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DAV

Am 12. April 2010 habe ich meine Inauguraldissertation

zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Rechtswissenschaften (Dr. jur.) durch die Juristische Fakultät der
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover mit dem Thema:

„Die Astrologische Beratung –
eine Herausforderung für das Recht“

eingereicht.

Hier eine Leseprobe:

 

    • IV.  Selbstverständnisse, Weltbilder und Angebote der Astrologen heute
      • 1. Der Deutsche Astrologenverband (DAV) – Interview mit dem ersten Vorsitzenden 2010
  • Am 5. Februar 2010 fand das nachfolgend abgedruckte Interview mit Dr. Christoph Schubert – Weller, 1. Vorsitzender des Deutschen Astrologenverbandes (DAV) seit 2006 statt, das hier ungekürzt wiedergeben wird:

     

    1. Volker Schendel (VS): Herr Dr. Schubert – Weller, zunächst ganz herzlichen Dank dafür, dass Sie sich für dieses Interview zur Verfügung stellen. – Darf ich sagen, als Repräsentant der Deutschen Astrologie?

     

    Dr. Schubert – Weller (Sch-W.): Ich bin zwar Vorsitzender des Deutschen Astrologen-Verbandes (DAV), des größten deutschsprachigen Verbandes in der Astrologieszene, aber ich fühle mich nicht als Repräsentant „der deutschen Astrologie”. Allenfalls bin ich der Gipfel des Funktionärstums in einem zerklüfteten Gebirge organisierter und nicht organisierter deutschsprachiger Astrologie. Allerdings fühle ich mich als Repräsentant des Faches Astrologie als solchem. Und das heißt, durchaus auch in Verbindung mit meiner derzeitigen Funktion im Deutschen Astrologen-Verband, dass ich im DAV und ebenso in der außerverbandlichen Astrologieszene versuche, das Fach Astrologie in all seinen Facetten und seinen Ausprägungen wahrzunehmen, natürlich auch im Blick auf die Personen, die die jeweilige Facette, die jeweilige Ausprägung vertreten. Das erfordert ebenso mitmenschliche wie sachliche Zugewandtheit.

     

    2. VS: Im deutschsprachigen Raum gibt es verschiedene Astrologie – Verbände. Welche sind dies und gibt es eine übergreifende Kooperation?

     

    Sch-W: Es gibt in Österreich den Österreichischen Astrologen-Verband (OEAV), die Österreichische Astrologische Gesellschaft (ÖAG), in der Schweiz den Schweizer Astrologen-Bund (SAB), das Schweizer Astro-Forum (SAF), sowie die astrologische Gesellschaft Zürich (AGZ), aber auch den Astroclub Zürich, außerdem in Deutschland neben dem Deutschen Astrologen-Verband (DAV) die kleineren Verbände Astrologische Studiengesellschaft Hamburger Schule (ASHS), die Kosmobiosophische Gesellschaft (KBSG), die Kosmobiologische Akademie Aalen (KAA), das KepIN, das Kepler-Institut, früher Förderverein Fachbibliothek Astrologie (FFA), sowie den Internationalen Fachverband Astrologische Psychologie (IFAP), das frühere API-international. Überdies gibt es in größeren Städten astrologische Arbeitsgemeinschaften, die teilweise in einer Verbands Struktur organisiert sind. Hier sind vor allem zu nennen die Astrologische Arbeitsgemeinschaft Stuttgart (AAGS) und der Astrologische Arbeitskreis Frankfurt. Insgesamt sind in diesen Gruppen und Verbänden geschätzte 2500 Astrologen und Astrologie-Interessierte organisiert.

    Einige kleinere dieser Verbände und Gruppen scheinen leider nur noch auf dem Papier zu existieren, das gilt insbesondere für die KBSG und die Astrologische Studiengesellschaft. Eine Reihe von hervorragenden Beiträgern der KBSG, die die Arbeit der KBSG nicht sang- und klanglos aufgeben wollten, haben mittlerweile den Internationalen Freundeskreis Astrologie (IFA) ins Leben gerufen, der jährlich im Frühsommer eine Tagung im Geist der früheren Tagungen der KBSG ausrichtet. Ehemalige Beiträger der Astrologischen Studiengesellschaft Hamburger Schule haben sich seit wenigen Jahren auf internationaler Ebene gemeinsam mit Kollegen und Kolleginnen aus den USA, aus Italien, den Niederlanden und anderen Ländern zur „International Uranian Fellowship" (I-U-F) zusammengefunden, in der international das Erbe dieser besonderen astrologische Schulrichtung gepflegt wird.

    Acht der genannten Gruppen und Verbände sind in der „Vereinigung deutschsprachiger Astrologie-Organisationen" (VDA) zusammengeschlossen, nämlich aus Österreich der OEAV, aus der Schweiz AGZ, SAB und SAF, sowie aus Deutschland der DAV, das KepIN, der IFAP und die AAGS. Die VDA versucht, schulübergreifend, aber auch grenzübergreifend die Gemeinsamkeiten bei den fachlichen und berufspolitischen Anliegen der einzelnen Verbände zur betonen und die Kräfte im Sinne von Synergieeffekten zu bündeln.

    Neben diesen Verbänden gibt es längst Unternehmen, die innerhalb der Astrologie arbeiten. Diese leisten eine enorm wichtige Aufgabe, nämlich seriöse Astrologie als Teil wirtschaftlicher Tätigkeit zu begreifen und entsprechend auf dem Markt anzubieten. Dies geschieht in der Regel durch Unterricht, durch Publikationen, durch eine umfangreiche Web-Tätigkeit, durch Angebot und Verkauf von Astrologie-Programmen, sowie oft durch standardisierte Beratung (Computer Horoskope der gehobenen Klasse unter Verwendung von Texten renommierter Autoren). Diese Unternehmen – zu nennen sind vor allem ASTRODATA in Zürich, ASTRODIENST ebenfalls in Zürich, SARASTRO in Wien, aber auch der ASTRONOVA-Versand in Verbindung mit dem CHIRON-Verlag in Tübingen – gehören, auch wenn sie anders als Verbände arbeiten, mit in den Horizont der organisierten Astrologie. Da natürlich auch viele
    Astrologie-Schulen unternehmerisch tätig sind, selbst, wenn es sich um „Ein-Mann-Unternehmen" handelt, kommt der unternehmerischen Tätigkeit innerhalb der Astrologie-Szene insgesamt große Bedeutung zu. Letztlich wäre eine enge Kooperation zwischen Astrologie-Verbänden und Astrologie-Unternehmen wünschenswert, dies ist jedoch noch nicht Wirklichkeit. Natürlich bestehen intensive persönliche Verflechtungen zwischen verbandlich organisierten
    Astrologen und astrologischen Unternehmen.

    Hinter dieser beeindruckenden Vielfalt, die den Anschein der „Flächendeckung” gibt, wird allerdings ein Problem der astrologischen Tätigkeit deutlich. Wir haben es, trotz vielfältiger verbandlicher und unternehmerischer Aktivitäten, vielfach noch immer mit dem astrologischen „Einzelkämpfer" zu tun, der seine Eigenheiten pflegt, der einer bestimmten besonderen astrologische Schulrichtung folgt. Der Organisationsgrad in der deutschsprachigen Astrologie und insbesondere in Deutschland und Österreich ist gering. Schätzungsweise gerade mal 1/10 derer, die astrologisch tätig sind oder an Astrologie interessiert sind, ist organisiert. Das Aufkommen des Internets, der Glaube, dass durch Arbeit am eigenen Bildschirm zuhause alle ausbildungsbezogenen, verbandlichen und berufspolitischen Kontakte ohne weiteres ersetzbar seien, hat noch einmal einen neuen Typus des Einzelkämpfers geschaffen. Allerdings hat sich in den letzten 30-35 Jahren auch viel geändert. Seit etwa Mitte der Siebziger Jahre und vor allem seit den Achtziger Jahre zeigt sich der Astrologe deutlich als psychologisch versiert. Er berät entsprechend behutsam, mit Blick auf die außerastrologischen individuellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten. Er denkt interdisziplinär, er hält sich von fruchtlosen fachlichen Fehden fern, er ist vorwiegend pragmatisch.

    3. VS: Wenden wir uns nun dem DAV zu. Er ist in Deutschland der größte Berufsverband. Welche Ziele verfolgt der DAV und wie viele Mitglieder tragen die Verbandsarbeit?

