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Campion

Nicholas Campion zur Astrologie:

 

s.a.:

http://www.aktuell.saehannover.de/

 

Langzitat aus Campion, Nicholas (2009): A History of Western Astrology - Volume II. The medieval and modern worlds. 1. publ. London: Continuum. S.X ff  (in freier Übersetzung)

 

„In der gegenwärtigen Situation des Jahres 2009 findet sich Astrologie einerseits als akzeptierter Teil der allgemeinen Öffentlichkeit wieder und andererseits wird sie verächtlich und lächerlich gemacht und der offenen Feindseligkeit ausgesetzt, sowohl von religiösen Kreisen als auch aus wissenschaftlichen Zirkeln.

Die letzten drei Jahrhunderte waren mehr ein Eisenzeitalter als ein goldenes Zeitalter für die Astrologie. […] Im 5. Jahrhundert n.Chr. kollabierte die Astrologie gewissermaßen. Im 12. Jahrhundert wurde sie wiederbelebt und Ende des 17. Jahrhunderts kollabierte sie erneut bzw. tat sie das tatsächlich? Wir werden sehen, dass die Wahrheit komplexer ist als diese einfachen Simplifikationen. Selbst in den Zeiten, von denen davon ausgegangen wird, dass die Astrologie kollabiert war, finden wir in den Hintergrundszenarien lebendige Akteure, die sich zeitweilig einfach unter anderen Etiketten verbargen. […]

Astrologie ist keine einzelne, bestimmte Technik oder Praxis oder Idee; Astrologie beinhaltet verschiedenartigste Erzählweisen und Techniken und Weltbilder über die Natur der Welt.

Wenn wir die Geschichte der Astrologie sorgfältig analysieren, werden wir feststellen, dass in jeweils unterschiedlichen Varianten Astrologie als Magie, als magisches System, als System der Vorhersage, als Modell für psychologische Entwicklungsstrategien, als Wissenschaft, als spirituelles Werkzeug, als Religion, als Divinationssystem und ähnliches vertreten und angeboten wurde. Dabei ist zu beachten, dass diese Bezeichnungen sich keineswegs gegenseitig ausschließen.

Es gab in der Geschichte der Astrologie immer miteinander im Wettkampf stehende Argumentationsstränge und variierende technische Systeme.

Astrologie kann praktiziert werden, um heilige Ziele zu erreichen (die Vereinigung der Seele mit dem Göttlichen), sie kann andererseits auch ganz profane Ziele verfolgen, Gewinnstreben, die Einnahme des gegnerischen Schlosses, Astrologie kann trivial angewendet werden, um verlorene Gegenstände wiederzufinden (Stundenastrologie) oder Astrologie kann ganz seriös und lebensbestimmend in die Lebenssituation integriert werden, und schließlich kann Astrologie für Todesprognosen verwendet werden.[…]

Astrologie kann eine großartige Erzählung sein, eine Metageschichte, die in Anspruch nimmt, alles und jedes erklären zu können, von dem eigenen gefühlsmäßigen Zustand bis zur persönlichen Zukunft und der Zukunft von Völkergemeinschaften.

Kulturelle Veränderungen und Entwicklung der Börsenkurse sind Gegenstand astrologischer Untersuchungen und Vorhersagen. Wer wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und andererseits wie war die letzte Inkarnation einer konkreten Person beschaffen?

In den Gemeinschaften der weltweiten Astrologie gab es immer heftige Debatten darüber, was astrologische Praxis leisten kann und vor allem, was sie nicht leisten kann.

In den letzten 2.000 Jahren haben Astrologinnen und Astrologen erbittert gestritten zu der Frage, ob, wie und in welcher Tiefe Astrologie die Zukunft vorhersagen kann.

