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Dissertation

Aus:

Kritische Astrologie (Dissertation - Auszug)

mit freundlicher Genehmigung von Dr. Peter Niehenke

 

Kritische Astrologie

Zur erkenntnistheoretischen und empirisch-psychologischen Prüfung ihres Anspruchs

Freiburg: AURUM-Verlag 1987 (ISBN 3-591-08252-X)

 

Die vorliegende Arbeit wurde als Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades im Juni 1987 der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Bielefeld eingereicht.

© 1987 by Peter Niehenke, Freiburg/Germany

 

 

  • II. 1: Die Grundannahme der Astrologie
  • Astrologie ist, in allgemeinster Form ausgedrückt, die Deutung räumlicher Verhältnisse und zeitlicher Abläufe in unserem Sonnensystem. Sie basiert auf der Grundannahme, daß die sich aus solchen Verhältnissen ergebenden Rhythmen in Zusammenhang stehen mit physikalischen, biologischen und psychischen Abläufen in Organismen auf der Erde

    Wenn ein Kind geboren wird, so die Überzeugung der Astrologen, dann erfolgt die Geburt "eingebettet" in solche kosmischen Rhythmen. Sie erfolgt also nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt, sondern die Geburt erfolgt dann, wenn die Konstellationen passend sind. Ein Zitat aus einem Buch des amerikanischen Arztes Arnold LIEBER, der sich mit möglichen Einflüssen des Mondes auf biologische Systeme aus der Sicht des Mediziners beschäftigt hat, mag dies verdeutlichen:

     

    • "Schalentiere in Gezeitengewässern könnten ihr Zeitmaß dem Gezeitenwechsel entnehmen, oder sie könnten es auf andere Weise erhalten. Um die Rhythmisierung durch die Gezeiten zu untersuchen, ließ Dr. Brown für sein Labor in Evanston Austern von der Küste Connecticuts einfliegen. Von der Austern war bekannt, daß sie ihre Schalen bei Flut öffneten. Im Laboratorium wurden die Versuchsbedingungen so sorgsam wie möglich überwacht. Keine äußeren Einflüsse durften zu den Austern in ihre Seewasserbehälter gelangen. In der ersten Woche öffneten die Austern ihre Schalen zu den Zeiten, während derer auf ihren angestammten Bänken in Connecticut Fluten eintraten. Sie setzten ihren gewohnten Rhythmus fort. Nach Ablauf von zwei Wochen änderte sich allerdings ihr zeitliches Verhalten. Nun öffneten sie ihre Schalen, wenn der Mond im Zenit ihrer neuen Heimatstatt in Illinois stand. Wäre Evanston eine Küstenstadt, dann träte zu dieser Zeit die Flut ein." (LIEBER 1980, 72)
  • Wir haben hier ein solches Eingebettet-Sein in kosmische Rhythmen, für das uns allerdings wegen des Zusammenhangs von Mondstellung und Gezeiten auch eine naheliegende Erklärung zur Verfügung steht. Erstaunlich ist nur, daß die Austern als Zeitgeber nicht direkt auf den Wechsel von Ebbe und Flut reagieren, sondern auf den Mond. Es zeigt sich also, daß Organismen dazu in der Lage sind. Astrologen sind davon überzeugt, daß in weit komplizierterer und weniger augenfälliger Weise eine Einbettung aller lebenden Systeme (bzw. aller "Quasi-Organismen") in verschiedenste kosmische Rhythmen besteht, also nicht allein in Rhythmen, die durch den Mond erzeugt werden (Gezeiten) oder die durch die Stellung der Erde zur Sonne erzeugt werden (Jahreszeiten).

     

    Da ein Kind also nur geboren wird, wenn die kosmische Situation passend ist, kann man aus der Konstellation im Moment der Geburt etwas über das Kind ableiten; denn ähnliche Menschen werden dann immer unter ähnlichen Konstellationen geboren werden. Dies würde zumindest gelten, solange in die natürlichen Abläufe in ihrer Abfolge und zeitlichen Struktur nicht gewaltsam eingegriffen wird, wie z. B. im Falle einer Geburt durch Kaiserschnitt oder, schwächer, im Falle einer medikamentös eingeleiteten Geburt. In diesen Fällen wäre die Konstellation kein so guter Indikator für die Wesensmerkmale des Kindes mehr.

    Die Vorstellung, daß die Aussagemöglichkeiten der Astrologie auf einer Sensibilität von Organismen für kosmische Rhythmen beruhe , löst ein im Zusammenhang mit der Astrologie häufig diskutiertes Problem: Es geht um die Frage, ob es nicht eine zwingende Konsequenz der "Wahrheit" der astrologischen Lehre wäre, daß wir, daß unser Schicksal schon bei Geburt vollständig festgelegt sei (Willensfreiheit-Problem). Im Lichte der angedeuteten Vorstellung ist unser Leben zwar "eingebettet" in kosmische Rhythmen, ist aber durch diese Rhythmen nicht vollständig determiniert; genausowenig wie wir durch den Tag-Nacht-Rhythmus in unserem Schlafverhalten determiniert sind oder wie Winterschläfer durch den Jahreszeiten-Rhythmus im Winter zum Schlafen determiniert sind. Winterschläfer haben aber eine Neigung, im Winter zu schlafen. Vor diesem Hintergrund bekommt der bekannte Satz von THOMAS VON AQUIN: "Die Sterne machen geneigt, sie zwingen nicht", eine anschauliche Bedeutung.

     

     

    • II. 2: Das Horoskop
  • Arbeitsgrundlage des Astrologen ist das Horoskop. Dieser Begriff ist abgeleitet von "horoskopos": So hieß der am Osthorizont aufsteigende Tierkreisgrad, weil er "die Stunde anzeigt" (griech. hora = die Stunde, skopein = sehen, schauen). Das Horoskop ist die grafisch dargestellte Konstellation der Gestirne unseres Sonnensystems für den Moment der Geburt eines Menschen. Da auch für andere Zeitpunkte Horoskope erstellt werden, bezeichnet man das für den Moment der Geburt aufgestellte Horoskop genauer als "Radix-Horoskop" (von Radix = Wurzel). Man könnte das Horoskop als eine Art Himmelskarte bezeichnen, in der die Positionen der Gestirne unseres Sonnensystems relativ zum Stand des Beobachters - also ihre geozentrisch berechneten Koordinaten - eingetragen werden.

     

    Abbild 1

     

    Am Beispiel der Sonne sehen wir, daß es zwei grundlegende Rhythmen ihrer Bewegung gibt. Der tägliche Rhythmus (Wechsel von Tag und Nacht) beruht auf der Rotation unserer Erde um sich selbst. Da wir die Drehung der Erde nicht bemerken, scheint uns die Sonne morgens im Osten aufzugehen, mittags ihren höchsten Stand zu erreichen und abends im Westen unterzugehen. In ähnlicher Weise gilt dies auch für alle anderen Himmelskörper: Sie gehen im Osten auf, kulminieren etwa 6 Stunden später und gehen etwa 12 Stunden später im Westen unter.

     

    Der zweite (jährliche) Rhythmus beruht auf der Revolution der Erde um die Sonne. Bedingt durch die Schrägstellung der Erdachse ist der Bogen, den die Sonne im täglichen Lauf am Himmel beschreibt, in unseren Breiten während bestimmter Perioden länger, d.h. die Tage sind länger als die Nächte. Genauer gesagt gilt dies für Frühling und Sommer: Der Nordpol ist ein halbes Jahr lang der Sonne zugewandt und die andere Hälfte des Jahres von der Sonne abgewandt. Auf diese Weise entstehen die uns bekannten Jahreszeiten. Nimmt man das Datum, an dem Tag und Nacht gleich lang sind und die Tage länger zu werden beginnen ("Frühlingsbeginn") zum Ausgangspunkt und teilt die Zeit bis zum nächsten Frühlingsbeginn (ein Jahr) in 12 gleiche Teile, dann ergeben sich ungefähr die Daten der populären Tierkreis-Typologie. Mit dem Frühlingsanfang beginnt das erste Zeichen des Tierkreises: der Widder. Denkt man sich die Raumabschnitte markiert, in denen sich die Sonne während dieser Zeiten aufhält, dann erhält man den "tropischen Tierkreis" - von Griech.: tropai = Wendepunkt, den von den Wendepunkten der Sonne (damit auch den von den Jahreszeiten) abgeleiteten Tierkreis.

     

    Vor etwa 2000 Jahren deckten sich diese 12 Tierkreiszeichen ungefähr mit den 12 Sternbildern gleichen Namens, die man als Fixstern-Konfigurationen am Himmel sehen kann (s.u.). Diese 12 Sternbilder des siderischen Tierkreises dürfen nicht mit den Tierkreiszeichen des tropischen Tierkreises verwechselt werden. Sie liegen zwar ebenfalls in der Ebene der Sonnenbahn, haben jedoch eine unterschiedlich große räumliche Ausdehnung und sind zudem auf der Ebene der Sonnenbahn nicht klar voneinander trennbar, d.h. es ist nicht klar entscheidbar, ob die Sonne sich noch in dem vorherigen oder schon im nachfolgenden Sternbild aufhält, da die Bilder sich gegenseitig überlappen. Die Babylonier arbeiteten mit dem siderischen Tierkreis. Seit der Zeit der Griechen (genauer: seit PTOLOMAEUS) ist jedoch der tropische Tierkreis in Gebrauch. (KNAPPICH 1967, 51)

     

    Der Tierkreis ist eine Art Meßkreis: Er ist eine Aufteilung der Sonnenbahn in 12 Abschnitte, die im Falle des tropischen Tierkreises alle gleich groß sind (30 Grad je Zeichen). Sein Anfangspunkt orientiert sich im Falle des tropischen Tierkreises am Beginn des "natürlichen" Jahreszyklus (dem Jahreszeiten-Zyklus), im Falle des siderischen Tierkreises an bestimmten Fixstern-Konfigurationen. Welchen Tierkreis man wählt, ist eine Frage der Entscheidung (und Erfahrung): Unsere astrologische Tradition beruht auf der Verwendung des tropischen Tierkreises, und die Erfahrungen der Astrologen in den zurückliegenden mindestens 2000 Jahren sind mit diesem Tierkreis gewonnen worden.

    Da sich zur Zeit der Babylonier beide Tierkreise nahezu deckten, war damals durch das Sammeln von Erfahrungen kaum zu entscheiden, welcher der beiden Tierkreise der "richtige" ist. Die Griechen entschieden sich für den tropischen Tierkreis und behielten die Namen für die 12 Abschnitte bei. (a. a. O.)

    Der Unterschied zwischen Sternbild und Tierkreiszeichen beruht auf der sog. Präzession: Der Ort, an dem die Sonne zu Frühlingsbeginn steht (der Frühlingspunkt: Beginn des tropischen Tierkreises), wandert im Laufe von etwa 26.000 Jahren im Uhrzeigersinn durch den siderischen Tierkreis, so daß sich der tropische Tierkreis im Laufe von etwa 2000 Jahren jeweils um 30 Grad gegen den siderischen Tierkreis verschiebt. Der tropische Tierkreis beginnt also heute da, wo das Sternbild Wassermann am Himmel zu sehen ist.

     

    DieseTatsache stiftet immer wieder allerlei Verwirrung. So wird die Verschiebung der beiden Tierkreise immer wieder so formuliert, als stimme der Tierkreis nicht mehr, als seien die Tierkreiszeichen jetzt "in Wirklichkeit" an einer ganz anderen Stelle, als die Astrologen behaupten. Bei diesem Argument wird der Unterschied zwischen Tierkreiszeichen und Sternbild nicht gemacht. Dieses Argument gegen Astrologie zu verwenden, wie es seit Jahrhunderten immer wieder aufgewärmt wird (DITFURTH 1977, WIECHOZCEK 1984), zeugt also von einem beachtlichen Mangel an Verständnis der Zusammenhänge. Sinn macht ein solches Gegenargument zudem nur, wenn man unterstellt, der Kosmos-Bios-Zusammenhang basiere auf "Wirkungen" dieser weit entfernten Sternkonfigurationen. Diese Ansicht vertritt aber heutzutage kein ernstzunehmender Astrologe. Schließlich wird bei diesem Gegenargument übersehen, daß die Präzession schon den babylonischen Astrologen bekannt war und ihr Wert erstmals von HIPPARCH (190-120 v.Chr.) berechnet wurde. Die Präzession ist sogar Grundlage der Lehre von den Welt-Zeitaltern, wie oben kurz angedeutet wurde. Den Astrologen zu unterstellen, sie wüßten nichts von der Präzession, oder sie würden sie nicht berücksichtigen, ist allein schon im Hinblick auf diese heute doch populäre astrologische Lehre der Zeitalter geradezu unlogisch und zeugt von der mangelnden Kompetenz vieler Astrologie-Kritiker - zumindest in Bezug auf das Gebiet, das sie kritisieren.

     

    Die 12 Stationen der Sonne, Tierkreiszeichen genannt, bilden für Astrologen auch das Koordinaten-System, in das sie die Positionen der anderen Himmelskörper und Raumpunkte, die sie für ihre Deutung benutzen, projizieren. In Abb. 1 sehen wir die Positionen der Planeten in ihrer Projektion auf die Ekliptik eingetragen. Wir sehen z. B., daß der Mond sich im achten Abschnitt nach dem Frühlingspunkt, Skorpion genannt, befindet, die Sonne im sechsten, Jungfrau genannt. Neben dieser Einteilung in die 12 Tierkreiszeichen sehen wir in der Abb. noch eine weitere Einteilung in ebenfalls 12 Abschnitte, deren Zählung links am Aszendenten beginnt. Diese Einteilung hat etwas zu tun mit der Stellung der Gestirne, bezogen auf den Horizont des Geburtsortes im Moment der Geburt:

    Ganz unabhängig davon, in welchem Abschnitt der Ekliptik die Sonne steht, d.h. in welcher Jahreszeit wir uns befinden: die Sonne kann im Moment der Geburt über dem Horizont stehen (Tag) oder unter dem Horizont (Nacht). Ebenso können auch die anderen Gestirne über oder unter dem Horizont stehen. Die Linie von Aszendent zu Deszendent in der Zeichnung symbolisiert den Horizont am Geburtsort für den Moment der Geburt, bzw. allgemeiner: für den Moment des astrologisch zu erfassenden Ereignisses. Ein bestimmter Abschnitt der Ekliptik (hier: Skorpion) steht in diesem Moment gerade im Osten (geht gerade auf). Wir nennen den Abschnitt Aszendent (von lat.: ascendere = aufsteigen). In diesem Muster-Horoskop befindet sich auch der Mond im gleichen Abschnitt, geht also ebenfalls gerade auf.

     

    Um die Position der Himmelskörper bezüglich des Horizont-Systems präziser fassen zu können, teilen Astrologen die Ekliptik, ausgehend vom Aszendenten, nach bestimmten Methoden in 12 Teile - analog den am Frühlingspunkt beginnenden 12 Abschnitten, den Tierkreiszeichen -, die man "Felder" oder "Häuser" nennt. Sie sind in der Abb. mit den Zahlen 1 bis 12 gekennzeichnet.