     

    Sch-W: Was Die Ziele des DAV angeht, des größten deutschsprachiger Astrologie-Verbandes mit rund 800 Mitgliedern, so darf ich einfach den § 3 der DAV Satzung zitieren:

    • „Der Zweck des Vereins ist
      • 1. die Förderung der nach wissenschaftlichen Grundsätzen ausgeübten Astrologie durch Forschung, Lehre und Öffentlichkeitsarbeit;
      • 2. die Wahrnehmung der Interessen der nach wissenschaftlichen Grundsätzen arbeitenden Astrologen;
      • 3. die Förderung der Beziehung zu natürlichen und juristischen Personen des In- und Auslandes zum Zwecke der gegenseitigen Erfahrungsaustausches und der Zusammenarbeit auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Astrologie."
  • Die Förderung der wissenschaftlichen Astrologie schlägt sich beim DAV nieder in einer sorgfältigen Festlegung für die Mindestanforderungen einer seriösen astrologischen Ausbildung. Hierfür sind seit Anfang der Neunziger Jahre DAV-Ausbildungszentren eingerichtet, die von DAV-Mitgliedern, die die Prüfung abgelegt haben, und die über weitere einschlägige Qualifikationen verfügen, betrieben werden. Diese Ausbildungszentren müssen in ihrer Ausbildung ein bestimmtes Curriculum beachten, das den Anforderungen der DAV-Prüfung entspricht. Die DAV-Prüfung selbst ist ein anspruchsvolles Instrument, das der DAV seinen Mitgliedern anbietet. Wer die DAV-Prüfung bestanden hat, hat damit gewisser-maßen den Mindestnachweis astrologischer Kenntnisse zum Zweck der Beratung und der Begleitung von Klienten erbracht, er bietet eine Art Mindestgarantie dafür, dass ein Ratsuchender bei ihm eine seriöse sachlich und ethisch qualifizierte Beratung erwarten kann.
  • Zur Wahrnehmung der Interessen von in diesem Sinn arbeitenden Astrologen ist der DAV aktiv berufspolitisch tätig. Hierher gehört nicht nur die Verankerung des Astrologenberufes im Bewusstsein und in den rechtlichen Institutionen der bundesdeutschen Gesellschaft, sondern auch die Formulierung eines ethischen Codes, die Formulierung von Kriterien des Klienten-und Verbraucherschutzes innerhalb des Randfachs Astrologie. Der sorgfältig beobachtete Klienten- und Verbraucherschutz, der hohe Eigenanspruch an eine qualifizierte Ausbildung – das sind zugleich die wirksamsten Maßnahmen, um die Arbeit des seriösen Astrologen zu würdigen und entsprechend zu schützen. Mit zur Wahrnehmung der Interessen der wissenschaftlich arbeitenden Astrologen gehört natürlich auch ein Mindestmaß an Förderung von Forschungsvorhaben.

    Zur Förderung von Beziehungen innerhalb der Astrologenszene im In- und Ausland veranstaltet der DAV regelmäßig Tagungen und Kongresse. Vierteljährlich erscheint ein DAV-Rundbrief für die DAV-Mitglieder und ebenso vierteljährlich ein englischsprachiger Newsletter, der ausschließlich an internationale Astrologie-Organisationen, Astro-Unternehmen und Drehpunkt-Personen geht. Die astrologische Fachzeitschrift MERIDIAN wird von einem Mitglied des DAV sechsmal jährlich herausgegeben, sie enthält neben zahlreichen Artikeln auch von DAV-Mitgliedern jeweils Nachrichten aus dem DAV und ergänzt insofern den DAV-Rundbrief. Eine weitere astrologische Fachzeitschrift, das „Astro-Forum Sternzeit”, wird ebenfalls von einem Mitglied des DAV herausgegeben, viermal jährlich; es ist eine Zeitschrift, die sich vor allem auf publizistischem Weg der Aus- und Weiterbildung innerhalb der Astrologieszene widmet. Zu nennen ist auch der Chiron-Verlag, der ebenfalls von einem DAV-Mitglied in Tübingen betrieben wird und der in den vergangenen 25 Jahren entscheidend neue Möglichkeiten der deutschsprachigen astrologischen Publizistik erschlossen hat.

     

    4. VS: Der DAV bietet eine verbandsinterne Fachprüfung an. Was können Sie uns dazu sagen und wie viele geprüfte Astrologen gibt es in Deutschland?

     

    Sch-W: Die Prüfung im Deutschen Astrologen-Verband ist von jeher eine anspruchsvolle Prüfung. Und schon immer war Kernstück der Prüfung die schriftliche Hausarbeit, in der nach den Regeln der astrologischen Kunst – und selbstverständlich sachlich zutreffend – das Geburts-Horoskop eines Probanden charakterkundlich gedeutet werden musste, in der zugleich eine bestimmte Phase im Leben des betreffenden Probanden aus den astrologischen Konstellationen zutreffend beschrieben werden musste. Nach einer Reform des Prüfungsverfahrens im Jahr 2000 erwartet der Deutsche Astrologenverband von seinen Prüflingen inzwischen neben der schriftlichen Hausarbeit eine Klausur, in der die technischen Belange der Astrologie – Berechnungskunde, Astronomie, sogenannte Geburtszeit-Korrektur als bekannt nachgewiesen werden. In einem Teil dieser Klausur werden auch historische Kenntnisse geprüft. Die mündlichen Prüfungen im Rahmen der DAV-Prüfung beziehen sich vor allem auf die Deutungs- und Beratungskunde. Der gesamte Bereich der Partnerschafts-Astrologie, der Vergleich von Partner-Horoskopen nach mehreren Methoden ist inzwischen Teil der schriftlichen Hausarbeit. Im Vergleich mit den Prüfungen von Astrologie-Verbänden in anderen Ländern zeigt sich, dass die DAV-Prüfung besonders anspruchsvoll ist.

    Gegenwärtig gibt es etwa 250 geprüfte Astrologen. Ich persönlich möchte im Zusammenhang mit der Prüfung zwei Ziele nennen, von denen ich hoffe, dass sie verwirklicht werden können. Das erste Ziel scheint auf dem Weg der Verwirklichung: Das Interesse an der DAV Prüfung nimmt zu, und ich wünsche mir, dass es mehr und mehr Astrologen in Deutschland gibt, die bereit sind, diese Prüfung abzulegen und die damit dokumentieren, dass sie für die Einhaltung von Mindeststandards eintreten. Das zweite Ziel bezieht sich auf den Umstand, dass bis jetzt diese Prüfung innerhalb des DAV nur Mitgliedern angeboten wird. Zum Zeitpunkt, da man diese Prüfung ablegt, muss man Mitglied des DAV sein. Da sich der DAV längst zu einem modernen Dienstleistungs-Verband wandelt, ist für mich vorstellbar und erstrebenswert, diese Prüfung in der gesamten Astrologie-Szene anzubieten und nicht ausschließlich innerhalb des DAV.

    So wichtig und so anspruchsvoll die DAV-Prüfung ist, sie legt ihren Schwerpunkt vor allem auf die lebens- und charakterkundliche Beratung von Klienten. Insofern sind in der DAV-Prüfung keineswegs alle Gebiete der Astrologie reflektiert. Das weite Feld der Mundan-, Wirtschafts- und Finanz-Astrologie, das Gebiet der Stunden- und Frage-Astrologie, außerdem die Methodenentwicklungen außerhalb der als zentral geltenden revidierten klassischen Astrologie – von der traditionellen klassischen Astrologie über die sogenannte vedische Astrologie bis hin zu modernen Schul-Gründungen –, aber auch die in den letzten 20-30 Jahren bedeutsam gewordenen Teilgebiete der spirituellen und der esoterischen Astrologie zählen von vornherein nicht zum Prüfungsstoff und sind daher auch in der Ausbildung nur teilweise repräsentiert. Das ist in Ordnung, wenn wir vorwiegend und gezielt für den Bedarf an beratenden Astrologen ausbilden und prüfen. Wir haben jedoch auch den Auftrag – dazu verpflichtet uns meines Erachtens im Deutschen Astrologenverband schon die Satzung –, alle Gebiete der Astrologie im Auge zu behalten und für alle Gebiete in der Astrologie auch für Lehre und Forschung einzutreten.

     

    5. VS: Wann wurde der DAV gegründet? – Gab es eine Vorläufer–Tradition? – War die Astrologie im Dritten Reich verboten?

     

    Sch-W: Der Deutsche Astrologen-Verband wurde am 16. Oktober 1947 in Wiesbaden gegründet. Er sieht sich in der Tradition vor allem der sogenannten „Astrologischen Zentralstelle", die in der Weimarer Republik von Dr. Hubert Korsch geführt wurde, unter damaligen Bedingungen eine Organisation, die absolut modern, professionell und wissenschaftlich dachte und vorging. Die Astrologen um Dr. Hubert Korsch initiierten bereits damals eine Astrologen-Prüfung, bemühten sich um einen ethischen Code, sowie um eine entsprechende Berufspolitik. Diese viel versprechende Tradition, Ausdruck der Blütezeit, die die Astrologie zwischen den beiden Weltkriegen in Deutschland und in Europa erlebte, wurde durch das Dritte Reich unterbrochen.