[…]

 

Astrologie bietet einen Rahmen an mit Mustern, innerhalb derer sonst zufällig erscheinende Ereignisse sinnhaft interpretiert werden. Insofern kann Astrologie im Sinne des Soziologen Max Weber als Theodizee verstanden werden, wo sonst unerklärliche Vorfälle und Zufälle und Schicksalsschläge, gute wie schlechte, einem Sinn zugeführt werden. Der astrologische Kosmos ist schön und perfekt geordnet – […] Insofern ermöglicht Astrologie, Überlebensstrategien zu entwickeln, gewissermaßen mit dem Himmel in Kommunikation zu treten, um die täglichen Angelegenheiten besser zu verstehen und zu organisieren. […]

Astrologie ist allerdings grundsätzlich schwer so auf den Punkt zu bringen, dass eine einzige Art von Ideen bzw. Ideenkategorien oder Praktiken letztlich das astrologische Bild ergeben. Dies ist wiederum für die Historiker eines der Hauptprobleme bei der Interpretation der Astrologiegeschichte. […]

Ich folge einem Definitionsansatz, der es ablehnt, Astrologie in eine Beziehung zu setzen zu wissenschaftlichen oder religiösen Kategorien. Vielmehr ist es von Bedeutung und notwendig, Astrologie innerhalb ihres eigenen Paradigmas und Diskurses verstehen zu lernen, bevor man geschichtswissenschaftlich den Versuch unternehmen kann, sie mit anderen Erklärungssystemen in Beziehung zu setzen. Letztlich muss man die Frage beantworten, was genau der astrologische Kosmos diskursmäßig bedeutet. […]

Dabei sind naturgemäß besondere Probleme darin zu sehen, dass wir zwar das schriftliche Material lesen und auch den Versuch unternehmen können, die alten und nicht ganz so alten Texte zu interpretieren, es bleibt jedoch die Frage, inwieweit wir uns der damals gelebten Praxis durch Lektüre annähern können. Wir haben astrologische Texte aus dem Mittelalter, die uns die komplexen Regeln überliefern, die damals von Astrologen angewendet wurden, aber wir wissen keineswegs, welche Regeln vorrangig angewendet wurden, welche genau angewendet werden mussten und welche nur im Großen und Ganzen zur Anwendung kamen. […] Genauso wenig wissen wir, wie die konkrete Beratungspraxis damals im Alltag ablief. Insbesondere, was der Klient im Verhältnis zum Astrologen für Erfahrungen machen konnte. […]

Die Analyse der Astrologie in der Geschichte bleibt daher ein Versuch, sich über Texte und philosophische Schulen und soziale Kontexte dem Wesen der Astrologie zu nähern. […]

 

In der Vergangenheit haben vor allem Historiker sich der Astrologie gewissermaßen „von außen“ genähert, in dem Sinne, dass sie die astrologischen Techniken und Praktiken und theoretischen Hintergründe in die jeweils sozialen und politischen Kontexte gestellt haben. Dies ist eine völlig zulässige Herangehensweise, allerdings kann sie uns nicht das gesamte Bild liefern. Um zu verstehen, welche Attraktivität Astrologie in ihrer Hochblüte auf die Menschen ausübte und warum, ist es notwendig und nicht zu umgehen, ihre eigene Sprache verstehen zu lernen, die Mittel, mit denen ihre Ansprüche und Ziele gerechtfertigt wurden und wie die Alltagspraxis aussah.

Die uns dafür zur Verfügung stehenden Interpretationstechniken der Geschichtswissenschaften sind dabei in Kombination mit Philosophie und Soziologie hilfreich, aber nicht immer ausreichend, sodass ein letzter Rest von Zweifel für unser Verständnis bestehen bleibt. […]

 