    Schließlich bilden alle Himmelskörper und Bezugspunkte in der Ebene der Ekliptik paarweise einen Winkel miteinander. Solche Winkel, die im Rahmen einer tolerierten Ungenauigkeit ("Orbis" genannt) der Teilung des Kreises durch ganze Zahlen entsprechen (also Winkelgrade von 180, 120, 90, 72 usw.), werden von Astrologen als "bedeutsam" erachtet. Sie heißen "Aspekte" und werden in der Zeichnung durch eine Verbindungslinie zwischen den beteiligten Deutungselementen gekennzeichnet.

     

    Die Zeichnung in Abb. 1, das "Horoskop", ist ein "objektives" Abbild der kosmischen Situation in unserem Sonnensystem für einen bestimmten Moment. Es beinhaltet keine Interpretation, sondern nur eine Entscheidung über die Wahl der Koordinaten-Systeme für die Eintragung der beobachteten oder errechneten Positionen der Gestirne und anderen astronomischen Bezugspunkte. Diese Koordinaten-Systeme sind, physikalisch betrachtet, alle "gleichberechtigt". Unterschiedliche Auffassungen könnte es allerdings darüber geben (und gibt es auch unter den Astrologen), welche astronomischen Gegebenheiten (Gestirne, Aufgangs- und Kulminationspunkt, Winkel, Raumteilungen usw.) für die Deutung relevant sind. Die Berechnung der jeweiligen Deutungselemente ist eindeutig; nicht eindeutig ist die Frage, ob sie etwas bedeuten und was sie bedeuten.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • II. 3: Die Deutung des Horoskops
  • Wir müssen also unterscheiden zwischen den verwendeten Deutungselementen, d.h. den zur Deutung verwendeten astronomischen Gegebenheiten im weiteren Sinne, und der Bedeutung, die diesen Deutungselementen gegeben wird, d.h. den Interpretations-Regeln.

    An dieser Stelle werden wir in der Astrologie mit einem ähnlichen Problem konfrontiert wie in der Psychotherapie: Die Astrologie gibt es nämlich genauso wenig wie es die Psychotherapie gibt. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen oder Richtungen sind ebenso beträchtlich wie die Unterschiede zwischen den einzelnen therapeutischen Schulen. Umso erstaunlicher ist es, daß sich die deutschen (und später auch Schweizer) Astrologen auf ein Grundsatzpapier haben einigen können, in dem die, ungeachtet aller methodischen Differenzen bestehenden, Gemeinsamkeiten formuliert worden sind.

     

    Um ein gewisses Maß an Geschlossenheit in der Darstellung erreichen zu können, möchte ich die Grundgedanken, sowohl was die verwendeten Deutungselemente als auch was die Interpretations-Regeln angeht, an der als "Klassische Astrologie" bekannten Richtung darstellen. Neben der klassischen Astrologie gibt es eine Reihe sog. "moderner" Richtungen, die sich von der klassischen Astrologie zwar nicht grundlegend unterscheiden, wie das oben erwähnte Grundsatzpapier belegt, die jedoch in der Methodik und den verwendeten Deutungselementen z. T. beträchtlich von

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    überlieferten Regeln abweichen. Auch der Begriff "Klassische Astrologie" ist leider nicht eindeutig: Im allgemeinen meint man damit die Orientierung an den auf die Griechen zurückgehenden Deutungselementen, deren Interpretation allerdings entsprechend dem heutigen Stand unseres Wissens über körperliche und psychische Abläufe erfolgt (s.u.).

    Die hellenistische Astrologie ist ein Mischprodukt aus babylonischen, ägyptischen und orientalischen Einflüssen mit griechischer Mathematik und Naturphilosophie. Die Krönung des griechischen Lehrgebäudes erfolgte durch POSIDONIUS VON APAMEIA (um 100 v.Chr.), einen syrischen Philosophen. Das älteste erhaltene systematische Lehrbuch der Astrologie, das "Tetrabiblos" des PTOLOMAEUS (120-180 n.Chr.), ruht nachweislich auf seinen Lehren (KNAPPICH 1967, 9).

     

    Im ersten Buch des Tetrabiblos (Vierbuch) behandelt PTOLOMAEUS die astrologischen Elemente. Er bemüht sich dabei, alles in Anlehnung an die griechische Mythologie Geschaffene durch rationale, physisch-kausale Elemente zu ersetzen, versucht auch, die "Scheingründe" zu widerlegen, "womit einige diese Wissenschaft verunglimpfen" (1822, 9). Das zweite Buch behandelt die allgemeine und politische Astrologie. Hier sagt er, auf einen beliebten Einwand anspielend, daß das Allgemeine, Generelle (z. B. Massenkatastrophen) stets dem Individuellen, dem Einzelschicksal vorangehe (S. 25ff).

    Man sieht, wie alt die Spannung zwischen Magie und Ratio in der Astrologie ist: Sie soll nicht magisch sein und kann, so wie sie war und auch heute noch ist, nicht vollends rational aufgelöst werden. Andererseits ist hier schon vor fast 2000 Jahren ein Gedanke ausgedrückt, der heute bei Thomas RING und der von ihm vertretenen "Revidierten Astrologie" unter dem Stichwort Aussagegrenze wiederzufinden ist. (RING 1956, 51ff)

     

    Thomas RING ist der im deutschsprachigen Raum wohl bekannteste Vertreter der Klassischen Astrologie, wie sie, von kleineren Abweichungen abgesehen, heute i.d.R. verstanden wird. Seine Lehrbücher gehören aber auch in vielen anderen Richtungen zu den Standardwerken (RING 1956, 1969a, 1969b).

    RING unternimmt den Versuch, eine Brücke zu schlagen zwischen den Bildern und Symbolen der astrologischen Tradition und modernen biologischen und tiefenpsychologischen Erkenntnissen. In der langen Geschichte der Astrologie wurden den Bildern und Symbolen immer wiederauch konkrete, auf den Alltag beziehbare "Entsprechungen" - oft in Form kochbuchartiger Rezepte - beigegeben, deren Ursprung in diesen Symbolen dann vergessen wurde, so daß sie als starre, fatalistische Regeln Anwendung fanden. Solche Entsprechungen, die aus mittelalterlichen Lehrbüchern gut bekannt sind (MATERNUS 1975), enthalten teilweise allerdings auch sorgfältige Beobachtungen, und RING versucht in seinen Büchern, aus diesen Beobachtungen wieder das Ursprüngliche oder Eigentliche der Bedeutung herauszuschälen. Auf diese Weise wird gleichzeitig die fatalistisch mißzuverstehende Entsprechungsregel relativiert.

     

    Es ist ein "hermeneutisches" Vorgehen, den Sinn des überlieferten Gebäudes Astrologie auf seine "Ur-Bedeutung" hin zu untersuchen, Beimengungen und Ballast aussondernd. Neue Erkenntnisse werden in das Gebäude aufgenommen, wenn sie "denknotwendig und empirisch bewährt" sind, wie Thomas RING es in einem Gespräch mit dem Verfasser einmal ausdrückte.

    So wie es beim hermeneutischen Prozeß immer schon eines Vorverständnisses bedarf, das den Rahmen möglicher Ergebnisse der Deutung zugleich erst ermöglicht und auch begrenzt ("Hermeneutischer Zirkel"), bedarf es für die Astrologie dieser Art einer Vorstellung über die Natur des Zusammenhangs Kosmos-Mensch. Dieser wird aufgefaßt als ein mit den Mitteln kausal-analytischer Forschungsweise nicht voll erfaßbarer "Entsprechungszusammenhang" (siehe dazu Kapitel 4).

     

    Ähnlich wie für PTOLOMAEUS gelten für Thomas RING Aussagen aus dem Horoskop nur relativ, und zwar vor dem Hintergrund eines aus dem Horoskop selbst nicht erschließbaren biologischen "Erbes einschließlich der Individuationsstufe, der Umwelt einschließlich der sozialgeschichtlichen Lage sowie endlich des SELBSTBESTIMMENDEN FAKTORS (Hervorhebung d. Verf.)." (1956, 52)

    Individuationsstufe bedeutet ihm dabei das Maß der Entwickeltheit an sich vorhandener Anlagen. Die Entwicklung eigener Anlagen wird ja immer durch die Möglichkeiten der entsprechenden Kultur begrenzt, aber auch durch individuelle Lebensumstände. Daher können eine Reihe von Entsprechungen, die für einen Europäer möglich sind, nicht auf einen Indianer angewandt werden, aber auch solche, die für einen hochdifferenzierten Menschen anwendbar sind, nicht auf einen undifferenzierten Menschen angewandt werden. Ein grobes - allerdings oft fehlleitendes - Maß dieser sog. Differenziertheit ist dem "blind" diagnostizierenden Astrologen das Bildungsniveau - objektivierbar meist nur als Aus-Bildungsniveau.

    Die Individuationsstufe bestimmt also die Differenziertheit der möglichen Deutung mit. Fast noch wichtiger ist RING der selbstbestimmende Faktor: So wie Niveaufragen, so sind auch Fragen der ethischen Haltung auf der Basis des Horoskops allein nicht beantwortbar. Man kann eben ein und dasselbe "Thema" auf sehr unterschiedliche Weise "leben".

     

    Eigentlich müßte diese Einschränkung bei der Deutung, fatalistischen Vorstellungen zum Trotz, jedem Astrologen einleuchten, wenn er sich klar macht, daß die Interpretation eines Horoskops ja für alle Menschen möglich sein soll: für "primitive" wie für "hochzivilisierte", für den römischen Soldaten wie für den NATO-Offizier, für den afrikanischen Zulu wie für den englischen Oxford-Studenten, für den Rentner wie für den Bundeskanzler. Nun arbeitet die Astrologie aber nur mit einer begrenzten Zahl von Symbolen, und es ist einleuchtend, daß die Entschlüsselung dieser Symbole jedesmal in der konkreten Entsprechung etwas anderes bedeuten muß, wenn man sie auf einen Zulu anwendet oder den Bundeskanzler, daß nur das Prinzipielle in beiden Fällen gleich sein kann.

    So sind Aussagen über Geld z. B. nur sinnvoll in einer Gesellschaft, in der es Geld oder zumindest Tauschhandel gibt. Da aber ein und dieselbe Gestirnkonstellation potentiell Aussagen für ein Neugeborenes in jedem Teil der Erde abzuleiten gestattet (gestatten müßte), können die gesellschaftlichen Umstände nicht aus der Gestirnkonstellation erschlossen werden; also können auch Geldangelegenheiten nicht direkt in astrologischen Symbolen verschlüsselt sein.

     

    Thomas RING dazu:

    • "Wenn das zweite Feld vulgär das 'Haus der Finanzen' heißt, so trifft dies zweifellos die meist erfragte Seite der Auswirkungen. Für den Durchschnitt der Menschen steht Erwerb und Besitz im Mittelpunkt, sofern sich die Sonne in diesem Feld befindet. Die Bedeutung des EIGENTUMS indes besteht nicht in der privaten Finanzlage als solcher, sondern in der sicheren GRUNDLAGE DER EIGENPERSON ..., und was als 'Aneignungstrieb' hierher gehört, hängt ab von der materiellen Lage, in die man hineingeboren ist, der Entwicklungshöhe und manchem anderen. Niemand kann von Karl MARX (Sonne im 2. Feld im Stier) behaupten, daß er persönlich Reichtümer zu sammeln bestrebt war. Als Student sprang er unbekümmert mit den Mitteln des Vaters um, später, besonders infolge der großzügigen Unterstützung durch Friedrich Engels, regelten sich ihm die materiellen Verhältnisse im Ganzen genommen ohne sein Zutun. Dennoch, eben dadurch ermöglicht, kam die Lebensaufgabe zum Vorschein, die im zentralen Punkt seiner Struktur vorgezeichnet lag: die geschichtlichen Vorgänge aus dem Besitz an gesellschaftlichen Produktionsmitteln zu erklären." (1969, 52)
  • Es gibt, in jeder konkreten Umwelt "ausgetretene Pfade" für die Kanalisierung bestimmter Ur-Bedürfnisse und grundlegender Konflikte. Das Verhältnis zum Ur-Thema "materielle Sicherheit" manifestiert sich in unserer Kultur am einfachsten im Verhältnis zum eigenen Bankkonto. Daß das nicht zwingend so sein muß, macht das Beispiel von Karl Marx einsichtig, daß es aber in den meisten Fällen so ist, könnte die Ursache der subjektiven Sicherheit "fatalistisch deutender" Astrologen sein. Nur "der Weise" regiert eben seine Sterne (um noch einmal THOMAS VON AQUIN zu zitieren).

     

    Für Thomas RING symbolisieren die astrologischen Deutungselemente biologische Grundprinzipien und, damit im Zusammenhang stehend, psychologische Ur-Sachverhalte: Versucht man einmal, das Phänomen "Leben" nicht nach biologischen (biophysikalischen, biochemischen) Ordnungsprinzipien einzuteilen, sondern sucht nach übergreifenden, auf alles Lebendige gleichermaßen anwendbare Prinzipien, Grundnotwendigkeiten des Lebens schlechthin, so findet man, recht gedeutet, im System der Astrologie dafür ein gutes Vorbild. In der beschriebenen Form wurde das wohl erstmals von dem französischen Biologen R.H. FRANCE in seinem Werk "Bios" (1921) getan. Thomas RING lehnte sich an das System von FRANCE bei der Formulierung seiner "Revidierten Astrologie" auch an.

     

    Der Planet Saturn verkörpert in diesem Sinne das biologische Grundprinzip "Integration". Damit sind auf der biologischen Ebene die im Organismus wirksamen Mechanismen der Wahrung der "Integrität" des Organismus gemeint. Zu diesen Mechanismen gehören neben anderen (z. B. der Formgebung und Abgrenzung) sicherlich solche, die die Unversehrtheit (Sicherheit) des Organismus gewährleisten müssen. Der Schutz der körperlichen Unversehrtheit erfordert ein hochkomplexes Interagieren von Systemen, wobei u.a. die Organe der Schmerzempfindung eine besondere Rolle spielen: Schmerz als Alarmsignal oder Hinweisreiz auf eine innere oder äußere Gefahr. Unter dem Gesichtspunkt der Sicherung entspricht dem Schmerz auf einer mehr psychischen Ebene die Angst. Auch Angst ist ein Hinweisreiz, ein Alarmsignal.

    Die Stellung Saturns im Horoskop eines Individuums gibt nun nach Auffassung der Astrologen Auskunft darüber, welchen prinzipiellen Stellenwert der Antrieb "Sicherung der Unversehrtheit" im Vergleich zu anderen Antrieben für dieses Individuum hat und in welcher prinzipiellen Art und Weise dieser Antrieb sich zu realisieren wünscht.

     

    Eine "dominante" Stellung Saturns in einem individuellen Horoskop würde auf einen im Vergleich zu anderen Antrieben stark ausgeprägten Sicherheits-"Trieb" schließen lassen. Psychisch betrachtet würden Sicherheit - und damit indirekt i.d.R. auch Angst und Schmerz - zum Thema für das betreffende Individuum. Eine dominante Stellung Saturns wäre also eine Art Indikator für die besondere Sensibilität diesem Thema gegenüber. Selbstverständlich hat eine solche Sensibilität lebensgeschichtlich dann meist auch Folgen: Das Individuum tendiert dazu, diesen Themenbereich akzentuiert wahrzunehmen, wodurch im Laufe der Zeit entsprechende Ausrichtungen der Interessen und Handlungen wahrscheinlich werden.