    Problematisch war in diesem Zusammenhang allerdings, dass sich aus heutiger Sicht die Mehrzahl der damals praktizierenden Astrologen nicht eindeutig gegenüber Adolf Hitler und dem Dritten Reich abzugrenzen vermochte. Dies habe ich versucht, in meinen Artikeln über die „Politische Astrologie in den 20er und 30er Jahren”, sowie über „Verdrängte Geschichte” (1987 bzw. 1988 im MERIDIAN erschienen) aufzuarbeiten. Aufgrund mancher ideologischer Nähe der damaligen Astrologie zum Nationalsozialismus hoffte man, auch unter den Bedingungen des Dritten Reichs weiterarbeiten zu können, mit weitgehender staatlicher Billigung. Man machte sich allerdings nicht klar, dass eine Diktatur absolute Kontrolle und Deutungshoheit über politische Zusammenhänge und selbstverständlich auch über prognostische Techniken einfordert. Insofern war die Astrologie unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur von vornherein in einer ungünstigen Position. 1939 war die Tätigkeit von Astrologen bereits weitestgehend eingeschränkt, und sie wurde 1941 im Zuge der so genannten Aktion Hess verboten. Ironischerweise gerieten gerade diejenigen unter den Stiefel der Diktatur, die ihr zuvor mit so großer Zustimmung begegnet waren.

     

    6. VS: In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts soll es in Deutschland eine Blüte der Astrologie gegeben haben. Was können Sie uns dazu sagen? Und welche Rolle spielte dabei Thomas Ring?

     

    Sch-W: Diese Blüte habe ich bereits erwähnt. Die Katastrophe des Ersten Weltkrieges hatte dazu beigetragen, dass sich allgemein die materiellen und weltanschaulichen Sicherheiten, sowie die entsprechenden politischen Ordnungen in ein Nichts aufgelöst hatten. Dies hatte auch weitreichende weltanschauliche und nicht zuletzt spirituelle Konsequenzen. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Astrologie, die ungeachtet ihrer theosophischen Wiederbelebung in Großbritannien seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, im Wilhelminischen Kaiserreich ein absolutes Schattendasein führte, nun nach dem Ersten Weltkrieg auf breiter Front Interesse erzeugte.

    Jetzt trat in der Astrologie selbst eine neue, junge Generation an, die den Versuch unternahm, die Astrologie, die bis dahin seit ihrer Wiederbelebung eher mit starren Zuschreibungen und Behauptungen gearbeitet hatte, das heißt einen zumindest tendenziell wahrsagerischen Anstrich hatte, an die Erkenntnisse der damaligen Psychoanalyse und Psychologie heranzuführen. Hieraus entstand die sogenannte revidierte klassische Astrologie, ein kritisches und selbstkritisches Arbeits-Programm, mit dem zugleich ein psychologischer Zugang zu Astrologie geschaffen wurde. Mit diesem Programm verknüpfen sich in der Astrologie Persönlichkeiten wie Oskar Adler, ein Wiener Astrologe, der im Brotberuf Augenarzt war und außerdem Violinvirtuose, wie zum Beispiel Thomas Ring, der nicht nur Künstler – Maler und Schriftsteller – war, sondern der auch psychologische Studien unternommen hatte, und nicht zuletzt Herbert Frhr. von Klöckler, der in jungen Jahren nach einer Militärlaufbahn die Astrologie entdeckte und sich ihr streng wissenschaftlich zu nähern versuchte. In späteren Jahren holte Klöckler ein Medizin-Studium nach und wirkte bis zu seinem Tod 1950 als Arzt. Auf akademisch-wissenschaftlicher Seite interessierten sich unter anderem offen an Astrologie der katholische Philosoph und Theologe Johannes Maria Verweyen, der Zoologe und Philosoph Hans Driesch, sowie der Philosoph und politische Schriftsteller Theodor Lessing. Driesch schrieb z.B. zu Klöcklers Untersuchung “Astrologie als Erfahrungswissenschaft” (Leipzig 1927) ein einführendes Vorwort.

    Insbesondere muss das Wirken von Thomas Ring gewürdigt werden, der schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg in den Fünfziger und Sechziger Jahren seine vierbändige „Astrologische Menschenkunde” vorlegte, bis heute ein charakterkund-lich orientiertes astrologisches Grundlagen- und Deutungswerk, das seinesgleichen sucht.

     

    7. VS: Wie kommt es, dass der Aufruf der 186 Wissenschaftler (1975 – „Objections to Astrology)“ letztlich erfolglos blieb?

     

    Sch-W: Zu dieser Frage muss ich etwas ausholen. Der erwähnte Aufruf vertritt die die Überzeugung, dass das Fürwahrhalten einer astrologischen Perspektive auf die Welt unvereinbar sei mit dem Fortschritt der Wissenschaft. Der Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend schreibt zu diesem Aufruf:

    • „Dem Leser, dessen Bild der Wissenschaft von den üblichen Eulogien bestimmt ist, die die Rationalität, Objektivität, Unparteilichkeit und den kritischen Charakter dieses Unternehmens betonen, überrascht der religiöse Ton des Dokuments, die Unbildung der Autoren und die autoritäre Weise, in der die Argumente vorgetragen werden."
    • (Paul Feyerabend: Erkenntnis für freie Menschen. Veränderte Ausgabe. Frankfurt/Main 1980, S. 181).
  • Feyerabend belegt unter anderem, dass Unterzeichner dieses Aufrufs gegen die Astrologie eine weitere Stellungnahme mit der Begründung abgelehnt hätten, dass sie die Astrologie nie studiert hätten und mit ihren Details nicht vertraut seien. Dennoch waren sie sich nicht zu schade, einen Aufruf gegen die Astrologie zu unterzeichnen. Zumindest einige Unterzeichner dieses Aufrufs hatten keine Ahnung, worum es ging. Anders gesagt, hier wurden im Namen der Wissenschaft auf höchst unwissenschaftliche Weise Überzeugungen vertreten, die zwar durch die freie Meinungsäußerung gedeckt sind, nicht aber durch wissenschaftliche Sauberkeit und Zurückhaltung.
  • Dies mag erklären, warum dieser Aufruf auch unmittelbar folgenlos blieb, ganz abgesehen davon, dass mit Mitte / Ende der Siebziger Jahre in vielen Ländern der westlichen Welt eine neue, junge Generation von Astrologen antrat, die die Entwicklung der Astrologie zu einem psychologisch orientierten Beratungsinstrument weiter vorantrieb und die der Astrologie vor allem in den Achtziger und Neunziger Jahren unter weitgehend friedlichen politischen und ökonomischen Bedingungen zu einem enormen Wachstum verhalfen.

    Wir müssen trotzdem etwas näher betrachten, warum so vehement gegen
    Astrologie vorgegangen wird, denn an manchen gesellschaftlichen und akademischen Rahmenbedingungen hat sich trotz des Astrologie-Booms wenig geändert. Noch immer haben akademische Wissenschaftler nicht selten geradezu Berührungsängste gegenüber der Astrologie, noch immer hat die Astrologie Mühe, innerhalb der Institutionen der Gesellschaft als Beruf, als seriöse Tätigkeit akzeptiert zu werden. Die Astrologie wird in der Öffentlichkeit in die Ecke der Unterhaltung gedrängt; als Astrologe wird man nicht wirklich ernst genommen. Es ist schon richtig, es gibt keinen empirisch gesicherten Beweis dafür, dass die Einzelaussagen der Astrologie korrekt sind. Das hat, wie ich gern noch ausführen werde, mit der speziellen Denkweise der Astrologie zu tun. Der Umstand aber, dass es vorerst keinen wissenschaftlichen Beweis für die Astrologie gibt, besagt noch nichts über den Gegenstand selbst. Auch christliche Theologen sind empirische Beweise für ihre Behauptungen bisher schuldig geblieben und lehren und forschen dennoch zu Recht im akademischen Bereich. Das Erstaunliche ist, dass in akademischen und politischen Kreisen fast unmittelbar die Emotionen hoch kochen, sobald von Astrologie die Rede ist. Wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Nachdenklichkeit scheint dann nicht mehr möglich. Mehr oder minder offen wird unterstellt, dass jemand, der sich als Astrologe outet, nicht ganz richtig im Kopf sein kann, nicht wirklich Herr seiner Sinne sein kann. Mit anderen Worten, es besteht das Vorurteil, dass, wer Astrologie betreibt, irgendwie in der Freiheit und der Unabhängigkeit seines Denkens und Handelns beschränkt sei.

     

    8. VS: Wie würden Sie Astrologie definieren?

     

    Sch-W: Das ist eine komplexe Frage! Zunächst einmal kulturgeschichtlich: Astrologie ist eine sehr alte Kulturtechnik, die individuell und gesellschaftlich zur Selbstvergewisserung und zur prognostischen Abschätzung von Tendenzen und Entwicklungslinien gebraucht wird. Dahinter steht die Überzeugung, dass Zeit eine Qualität hat und dass man Zeit in ihrer Qualität mit bestimmten – eben astrologischen – Mitteln erschließen kann, und dass die astrologisch erschließbare Qualität des Geburtsaugenblicks von Menschen, Institutionen und Ideen weitreichende Tendenzaussagen über diese Menschen selbst, über diese Institutionen und Ideen möglich macht.

