologie gilt hier der bereits genannte Posidonius, während beispielsweise um 130 v. Chr. in den gebildeten Schichten Roms die Astrologie heftig kritisiert wurde wegen der sogenannten „Straßenastrologen“, die gewissermaßen an der Straßenecke - so wie heute in den Astro-TV-Shows - das Schicksal aus den Sternen ablasen.

    In der ersten römischen Kaiserzeit, etwa 30 v. Chr. bis 100 n. Chr., gab es eine erste triumphale Blütezeit der Astrologie.

    In diese Blütezeit der Astrologie fällt auch die Bezeichnung „Astrologie – Königin der Wissenschaften“. Sie wurde erstmalig von Philo von Alexandria verwendet.

    Die politische Astrologie in der Kaiserzeit trat dann im 2. und 3. Jahrhundert mehr in den Hintergrund und wurde in dieser Zeit in Griechenland mit der gelehrten Individualhoroskopie weitergeführt. In diesen Zeitraum fällt dann die Entstehung des wichtigsten antiken astrologischen Werkes, des Tetrabiblos von Ptolemaeus.

    Ptolemaeus schrieb sein Werk in der Zeit zwischen 139 bis 161 n. Chr. in Alexandria.

     

    In diese Zeit fällt auch die erste große astrologische Debatte, inwieweit Astrologie fatalistisch sein müsse, also eine deterministische Astrologie zu Grunde liegt, oder inwieweit die Freiheit des Menschen erhalten bleibt.

    Ptolemaeus schreibt:

    • „Die Sterndeutung ist nicht bloß möglich, sondern auch nützlich, da sie uns mit Gelassenheit das kosmische Geschick ertragen lässt. Auch muss man bedenken, dass nur in der oberen, unvergänglichen Region der Gestirne eine unabänderliche und gesetzmäßige Notwendigkeit herrscht, während „unten“ auf der Erde alles steter Veränderung unterworfen ist und weil es hier Ursachen gibt, die nicht allein auf dem Einfluss der Gestirne beruhen.“,
  • Das fatalistische Gegenstück zu Ptolemaeus war die Anthologie des Vettius Valens, der sich stolz „Soldat des Schicksals“ nannte und zur selben Zeit wie Ptolemaeus wirkte. Valens legte das Hauptgewicht auf präzis gefasste Vorhersagen von Ereignissen.

    In diese antike Zeit fällt auch bereits die Auseinandersetzung zwischen Astrologie und Religion.

    Es kann (leider) nicht Aufgabe dieser Schrift sein, diese antiken Debatten hier nachzuzeichnen.

     

    Mit dem Untergang Roms gab es auch ein allmähliches „Vergreisen“ der Astrologie ohne neue, bedeutende Lehrmeister.

    Die am Ende der antiken Zeit noch vorhandenen gelehrten Astrologen kommentierten nur frühere Lehrwerke.

    Hinzu kam das Verbot des Kaiser Diocletian (284 bis 305 n. Chr.). Im Jahre 297 erließ Diocletian ein Edikt, worin es heißt: „Es ist von öffentlichem Nutzen, die Geometrie zu erlernen, die mathematische Kunst ist aber sträflich und absolut verboten.“

    Hier muss zur Klarstellung darauf hingewiesen werden, dass der Ausdruck „mathematici“ in dieser Zeit als Synonym für den Begriff „Chaldäer“ als Synonym für „Astrologen“ gebraucht wurde. Wenn also in diesen Zeiten von „Mathematicus“ oder „Mathematici“ die Rede ist, handelt es sich um Astrologen.

    Der politische Hintergrund des Ediktes von 297 war die Einnahme von Alexandria durch Diocletian, wo politische Gegner des Kaisers, insbesondere auch Philosophen und Astrologen, beheimatet waren.

    Im frühen Christentum pflegten die Kirchenväter eine Gegnerschaft zur Astrologie, die die ganze Zeit über bis heute immer wieder referiert und zitiert wurde. Im Wesentlichen wurde jede astrologische Determinierungstechnik als „satanisch“ oder „dämonisch“ zurückgewiesen.

    Von den antiken Kirchenvätern greife ich nur Augustinus heraus, der in seiner Jugend ein begeisterter Astrologieanhänger war und im späteren Alter ein erbitterter Gegner.

    Da der allerlösende Christus die phänomenale Welt bedeutungslos erscheinen ließ, bestand kein Bedarf mehr an Mathematik oder Astrologie.

     

    Ein letzter hervorragender Astrologiekenner und –interpretator war Proklus (410 bis 485 n. Chr.), der die Schule von Athen leitete, einen Kommentar und auch eine Paraphrase zum Tetrabiblos des Ptolemaeus schrieb.

    Mit der Schließung der Schule von Athen im Jahre 529 n. Chr. durch Justinian endet auch die antike Blüte der Astrologie in dieser Schule.

    Es gab einen Massenexodus von Astrologen und Philosophen nach Persien, womit wir den Übergang zur arabischen Astrologie vor uns haben.

    Die arabische Philosophie und Astrologie gelangte zu einer Hochblüte und drang dann nach 400 Jahren astrologischer Pause in Mitteleuropa über Spanien und Sizilien erneut ins christliche Abendland ein.

     

     

     

     

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