    Ein andere Antriebskraft im gerade beschriebenen Sinne wird von FRANCE mit dem Begriff "Selektion" bezeichnet: die allem Lebendigen zum Überleben notwendig innewohnenden Tendenz, sich Lebensraum zu erkämpfen bzw. diesen zu verteidigen. Dieses Prinzip, diese Antriebskraft wird astrologisch durch den Planeten Mars symbolisiert.

     

    Planeten repräsentieren also grundlegende Antriebe, die als charakteristisch für Lebendiges schlechthin angesehen werden, "Grundnotwendigkeiten" für die Existenz von Leben. Die Astrologie faßt dabei Phänomene zu einer Einheit zusammen (Organsysteme, psychische Verfassungen, Handlungen und Schicksalstendenzen), die in der uns vertrauten "analytischen" Denkweise u.U. schwer auf einen Nenner zu bringen sind. Es handelt sich eben um Symbole, genauer: um "Archetypen des kollektiven Unbewußten" (JUNG 1976.). Symbole repräsentieren komplexe, ggf. in sich widersprüchliche Sachverhalte, die analytisch, manchmal mit den Mitteln der Sprache überhaupt, nicht vollständig ausdrückbar sind (siehe Kap. 4.3).

    Jeder Planet wird nun nach seiner Stellung im Tierkreis und in den Feldern in seiner Bedeutung näher bestimmt. Die Stellung in den Tierkreiszeichen gibt einen Hinweis auf die Art und Weise, den "Stil" der Äußerung des durch den Planeten symbolisierten Antriebs. In bezug aufdie Deutung der Saturnstellung ginge es also um die Frage, in welcher grundlegenden Weise der Sicherheits-"Trieb" gelebt wird. Bei einer Stellung des Saturns im Zeichen Stier würde sich der Antrieb "stierhaft" realisieren, was unter einem bestimmten Blickwinkel als die Tendenz zur Beharrung erscheinen würde, bei der Veränderung als potentielle Gefahr empfunden wird. Im Zeichen Jungfrau wäre die dominierende Form der Befriedigung der eigenen Sicherheitsbedürfnisse vielleicht Genauigkeit, Sorgfalt. Im Zeichen Widder vielleicht eine "immerwährende Kampfbereitschaft" usw.

     

    Die Tierkreiszeichen bestimmen also die "Äußerungsdynamik" eines Antriebs. - Die Felder schließlich repräsentieren grundlegende "Erfahrungsbereiche", grundlegende "Themen", die für alles Leben gleichermaßen bedeutsam sind. Das schon angesprochene 2. Feld z. B. repräsentiert das Thema "Bereitstellung (Beschaffung) der materiellen Grundlagen der Existenz"; das 5. Feld das Thema "Fortpflanzung", das 10. Feld das Thema "meine Position in dem Kollektiv, dem ich angehöre": Im Falle eines Menschen ist das die Gesellschaft, der Stamm, die Nation usw., im Falle eines Huhnes die Stellung in der "Hackordnung".

    Das Feld, in dem Saturn bei der Geburt steht, wäre der Erfahrungsbereich, in dem mein Sicherheits-Trieb besonders stark ausgeprägt ist. Sollte Saturn im Feld 2 stehen, würde also ein besonderes Bedürfnis nach materieller Sicherheit gefolgert werden, das im Extrem durchaus zu Geiz führen kann. In der "Vulgär-Astrologie" wird aus dieser Ableitung der möglichen psychischen Bedingungen für geiziges Verhalten die starre, fatalistische Regel: Saturn im 2. Feld bedeutet Geiz.

     

    Die letzte wesentliche Gruppe klassischer Deutungselemente sind die Winkelbeziehungen zwischen den Planeten und Bezugspunkten des Horoskops, die Aspekte. Stehen zwei Planeten miteinander im Aspekt, so wird das als ein Aufeinander-Bezogen-Sein dieser beiden Antriebe gedeutet. Astrologen unterscheiden dabei zwei grundlegende Klassen von Aspekten: die analytischen und die synthetischen Aspekte. Zwei in einem analytischen Aspekt zueinanderstehende Planeten symbolisieren zwei Persönlichkeitsanteile, die für den Horoskopeigner schwer "auf einen Nenner" zu bringen sind; ein synthetischer Aspekt dagegen deutet auf die Fähigkeit, selbst da eine Synthese finden zu können, wo sie dem äußeren Beobachter evtl. schwer möglich erscheint.

     

    Diese Art der Deutung sei am Beispiel eines Aspektes zwischen Mars und Saturn verdeutlicht. Wenn man vereinfachend Mars für den Drang nach Durchsetzung und Saturn für das Sicherheitsbedürfnis setzt, so würde ein analytischer Aspekt zwischen beiden auf einen Konflikt zwischen selbstbehauptenden und sichernden Impulsen im Individuum hindeuten. Das Individuum tendiert dazu, eine Befriedigung seiner Bedürfnisse nach Selbstbehauptung als gefährlich zu erleben, eine Befriedigung seiner Sicherungsbedürfnisse entsprechend als einschränkend und als Selbstbeschneidung. Es ist also für diese Konflikt-Dimension im Leben aufgrund seiner "kosmischen Natur" besonders sensibilisiert. Dies wird, wie man sich leicht vorstellen kann, wiederum zu charakteristischen Handlungsweisen und Schicksalstendenzen führen. Es ist nachvollziehbar, daß Thomas RING zu diesem Aspekt das Stichwort "Affektstau" angibt.

    Die gleichen zwei Planeten in einem synthetischen Aspekt zueinander würden beim Horoskopeigner dagegen die Fähigkeit symbolisieren, beide Persönlichkeitsdimensionen zu einer "Synthese" zu führen. Eine naheliegende Form der Realisierung könnte durch das Motto: "Angriff ist die beste Verteidigung" ausgedrückt werden.

     

    Die analytischen Aspekte, die den Akzent auf das "Unvereinbare" zweier Persönlichkeitsanteile legen, schaffen i.d.R. Probleme mit sich selbst und der Welt. Diese Aspekte haben daher in der Vulgär-Astrologie einen schlechten Ruf. Sie scheinen dem Glück im Wege zu stehen. Man kann sie aber auch als Herausforderungen sehen. Sie schaffen Problembewußtsein. Ein solches Problembewußtsein ist häufig die Vorbedingung für Lernen und damit für Erfolg:Dies ist die "aufgeklärte" Deutung analytischer Aspekte, die früher, im Gegensatz zu den "harmonischen" (synthetischen), die "disharmonischen" oder einfach die "schlechten" Aspekte genannt wurden.

    Deutet man die Position aller Planeten in der angedeuteten Weise bezüglich ihrer Stellung in Tierkreis und Feld sowie den Aspekten zueinander, so erhält man ein differenziertes Bild einer Persönlichkeits-Dynamik. Das Vorgehen hat, sieht man von den verschiedenen "Ausgangs-Daten" ab, Ähnlichkeit mit der Deutung einer Handschrift oder der Interpretation eines (projektiven) Tests.

     

    Die hier beschriebene Art, Astrologie aufzufassen, entspricht, von methodischen Einzelheiten abgesehen, der heute allgemein akzeptierten Auffassung über Astrologie. Dies wird zum einen durch das "Thesenpapier astrologischer Vereinigungen" dokumentiert (siehe Fußnote 11), zum anderen durch die (erfolgreichsten) astrologischen Neu-Veröffentlichungen: Diese stammen nämlich in vielen Fällen von Psychotherapeuten (ARROYO 1981, GREENE 1978, RIEMANN 1976) oder zeigen eine eindeutige Orientierung in Richtung Psychologie (MEYER 1980, MERTZ 1979).

     

    Natürlich gibt es weiterhin eine "astrologische Grauzone" sowie die von seriösen Astrologen als "Vulgär-Astrologie" bezeichnete "Wahrsagerei" in den Horoskopspalten der"Regenbogen-Presse". Da Astrologieoffiziell nicht ernst genommen wird, so daß die Ausübung der astrologischen Beratungstätigkeit keiner Kontrolle unterliegt, können ernsthaft arbeitende Astrologen sich derzeit schlecht dagegen wehren, mit solchen Randerscheinungen "in einen Topf geworfen" zu werden. Jedermann darf sich derzeit Astrologe nennen, Beratungen durchführen und Artikel oder Bücher schreiben. Von dieser Freiheit wird, leider nicht zum Wohle der Astrologie, ausgiebig Gebrauch gemacht.

    Darüber hinaus wird neben dieser Form der Deutung des sog. "Radix-Horoskops" weiterhin astrologische Prognose betrieben. Sie hat jedoch ein weit geringeres Gewicht als allgemein angenommen wird, wie sich leicht an den Themen auf astrologischen Fachtagungen und Kongressen belegen ließe. Auch der Zweig der Mundan-Astrologie (auf ganze Kollektive bezogene Formen der Deutung von Konstellationen) sowie der Wirtschafts-Astrologie (Firmen-Horoskope) erfreut sich nach wie vor regen Interesses. All diese Zweige der Astrologie sollen nicht Gegenstand der Erörterungen in dieser Arbeit sein.

     

     

     

     

     

     

    • III. Einleitung
    • "Galileis Meinung über die Theorie, nach der die Gezeiten vom Mond verursacht seien, lautete kurz und bündig: 'Astrologischer Unsinn'."
  • Es ist eine grundlegende menschliche Erfahrung, daß wir uns täuschen können. Wir sehen etwas, das nicht existiert, weil wir beim Sehen auch immer etwas in die Welt "hineinsehen" (z. B. "Gestalten"), wir übersehen etwas, das doch da ist, weil wir es da nicht erwarten. Wir schließen oder folgern, aber wir irren uns, weil wir Parameter nicht berücksichtigt haben, die Gesetze nicht genügend kennen oder weil unsere Ableitungsregeln falsch sind oder fehlerhaft benutzt wurden. Wir deuten, doch unsere Interpretation (eines Gesichtsausdrucks vielleicht) erweist sich als falsch usw.

     

    Wenn wir uns täuschen, so können wir in vielen Fällen die Täuschung direkt erkennen: Wir erreichen erstrebte Ziele nicht, erwünschte Effekte bleiben aus. Es gibt jedoch sehr viele Fälle, in denen wir nicht auf diese Weise korrigiert werden (können), z. B. wenn die von uns bewirkten Effekte vieldeutig sind, wenn Tatsachen unterschiedlich interpretiert werden können. In der Rechtsprechung ist die Folge ein "Justiz-Irrtum" (besonders bei sog. Indizien-Beweisen), in den Wissenschaften allgemein ein (partiell) falsches Weltbild, im Alltag spricht man von "Aberglauben". Die menschliche Geschichte ist voll solcher Irrtümer, und in fast allen Fällen handeln (handelten) die betroffenen Menschen mit einem Gefühl großer subjektiver Sicherheit.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • III. 1: Die Relativität erkenntnistheoretischer Positionen
  • Welche grundsätzlichen Möglichkeiten haben wir, uns gegen Täuschung zu sichern? In der Auseinandersetzung mit dieser Grundfrage aller Erkenntnistheorie: "Wie ist zuverlässige Erkenntnis möglich?" (HABERMAS 1973, 11) wird uns heute nach Jahrtausende langem Suchen die Relativität und Vorläufigkeit einer jeden erkenntnistheoretischen Position deutlich. "Jeder einseitige Wissenschaftsbegriff mußte bisher zurückgenommen werden; der Fortschritt der Wissenschaft ist eine einzige Geschichte der Zertrümmerung einseitiger Wissenschaftsbegriffe, wie sie jeweils nach dem Vorbild e i n e r Wissenschaft gebildet worden sind." (ROMBACH 1974a, 13) "Man muß es daher jeder Wissenschaft selbst überlassen, was sie als legitime Methode ansieht und welche Aussagen sie daher als 'wissenschaftliche' Aussagen anzunehmen geneigt ist." (SEIFFERT 1974, 79)

     

    Wir bewegen uns in der Erkenntnistheorie offenbar nicht auf einem "gesicherten Boden", sondern in der Sphäre des Meinens. Wie anders ist es möglich, daß in der Philosophiegeschichte gerade die Größten häufig das Gegenteil dessen vertreten, was ihre ebenso "großen" Kollegen vertreten? Es handelt sich offensichtlich um Standpunkte, zumindest was die elementaren Grundentscheidungen angeht, die am Anfang jeder Philosophie stehen.

    Überwiegt bei den früheren Philosophen bezüglich dieser Standpunkte noch die Auffassung, daß es sich dabei um evidente Sachverhalte, um Axiome im Sinne "erster, unvermittelter Einsichten" handle, so z. B. bei ARISTOTELES (HIRSCHBERGER 1965, 177), aber auch noch bei DESCARTES, so sehen spätere Philosophen darin oft nur noch Setzungen,zu denen man sich entscheiden muß - so z. B. FICHTE (1762-1814). HᅵBNER (1978, 200ff, 269ff) hebt allerdings hervor, daß diese Setzungen nicht völlig willkürliche sind, wenn sie auch nicht notwendig sind: Sie sind in einer gegebenen historischen Situation mehr oder weniger angemessen, und ihre Angemessenheit läßt sich begründen. Die Berechtigung der zuletzt genannten Auffassung wird am Beispiel der Geometrie besonders deutlich: Die Entwicklung der nicht-euklidischen Geometrie zeigt, daß auch sehr plausible und "unmittelbar einsichtige" Annahmen - die Axiome der euklidischen Geometrie -, die zwei Jahrtausende unangetastet gegolten haben, nur für bestimmte Bereiche der Wirklichkeit angemessen, fruchtbar sind. Ebensolches gilt für die scheinbar selbstverständlichen Regeln der Aristotelischen Logik, die zur Beschreibung von Vorgängen im Bereich der Elementarteilchen offensichtlich nicht ausreichend sind und modifiziert wurden ("Quantenlogik")

     

    Trotz aller Relativität der Standpunkte im eben angesprochenen Sinne hat die Wahl eines solchen Standpunktes einschneidende Folgen. Die daraus folgenden Setzungen prägen ggf. Jahrhunderte hindurch das, was Menschen zulassen und weiterverfolgen oder verwerfen, was sie wachsen lassen oder bekämpfen. Heutzutage gilt das Etikett "wissenschaftlich" vielen als "Gütesiegel" einer Erkenntnis. Wissenschaftlich gilt als Synonym für objektiv, gesichert oder zumindest geprüft, manchmal einfach als Synonym für vernünftig, im Gegensatz zu subjektiv, geglaubt oder irrational. Doch dieser Standpunkt ist überholt. "Es gibt weder absolute wissenschaftliche Tatsachen, noch absolut gültige Grundsätze, worauf sich wissenschaftliche Aussagen oder Theorien im strengen Sinne stützen oder mit deren Hilfe sie zwingend gerechtfertigt werden können." (HᅵBNER 1978, 190). Wir vergessen gern, wie eng bei den Pionieren unserer heutigen Weltsicht (Descartes, Galilei, Newton, Leibniz) rationale Argumentation mit "irrationalen" Glaubenssätzen, religiösen Überzeugungen verknüpft war, oft von daher sogar die Rechtfertigung für bestimmte wissenschaftliche Axiome genommen wurden (HᅵBNER, 1985, 28ff).