    Darin ist schon eine ganze Menge an „Definition” enthalten. Astrologie erschließt aus dem Lauf der Planeten und aus dem Lauf der Erde selbst, das heißt, aus den entsprechenden himmelsmechanischen Gegebenheiten, die jeweilige Zeitqualität und deutet diese Zeitqualität im Rahmen der Bildersprache, die sie aus den himmelsmechanischen Objekten und Rechenpunkten abgeleitet hat. Dieses Motiv, dass die Astrologie in der Gesamtheit ihrer Objekte eine Bildersprache darstellt, die gedeutet werden muss, ist für das Verständnis von Astrologie zentral. Die Astrologie ist eben nicht, trotz ihrer himmelsmechanischen bzw. berechnungsorientierten Grundlage, ein reines Ingenieurs-Wissen, bei dem jede Konstruktion, jedes handwerkliche Detail umkehrbar eindeutig mit einer bestimmten Bedeutung belegt ist. Im Gegenteil, und noch einmal: In der Astrologie ist Deutung zentral: das heißt, im weitesten Sinn übt der Astrologe unter Verwendung der Elemente seines Gegenstandes eine interpretierende, hermeneutische Tätigkeit aus.

    Ich habe oben schon gesagt, dass die Astrologie bislang keine Theorie entwickelt hat. Das hat aber nicht zuletzt damit zu tun, dass zwar der Einfluss des Planetensystems auf die Erde und auch auf Organismen grundsätzlich bekannt ist (das betont schon Feyerabend in seiner vorerwähnten Stellungnahme, aaO, S. 183), dass aber die Natur dieses Einflusses im einzelnen bislang wenig verstanden ist, insbesondere, was die Reichweite und natürlich auch den psychischen Gehalt dieser Einflüsse anlangt. Wir können also bislang nicht innerhalb einer Theorie Astrologie „ableiten", wir können vorerst auch nicht sagen, warum Astrologie „funktioniert”. Was ihr „Funktionieren” angeht, müssen wir noch einmal betonen, dass sie nicht wie ein technisches Gerät funktioniert, sondern dass sie in Bildern arbeitet und wirkt. Aber wir können angeben, wie Astrologie „funktioniert”, wie können sie entsprechend anwenden, können ihre Anwendung wiederholen und können, was das wichtigste ist, Astrologie auch auf eine rationale Weise lehren und weitervermitteln.

     

    9. VS: Welche astrologischen Selbstverständnisse, Weltbilder und Angebote der Astrologen gibt es im DAV?

     

    Sch-W: Kurz gesagt, es gibt nichts, was es nicht gibt. Ein Mainstream im DAV ist sicher eine an dem tiefenpsychologischen Entwurf von C.G. Jung orientierte Astrologie, in der die für die Astrologie fundamentalen Planetenprinzipien gewissermaßen Archetypen sind, und in der die Planeten und Konstellationen nicht in einem kausalen Sinne wirken, sondern in der in einem synchronistischen Sinn Konstellationen und entsprechende individuelle und gesellschaftliche Entwicklungen zeitlich gemeinsam auftreten. Soweit ich blicke, ist der Versuch, eine kausale Wirkungsweise anzunehmen, derzeit wenig modern. Andererseits gibt es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Sonnenfleckenaktivität und weltweiten Entwicklungen, so dass möglicherweise – auch in der Astrologie – noch nicht das letzte Wort über ein mögliches kausales Verständnis des Faches gesprochen ist.

    Die Angebote in der Astrologie reichen von konkreter pragmatischer Beratung im Blick auf Entscheidungsfragen und Tendenzbildungen usw. über psychologisch-lebenskundliche Beratung vor allem in der Zeit einer individuellen Lebenswende bis hin zu spirituellen, esoterischen und therapeutischen Beratungsangeboten im Zusammenhang mit Astrologie. Ein Gutteil der beratenden Astrologen im DAV ist biographisch selbst auf irgendeine Weise, sei es psychologisch, sei es spirituell geprägt.

    Eine wichtige Richtung neben dem Jungianischen Mainstream betrachtet

    Astrologie als vorab rein auf kasuistischer Basis betriebene Erfahrungswissenschaft. Dies ist im Wesentlichen die Haltung von Frhr. von Klöckler – mit der Option, dass Astrologie eventuell später, entsprechende Entwicklung vorausgesetzt, als empirische Naturwissenschaft, eventuell unter Einschluss eines wirkenden Kausalprinzips, nachgewiesen werden kann. Eine weitere Richtung zieht sich für die Begründung der Astrologie auf eine rein symbolische Divination zurück.

    Einen wirklich philosophischen oder wissenschaftstheoretischen Richtungsstreit gibt es derzeit innerhalb des DAV und, soweit ich blicke, innerhalb der gesamten Astrologie-Szene nicht. Richtungsstreit, wenn man so will, gibt es in ganz anderer Weise: Die letzten 30 Jahre waren vor allem für die psychologische Astrologie ausgesprochen erfolgreich. Deren Grundhaltung verweist darauf, dass astrologischen Konstellationen bildhaft mögliche Entwicklungen und Ereignisse entsprechen. Eine Konstellation kann im Prinzip durch sehr viele Konkretisierungen einschlägig erfüllt werden, wobei es nicht möglich ist, diese Konkretisierungen in Ableitung aus Konstellationen gleichsam wahrsagerisch vorwegzunehmen. In den späten Neunziger Jahren begann innerhalb der Astrologie-Szene jedoch eine historisch und praktisch gerichtete Aufarbeitung sehr alter Techniken und Weltbilder der Astrologie. Dies führte zu einer neuen Anwendung genau dieser alten Techniken im Sinne einer „traditionellen klassischen Astrologie”, die zum Teil schon seit Jahrhunderten ein Schattendasein fristete und die auch bei der Wiederbelebung der Astrologie seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert keine Rolle gespielt hatte. Vor allem in der sogenannten Stunden- und Frage-Astrologie finden diese alten Techniken Berücksichtigung. Entsprechend pragmatisch, fast holzschnittartig sind die Deutungsversuche innerhalb dieses Teilgebiets der Astrologie. Hieran hat sich ein grundsätzlicher, zum Teil ethisch motivierter Richtungsstreit aufgetan, vor allem unter der zentralen Frage, ob eine pragmatische, auf Entscheidungsfragen zugespitzte Prognose erstens astrologisch-deutungstechnisch möglich ist und zweitens ethisch überhaupt vertretbar ist. Aus psychologischer Sicht stellt sich die Frage, ob mit der stundenastrologischen Antwort auf eine Entscheidungsfrage nicht der ethisch bedenkliche Tatbestand einer „sich selbst erfüllenden Prophezeiung” bzw. einer Bevormundung des Ratsuchenden erfüllt ist.

    Da die traditionelle Klassik mit ihren Techniken, Weltbildern und Methoden ohne Zweifel zur wissenschaftlichen Astrologie gehört, und wäre das nur als Gegenstand astrologiegeschicht-licher Forschung, hat sich der DAV, entsprechend seiner Satzung, mit all diesen Gebieten zu beschäftigen. Diesbezügliche Denkverbote womöglich aus psychologisch-astrologischer Sicht würden also dem Satzungsauftrag des DAV nicht gerecht. Auch in der traditionellen Klassik wird kein Ingenieurs-Wissen verbreitet, sondern es wird gedeutet, und diese Deutung ist keine Wahrsagung. Das kann man bei Vertretern der traditionellen Klassik, etwa bei Ptolemaeus, auch nachlesen. Die ethischen Fragen müssen selbstverständlich immer wieder erörtert werden.

     

    10. VS: Welcher astrologischen Philosophie rechnen Sie selbst sich zu und warum?

     

    Sch-W: In dieser Hinsicht bin ich recht breit angelegt. Es würde mir schwer fallen, von auch nur einem der traditionellen und modernen Anwendungsgebiete der Astrologie, von auch nur einer traditionellen oder modernen astrologischen Zugangsweise zur Lebensdeutung sagen zu wollen, dass das nicht oder nicht mehr in die Astrologie gehört. Das Erstaunliche an der Astrologie ist, dass sie pragmatisch-sachlichen Lebensvollzug genauso begleiten kann wie den psychologisch-selbstreflexiven, also lebenskundlichen Umgang mit der eigenen Person, aber schließlich auch den Blick auf spirituelle, eventuell sogar religiös-weltanschauliche Zusammenhänge eröffnet. Gewissermaßen gibt es nichts, was nicht auch im Bild der Astrologie beschrieben werden kann. Natürlich sind diese Beschreibungen und, so muss ich wohl sagen, „Bebilderungen" unvollständig. Die Astrologie ist von vornherein nicht „total”, sie ist in derselben Situation wie jedes andere Beschreibungs- und Erklärungsmodell, nämlich dass sie für sich genommen unvollständig ist. Das gilt entsprechend für biologische, physikalische oder auch theologische Modelle der Welterklärung. Ein Modell, das Anspruch auf erschöpfende und vollständige Beschreibung der Lebenswirklichkeit erheben würde, wäre schlicht totalitär. Astrologie hingegen hat Beschreibungs- und Aussagegrenzen. Und doch ist Astrologie nahezu universal als Mittel, Leben und Lebensvollzüge in Bildern zu beschreiben, anwendbar.