Die Astrologiegeschichte konfrontiert uns mit bestimmten terminologischen Schwierigkeiten, wie sie auch schon J.R.R. Tolkien in seiner Diskussion von „Verzauberung“ und „Magie“ begegnet sind. „Übernatürlich“, so schrieb er, „ist ein gefährliches und schwieriges Wort in allen seinen Bedeutungsfacetten.“ Tolkien sah damals schon, dass die Unterstellung, dass es eine Welt gibt, eine Sphäre der Existenz, die komplett verschieden ist von unseren normalen Vorstellungwelten, Schwierigkeiten bereitet. Ein Glaube, der es natürlich ausschließt, mit naturwissenschaftlichen Methoden analysiert zu werden. […]

Das Übernatürliche ist mysteriös, entfernt und insofern verborgen. Insofern ist in der Astrologie natürlich immer der Begriff „okkult“ verwendet worden, als verborgenes Wissen, wie z.B. in Agrippas Büchern über die okkulte Philosophie und Magie. […]

Hier streift die Diskussion um die Astrologie die Diskussion zu der Kategorie „Esoterik“. […] Dabei bedeutet Esoterik „inneres Wissen, innere Weisheit“ im Gegensatz zur Kenntnis der äußeren Welt, setzt sich insofern von den materialistischen Weltanschauungsstrategien, insbesondere der heutigen Naturwissenschaft, deutlich ab. Insofern wird durch solche Begriffe wie „okkult“ und „esoterisch“ Astrologie von den heutigen zentralen Kategorien europäischen Lebens und wissenschaftlicher Fundierung distanziert.

 

Kategorien wie „übernatürlich“, „okkult“, „esoterisch“

(Stuckrad, Kocku von (2004): Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens. München: Beck. S.7. Stuckrad schreibt: „Die wissenschaftliche Forschung zur Esoterik hat bis heute noch keinen Konsens darüber erzielt, was eigentlich genau unter „Esoterik“ zu verstehen ist und welche Methode sich am besten dafür eignet, dieses Phänomen zu studieren.“;

Sterneder, Hans (1993): Tierkreisgeheimnis und Menschenleben. 4. Aufl. Freiburg im Breisgau: Bauer (Esotera-Taschenbuch). S.8. – Sterneder ist ein Vertreter der okkult-esoterischen astrologischen Tradition. Er schreibt: „Aus dem Geiste des Tierkreiswissens ist noch wie eine schmerzliche Mischung von Trotz und höchstem Liebesdienst, während ihn die Kirche unerbittlich verfolgt, der höchste Schatz des Abendlandes und der stolzeste Glanz des Christentums entstanden.“;

Merz, Bernd A. (1991): Die Esoterik in der Astrologie. Freiburg i.Brsg.: Bauer. S.7. Merz schreibt: „Astrologie gehört zur Esoterik, ist sicher sogar die Basis der Esoterik; denn was wäre die Esoterik ohne die Astrologie?“;

Leuenberger, Hans-Dieter (1993): Das ist Esoterik. Einführung in esoterisches Denken. 6. Aufl., 46. - 50. Tsd. Freiburg im Breisgau: Bauer. S.7. Leuenberger schreibt: „Es ist mir ein Anliegen zu zeigen, dass Esoterik nicht einfach ein anderes Wort für alternativ, grün, versponnen oder gar verschwommen ist, sondern dass mit Esoterik eine jahrtausendealte geistige Tradition der Menschheit bezeichnet wird, zu der wir, wenigstens im Westen, im Verlauf der letzten Jahrhunderte mehr und mehr den Kontakt verloren haben, die aber die einzige Chance bietet, die Herausforderungen der kommenden Epoche zu bestehen.“)

 

versuchen allerdings vergeblich, dasjenige Bewusstsein hervorzurufen der kompletten Integration mit dem Kosmos als Ziel astrologischer Erfahrung wie Lévy-Bruhls „Participation mystique“.

Wir haben hier das Problem vor uns, dass das naturastrologische Wissen und ihr Wissensanspruch oft schwierig festzumachen sind und es deswegen eine Kluft zwischen Ontologie und den Annahmen der Astrologen gibt.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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