     

    Das Argument, daß es keine Wahrheitsgarantie gibt, daß gerade auch die Selbstverständlichkeiten unserer Weltsicht, z. B. die Regeln der Logik (!), keine allumfassende Gültigkeit beanspruchen können, wird von den "Praktikern", den "Forschern vor Ort" in seiner Tragweite und Schärfe meist nicht erkannt. Nach v. WEIZSÄCKERs Auffassung ist anders Wissenschaft auch gar nicht möglich: Sie wird nur möglich, weil man sich bestimmte Fragen nicht stellt. Gerade diese Selbstverständlichkeiten gehen aber als "Maßstab", als "das, worauf man sich ohne weitere Prüfung verlassen darf", in unsere Prüfungsmethoden ein, auf sie wird rekurriert (bei jeder Argumentation), an ihnen wird alles gemessen.

    Zu diesen Selbstverständlichkeiten gehören z. B. auch unhinterfragte Vorstellungen darüber, worauf es ankommt beim Forschen, woran Forschung sich zu bewähren hat. Aus den Naturwissenschaften wurde z. B. das Kriterium des Vorhersage-Erfolgs übernommen: Wissenschaft muß in der Lage sein, bei gegebenen Randbedingungen zukünftiges Geschehen zu prognostizieren. In der erfolgreichen Prognose erweist sich die Richtigkeit, die "Wahrheit" ihrer Annahmen, Theorien und Gesetze. HABERMAS sieht darin ein implizites, d.h. nicht auf die subjektiv empfundene Motivation des Forschers bezogenes, sondern durch die Vorgehensweise bedingtes, "technisches Erkenntnisinteresse" der Naturwissenschaften (HABERMAS 1968, 146ff), ein Interesse an "Verfügung über Natur". Dies gilt auch für die psychologische Forschung in weiten Teilen. "Der Psychologe soll menschliches Handeln besser kontrollierbar machen, sei es nun in der Eignungsdiagnostik, sei es in der Werbepsychologie, der Erziehungsberatung, der forensischen Psychologie usw." (HOLZKAMP 1972, 19).

     

    Die Orientierung an diesem Erkenntnisinteresse führte in den Sozialwissenschaften zum "Operationalismus": "Im Allgemeinen versteht man heute darunter die Forderung, Begriffe so zu formulieren, daß jederzeit darüber entschieden werden kann, ob der Begriff zutrifft oder nicht." (KLᅵVER 1974, 104). Es geht also um Gewährleistung von "Meßbarkeit" der verwendeten Begriffe, um Quantifizierung. Die Frage ist, ob alle für die Sozialwissenchaften relevanten Dimensionen in einem nicht-trivialen Sinn operationalisierbar und damit quantifizierbar sind. Dies bestreiten nicht nur Wissenschaftstheoretiker, z. B. SEIFFERT (1973, 28) oder

     

    von WEIZSÄCKER, auch methodenbewußte Sozialwissenschaftler halten diese Behauptung für extrem und unvernünftig (KERLINGER 1973, 32).

    Für die astrologische Forschung ist dies von entscheidender Bedeutung. Es geht dabei um die Frage, ob die Dimensionen der im Horoskop sich zeigenden Strukturen quantifizierbar und damit einer statistischen Analyse zugänglich sind oder nicht. Dies wird ausführlich in den Kapiteln 4 und 5 diskutiert werden.

     

     

    • III. 2: Wissenschaft und Mythos
    • „Wenn man nicht gegen den Verstand verstößt, kann man überhaupt zu nichts kommen." Albert Einstein
  • Nehmen wir einmal hypothetisch an, daß das magische Gesetz, daß alles mit allem auf subtile Weise verbunden sei und aufeinander wirke, richtig sei (siehe auch HᅵBNER 1985, 345). Ist es möglich, daß sich dieses Gesetz in einer Welt, deren Gegenstände durch "Operationalisierung" konstituiert werden - der "Meßraum" der Sozialwissenschaftler - als "wahr" oder "überprüfbar" erweist?

    Dies ist schon deshalb nicht möglich, weil die Aussage nicht "passend" für die Absicht einer Prüfung formuliert ist, also zu unspezifisch und allumfassend ist. Dieses "Gesetz" ist in Wirklichkeit wohl auch eine "Setzung", deren Annahme oder Zurückweisung eine elementare Grundentscheidung darstellt. Es ist eben in Wirklichkeit kein Gesetz, auch keine Hypothese, es ist ein Axiom - man sollte besser sagen: eine zentrale metaphysische Annahme, etwa im Sinne eines "Paradigmas" (KUHN 1979). Und es gab und gibt Völker, für die dieses Axiom eine Plausibilität besitzt, die der Plausibilität der Regeln der Aristotelischen Logik in nichts nachsteht. Wir müssen uns fragen, ob die logische Regel des "Tertium non datur" nicht ebenso "unspezifisch und allumfassend" ist. Sie ist auch nicht "prüfbar". Sie ist eben eine bei uns gängige und gemeinhin akzeptierte "metaphysische Grundannahme", die zudem in der Quantenlogik sogar außer Kraft gesetzt ist, denn dort gibt es für eine Aussage noch die dritte Möglichkeit, neben wahr oder falsch, nämlich "unbestimmt". (HᅵBNER 1978, 171)

     

    Wenn es sich bei dieser Grundregel der Magie nun also um ein Axiom handelt, an dem alles geprüft wird, selbst nicht überprüft (weil auch nicht überprüfbar), aber "plausibel", "vernünftig", dann werden mit Sicherheit andere Gegenstände in dieser Welt "gefunden", andere Zusammenhänge entdeckt, genauso wie nach einem "Paradigma-Wechsel" im Sinne KUHNs. Dabei werden vielleicht teilweise andere "Ableitungsregeln" anwendet als die der Logik, andere "Meßinstrumente" entwickelt als die in unseren Wissenschaften gebräuchlichen. (HᅵBNER 1985, 257ff)

     

    Obwohl es unseren gewohnten Denkweisen kraß zuwiderläuft, könnte man einige Folgerungen überlegen, die aus der möglichen Angemessenheit oder "Richtigkeit" des gerade beschriebenen Axioms zu ziehen wären. Wenn alles mit allem verbunden ist, so sind auch meine Gedanken und Überzeugungen mit der Welt der körperlichen Objekte verbunden. In einem gewissen Sinn müßten dann meine Gedanken auch direkte Auswirkungen auf die physische Welt haben. Diese Vorstellung, daß Gedanken eine Realität sind bzw. als solche bereits eine Realität schaffen, wird von vielen fernöstlichen Weisheitslehrern vertreten. Daß psychische Sachverhalte "konstellierend" auch in der Welt physischer Objekte "wirken", ist auch die Auffassung von C. G. JUNG, der das Zustandekommen paranormaler Phänomene mit der "anordnend wirkenden Kraft der Archetypen" in Verbindung bringt (JUNG/PAULI 1952).

     

    Der Philosoph EDGE erwägt konsequenterweise bei der Diskussion paranormaler Phänomene die Möglichkeit, daß der Glaube an bestimmte Realitäten möglicherweise diese Realitäten tatsächlich erschafft - und dies meint er nicht metaphorisch -, daß Glaube also die Welt tatsächlich verändert. In bezug auf die Außersinnliche Wahrnehmung (ASW) überlegt er: "Der Glaube an ASW würde diese zum Faktum werden lassen." (1974, 106)

    Die Tatsache, daß solche Gedankengänge für viele Wissenschaftler an der Grenze des Erträglichen liegen und in Diskussionen zu rüden polemischen Diskreditierungen führen, entwertet diesen Gedanken nicht. LEIBNIZ bezichtigte NEWTON auch, "okkulte Qualitäten" in die Physik einzuführen, die nichteinmal der liebe Gott verstehen könne, als dieser seine Theorie der Gravitation vorstellte.

     

    Die radikalsten Folgerungen aus solchen Überlegungen hat bisher FEYERABEND gezogen: Seiner Meinung nach gibt es verschiedene Formen von Erkenntnis, zwischen denen man sich entscheiden muß (1979, 299). Dabei steht die Wissenschaft

    • "dem Mythos viel näher, als eine wissenschaftliche Philosophie zugeben möchte. Sie ist eine der vielen Formen des Denkens, die der Mensch entwickelt hat, und nicht unbedingt die beste. Sie ist laut, frech und fällt auf; grundsätzlich überlegen ist sie aber nur in den Augen derer, die sich schon für eine bestimmte Ideologie entschieden haben, oder die die Wissenschaft akzeptiert haben, ohne jemals ihre Vorzüge und Schwächen geprüft zu haben." (a. a. O., 388).
  • FEYERABEND scheut sich nicht, geheiligte Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens über Bord zu werfen. Er geht so weit, explizit eine Verletzung der Regeln der Logik zu fordern, sogar eine Verletzung des Prinzips, das intuitiv als das einleuchtendste erscheint: Er fordert das Zulassen von Widersprüchen. "Solche Betrachtungen werden gewöhnlich mit dem kindischen Hinweis kritisiert, aus einem Widerspruch folge jede beliebige Aussage." (1979, 36,) Doch "Regeln müssen verletzt werden", denn eine Wissenschaft, die Widersprüche zuläßt, ist "fruchtbarer" (FEYERABEND 1979, 35/36).

    Wegen seines unbequem-radikalen In-Frage-Stellens möchten manche Wissenschaftler FEYERABEND gern als Sonderling, als das "enfant terrible" der Wissenschaftstheorie abtun (DUERR 1980 u. 1981). Doch "traditionelle Wissenschaftstheoretiker können ihn nicht links liegen lassen, denn er ist in der Lage, jederzeit äußerst kenntnisreiche und erhellende - oder verletzende - Untersuchungen über Probleme oder Personen zu veröffentlichen." (RAVETZ 1980)

     

    • "Wenn die Wissenschaftstheorie ihren Sinn überhaupt darin sieht, zum Verständnis wissenschaftlicher Tätigkeit beizutragen, dann verursachen seine Untersuchungen zum Verhalten bedeutender Wissenschaftler durchaus Unbehagen." (ebd. S. 29)
  • Auch wenn die meisten Wissenschaftstheoretiker nicht so weit gehen und mit FEYERABEND eine "anarchistische Erkenntnistheorie" propagieren - womit FEYERABEND übrigens den ursprünglich sehr positiven Sinn des Wortes Laie wiederherstellt, so findet man wesentliche Teile seiner Argumentation und seiner Forderungen

     

     

     

     

     

     

    auch schon früher und bei anderen Autoren.

     

    In unserem Zusammenhang ist dabei die von seiner Seite, aber auch anderen Wissenschaftstheoretikern (unterschiedlichster Orientierung) erhobene Forderung nach Öffnung, zumindest aber Toleranz gegenüber mythischen, ja sogar magischen Vorstellungsinhalten von besonderem Interesse (DUERR 1981, FEYERABEND 1979, JANTSCH 1980, HᅵBNER 1985, ROMBACH 1974a, 24). Zwar ist nicht jeder in der Lage, der selbst aufgestellten Forderung nach "Universaler Toleranz" in seiner eigenen Argumentation auch treu zu bleiben, doch werden auf diese Weise bislang tabuierte, als pseudowissenschaftlich eingeordnete ("und also nicht weiter ernst zu nehmende") Grenzgebiete unseres Wissens in Kreisen der "etablierten Wissenschaften" nach und nach gesellschaftsfähig. (FEYERABEND/THOMAS 1985)

     

    War im antiken Griechenland der "Übergang vom Mythos zum Logos" (ROMBACH 1974, 7) Zeichen eines sich emanzipierenden Menschen, so scheint heute die Relativierung unserer Rationalität durch den Mythos Zeichen einer neuen Stufe der Emanzipation, insofern wir es uns leisten können, die ggf. innovierende Kraft mythischer und magischer Vorstellungen in unser Bemühen um das Veständnis unserer Welt zu integrieren. Der sog. "Übergang vom Mythos zum Logos" bedeutete damals nämlich eigentlich nur die Loslösung vom bloßen "Glauben", dem Weitergeben des Tradierten, und die Hinwendung zum "Begründen", dem "Überzeugen aufgrund von Beweisen" (HIRSCHBERGER 1965, 16). Insofern ist unsere heutige neue Hinwendung zum Mythos auch kein "Rückfall"; denn sie ist ja nicht eine erneute Hinwendung zu "Glauben" und "Weitergeben des Tradierten", sondern beinhaltet hauptsächlich eine alternative Vorstellung über das, "was die Welt im Innersten zusammenhält" (siehe auch HᅵBNER 1985, 409ff).

     

    Es ist auffällig, daß gerade Wissenschaftler aus dem Bereich, dessen "erkenntnisleitendes Interesse" nach HABERMAS das technische ist (s.o.), durch ihre neueren Forschungen zu einem Wirklichkeitsbegriff gelangen, der nach Ansicht von HEISENBERG (1972) eine positive Beziehung zu überlieferten Ideen des fernen Ostens hat. Schon NEWTON hatte mit dem quantitativ Faßbaren nur eine methodische Abstraktion im Sinn gehabt und hatte dem Rest die Realität nicht bestreiten wollen (siehe Kapitel 1). Ähnlich scheinen in unserer Zeit Wissenschaftler wie HEISENBERG, PAULI (JUNG/PAULI 1952), EINSTEIN oder WEIZSÄCKER zu denken, ganz abgesehen von den Wissenschaftlern, die man als Exponenten des sog. "New Age" bezeichnen könnte, wie z. B. KOESTLER (1970, 1972), CAPRA (1982), JANTSCH (1979, 1980), DUERR (1981, 1981a), HᅵBNER (1985) und, last not least, FEYERABEND.

     

     

    • III. 3: Was sind (wissenschaftliche) Tatsachen?
    • „Der beste Gottesbeweis nutzt nichts, wenn er nicht geglaubt wird."
  • Die Angemessenheit bestimmter wissenschaftlicher Methoden läßt sich unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutieren: Man kann nach den "erkenntnisleitenden Interessen" fragen (HABERMAS, 1973), damit zusammenhängend nach der "Relevanz" (HOLZKAMP, 1972), man kann die Vereinbarkeit mit bestimmten als evident angesehenen "Grundsätzen a priori" (wie z. B. den Regeln der Logik) prüfen oder die "Fruchtbarkeit" für die Erweiterung unseres Wissens über die Welt (FEYERABEND 1979) usw.

    Die Ansicht, Wissenschaft solle möglichst "theoriefrei" beschreiben und erklären, "was ist", muß heute als naiv bezeichnet werden. Es gibt keine wissenschaftlichen Tatsachen ohne Theorie; es gibt keine Theorie ohne "zentrale metaphysische Annahmen". Es ist also eine nicht-triviale Frage zu bestimmen, was denn überhaupt als Tatsache angesehen werden soll, anders ausgedrückt, zu entscheiden, wann wir sagen wollen, daß etwas (ein Ding, ein Zusammenhang, ein Vorgang) existiert. Und dies gilt sogar in der Physik.