    Wir alle, alle Lebewesen auf der Erde sind Kinder des Universums, sind insbesondere Kinder des Sonnensystems. Dies kann man im Prinzip in den wunderbaren Darstellungen von Hoimar von Ditfurth und anderen Wissenschaftlern nachlesen. Durch unser Sosein verkörpern wir bereits eine Grundaussage der Astrologie: nämlich dass die Verhältnisse „am Himmel” in einem Zusammenhang mit den Verhältnissen auf der Erde stehen. Die Astrologie drückt das in dem Satz aus „Wie oben, so unten”. Angesichts des Umstandes, dass wir alle „Kinder des Weltalls” sind, wäre es sehr verwunderlich, wenn es keinen biologischen, physikalischen, aber auch keinen psychologischen oder spirituellen Zusammenhang zwischen „Oben” und „Unten” gäbe. Wie dieser Zusammenhang im einzelnen aussieht, ob er besser beschrieben werden kann unter der Annahme kausaler Wirkungen oder unter der Annahme synchronistischer Wirksamkeiten, muss vorerst offen bleiben. Die Annahme des jeweiligen Modells setzt jeweils auch ganz bestimmte Überzeugungen über die Beschaffenheit von Raum und Zeit voraus. Derzeit neige ich eher einem synchronistischen Modell zu, sehe aber auch viele kausale Wirkungen zwischen „Oben" und „Unten". Eventuell verstehen wir die Zusammenhänge erst besser, wenn wir beide eigentlich einander ausschließenden Denkmodelle, das kausale und das synchronistische, gemeinsam gelten lassen.

     

    11. VS: Wie erklären Sie sich, dass Astrologie statistisch nur in marginalen Ansätzen verifizierbar ist, und welche sind das?

     

    Sch-W: Astrologie als Bildersprache geht gerade nicht, jedenfalls nicht unmittelbar von Tatsachenbehauptungen aus, deren exaktes Zutreffen oder Nicht-Zutreffen statistisch bearbeitet wird. Astrologie geht als Bildersprache von Ähnlichkeiten aus, deren Reichweite stets etwas unscharf bleibt. Wir haben bereits gesehen, dass einzelne Konstellationen nicht beliebig gedeutet werden können, dass aber auf der Basis der Grundbedeutung von Planetenprinzipien und anderen astrologischen Elementen eine große Bandbreite an Deutung möglich ist. Die Kunst des Astrologen besteht darin, aus dieser Bandbreite im Blick auf das Gesamt-Horoskop die wahrscheinlichen bzw. zutreffenden Bilder und eventuell Konkretionen auszuwählen. Dies erfordert sowohl ein hohes Maß astrologischen-technischen Sachverstandes, als auch ein hohes Maß an Intuition. Der gute Astrologe zeichnet sich dadurch aus, dass er in der Horoskopdeutung gleichsam beständig zwischen technischen und imaginativen, intuitiven Zugängen zum Horoskop hin und her schaltet, und dass er beide Arten des Zugangs immer wieder zusammenführt. Astrologie, um es modern auszudrücken, aktiviert stets beide Gehirnhälften, sowohl die linke, die für sachlogische, rationale Einsichten und Tätigkeiten zuständig ist, als auch die rechte, die das bildhafte, intuitives, symbolische Denken steuert. Statistik ist in der Regel nur auf rationale, tatsachenorientierte, rationale Zusammenhänge anwendbar.

    Da das so ist, ist letztlich statistische Arbeit an der Astrologie und an deren Aussagen kaum möglich, da über Bilder und deren Deutung, ungeachtet des Umstandes, dass hierzu auch "Technik" vonnöten ist, im exakten Sinn keine Statistik gemacht werden kann. Statistisches Denken verträgt sich mit astrologischen Denken schlecht, Statistik und Astrologie gehen ganz unterschiedlich an Leben und Lebenswirklichkeit heran. Deshalb ist es bisher nie gelungen, das Zutreffen oder Nicht-Zutreffen bestimmter Konkretionen von Einzelkonstellationen im statistischen Versuch nachzuweisen. Denkbar wäre allerdings - und das haben im Prinzip schon in den Fünfziger und Sechziger Jahren die Gauquelin'schen statistischen Arbeiten zur Astrologie geleistet –, die statistisch signifikante Häufung bestimmter Haltungen, Begabungen, Interessen usw. bei entsprechendem Auftreten bestimmter Konstellationen nachzuweisen. Ähnlich lässt sich das für bestimmte aktuelle Konstellationen im Horoskop im Zusammenhang mit deutlichen und weitreichenden Lebenswenden durchführen.

     

     

     

     

    12. VS: Die EZW in Berlin übt deutliche Kritik an Astro–TV–Shows und an Astro–Hotlines. Wie stehen Sie dazu?

     

    Sch-W: Das Problem dieser Sende-und Beratungsformate ist, dass wenig bis keine Zeit für die wirkliche beratende Arbeit bleibt. Die astrologische Beratung verkommt in solchen Formaten zu einer Art Instant-Prognose, die sich der Ratsuchende auf dem Weg über eine Hotline oder eine interaktive Fernseh-Sendung abholt, ohne sich klarzumachen, dass die Aussagen des Astrologen zunächst einmal Deutungsvorschläge sind, die in der Beratung vom Ratsuchenden und vom Berater gemeinsam besprochen, bearbeitet werden müssen. Beim Fernsehen muss man den Weltgeist innerhalb von zwei Minuten einfangen, Fernsehen hat einfach zu wenig Geduld, und die Hotlines sind in der Regel für den Anrufenden so teuer, dass der Ratsuchende, getrieben von der ständig tickenden Kosten-Uhr, nicht wirklich zu einem mussevollen Beratungsgespräch bereit ist. Dabei sei einmal ganz davon abgesehen, dass auch die Berater bei Hotlines eher bescheiden bezahlt werden. Damit rückt die gesamte Astrologie, wenn sie in solchen Formaten präsentiert wird, in die Nähe seichter Unterhaltung. Es wird ihr unmöglich gemacht, ihrem Anspruch gerecht zu werden, weil sie sich im falschen Medium präsentiert.

     

    13. VS: Welche Studienmöglichkeiten zum Erlernen der Handlungskompetenz als beratender Astrologe gibt es im deutschsprachigen Raum? Wie sieht es diesbezüglich in Europa und dem amerikanischen Kontinent aus?

     

    Sch-W: An dieser Stelle einfach mal ein Vergleich zwischen den Jahren 1955 und 2010.1955 gab es in Deutschland genau eine einzige Astrologieschule, ein privates Unternehmen in München von einer Kollegin, die auch dem DAV angehörte. Wer damals Astrologie lernen wollte, war in aller Regel auf ein autodidaktisches Studium angewiesen, ein Studium, für das die Beschaffung entlegener, teils apokrypher Literatur nötig wurde. Im Jahr 2010 gibt es quer durch Deutschland insgesamt 15 sogenannte DAV-Ausbildungszentren, abgesehen davon, dass es außerhalb des Deutschen Astrologen-Verbandes eine Reihe guter Ausbildungsangebote und Astrologie-Schulen gibt, abgesehen davon, dass zahlreiche Anbieter ihre Astrologie-Kenntnisse professionell in kleinen Gruppen und in Wochenend-Seminaren weitergeben. Zugleich gibt es einführende und vertiefende Literatur über Astrologie, die als Fachliteratur in kleinen Auflagen zwar nicht unbedingt billig ist, die aber leicht erreichbar ist, die jeder Buchhändler innerhalb eines Tages bestellen und liefern kann. Das Internet bietet ungeheure Möglichkeiten astrologischer Aus- und Weiterbildung. Im deutschen Sprachraum gibt es also genug Möglichkeiten einer guten, profunden astrologischen Ausbildung.

    Ähnlich sieht es im gesamteuropäischen und im amerikanischen Raum aus. Der Astrologie-Boom der letzten 30-35 Jahre hat hier eine ungeheure Wirkung entfaltet. Konsequenterweise erhalten nun die ersten DAV-Ausbildungszentren die Befreiung von der Umsatzsteuer, weil sie eine Komplettausbildung für einen konkreten Beruf offerieren. Ungeachtet der öffentlichen, insbesondere der akademischen Wahrnehmung von Astrologie, wir sprachen oben davon, kommt Astrologie jetzt gerade unter der Perspektive geregelter und flächendeckender Ausbildungsangebote in der Gesellschaft an.

     

    14. VS: In Indien soll es Astrologie wieder an den Universitäten geben. Können Sie uns darüber etwas sagen?

     

    Sch-W: Die Astrologie in Indien ist integraler Bestandteil der dortigen Kultur und Gesellschaft, sie ist weitgehend akzeptiert als wichtiger Teil der kulturellen Tradition in Indien. Entsprechend ist sie auch an den dortigen Universitäten grundsätzlich akzeptiert, die indische Regierung bzw. das indische „Department of Education" hat zum Beispiel Richtlinien entwickelt, unter denen Astrologie an Universitäten gelehrt wird, mit allen Rechten, in der Astrologie – natürlich der indischen, der vedischen Variante – universitäre Abschlüsse zu erwerben. Zum Vergleich: In unserer Kultur, in der Astrologie eine nach wie vor kritisch bis abwehrend beäugte, außerbürgerliche Tätigkeit darstellt, ist Astrologie eine typische Angelegenheit der zweiten Lebenshälfte. Astrologieinteressenten stehen häufig bereits jenseits des 40. Lebensjahres, haben eine bürgerliche Ausbildung absolviert, haben Jahre in einem bürgerlichen Beruf gearbeitet, bevor sie sich zur Astrologie trauten, bevor sie Astrologie überhaupt für sich entdeckten. In Indien ist es Gang und Gäbe, dass man sich in relativ jungen Jahren für eine Ausbildung in Astrologie entscheidet.

     

    15. VS: Welche internationalen Astrologie – Kontakte pflegt der DAV?

     

    Sch-W: Prinzipiell versucht der Deutsche Astrologen-Verband seine internationalen Kontakte weltweit zu pflegen. Der Verteiler des international verschickten englischsprachigen Newsletters des DAV ist nicht auf irgendwelche exklusiven Länder oder Kontinente begrenzt. Faktisch ergeben sich natürlich durchaus Grenzen: Astrologie im Sinn der abendländischen bzw. indischen Tradition ist natürlich nicht in allen Ländern der Welt vertreten. Und dort, wo sie vertreten ist, wissen wir im DAV nicht automatisch von entsprechenden Kontaktmöglichkeiten. Die sprachlichen und kulturellen Barrieren tun hier ein Übriges. Eine gezielte internationale Arbeit, jenseits der punktuellen und individuellen Kontakte einzelner Mitglieder, wird im DAV erst seit wenigen Jahren betrieben. Der englische Newsletter erschien erstmals im August 2008. Die Astrological Assiociation of Great Britain (AAGB) offeriert traditionell seit Jahren auf ihren Jahrestagungen dem DAV zwei Freiplätze. Vergleichsweise enge Zusammenarbeit gibt es auch zwischen dem DAV und der US-amerikanischen Astrologie. Gute Kontakte bestehen überdies seit Jahren nach Italien und in den niederländischen Sprachraum. Diese Zusammenarbeit besteht zunächst einfach in einem kollegialen Austausch, inzwischen veranstalten zum Beispiel niederländische Kollegen Seminare in Deutschland, ein ähnlicher Austausch besteht zwischen Deutschland und Italien. In der Zusammenarbeit mit den amerikanischen Kollegen, geht es – bis auf weiteres ganz inoffiziell – um den Austausch in curricularen Fragen. Persönlich liegt mir der Ausbau der Kontakte mit dem osteuropäischen Raum seit Jahren am Herzen, und seit kurzem versuche ich, auch mit der spanischsprachigen Astrologie auf der iberischen Halbinsel und in Südamerika engere Kontakte zu knüpfen. Allgemein lässt sich beobachten, dass international das Interesse an Austausch und Zusammenarbeit wächst, eine erfreuliche Entwicklung! Astrologie ist eine universale Symbolsprache, die eine Reihe von kulturellen wie linguistischen Grenzen, aber auch eine Reihe von weltanschaulichen Grenzen mühelos überschreitet und gegenseitige Verständigung möglich macht.

     

     

     

    16. VS: Wie hoch sind die Mitgliederzahlen der deutschsprachigen und ausländischen Astrologieverbände und in welchem Verhältnis stehen diese nach Ihrer persönlichen Schätzung zu der Zahl der haupt- oder nebenberuflich arbeitenden Astrologen?

     

    Sch-W: Bei der Angabe von Mitgliederzahlen bin ich außerhalb des DAV auf Schätzungen angewiesen. Wie bereits gesagt, der DAV zählt rund 800 Mitglieder, davon rund 250 geprüfte Mitglieder, die Gesamtzahl der Mitglieder in den deutschsprachigen Verbänden schätze ich auf etwa 2500. Da der Organisationsgrad vor allem in Deutschland gering ist, rechne ich mit etwa zehnmal so viel an Astrologie interessierten im deutschsprachigen Raum. Über die Mitgliederzahlen der ausländischen Verbände liegen mir keine verlässlichen Werte vor.

    Die 250 geprüften Mitglieder des DAV sind zum größeren Teil auch nebenberuflich oder sogar hauptberuflich tätig. Auch hier darf gelten, dass man diese Zahl mit 10 multiplizieren muss, um auf die Anzahl der in Deutschland tätigen neben beruflichen oder hauptberuflichen Astrologen zu kommen.

     

    17. VS: Die Kritiker der Astrologie erheben den Vorwurf der Scharlatanerie. Wie groß ist Ihrer Meinung nach das Problem der Scharlatanerie im deutschsprachigen Raum?

     

    Sch-W: Solange der Beruf und die Bezeichnung des Astrologen nicht geschützt sind, ist trotz aller Verbandsarbeit, trotz aller Berufspolitik, trotz aller ethischen Absichtserklärungen das Problem der Scharlatanerie gegeben. Die unterhaltende Seite der Astrologie in den Medien und in den Tages- und Wochen-Horoskopen der Zeitungen und Zeitschriften mag noch harmlos erscheinen, doch sollten auch hier Astrologen, vor allem diejenigen Kollegen, die selbst in der einen oder anderen Weise in diesem Unterhaltungsmarkt mitarbeiten, bedenken, dass die Präsentation der Astrologie in den Unterhaltungs-Medien auch die Wahrnehmung von Astrologie prägt, die Wahrnehmung dessen, was Astrologie angeblich tut und leistet. Ich plädiere übrigens seit Jahren dafür, dass diejenigen Kollegen, die, gleichgültig auf welche unterhaltende oder feuilletonistische oder wissenschaftlich-fachliche Weise, in den Medien astrologisch und publizistisch tätig sind, sich zusammenschließen und zugleich in der Berufspolitik der seriösen Verbände Berücksichtigung finden. Dies wären erste Schritte, um das Niveau der astrologischen Präsentation in den Medien zu heben, eine entsprechende Lobbyarbeit zu betreiben und gleichzeitig bei den in den Medien tätigen Kollegen auch das Gespür für die Außenwahrnehmung von Astrologie zu schärfen.

    Im Übrigen dient die gesamte Verbandsarbeit und Berufspolitik des DAV dazu, den Beruf des Astrologen aus der „Schmuddelecke” herauszuholen, wo er vielfach immer noch steckt, und die Verbraucher-Öffentlichkeit ungeachtet aller mediengesteuerten Wahrnehmung von Astrologie darüber zu informieren, was Astrologie ist und was Astrologen tun und wo sie ihre Grenzen sehen. Das scheint mir der beste Schutz gegen Scharlatanerie zu sein.

     

    18. VS: Was wissen Sie über Staatsastrologie, beispielsweise Joan Quigley als Beraterin von Präsident Ronald Reagan und Dr. Elisabeth Tessier als Beraterin von Präsident Francois Mitterand? Sind Ihnen weitere prominente Beispiele aus der Politik bekannt? – Stimmt es, dass Norbert Blüm auch astrologisch beraten wurde?

     

    Sch-W: Ehrlich gesagt, allzu viel weiß ich darüber nicht, jedenfalls, was die Beratung von Politikern durch Astrologen angeht. Die astrologische Beratung von Politikern ist meist von strikter Vertraulichkeit umgeben Ob sich zum Beispiel Norbert Blüm astrologisch hat beraten lassen, weiß ich nicht, und wenn ich es wüsste, würde ich unter den Bedingungen, die in der deutschen Öffentlichkeit herrschen, beharrlich darüber schweigen.

    Ich sprach oben davon, dass der, der Astrologie betreibt, unter Umständen als jemand angesehen wird, der nicht gänzlich Herr seiner Sinne ist, der in irgendeiner Weise in der Freiheit seines Denkens und Handelns beeinträchtigt ist. Ein derartiges Vorurteil würde zumindest in Deutschland mit Sicherheit auch auf Politiker angewendet, die astrologischen Rat suchen. Deshalb gibt es nur eines – vor allem für Politiker, die tatsächlich astrologischen Rat in Anspruch nehmen: eisern darüber schweigen.