     

    Es ist eine Sache, das methodische Postulat aufzustellen, in der Physik nur solche Größen zuzulassen, die meßbar sind, wie EINSTEIN dies getan hat. Es ist eine andere Sache, zu behaupten: "Was nicht meßbar ist, existiert nicht". In der Psychologie stellt sich dieses Problem besonders drängend.

    Der Operationalismus ist, besonders in seiner "trivialen" Form, ein Kunstgriff, um die allzu schwierige Frage, was denn in der Psychologie als Tatsache akzeptiert werden soll, vorläufig zu beantworten, ohne jedoch die darin liegende Problematik wirklich gelöst zu haben. Die Rigidität, mit der man in den Sozialwissenschaften auf Quantifizierbarkeit und operationalen Definitionen besteht, erinnert an das im Neuen Testament beschriebene Verhalten der Pharisäer bezüglich der Gesetze: Sie befolgen den "Buchstaben des Gesetzes" und höhlen seinen Sinn dabei aus.

     

    Denn, was ist der Sinn dieses Vorgehens? Warum sind denn überhaupt Quantifikation und operationale Definitionen so wichtig?

    Ein wesentlicher Aspekt ist z. B. der, daß damit Objektivität erreicht werden soll. Es sollen "metaphysische Spekulationen" aus den Wissenschaften verbannt werden. Wie aber kann man dies gewährleisten, wenn man eine Variable durch ein Experten-Urteil operationalisiert, wie dies, nolens-volens, in vielen Fällen üblich ist? Man weiß doch gar nichts über das Zustandekommen dieses Experten-Urteils. In dieses Urteil kann sehr viel sog. "metaphysische Spekulation" eingeflossen sein - und wird es nach aller Erfahrung auch. Man hat in einem solchen Fall also der Forderung nach Operationalisierung formal genüge getan, den Sinn dieser Forderung jedoch umgangen - zumindest gewährleistet die oben erwähnte Bestimmung des Begriffs Operationalisierung nicht automatisch die Erfüllung des Sinns dieser Forderung.

     

    Ähnlich wie ich bei der "Quantifikation" fragen muß, ob ich die Bedeutungsunterschiede entlang meiner Dimension sinnvoll durch Unterschiede zwischen Zahlen ausdrücken kann , muß ich mich bei der "operationalen Definition" fragen, wie umfassend die Dimension durch die operationale Definition erfaßt wird, denn: "No operational definition can ever express all of a variable." (KERLINGER 1973, 32) Wie aber will ich dies ohne "metaphysische Spekulation" entscheiden?

    Natürlich kann man "willkürlich" beginnen: "Intelligenz ist das, was mein Intelligenztest mißt - und die 'Bedeutung' des Wortes Intelligenz erhellt z. B. daraus, daß die so definierte Intelligenz mit der Schulleistung hoch korreliert." Gegen eine solche Vorgehensweise ist nichts einzuwenden, und sie ist sicher für bestimmte Anwendungen auch sehr nützlich. Aber hilft mir dieses Vorgehen weiter, wenn ich mir die Frage stelle, ob eine bestimmte operationale Definition von Angst das erfaßt, was ich empfinde, wenn ich Angst spüre? Hilft mir ein solches Vorgehen also weiter bei der Frage der Angemessenheit meiner Operationalisierung inbezug auf die Angst, die ich eigentlich untersuchen wollte, nicht etwa die Angst, die ich erst durch eine operationale Definition neu "erfinde"? (siehe auch ANGLEITNER 1975) - Wenn ich wirklich "willkürlich" beginne, dann hilft dies Vorgehen deshalb nicht weiter, weil die Frage dabei erst gar nicht gestellt wird. Stattdessen werden funktionale Beziehungen zwischen operational definierten Größen untersucht, deren Bedeutung für das Leben der Menschen fraglich bleibt (siehe auch HOLZKAMP 1972). Beginne ich jedoch nicht "willkürlich", frage mich also nach der Angemessenheit meiner Operationalisierung, dann muß ich mich fragen, was denn die Angst "eigentlich genau ist", die ich empfinde - und schon bin ich wieder bei "metaphysischer Spekulation".

     

    Wenn von Quantifizierbarkeit und operationaler Definition die Rede ist, so ist meist aber noch ein anderer Aspekt gemeint, der für unseren Zusammenhang der eigentlich entscheidende ist, der nach WIGGINS (1973, 123) aber nicht mit Quantifizierbarkeit verwechselt werden sollte: WIGGINS unterscheidet Messungen, "which rely on human judgment ... and those which do not", und nennt sie entsprechend "judgmental" und "mechanical measurement". Es leuchtet ein, daß ein "mechanical measurement" vollständig fast nie möglich ist - es sei denn, ein Computer übernehme automatisiert auch die Auswertung einer Messung. Es ist mehr eine Frage des Ausmaßes: vom Ablesen einer Zeigerstellung über die Einordnung einer Verhaltenssequenz in ein vorgegebenes Schema bis hin zur Zuschreibung einer bestimmten Diagnose durch einen Experten.

     

    Je elementarer die Entscheidungsprozesse, je weniger "subjektive Interpretation" eines Menschen notwendig ist, desto mehr haben wir es mit einem "mechanical measurement" zu tun, um so mehr ist dann auch der Meßprozeß objektivierbar. Objektivität der Messung bzw. Quantifizierung kann man also u.a. dadurch zu erreichen versuchen, daß man den Prozeß der Messung "in Teile zerlege", so daß die einzelnen Bestandteile möglichst wenig Interpretation enthalten, und deshalb erwartet werden kann, daß potentiell jeder Mensch bei der Messung zum gleichen Resultat kommt. Da es hier wiederum einen Ermessensspielraum gibt - wann sind die einzelnen "Teil-Messungen" klein genug -, wird umgekehrt der Grad der Übereinstimmung verschiedener Beurteiler als Maß für die Objektivität und Verläßlichkeit der Messung herangezogen (WIGGINS 1973, 125ff).

     

    Auf diese Weise gerät man jedoch in einen Zirkel: Wenn eine hohe Übereinstimmung von Beurteilern ein Maß für die Objektivität der Beurteilung ist, dann kann man also durchaus auch Experten-Urteile heranziehen, sofern die Experten sich hinreichend einig sind. Unter diesen Voraussetzungen wäre "Vom-Teufel-Besessen-Sein" im Mittelalter ein objektives Faktum gewesen, denn die Experten waren sich dort sehr weitgehend einig. Und im Prinzip ist jede, auch die kleinste Beurteilung ein "kleines" Experten-Urteil, denn die Beurteiler müssen immer in ihre Aufgabe "eingeübt" werden. Die Experten im Mittelalter konnten sehr genau erklären, woran man erkennt, daß jemand vom Teufel besessen ist, und sie konnten es auch plausibel begründen, da niemand daran zweifelte, daß es einen Teufel gibt.

     

    Eine Übereinstimmung der Urteile mehrerer Beurteiler gewährleistet also nur innerhalb eines Rahmens, der durch nicht weiter hinterfragte Grundüberzeugungen abgesteckt wird, ein gewisses Maß an Sicherheit. Im Prinzip wird dadurch nur ausgesagt, daß bestimmte Regeln der Urteilsfindung, in immer gleicher Weise angewendet, zu dem immer gleichen Resultat führen. Es sagt nichts über die Angemessenheit dieser Regeln aus. Im Gegenteil: Man muß die Angemessenheit voraussetzen oder durch Argumente plausibel machen.

     

    Die Krux quantitativ statistischer Methoden liegt also nicht in der Statistik: Sie liegt in den Problemen einer angemessenen Quantifizierung. Wenn die Abbildung auf Zahlen die Verhältnisse nur rudimentär widerspiegelt, wie soll dann bei der mathematischen Weiterverarbeitung dieser Zahlen mehr als ein "holzschnitt-artiges Bild" herauskommen? Und wenn man aus dieser Einsicht eine sinnvolle Forderung ableiten kann, dann sicher nicht die, daß operationale Definition und Quantifizierung unabdingbare Voraussetzungen wissenschaftlichen Arbeitens sind, denn damit wird der Blick in die falsche Richtung gelenkt. Richtig ist die Forderung, bei jeder Quantifizierung sorgfältig zu prüfen, ob die zugeordneten Zahlen die Bedeutungsunterschiede, die man erfassen will, angemessen repräsentieren. (Siehe auch LOCKOWANDT 1984)

    So sehr der Versuch verständlich und lohnenswert ist, psychologisch relevante Dimensionen in einer Weise zu definieren, daß bestimmte Prozeduren, die in den Naturwissenschaften so erfolgreich waren, darauf angewendet werden können, so sehr bedürfen wir gerade in der Psychologie der Weisheit eines NEWTON, oder zumindest seiner Zurückhaltung, aus mehr oder weniger nützlichen methodischen Abstraktionen nicht umfassende Aussagen über die Existenz bzw. Nicht-Existenz von Sachverhalten abzuleiten.

     

     

    • III. 4: Folgerungen für die astrologische Forschung
  • Es ist also bei der Überprüfung astrologischer Zusammenhänge nicht sinnvoll, vorhandene Forschungsmethoden aus dem Bereich der Sozialwissenschaften ohne Diskussion zu übernehmen. Zum einen besteht die Gefahr, daß die Untersuchung an "praktischer Relevanz" verliert. Zum anderen bedarf die Frage einer Klärung, ob die zur Verfügung stehenden Methoden dem Forschungsgegenstand angemessen sind. Natürlich hängen beide Aspekte des Problems zusammen.

     

    Der Vorwurf mangelnder praktischer Relevanz wurde u.a. gegen bestimmte Formen der Forschung in der Psychologie erhoben (HOLZKAMP 1972) und bezog sich dort auf die geringe Übertragbarkeit von Ergebnissen aus Labor-Experimenten auf den "Lebensalltag". In dem hier angesprochenen Kontext ist mit praktischer Relevanz vor allem der intendierte psycho-hygienische Effekt astrologischer Forschung gemeint: Da im Falle der Astrologie sowohl auf der Seite der Anhänger wie auf der Seite der Gegner sehr viel (Aber-) Glaube im Spiel ist (siehe Kapitel 1), besteht ein wesentliches Ziel von Forschung zunächst in der Schaffung einer "Diskussionsgrundlage". Dazu muß die verwendete Forschungsmethode von beiden Seiten (zumindest mehrheitlich) als adäquat eingestuft werden, sollen die Ergebnisse der Forschung rezipiert und "umgesetzt" werden, d.h. zur Änderung von Einstellungen und Verhaltensweisen beitragen.

     

    Was die Angemessenheit sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden, insbesondere statistischer Verfahren, für die Untersuchung astrologischer Fragestellungen angeht, so wird diese auf Seiten der Astrologen immer wieder grundsätzlich bestritten. Ähnlich geht es ja auch Forschern im Bereich der Psychologie bei der Auseinandersetzung mit "Praktikern" (z. B. bei der Diskussion um die Angemessenheit von Tests), speziell mit Psychotherapeuten. Aber nicht nur Astrologen, auch Wissenschaftler wie C. F. von WEIZSÄCKER, der die Grundannahmen, auf denen statistische Methoden basieren, als theoretischer Physiker versteht und reflektiert (WEIZSᅣCKER 1971), äußern sich skeptisch über die Möglichkeit, astrologische Behauptungen mit statistischen Methoden zu überprüfen.

     

    Bei Diskussionen über die Möglichkeit einer angemessenen Überprüfung der Astrologie scheinen sich zwei Gruppen gegenüberzustehen - und sie scheinen sich nicht zu verstehen:

    Auf der einen Seite stehen Astrologen, die in der praktischen Arbeit mit der Astrologie die "Erfahrung" gemacht haben, daß das Horoskop "tiefe Einblicke in die Wesensstruktur eines Menschen erlaubt". Wenn man mit Statistik keine Zusammenhänge zwischen Horoskop und Persönlichkeit finde, so argumentieren sie, dann müsse die Statistik ein ungeeignetes Instrument für den Nachweis solcher Zusammenhänge sein. Und in dieser Auffassung werden sie von Forschern wie v. WEIZSÄCKER unterstützt. Die Basis ihrer Überzeugung bildet immer eine Fülle von "Evidenz-Erlebnissen".(Siehe dazu Kapitel 4.4: Trügerische Evidenz-Gefühle)

    Auf der anderen Seite stehen Forscher, die (geradezu beschwörend) fordern, daß die Behauptungen doch irgendwie "testbar" sein müssen, da der Astrologe doch sonst keinerlei Möglichkeiten hat, sich vor Täuschung zu schützen. Die Basis des Zweifels bei diesen Forschern bildet die Überzeugung, daß "Evidenz" kein gutes Kriterium für "Wahrheit", in jedem Fall aber kein wissenschaftlich anerkanntes(und anzuerkennendes) Kriterium darstellt. (In Bezug auf die Psychotherapie argumentiert z. B. REITER 1975, 28, in dieser Weise.)

     

    Wie tief die Kluft zwischen diesen beiden Gruppen ist, dokumentiert ein seit 1981 (!) in Form von Leserbriefen ausgetragener Streit - der gegenwärtig immernoch anhält - in der Zeitschrift CORRELATION (Journal of Research into Astrology) (CURRY (81), SHALLIS (81), CURRY (82, 82a), ALEXANDER (83, 83a), DEAN (83), HARVEY (84, 84a), DEAN (84, 84a), ALEXANDER (84), SCHNEIDER (84), POWER (85), ALEXANDER (85), PARKER (85), DEAN (85)) sowie ein ähnlicher Streit im Anschluß an die Veröffentlichung einer "Statistischen Untersuchung..." mit negativem Resultat im Jahre 1984 in der Zeitschrift MERIDIAN (NIEHENKE (84, 84a), FIEDLER (84), SPORNER (84), BRENTANO (84),KRᅱNCKE (84), LOCKOWANDT (84), PRONAY (84)).

     

    Je nachdem, wie Astrologie von den betreffenden Astrologen grundsätzlich aufgefaßt wird, ist die Art der Einwände gegen die Forschungsmethoden verschieden: Abgesehen von den Astrologen, die kritisieren, daß der Forscher sich der falschen astrologischen Methode bedient habe, oder solchen Einwänden, die auf einer ungenügenden Kenntnis statistischer Verfahren beruhen, sind von den ernst zu nehmenden Einwänden vor allem diejenigen wichtig, die Zweifel an der Reliabilität und Validität der verwendeten Instrumente (z. B. Fragebogen) vorbringen (LOCKOWANDT 1984a). Solchen Einwänden liegt offensichtlich nicht eine grundsätzliche In-Frage-Stellung sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden - insbesondere der Statistik - zugrunde; sie sind eher "system-immanent" und laufen auf eine Diskussion des Meßproblems hinaus, auf das in Kapitel 7 ausführlich eingegangen werden wird.

     

    Einige Astrologen jedoch kritisieren "Forschung" grundsätzlich und bezweifeln die Angemessenheit der Forderung nach Quantifizierbarkeit, die z. B. ja Voraussetzung für jegliche Form von Statistik darstellt. An diesen Stellen zeigt sich das oben erwähnte "Unverständnis" zwischen den beiden Gruppen dann besonders deutlich und man spürt, daß zwei Sichtweisen zum Thema Wahrheit aufeinanderstoßen, die im Kern auf unterschiedlichen

     

    metaphysischen Grundannahmen beruhen.