    Ganz anders ist die Mentalität in Südeuropa, zum Beispiel in Bulgarien. In Bulgarien ist öffentlich bekannt, dass nahezu die gesamte politische Klasse, einschließlich des Ministerpräsidenten, astrologischen Rat in Anspruch nimmt. Astrologie in Bulgarien wird öffentlich akzeptiert als Hilfe zur Lebensgestaltung, zur Entscheidungsfindung und zur Vorbereitung bzw. Begleitung nicht zuletzt politischer Prozesse.

     

    19. VS: Welche theoretischen Probleme muss der Staatsastrologe lösen? (Staatsgründungshoroskop, Revolutionen etc.) – Welche Horoskope kommen für die Bundesrepublik Deutschland in Betracht? (das Horoskop von 1871 (Versailles), 1918, 1933, 1945, 1949, Mauerfall 1989, Vereinigung 1990)

     

    Sch-W: Wer Mundanastrologie betreibt, benötigt Gründungs-Horoskope von Staaten bzw. sonstigen Institutionen, benötigt aber auch Geburtshoroskope von Politikern, von Amtsinhabern usw. Das Erstaunliche ist, dass auch „juristische" Größen, Gesellungsformen, „juristische Personen" mit ihren „Geburtshoroskopen", nämlich ihren Gründungshoroskopen erfasst und beschrieben werden können. Dies stellt durchaus eine theoretische und philosophische Herausforderung dar. Die Perspektive des Astrologen ist letztlich, dass diese Institutionen genauso „lebendig" sind wie menschliche Individuen. Praktisch muss man vor allem bei Staaten in Betracht ziehen, wann dieser Staat im juristischen Sinn gegründet wurde. Das Horoskop der Ausrufung des deutschen Kaiserreichs im Spiegelsaal zu Versailles vom 18. Januar 1871 ist fragwürdig, weil das entsprechende Staatswesen juristisch bereits seit dem 1. Januar 1871, 0 Uhr Ortszeit, Berlin, installiert war. Dennoch scheint dieses Horoskop in mancherlei Hinsicht aussagekräftig zu sein. Die Verkündigung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949 in Bonn hat sich als sehr aussagekräftig im Sinn eines „BRD-Gründungshoroskops” erwiesen. Mauerfall 1989 und Vereinigung 1990 haben nicht wirklich etwas am rechtlichen und verfassungsmäßigen Status der Bundesrepublik Deutschland geändert.

    In der Mundan-Astrologie spielen auch die Konstellationen am Himmel als solche eine wichtige Rolle. Planetare Zyklen, bestimmte Konstellationen zu bestimmten Zeiten werden gedeutet, werden im Blick auf wahrscheinliche politische und ökonomische Entwicklungen herangezogen. Dieses Verfahren wird unter anderem auch für Börsen-Astrologie eingesetzt, nämlich zur astrologischen Deutung und Identifikation von Börsenzyklen, abgesehen davon, dass der Börsen- und Wirtschafts-Astrologe natürlich auch Firmengründungen, Emissionen von Aktien usw. horoskopisch mit heranziehen kann. Meine eigene Arbeit in der Börsen-Astrologie bezieht sich vor allem auf die intellektuelle Weitergabe des entsprechenden Wissens, weil ich die Ehre und das Vergnügen habe, die Arbeiten eines der bekanntesten amerikanischen Börsen-Astrologen, Raymond A. Merriman, ins Deutsche zu übersetzen. Ich selbst betreibe ansonsten keine Börsen-Astrologie, mein Schwerpunkt liegt in der persönlichen astrologischen Lebensberatung, abgesehen davon, dass ich, neben meinem Zeitaufwand für den Vorsitz im Deutschen Astrologen-Verband, astrologischen Unterricht und entsprechende Seminarveranstaltungen durchführe, sowie vergleichsweise viel Fachliteratur verfasse und übersetze.

     

    20. VS: Wie sieht das Beratungssetting eines Staatsastrologen aus? Wie sieht das Setting eines Börsenastrologen aus? Was versteht man unter Stunden- und Elektionsastrologie – wie sieht das diesbezügliche Beratungssetting aus?

     

    Sch-W: Falls ein Staats-Astrologe oder ein Börsen-Astrologe persönliche Beratungen anbietet, werden diese kaum anders aussehen als die eines astrologischen Lebensberaters. Soweit Börsianer und Politiker astrologische Beratung suchen, werden sie sich natürlich an einen entsprechend ausgewiesenen Astrologen wenden. Viel häufiger aber ist, dass Polit- und Wirtschafts-Astrologie in Gestalt von Veröffentlichungen, von entsprechenden Wirtschafts-Rundbriefen oder regelmäßigen politischen Mitteilungen betrieben werden. Da Staats- und Börsen-Astrologie überindividuell sind, empfiehlt sich auch eine entsprechende publizistische Angebotsstruktur. Nach wie vor beliebt sind
    astropolitische und astroökonomische Jahreskalender, Jahrbücher, Almanache.

    Ganz anders Stunden- und Elektions-Astrologie. Dies sind zwei nahe benachbarte Felder der praktischen Astrologie, wo es darum geht, konkrete entscheidungsorientierte Fragen ihrer Tendenz nach zu beantworten (Stunden-Astrologie) bzw. Terminwahlen für möglichst günstige Zeitpunkte astrologisch vorzubereiten (Elektionsastrologie). Diese beiden Gebiete sind in der Regel Bestandteil persönlicher oder telefonischer individualastrologischer Beratung.

     

    21. VS: Wie unseriös ist die Zeitungshoroskopie?

     

    Sch-W: Das Populärste an der Astrologie ist deren 12-teiliger Tierkreis. Bei den Zeitungshoroskopen hat sich der populäre Tierkreis durchgesetzt als eine Art von Perspektivenbildung auf Astrologie überhaupt. Der Stand der Sonne nach jeweiligen „Tierkreiszeichen”, oft fälschlich mit den gleichnamigen, aber anders am Himmel positionierten 12 Hauptstern-Bildern verwechselt, ist hier sozusagen die Basis sehr allgemein gehaltener Interpretation. Selbst hier könnte man noch – freilich mit größter Vorsicht – allgemeine Tendenzbildungen für die einzelnen Tierkreiszeichen namhaft zu machen versuchen. Da aber ein individuelles Horoskop nicht nur aus dem Stand der Sonne in einem jeweiligen Tierkreiszeichen besteht, sondern aus zahlreichen anderen Faktoren, ist die Beurteilung des Sonnenstandes nach jeweiligen Tierkreiszeichen keine sehr individuelle Angelegenheit und sagt unter Umständen für das betreffende Individuum nur sehr wenig aus. Und da Zeitungshoroskope meist kurz sein müssen – auch hier sperrt sich, ähnlich wie im Fall des Fernsehens, das Medium selbst gegen eine seriöse Ausübung der Astrologie –, ist von Zeitungshoroskopen allenfalls Unterhaltsamkeit zu erwarten, nicht aber Seriosität.

     

     

     

     

     

    22. VS: Welches sind für Sie die drei wichtigsten Astrologen in der gesamten Geschichte der Astrologie und warum?

     

    Sch-W: Claudius Ptolemaeus, weil er erstmals das gesamte Fach zusammenzufassen versucht hat; Kepler, weil er wie kein anderer die sinnhafte Ordnung im Kosmos erkannt hat; William Lilly, weil er umfassend gezeigt hat, wie pragmatisch Astrologie sein kann.

     

    23. VS: Und welches sind für Sie die drei wichtigsten Astrologen des 20. Jahrhunderts und warum?

     

    Sch-W: Dane Rudhyar, weil er die psychologische und spirituelle Seite der
    Astrologie neu buchstabiert hat; Thomas Ring, weil er die astrologische Menschen- und Charakterkunde umfassend und auf höchstem Niveau dargestellt hat. - Da Astrologie im Tiefsten weibliches Wissen ist, das aber in geschichtlicher Zeit oft von Männern ausformuliert worden ist, gehören hierher die vielen Frauen, die die Astrologie betreiben, weitergeben und vertiefen. Stellvertretend für sie alle sei Karen Hamaker-Zondag genannt, die die Astrologie in ihren Büchern und ihrem Tun nicht nur klug und brillant, sondern weise und zugewandt vermittelt.

     

    24. VS: Wie schätzen Sie die Zukunft der Astrologie in Deutschland ein?

     

    Sch-W: Die Situation der Astrologie ist in den letzten Jahren schwieriger geworden. Lange Jahre hat die Astrologie ihren Boom in der Gesellschaft teils mit Verwunderung betrachtet, teils mit großem Optimismus und mit intensiver Gestaltungslust genossen. Die wirtschaftliche Entwicklung, im Grunde schon seit der Jahrtausendwende, hat dazu geführt, dass in der Öffentlichkeit zwar die Astrologie sehr deutlich wahrgenommen wird, dass aber die Menschen nicht mehr gleichsam selbstverständlich und weil es so interessant ist, eine astrologische Beratung einkaufen oder astrologische Kurse belegen. Mehr und mehr zeigt sich auch, dass Astrologie nicht etwas ist, was man als Instant-Wissen in Schnellsieder-Kursen an wenigen Wochenenden erwerben kann, sondern dass sie vielmehr Gegenstand einer langen und geduldigen berufsbegleitenden Ausbildung ist. Die Klienten sind anspruchsvoller geworden – vollkommen zu Recht! Die Anforderungen an den Beruf des Astrologen sind stetig gestiegen, ebenfalls zu Recht! Wir sind weit entfernt von einer „Sättigung” im Blick auf das astrologische Angebot. Aber in der Astrologie müssen wir damit leben, dass die Leute, handle es sich um Klienten oder um Studierende, vorerst zurückhaltender geworden sind. Gleichzeitig aber ist die Astrologie gerade jetzt in dieser Zeit einer gewissen Stagnation dabei, ihre gesellschaftliche und politische Position zu festigen und auszubauen. Das ist ein langer und steiniger Weg, aber es handelt sich um eine Entwicklung, die, soweit erkennbar, nicht mehr umzukehren ist. Alles in allem, die Astrologie wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren ihr quantitatives und qualitatives Niveau in etwa halten, bei wirtschaftsbedingter Stagnation oder Rückläufigkeit des Umsatzes.

    Die Astrologie findet unter diesen Bedingungen eventuell die Muße, verstärkt über ihre eigene Situation nachzudenken. Dies sollte die Grundlagenforschung in der Astrologie beeinflussen und nach Möglichkeit begünstigen! Derzeit gilt Astrologie weitgehend in kasuistischem Sinn als Erfahrungswissenschaft. Zugleich bietet die Astronomie, und nicht zuletzt die Astronomie des Sonnensystems, des eigentlichen Bezugsrahmens der Astrologie, eine Menge neuer Herausforderungen. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Sicht auf das Sonnensystem gewandelt weg von einem relativ kargen Modell mit wenigen Planeten, die sich im Umlauf um das Zentralgestirn befinden, hin zu einem Modell, in dem neben einer begrenzten Anzahl von Planeten zahllose Kleinplaneten, Asteroiden, Objekte des Kuipergürtels und nicht zuletzt zahlreiche Monde der bekannten Hauptplaneten eine ebenso reichen wie zum Teil unübersichtliche Struktur bilden. Vorstellbar ist, dass die astrologische Methode, die bekannten Hauptplaneten astrologisch zu deuten und auch auf mehrfache Weise in das astrologische Modell einzuordnen (Tierkreis, Würden und Schwächen, Aspektbildungen und Aspektdeutungen usw.) in den nächsten Jahren und Jahrzehnten deutliche Modifikation erfährt – einfach weil die zahllosen anderen Objekte im Sonnensystem, insbesondere die Gürtel (Asteroiden- und Kuipergürtel), ebenfalls nach Deutung verlangen. Wenn der Satz „Wie oben, so unten” gilt, dann muss diesen vielen in den letzten 30-40 Jahren neu entdeckten Objekten auch astrologisch eine eigene Bedeutung zukommen, und wahrscheinlich müssen neue Kategorien der astrologischen Sprache eingeführt werden. Wenn das Sonnensystem ein Deutungsmodell des Menschen darstellt, wovon die Astrologie ausgeht, dann wird möglicherweise schon aus astronomischen Gründen eine Neuordnung dieses Modells überfällig. Derartige Überlegungen und Entwicklungen werden nicht nur die Grundlagenforschung und die Theoriebildung der Astrologie beeinflussen, sondern ebenso sehr die Praxis der Astrologie.

     

    25. VS: Würden Sie sich als astrologisch-psychologischen Berater einschätzen und wenn ja, wie sieht Ihr Beratungssetting aus?

     

    Sch-W: Meine Haltung in der astrologischen Beratung ist – das hat auch mit meinem ausbildungsmäßigen Herkommen zu tun – psychologisch und sozialpädagogisch geprägt. Es gehört für mich zu meinem psychologischen Ansatz, dass ich versuche, aufbauend und lösungsorientiert zu beraten, dass ich versuche, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, dass ich etwaige Entscheidungen mit vorbereiten helfe, dass aber die Entscheidungen selbst Sache des Ratsuchenden sind. Aber ich beschränke mich nicht auf „astrologisch-psychologische Beratung”, Beratungen können sich auch auf sachliche, pragmatische, und ebenso auf spirituelle und weltanschauliche Themen konzentrieren. Das Setting bezieht sich auf die persönliche oder auch telefonische Beratung, eine solche Beratung wird von mir nach einem ausführlichen, in der Regel telefonischen Erstgespräch gründlich vorbereitet. In der persönlichen Beratung erhält der Ratsuchende eine schriftliche Einschätzung der wesentlichen Themen, er erhält auch einen Kassetten-Mitschnitt des Beratungsgesprächs selbst. Eine Beratung dauert in der Regel etwa zwei Stunden.

     

    26. VS: Machen Sie in Ihrer Beratungspraxis auch astrologische Prognosen und welche Techniken benutzen Sie dabei?

     

    Sch-W: Ja, und ich arbeite vor allem mit Sekundärdirektionen, Solarhoroskopen, Transiten, sowie mit den Mitteln der Stundenastrologie.

     

    27. VS: Wie schätzen Sie die deutsche und deutschsprachige astrologische Forschungssituation ein?

     

    Sch-W: Die Astrologie ist nach wie vor ein Randfach, in dem es fast unmöglich ist, Forschung zu etablieren. Praktisch tätige Astrologen forschen selten, abgesehen davon, dass sie in der Regel die besten Stunden ihres Tages mit der Praxis der Astrologie verbringen und eben nicht mit (unbezahlter) Forschung. So gesehen ist auch die Forschung in der Astrologie praktisch orientiert, kasuistisch, Deutungen und Bedeutungen aus einzelnen Fällen ableitend. Diese Situation, die natürlich die Situation einer Außenseiter-Wissenschaft ist, führt dazu, dass wir zwar in zahlreichen Publikationen Einzeldeutungen bzw. besondere Perspektivenbildungen zum praktischen Gebrauch der Astrologie entwickeln, dass aber Theoriebildung und Grundlagenforschung im Argen liegen.

    Akademisch-„wissenschaftlich” könnte es darum gehen, eben doch einen wissenschaftlich akzeptablen Nachweis für die Validität der Astrologie zu führen. Es könnte auch darum gehen, dass man die besondere, vorwiegend hermeneutische Denk- und Erkenntnisweise der Astrologie zu beschreiben versucht und mit anderen akademischen und außerakademischen Weisen des Denkens und Erkennens vergleicht (Formales bzw. mathematisches Beweisen; Empirismus; religiöse Offenbarung; Interpretieren von Kunstwerken / Sprachkunstwerken; Bilderdenken; besondere Erkenntnisweisen in Abhängigkeit von besonderen Bewusstseinszuständen, z.B. Träumen, Klarträumen usw.). Schließlich könnte es darum gehen, endlich eine umfassende einheitliche Theorie der Astrologie zu entwerfen, in der sich die unterschiedlichen technischen und deutungsmäßigen Ansätze der Astrologie wiederfinden können. Wenn es tatsächlich zutrifft, dass die Astrologie in Zukunft ihr Gesicht und ihre Perspektive wandelt (s.o.), ergeben sich noch einige grundlegende Aufgaben mehr.

    All diese Forschungen sind aber einigermaßen weit von der Praxis entfernt. Sie beeinflussen zwar die Praxis, aber der Praktiker kann sich darauf zurückziehen, dass er auch bisher ohne die entsprechenden Überlegungen und Forschungsergebnisse ausgekommen ist. Insgesamt hat der praktisch tätige
    Astrologe für so etwas selten ausreichend Zeit übrig, selbst wenn er daran interessiert ist.

     

    28. VS: Wenn Sie Astrologie kategorisieren müssten und dabei einen der folgenden Begriffe verwenden müssten, welchen würden Sie nehmen und warum? (Religion, Synchronizität nach C.G. Jung, symbolische Divination, unerklärliche Evidenzerfahrungen, Erfahrungswissenschaft, Kausalität im technischen Sinne, Naturwissenschaft)

     

    Sch-W: Ich werde das Gefühl nicht los, dass Astrologie mit jedem dieser Begriffe, mit jeder dieser Kategorien zumindest ansatzweise beschrieben werden kann. Deshalb fällt es mir schwer, einen dieser Begriffe gewissermaßen zu favorisieren. Am ehesten fasse ich derzeit – aber darin bin ich auch Kind meiner Zeit – die Astrologie im Sinn der Synchronizität nach C.G. Jung und als Erfahrungswissenschaft auf, wobei ich hinzufügen möchte, dass mir der spirituelle Aspekt der Astrologie, ihre Stärke, den Sinn im Kosmos und im menschlichen Leben sichtbar und erkennbar zu machen, äußerst wichtig ist.

     

    VS: Herr Dr. Schubert-Weller, vielen Dank für dieses Gespräch.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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