    So wie sich die Vertreter der einen Gruppe fragen lassen müssen, ob denn Quantifizierbarkeit im Falle der Astrologie eine angemessene Forderung darstellt, so müssen sich die Vertreter der anderen Gruppe fragen lassen, ob sie denn meinen, auf jede Art von Versicherung, bei der Astrologie nicht einer Täuschung erlegen zu

     

    sein, verzichten zu können. Und wenn Quantifikation und Statistik ein unangemessener Weg sind, worin bestünde ein angemessener Weg der Prüfung (der Versicherung gegen Täuschung)?

     

    Es ist mir keine Veröffentlichung bekannt, die auf diese letzte Frage eine Antwort gibt. Einen vagen Hinweis gibt ALEXANDER mit seiner Frage nach "a form of astrological research that embodies some of the approach of literary criticism and some of the approach of science?"

    Nun gibt es außer der Astrologie auch noch andere Wissensgebiete, die mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten und noch haben. Ich denke z. B. an die Psychoanalyse, die Jahrzehnte lang die einzige offiziell anerkannte Form der Psychotherapie war, in der eine ganze Generation von psychotherapeutisch arbeitenden Ärzten ausgebildet wurde, über deren Themen ein Heer von wissenschaftlich ausgebildeten und zum Teil offensichtlich auch sehr klugen Menschen Veröffentlichungen publiziert haben, die heute ganze Bibliotheken füllen, und bei der heute eine ganze Reihe akademischer Psychologen "persönlich fest davon überzeugt ist, daß die ganze Psychoanalyse im Kern auf einer Art von Aberglauben beruht" (HEMMINGER/BECKER1985, 44 u. 109f).

    Wie ist es möglich, daß weiterhin Psychoanalytiker von dieser Methode überzeugt sind? Wie war es möglich, daß Jahrzehnte lang Wissenschaftler von dieser Methode überzeugt waren? Waren (und sind) diese Wissenschaftler unkritisch? Leichtgläubig? Oder sind es die Wissenschaftler, die jetzt die Psychoanalyse ablehnen?

     

    Unter der Überschrift "Das Problem der wissenschaftlichen Wahrheit" schreibt dazu Erich FROMM:

    • "Es ist Mode geworden zu behaupten, Freuds Theorie sei 'unwissenschaftlich', und Vertreter der verschiedenen Zweige der akademischen Psychologie neigen besonders zu dieser Ansicht. ... Viele Psychologen und Soziologen haben von wissenschaftlicher Methode eine etwas naive Vorstellung. ... Was kreative Wissenschaftler heute von den Pseudo-Wissenschaftlern in den Sozialwissenschaften unterscheidet, ist ihr Glaube an die Macht der Vernunft, ihre Überzeugung, daß die menschliche Vernunft und das menschliche Vorstellungsvermögen die trügerische Oberfläche der Erscheinungen durchdringen und zu Hypothesen gelangen kann, die sich mit den Kräften befassen, welche unter der Oberfläche liegen."
  • Das Wissenschaftsverständnis der Gruppe der "naiven Wissenschaftler" im Sinne FROMMs kann man so umreißen: Sie suchen Sicherheit in der Anwendung bestimmter methodischer Regeln. Das Befolgen dieser Regeln ist ihnen "Bollwerk" gegen die vielfältigen offensichtlich vorhandenen Formen der Täuschung unserer Sinne, unserer Wahrnehmung allgemein, und gegen Fehlschlüsse. Vor allem mißtrauen sie dem sog. "gesunden Menschenverstand", vielleicht auch FROMMs "Kraft der Vernunft".

     

    Es besteht wohl kein Zweifel, daß ihre Bedenken berechtigt sind. Man denke an die interessanten Experimente zu optischen Täuschungen, an die unzähligen Irrtümer des "gesunden Menschenverstandes", die man in einfachen psychologischen Experimenten aufdecken kann (Stichwort: Vorurteils-Forschung, z. B. SYNDER 1983), aber auch an subtile Irrtümer wie den der Reifikation: Irrtümer des "gesunden Wissenschaftler-Verstandes", mit denen Wissenschaftler - auf neuer Stufe - überwunden geglaubte Irrtümer des "gesunden Menschenverstandes" wiederholen.

    Die Frage ist nur, ob methodisches Vorgehen die Sicherheit gewährleistet, die sie suchen. Wie wir gesehen haben, sind die elementarsten Grundlagen unserer wissenschaftlichen Methode(n), z. B.die Ableitungsregeln, nicht "gewiß". FEYERABEND hat zudem in hervorragender Weise zeigen können, daß die Pioniere unserer heutigen Wissenschaft (z. B. GALILEI) nur aufgrund der Verletzung wissenschaftlicher Methoden zu Ihren Ergebnissen, die unser Verständnis von der Welt revolutionierten, kommen konnten. Der Titel seines Buches deutet an, welche Konsequenz er daraus zieht: "Wider den Methodenzwang"! (FEYERABEND 1979). In einem gewissen Sinn scheint er, wie FROMM, der "Kraft der Vernunft" mehr zu vertrauen als viele Wissenschaftler und Wissenschaftstheoretiker.

    Entscheidend ist nicht M e t h o d i k , von jedermann schematisch anwendbar, deren Korrektheit, ebenso schematisch, ohne Reflexion auf die Inhalte überprüfbar ist, sondern eine bestimmte H a l t u n g , ein "disziplinierter Geist" des Forschers; entscheidend sind vielleicht gewisse "Tugenden" des Wissenschaftlers, nicht so sehr die Befolgung von Richtlinien. So kann man m. E. das Wissenschaftsverständnis der Gruppe der "kreativen Wissenschaftler" im Sinne FROMMs umschreiben.

    Wir dürfen nicht vergessen, daß die Adäquatheit der Methoden ja nicht wiederum unter Anwendung dieser Methoden überprüft werden kann. Wir sind also bei der Prüfung unserer Methoden ohnehin auf die oben angesprochenen Tugenden, auf die "Kraft unserer Vernunft", auf eine Diskussion von "Laien", von "Idioten" angewiesen.

    Den "Archimedischen Punkt" gibt es also auch in der Wissenschaftstheorie nicht. Das Bewußtsein dieser "Begrenzung" hat heute auch bei konservativen Wissenschaftstheoretikern der neuen Generation zur Aufgabe der Forderung nach Einhaltung vorgegebener gleicher methodischer Regeln für jedwede Art

    wissenschaftlicher Tätigkeit geführt (LAKATOS 1974). Die Aufgabe, eine angemessene Forschungsstrategie zu entwickeln, wird dadurch, wie FEYERABEND es ausgedrückt hat, natürlich nicht leichter, sondern schwieriger (FEYERABEND 1981a).

     

    Ich möchte zum Schluß dieses Kapitels noch einmal zusammenfassen:

    Der Hochmut vieler "positivistisch" eingestellter Wissenschaftler, die weismachen wollen, daß es doch ganz klar sei, wie man in der Wissenschaft vorzugehen habe, und die Astrologie ohne ein Gefühl für die Relativität des eigenen Standpunktes doktrinär als Aberglauben abtun (siehe Kapitel 1), ist für die Erforschung eines möglichen Wahrheitsgehaltes des astrologischen Gedankenguts ein ernsthaftes Hindernis. Es scheint mir notwendig, solche Wissenschaftler in ihre Schranken zu verweisen. Dies ist einer der Gründe, warum ich in diesem Kapitel die erkenntnistheoretischen Grundlagen unseres heutigen Wissenschaftsverständnisses ausführlicher dargestellt und diskutiert habe.

    Die Forderung des Operationalismus, "Begriffe so zu formulieren, daß jederzeit darüber entschieden werden kann, ob der Begriff zutrifft oder nicht" (KLÜVER 1974, 104), hat für die psychologische Forschung eine ähnliche Bedeutung gehabt wie GALILEIs Abrücken von der Frage: "Was ist ein freier Fall" zugunsten der Frage: "Wie funktioniert der freie Fall (welcher Bewegungsgleichung gehorcht er)?" In beiden Fällen wurden fruchtbare Möglichkeiten für die Erforschung von Zusammenhängen in der Natur eröffnet.

     

    Es steht auch jedem Wissenschaftler frei, sich in der Weise freiwillig zu beschränken, daß er Begriffe, die nicht operationalisierbar sind, in seiner Arbeit als Wissenschaftler nicht zuläßt. Er muß dann aber in Kauf nehmen, daß er möglicherweise wichtige Bereiche der menschlichen Erfahrung von seinen wissenschaftlichen Untersuchungen ausklammern muß, denn die Aussage: "Wenn etwas wirklich existiert, ist es auch meßbar" bzw. umgekehrt: "Wenn etwas nicht meßbar ist, so existiert es auch nicht", ist nicht begründbar, sie ist ein Glaubenssatz.

    Selbst der Anspruch, nur solche Erkenntnisse, die in "methodisch sauberer Weise" gewonnen wurden, die also "wissenschaftliche Erkenntnisse" sind, seien wirklich Wissen, die anderen Erkenntnisse dagegen Glauben oder subjektive Überzeugungen ohne Wahrheitswert, ist nicht so zwingend zu begründen, daß ihn alle "mit Vernunft und Verstand begabten Menschen" für evident halten würden. Im Gegenteil: "Die Wissenschaft ist eine der vielen Formen des Denkens und nicht unbedingt die beste." (FEYERABEND 1979, 388)

     

    Wir waren ausgegangen von der Frage, welche grundsätzlichen Möglichkeiten wir haben, uns vor Täuschung zu schützen, und wir haben gesehen, daß es einen Weg, der uns vor Täuschungen mit Sicherheit bewahren kann, nicht gibt. Es müssen in jedem Einzelfall also die Argumente für und wider immer neu gegeneinander abgewogen werden. Dies wird, wie einleitend schon bemerkt, in solchen Fällen leicht sein, in denen Täuschungen Folgen haben, die relativ eindeutig interpretiert werden können. In allen anderen Fällen ist eine methodisch abgesichterte eindeutige Entscheidung nicht möglich.

    In solchen Fällen muß sich jeder aufgrund der vorgelegten Argumente selbst ein Urteil bilden und sich entscheiden, was ihn überzeugt und was nicht.

     

     

    • IV. Einleitung
    • "Wissenschaft ist nichts weiter als eine Verfeinerung des Alltagsdenkens." Albert Einstein
  • Die Skepsis v. WEIZSÄCKERs zur Frage der Angemessenheit statistischer Methoden zur Überprüfung der Astrologie und die Ansicht FROMMs über die "Kraft der Vernunft" läßt sich in bezug auf unser Thema in Form folgender Frage diskutieren: Ist es prinzipiell möglich, daß ein Zusammenhang zwischen Kosmos und menschlichem Schicksal oder der Persönlichkeits-Struktur eines Menschen besteht, den wir zwar erkennen können, der aber (derzeit) mit quantitativ-statischen Methoden nicht erfaßbar ist? Ich möchte dabei auch der Frage nachgehen, ob es außer einer Relativierung der Forderung nach Quantifizierbarkeit aufgrund allgemein-wissenschaftstheoretischer Überlegungen plausible positive Argumente gibt, die diesen Anspruch speziell im Falle der Astrologie als unangemessen erscheinen lassen.

    Da auch das reine Zählen von "treffenden Deutungen" eine einfache Form von Statistik darstellt und der Gebrauch des Wortes Quantifizieren nicht immer einheitlich ist, soll zunächst noch einmal kurz erläutert werden, was in unserem Zusammenhang mit "Erfaßbarkeit durch quantitativ-statistische Methoden" genau gemeint ist:

     

    Bei der Deutung des Horoskops entwirft der Astrologe ein "Strukturbild" der Seele (Psyche, Persönlichkeits-Struktur) des Horoskopeigners. In unzähligen Beratungssituationen haben Klient und astrologischer Berater immer wieder den Eindruck,daß die Deutung des Horoskops "stimmig" ist. Dieser ganzheitliche Eindruck ist natürlich subjektiv und als solcher in seiner Angemessenheit nicht weiter überprüfbar. Will man die Angemessenheit dieses Strukturbildes überprüfen - ohne Rückgriff auf den "ganzheitlichen Eindruck" der Beteiligten -, so muß man entweder dieses Bild in überprüfbare Teile zerlegen oder es mit einem anderen Struktur-Bild vergleichen, das dann als Kriterium, als Maßstab dient. Beide Möglichkeiten sollen in diesem und im nächsten Kapitel ausführlich behandelt werden.

    Als quantitativ-statistisch will ich nun die Methode bezeichnen, bei der das Struktur-Bild so in Einzelaussagen zerlegt wird, daß in der Entscheidung über deren Zutreffen oder Nicht-Zutreffen möglichst wenig subjektive Interpretation enthalten ist, daß wir uns also dem "mechanical measurement" im Sinne von WIGGINS (siehe Kap. 3.3) möglichst weit annähern.

    Die Beantwortung der einleitend gestellten Fragen soll schrittweise erfolgen. Zu Beginn wird diskutiert, ob es Beispiele für die Wahrnehmung komplexer Sachverhalte gibt, die auf einem "ganzheitlichen Eindruck" beruhen, quantitativ-statistisch nicht nachvollzogen werden können, d.h. die nicht "objektivierbar" sind, deren Angemessenheit jedoch - z. B. aufgrund dadurch ermöglichter erfolgreicher Operationen - allgemein akzeptiert ist.

     

     

    • IV. 1: Das Erkennen komplexer Sachverhalte
  • Die Gestalt-Psychologie hat eine ganze Reihe von Gesetzen entdeckt, die bestimmten Organisationstendenzen der menschlichen Wahrnehmung entsprechen. Das Gesetz der Übersummativität besagt z. B., daß die einzelnen Elemente eines sinnlichen Reizes nicht "atomistisch" wahrgenommen, sondern zu Gestalten strukturiert werden. (Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.) Das Erkennen solcher Gestalten durch den Menschen erfolgt ganzheitlich. Läßt sich das Identifizieren solcher Gestalten "mechanisieren" - und damit in Teile zerlegen?

    Am Beispiel des Portraits eines Menschen läßt sich die Problematik demonstrieren: Jeder Mensch hat Nase, Ohren, Mund usw. Wenn man diese Elemente zusammenfügt, so kommt man zwar zu der Erkenntnis, daß es sich um das Gesicht eines Menschen handeln muß, doch den Unterschied zwischen einem gelungenen und einem mißratenen Portrait kann man auf diese Weise nicht erfassen. Auch daß die Nase als "groß, lang und spitz" beschrieben werden kann, reicht zur Kennzeichnung nicht aus: Es ist einfach eine winzige Rundung hier, eine kleine Einbuchtung dort, die ein gelungenes von einem mißratenen Portrait unterscheiden.

    Die Einteilung in Nase, Mund und Ohren ist allerdings selbst dann noch zu grob, wenn man diese Einzelelemente als groß, lang oder spitz beschreibt. Man muß wesentlich feiner unterteilen. Und daß dies möglich ist, zeigt die Arbeit des Bundeskriminalamtes, dem es gelingt, aus Millionen von Fingerabdrücken aufgrund eines ausgeklügelten Kategorien-Systems in Sekundenschnelle einen speziellen Fingerabdruck herauszufinden. Am sichersten ist die "Digitalisierung" des Bildes, wie sie mit Hilfe einer Videokamera und eines Computers möglich ist. Bei diesem Vorgehen wird das Bild in kleine Punkte zerlegt, und jeder Punkt ist in Form seiner Koordinaten eindeutig durch ein Zahlenpaar bestimmt. Aus solchen "Punkten" läßt sich die kleinste Rundung zusammensetzen. Auf diese Weise kann man sehr leicht sogar ein Maß für die "Ähnlichkeit" zweier Bilder entwickeln. Ein Computer könnte also sehr gut entscheiden, ob ein Portrait gelungen oder mißraten ist.

    Daß dabei aber dennoch nicht die Dimension erfaßt wird, die mir das Wiedererkennen eines Fotos ermöglicht, daß also beim Muster-Erkennen komplexe Prozesse beteiligt sind, die mehr beinhalten als mechanisches Feststellen von "Deckungsgleichheit", zeigt uns die sog. Karikatur:

    Einer Karikatur werden bei einer derartigen Digitalisierung völlig andere Zahlen zugeordnet. Das Maß der "Ähnlichkeit" zwischen Portrait und Karikatur dürfte bei dieser Art der Quantifizierung dann also nahe bei Null liegen, obwohl menschliche Betrachter sehr wohl in der Lage sind, eine Ähnlichkeit zu sehen. (Analoge Schwierigkeiten des Verständnisses der Prozesse beim Wiedererkennen von Gestalten ergeben sich übrigens auch im Bereich der Musik).

     

    Bei genauerer Betrachtung jedoch zeigt sich, daß Verzerrungen der Gestalt, wie sie in einer Karikatur hervortreten, mathematisch erfaßbar sind. Anschaulich wird dies an den "Zerr-Spiegeln", wie man sie manchmal auf Jahrmärkten findet. Hier sehen wir "Karikaturen" unserer selbst durch Spiegelung in verschieden gebogenen Spiegeln. Die dabei auftretenden Verzerrungen lassen sich in mehr oder weniger komplizierten mathematischen Funktionen beschreiben, durch einen Computer berechnen und auf dem Bildschirm des Computers sichtbar machen.

    Entsprechend läßt sich anhand dieser Funktionen wiederum ein Maß für die Ähnlichkeit entwickeln - und in geeigneten Experimenten könnte sogar ermittelt werden, wie die Funktion, welche die Verzerrung beschreibt, beschaffen sein muß, so daß der Mensch noch gerade eine Ähnlichkeit zu sehen in der Lage ist. Damit wäre also tatsächlich der Prozeß der Identifikation einer komplexen Gestalt, nämlich eines Gesichts, so "zerlegt", daß er dem "mechanical measurement" im Sinne von WIGGINS (s.o.) sehr weitgehend entspricht. Wir haben hier also ein Beispiel dafür, daß es möglich ist, den Prozeß der Identifikation einer komplexen (visuellen) Gestalt zu mechanisieren.

     

    Dieses Beispiel macht deutlich, daß es eine Frage unseres wissenschaftlichen und technischen Entwicklungsstandes ist, wie weitgehend bestimmte von Menschen wahrnehmbare Aspekte der Realität im beschriebenen Sinne objektiviert werden können; denn noch vor einigen Jahrzehnten wäre die gerade beschriebene Form der Quantifizierung einer visuellen Gestalt technisch nicht realisierbar gewesen (wohl aber theoretisch). Es geht also, angewendet auf die Fragestellung in diesem Kapitel, nicht darum, ob prinzipiell eine Objektivierung des erwähnten ganzheitlichen Eindrucks möglich ist bzw. sein wird, sondern ob die derzeit verfügbaren Mittel weit genug entwickelt sind, um mit ihrer Hilfe bereits eine definitive Entscheidung zu fällen. Was die Naturwissenschaften angeht, ist v. WEIZSÄCKER der Meinung, daß sie es nicht sind.

    Eine Analogie zum Erkennen eines Gesichts ist in der Musik das Erkennen einer Melodie. Das Erkennen einer Melodie ist jedoch noch sehr einfach, wenn man es vergleicht mit dem Erkennen musikalischer Stilrichtungen. Physikalisch gesehen ist "Musik", sind zumindest alle "Details", alle Einzelheiten, die in ihrer Gesamtheit "das physikalische Ereignis Musik" ausmachen, exakt meßbar. Diese Meßdaten jedoch führen nicht zu einem Verständnis von Musik. Im Falle der Musik führt offenbar kein Weg von den (physikalischen) Details, die "mechanisch meßbar" sind, zum Identifizieren der musikalischen Gestalten. Um zu einem Verständnis von Musik zu gelangen, müssen wir, zumindest beim gegenwärtigen Stand unserer Einsicht in die Zusammenhänge, auf "Tatsachen" Bezug nehmen, die (zumindest derzeit) nicht "quantifizierbar" sind. Sie sind zu komplex.

     

    Die Fähigkeit der Wahrnehmung solcher "Tatsachen" und ihrer Verbindung zu einer sinnvollen Gestalt bezeichnet man meist als Intuition. Intuition kennzeichnet nicht nur den Agenten erfolgreicher Künstler, sie kennzeichnet den besonders guten Diagnostiker (sei er Arzt, sei er Psychologe), den besonders guten Gärtner, den "geborenen Psychotherapeuten". Das Urteil dieser Menschen ist in seiner Ätiologie auch für den Urteilenden selbst meist schwer beschreibbar, das ist ein Charakteristikum der Intuition. Wenn es beschreibbar wäre, wäre es nachvollziehbar und "lehrbar". Dann aber wäre es nicht mehr Intuition, sondern die Anwendung von Regeln.

    Eine Urteilsbildung auf der Basis von Intuition bedeutet jedoch keineswegs, daß man nicht regelgeleitet zum gleichen Ergebnis kommen könnte. Oft werden "intuitive" Erkenntnisse von Wissenschaftlern hinterher in ihrer Gesetzmäßigkeit erkannt und beschrieben. In vielen Bereichen unseres alltäglichen Lebens haben sie aber auch ohne derartige wissenschaftliche Beweise, ihrer praktischen Bedeutung wegen, eine unangefochtene Stellung.

     

    Daß es eine Intuition gibt, die uns komplexe Zusammenhänge richtig erkennen läßt, ist also eine Trivialität, und sie wird auch von konservativen Wissenschaftstheoretikern nicht bestritten. POPPER (1969) verweist sie allerdings in den "Context of discovery"; sie hat seiner Auffassung nach nur heuristischen Wert, ist nur bedeutsam für die Generierung von Hypothesen, kann aber nicht als Kriterium für die tatsächliche Existenz eines Sachverhaltes akzeptiert werden. Auch Wissenschaftler, die der Intuition einen hohen Stellenwert einräumen, wie z. B. JASPERS, sehen sie als eine, wenn auch unvermeidliche, "Notlösung" an: "Persönliche, intuitive Kennerschaft - die sich naturgemäß sehr oft irrt - werden wir überall da mißbilligen, wo dasselbe wissenschaftlich gewußt werden kann." (1948, 2)

     

    Da aber auch wissenschaftliche Erkenntnisse keineswegs ein Garant für Wahrheit sein können, bleibt es eine Ermessensfrage, welchen Stellenwert man der Intuition bei der "Beweisführung" zubilligen will. Die Tatsache, daß Intuition, die ja auch die Basis des hier behandelten "Evidenz-Erlebnisses" ist, irren kann, entwertet sie als Ganzes genausowenig, wie das Wissen um optische Täuschungen die optische Sinneswahrnehmung als Ganzes entwertet. In beiden Fällen wird man prüfen, ob es in einem konkreten Fall Gründe für die Annahme besonderer Täuschungsmöglichkeiten gibt, wie z. B. bei der optischen Wahrnehmung das Vorliegen komplexer visueller Reizmuster, Spiegelungen (das Phänomen der sog. "Fata Morgana") usw., und wird in solchen Fällen besondere Sorgfalt walten lassen.

     

    Es gibt also tatsächlich Beispiele für die Wahrnehmung komplexer Sachverhalte, die auf einem "ganzheitlichen Eindruck" beruhen (Intuition), quantitativ-statistisch nicht nachvollzogen werden können (bei intuitiven Erkenntnissen per definitionem) und deren Angemessenheit allgemein akzeptiert ist (sogar von POPPER, wenn auch nur im "Context of discovery"). FROMMs Behauptung, "daß die menschliche Vernunft und das menschliche Vorstellungsvermögen die trügerische Oberfläche der Erscheinungen durchdringen und zu Hypothesen gelangen kann, die sich mit den Kräften befassen, welche unter der Oberfläche liegen" (siehe Kap. 3.4), ist also richtig - schon deshalb, weil FROMM ganz im Sinne POPPERs in diesem Zitat nur die Generierung von Hypothesen anspricht.

    Es ist daher also auch keineswegs unvernünftig, aufgrund intuitiver Erkenntnisse (die erwähnten Evidenz-Erlebnisse) mit v. WEIZSÄCKER anzunehmen, daß es einen "Zusammenhang zwischen Kosmos und Seele" gibt, auch wenn dieser sich vielleicht einer quantitativ-statistischen Überprüfung entzieht.

    Da die bisher vorgebrachten Argumente jedoch recht allgemein sind und zum Vorgehen in der Astrologie eher in einem Verhältnis der Analogie stehen, soll die gerade formulierte Schlußfolgerung noch konkreter begründet werden.

     

     

    • IV. 2: Das Erkennen von Wesenszügen eines Menschen
  • Als quantitativ-statistisch war die Methode zur Überprüfung des vom Astrologen entworfenen "Struktur-Bildes" bezeichnet worden, bei der dieses Bild so in Einzelaussagen zerlegt wird, daß in der Entscheidung über deren Zutreffen oder Nicht-Zutreffen möglichst wenig subjektive Interpretation enthalten ist, daß wir uns also dem "mechanical measurement" im Sinne von WIGGINS möglichst weit annähern.

    Unabhängig von der Frage, ob eine sinnvolle Zerlegung in jedem Fall zu gewährleisten ist: Woran will man diese Einzelaussagen überprüfen? Was soll als Kriterium dafür dienen, daß sie stimmen? Es gibt zwei Möglichkeiten: Das Kriterium ist die Zustimmung des Betroffenen selbst oder es gibt einen Weg, Einzelaspekte der Persönlichkeits-Struktur eines Menschen objektiv zu messen.

    Wenn man die Zustimmung des Betroffenen zum Kriterium wählt, dann ist für die Objektivität der Messung nichts gewonnen. Der einzige Vorteil dieses Vorgehens besteht dann darin, daß ein Urteil über Einzelaussagen möglicherweise verläßlicher ist, da einfache Sachverhalte leichter zu überblicken sind. Auch in der Mathematik schreitet man ja von einfachen, leicht akzeptierbaren - oder gar "unmittelbar einsichtigen" - Grundannahmen, den Axiomen, weiter zu komplizierten Zusammenhängen, deren Ableitbarkeit aus den Axiomen nicht ohne weiteres im Ganzen zu überblicken ist, Schritt für Schritt jedoch nachvollzogen werden kann.

    Die Möglichkeit nun, Einzelaspekte der Persönlichkeit eines Menschen objektiv zu messen, wird von vielen Wissenschaftlern entschieden bestritten. Es handelt sich um einen alten Streit, mit unterschiedlicher Akzentuierung in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder neu ausgefochten (HÜBNER 1978, 304ff), z. B. als Unterschied zwischen Erklären und Verstehen bei DILTHEY oder bei JASPERS, zur Verteidigung der Psychoanalyse bei FROMM, in der Kommunikationstheorie (WATZLAWIK, 1984), innerhalb der sog. "akademischen Psychologie" vor allem im Zusammenhang mit der Diskussion um die Frage der Angemessenheit der Axiome der klassischen Testtheorie (HILKE 1980) usw. Wir können nicht umhin, das Für und Wider auch hier zu diskutieren, wenn wir klären wollen, welchen Stellenwert das von Astrologen und ihren Klienten als Basis ihrer Überzeugung immer wieder angeführte "Evidenz-Erlebnis" für die Beurteilung der Astrologie haben kann.

    Auch wenn wir Wesensmerkmale eines Menschen wahrnehmen und beurteilen, gehen wir nicht "atomistisch" vor, auch hier sehen wir "Gestalten": Wir verbinden eine Vielzahl vereinzelter Eindrücke zu einer Struktur, vergleichen diese Struktur mit einer "Idee" und

     

     

     

    bilden so unser Urteil: freundlich, intelligent, geizig, angepaßt usw. Sind nun solche "Gestalten" der Wahrnehmung aus kleineren Einheiten zusammensetzbar, und zwar so, daß in der Identifikation dieser kleineren Einheiten weniger "Interpretation" steckt als in der Identifikation der Gestalt als Ganzer?

    Offensichtlich versuchen z. B. Persönlichkeitsfragebogen, solche "Gestalten" als Summe elementarer Bestandteile zu definieren. Extravertiert-Sein wird beim Freiburger Persönlichkeits-Inventar (FPI) übersetzt als eine Summe von Verhaltensweisen: Abends gerne ausgehen, schnell Freundschaften schließen, sich gern unterhalten, lieber in einer Großstadt als in einem Dorf wohnen usw. (FAHRENBERG/SELG/HAMPEL 1978) Dieses Vorgehen macht auch Sinn. Wenn ich jemandem erzähle: "Mein Bekannter hat noch nie einen Drink spendiert, er gibt grundsätzlich kein Trinkgeld, er schenkt nicht gern, er gibt seinen Kindern wenig Taschengeld und er läßt sich kleine Gefälligkeiten von seiner Mutter bezahlen", so verbindet er diese Einzelinformationen wahrscheinlich sehr schnell zu der "Gestalt": geiziges Verhalten.

    Andererseits wird diese Gestalt, wie bei einem Vexier-Bild, vielleicht in eine völlig andere Gestalt "umschlagen", wenn ich die Zusatz-Information gebe, daß mein Bekannter seit Jahren arbeitslos ist. Plötzlich erscheinen die einzelnen Aussagen über ihn "in einem anderen Licht". Je nach Verfassung des Beurteilers, z. B. auch seiner Fähigkeit, sich in die Situation eines arbeitslosen Familienvaters einzufühlen, seinen Wertvorstellungen bezüglich des Umgangs mit der eigenen Mutter usw., wird dieses Vexier-Bild zwischen den beiden Polen "Geizhals" und "Armer Kerl" möglicherweise hin- und herspringen. Wie schwierig es sein dürfte, "Gestalten" dieser Art durch Summation von Einzelelementen zusammenzusetzen, zeigt auch das Beispiel "falsche Freundlichkeit": Alle "benennbaren" Merkmale der Freundlichkeit sind vorhanden, und doch haben wir das Gefühl, daß etwas nicht stimmt.

     

    Auch die Frage, ob die Einzelentscheidungen (die Beantwortung der einzelnen Items des Fragebogens) weniger "Interpretation" enthalten als ein denkbares Urteil ("ich bin ein extravertierter Mensch"), muß eher verneint werden. Die Entscheidung darüber, ob ich abends gerne ausgehe oder mich gern mit Freunden unterhalte, ist subjektiv und bei näherem Hinsehen zudem ähnlich komplex wie die Frage, ob ich eher extravertiert bin: Immer wieder weigern sich Klienten, einen solchen Fragebogen auszufüllen, weil sie die Fragen nicht mit "Ja" oder "Nein", manchmal nichteinmal mit "häufiger" oder "eher selten" beantworten können. "Es kommt ganz auf die Situation an", sagen sie, "ein 'Ja' in bezug auf die eine Situation bedeutet etwas ganz anderes als ein 'Ja' in bezug auf eine andere Situation."

     

    Statt einen Fragebogen auszugeben könnte man also jemandem erklären, was Extraversion heißt und ihn dann bitten, sich bezüglich dieser Dimension selbst einzuordnen (siehe auch SCHADE, 1983, 15). Der Fragebogen ist eine Übersetzung der Erklärung. Er hat vielleicht den Vorteil, daß er die Urteilsbildung bei Menschen, die abstrakte Konzepte schwer verstehen, strukturiert. Dies wird aber erkauft mit dem Nachteil, daß eine Gestaltbildung verhindert wird (siehe das Beispiel "Geizhals"). Eine Objektivierung der Messung kann man jedenfalls von einem Fragebogen nicht erwarten. Diese Art der "Messung" ist in Wirklichkeit eine Variante der ersten der zwei aufgeführten Möglichkeiten: Das Kriterium ist die Zustimmung des Betroffenen selbst. Und es ist zumindest fraglich, ob eine "Zerlegung" der Gestalten - und als solche sind Wesenszüge eines Menschen uns gegeben -, durch einen Persönlichkeitsfragebogen möglich ist.

     

    Ist dies nun nur ein Mangel dieses speziellen Meßinstruments oder ist die Schwierigkeit prinzipieller Natur?

    Bei den bisherigen Erörterungen wurde ein wesentlicher Unterschied zunächst unbeachtet gelassen: Wenn man für Wesenszüge eines Menschen das Wort Gestalt benützt, dann muß man bedenken, daß diese uns ja nicht in der gleichen Art gegeben sind wie z. B. ein Gesicht. Ein Gesicht ist ein physisches "Ding" mit einer bestimmten Form. Aus diesem Grunde ist es auch der Messung durch technische Instrumente zugänglich. Wesenszüge eines Menschen sind etwas anderes.

    Man kann sagen, es sind "hypothetische Konstrukte", weil sie nicht direkt beobachtbar sind und aus Verhaltensweisen erschlossen werden müssen. In einem strengen Sinne sind jedoch sogar die Begriffe, die unmittelbare Sinneswahrnehmungen zu bezeichnen scheinen, "hypothetische Konstrukte", wie durch die Gestaltpsychologie gezeigt wurde. Es gibt keine "unvermittelte" Wahrnehmung der Realität. Jede sinnliche Wahrnehmung enthält bereits "Interpretationen". Aus diesem Grunde trifft die Bezeichnung "hypothetisches Konstrukt" nicht den Kern des Unterschieds.

    Wesenszüge sind "Formungs-Prinzipien", Strukturierungs-Gesetze, Schemata. Sie drücken sich aus in "Tendenzen": zum Annehmen bestimmter Formen, zur Verwirklichung bestimmter Verlaufsgestalten. Sie drücken ein "Geneigt-Sein" aus (Disposition), zu bestimmten Gefühlen, zu individuellen Strukturierungen von Sinnesreizen und Informationen, zu bestimmten Reaktionen-Mustern usw. In der Analogie zur Datenverarbeitung würde man sagen: Wesenszüge sind die Programme. Und die Programme eines Computers kann man nicht in der gleichen Weise "identifizieren" wie seine materielle Gestalt.

     

    Die Vorstellung, Wesenszüge (Persönlichkeitsmerkmale) eines Menschen zu "messen", geht implizit von einem Modell der menschlichen Psyche aus, demzufolge sie eine Art "Objekt" ist, dessen "Eigenschaften" man "mißt", wie sich besonders deutlich an den Axiomen der klassischen Testtheorie demonstrieren läßt. Ich würde dies eine Reifikation nennen, die auch der Common-

     

    Sense-Vorstellung von Wesenszügen entspricht. Nun ist ein Programm, um in diesem Bild zu bleiben, auch ein "Objekt" (ein Gegenstand meiner Erkenntnis), doch wird man die "Eigenschaften" dieses Objekts genausowenig durch "Messung" festzustellen suchen, wie ein Mathematiker die "Eigenschaften" der natürlichen Zahlen "messen" wird.

     

    Wenn diese Analogie den Sachverhalt trifft, dann wird verständlich, warum jeder Versuch, "von außen", ohne Introspektion zu einer angemessenen Beschreibung der Persönlichkeits-Struktur eines Menschen zu gelangen, zum Scheitern verurteilt sein muß: Nehmen wir an, jemand beobachte eine Uhr. Aufgrund des "Verhaltens" dieser Uhr kann er eine Theorie darüber entwickeln, wie sie strukturiert ist (z. B. die Theorie eines mechanischen Uhrwerkes). Diese Theorie wird durch die Daten bestätigt werden. Dennoch kann es eine elektronische Uhr sein. Entscheidbar ist dieser Unterschied nur durch "subjektive Interpretation" des betroffenen Individuums, insofern es seine "Programmierung spürt": Es spürt dem nach, was in seinem Inneren "abläuft".

    Durch die Analogie zu einem Programm wird auch anschaulich, warum nur eine ganzheitliche Betrachtung der Persönlichkeits-Struktur eines Menschen gerecht werden kann: Über das "Verhalten" eines Programmes kann man nur etwas aussagen, wenn man es ganz kennt. Zwar sind komplexe Programme in relativ selbständige Unterprogramme unterteilt, wie auch Wesenszüge eines Menschen relativ eigenständige Sinneinheiten bilden; doch kann man die Bedeutung dieser Unterprogramme erst dann wirklich einzuschätzen, wenn man weiß, von welchen Stellen des Programms aus sie aufgerufen werden (können), welche Werte aus dem Hauptprogramm in das Unterprogramm übernommen werden usw. Auch ein Programm ist eine "Gestalt".

     

    Es geht an dieser Stelle nicht darum, den Beweis anzutreten, daß das Modell "Programm" zur Beschreibung dessen, was wir intuitiv unter Wesenszügen verstehen, das "Richtige" ist (oder das Angemessenste). Die Zusammenhänge sind wohl wesentlich komplexer: Angemessener wäre die Vorstellung eines Systems, das auch seine Programme selbst verändert, ein System, das "evolviert" (JANTSCH 1979). An dieser Stelle genügt es zu zeigen, daß aus dem durchaus plausiblen Modell des Menschen als "komplexes informationsverarbeitendes System" Folgerungen abgeleitet werden können, die den Zweifel an der "Meßbarkeit" von Wesenszügen des Menschen im Sinne des "mechanical measurement" als sehr gerechtfertigt erscheinen lassen. (Eine Zusammenfassung wichtiger Einwände gegen das Konzept der "Messung" von Persönlichkeitsmerkmalen aus der Sicht der Humanistischen Psychologie gibt LOCKOWANDT 1984)

    Man kann also ein Objekt nicht voraussetzungslos "einfach beschreiben, wie es ist", kann "metaphysische Spekulation" aus keiner seiner wissenschaftlichen Tätigkeiten heraushalten. Wenn man nur versucht, Persönlichkeitsmerkmale "zu messen", dann ist das bereits auch eine Entscheidung darüber, was Persönlichkeitsmerkmale sind: Wenn man sie dabei nämlich in Analogie zu "Programmen" versteht, wird man ganz anders vorgehen (müssen), um sie zu erfassen, als wenn man sie in Analogie zu den physikalischen Eigenschaften eines materiellen Objektes versteht, in Analogie zu einfachen kybernetischen Prozessen (wie dem Regelkreis) oder schließlich als "Prozeß-Charakteristika" eines selbstorganisierenden, evolvierenden Systems Mensch im Sinne von JANTSCH.

     

    In jedem Akt der Wahrnehmung sind implizit "Theorien" enthalten: Annahmen über die Struktur des Wahrnehmungsobjektes (die Gesetze der Gestalt-Psychologie) sowie Vorstellungen über das "Wesen" des Objektes - meist ausdrückbar in solchen Analogien. So liegen bekanntlich vielen Modellbildungen der Psychoanalyse energetisch-ökonomische Analogien zugrunde (BECKER 1975, 157). Wenn solche Analogien mit dem Wesen der Sache selbst verwechselt werden, spricht man von Reifikation. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß in jeder Wahrnehmung implizit ein "Modell" enthalten ist, insbesondere natürlich in jeder "Messung". Der Unterschied liegt nicht darin, daß der eine sich an einem "fragwürdigen" Modell orientiert, der andere aber nicht, sondern darin, daß der eine nicht weiß, daß er sich an einem Modell orientiert (oder es nicht wahrhaben will), der andere aber darum weiß, sich der Standpunkt-Gebundenheit seiner Erkenntnisse also bewußt ist.

     

     

     

     

     

    • IV. 3: Ein "erkenntnistheoretischer Rahmen" für die Astrologie
  • Was "sieht" der Astrologe, der die Bedeutung des Horoskops bestätigt sieht? Worauf beruht sein Erlebnis der Evidenz, sein Eindruck, daß das Horoskop die Persönlichkeits-Struktur eines Menschen widerspiegelt? Offensichtlich sieht der Astrologe ein "Muster" im Horoskop, und er sieht ein "Muster" im Leben des Klienten - und zwischen diesen beiden "Mustern" sieht er mehr oder minder deutliche Ähnlichkeiten.

     

    Wir haben bisher gezeigt, daß die Möglichkeit der Quantifizierung von Wesenszügen eines Menschen keineswegs gewährleistet ist,daß es im Gegenteil plausible Argumente gibt, diese Möglichkeit in Zweifel zu ziehen. Man kann also vermuten: Wenn es überhaupt ein Verfahren geben sollte, mit dessen Hilfe man, unabbhängig von den Äußerungen des betreffenden Individuums, Aussagen über seine Persönlichkeitsstruktur machen kann, dann muß dieses Verfahren dem "Gestalt-Charakter" der Persönlichkeit eines Menschen "kongenial" sein. Damit ist nicht gesagt, daß jedes Verfahren, das diesem Kriterium genügt, auch schon valide ist. Die Bedingung ist, in den Begriffen der Logik ausgedrückt, eine notwendige, keine hinreichende.

    Diese notwendige Bedingung erfüllt die Astrologie in hohem Maße. Die Einwände, die gegen die Quantifizierung von Wesenszügen eines Menschen vorgebracht wurden, sind daher analog auch auf die Struktur übertragbar, die diese Wesenszüge abbilden soll: das Horoskop. Es ist zusammengesetzt aus Unterstrukturen, die ihrerseits abgeschlossene Sinngestalten bilden und durch die einzelnen Symbole des Horoskops repräsentiert werden.

     

    Was repräsentieren diese Symbole?

    Im zweiten Kapitel wurden sie als Grundprinzipien des Lebendigen schlechthin beschrieben, wie sie eine sinnverstehende, ganzheitlich denkende Biologie (FRANCE 1921) entwickelt hat, "um die vielfältigen Leistungen der Organismen zusammenhängend zu verstehen." (RING 1956, 70) Waren bei FRANCE diese Grundprinzipien noch eher als "Ordnungsgesichtspunkte" zu verstehen, so könnte man sie heute als eine eigene Art von "Naturgesetzen" bezeichnen, die zudem nicht nur lebende Organismen charakterisieren, sondern alle sog. "Systeme" schlechthin:

     

    • "Wohl zum ersten Mal in der Geschichte des menschlichen Geistes eröffnet sich ein Ausblick auf eine bisher nicht geahnte Einheit des Weltbildes. Seine obersten Leitprinzipien sind überall die gleichen (Hervorhebung durch den Verfasser), ob es sich nun um unbelebte Naturdinge, um Organismen, um seelische oder schließlich gesellschaftlich geschichtliche Vorgänge handelt ... Es gibt gewisse allgemeine Prinzipien, die für Systeme aller Art gelten, d.h. die aus der Wechselwirkung von Elementen auftreten müssen, so verschieden die zu einem 'System' zusammengefügten 'Elemente' im Einzelfall auch sein mögen." (BERTALANFFY 1959, 203)
  • Die Wissenschaft, die sich mit den allgemeinen Eigenschaften von Systemen beschäftigt, ist die Systemtheorie. Eine Konsequenz der Erkenntnisse der Systemtheorie ist die These von der Universalität der Intelligenz:

     

    • "Es gibt keinen Grund, das intelligente Bewußtsein eines Infusoriums, einer Pflanze, eines Makromoleküls für konfuser oder ungenauer zu halten als die Intelligenz eines Menschen, ..." (RUYER 1977, 59)
  • In bezug auf die "Intelligenz" geographischer Systeme meint dazu ARMAND (1972, 148):

     

    • "Selbst der unbefangene Beobachter kann sich des Eindrucks nichts erwehren, daß solch geregeltes Verhalten, wie es die angeführten Beispiele zeigen, von einem Programm gesteuert werden muß, das die Reihenfolge der Vorgänge bestimmt. Da Flußsysteme, Gletscher oder Waldgebiete keine Programmspeicher im technischen Sinne besitzen, kann das Programm nur in der Struktur dieser Systeme selbst begründet sein."
    • "Jedenfalls können wir heute schon in der präbiotischen Phase, noch vor der Entstehung der ersten Zellen, von Materiesystemen sprechen, die Stoffwechsel besitzen, sich selbst reproduzieren, durch Mutation evolvieren und sich im Wettbewerb gegen andere durchzusetzen vermögen. (Hervorhebung d. Verfasser) Wer hätte das noch vor kurzem zu behaupten gewagt? Die erwähnten Eigenschaften - vor allem ihre Kombination - wurde ja geradezu einer Definition des Lebens zugrundegelegt." (JANTSCH 1979, 154)
    • "Die Verwandtschaft in der Selbstorganisations-Dynamik materieller und energetischer Prozesse auf vielen Ebenen, von der Chemie über die Biologie zur Soziobiologie und darüber hinaus, deutet darauf hin, daß es zumindest in diesem sehr weit gespannten Bereich eine allgemeine dynamische Systemtheorie geben dürfte ... Wenn aber, was noch im einzelnen zu diskutieren sein wird, diese Grundform autokatalytischer Selbstorganisations-Dynamik beobachtbaren Phänomenen in einem so weiten Bereich zugrunde liegt, handelt es sich nicht mehr nur um Analogie oder formale Ähnlichkeit, sondern um echte Homologie oder innere Wesensverwandtschaft." (a. a. O., 94)
  • Die astrologische Grundüberzeugung: "Wie oben, so unten", drückt nur in gleichnishafter Sprache aus, was in der Systemtheorie als Homologie der Systemeigenschaften auf unterschiedlichen Ebenen bezeichnet wird, wobei ja kosmisches Geschehen ausdrücklich mit einbezogen ist (siehe JANTSCH, op. cit., sowie LANDSCHEIDT 1984). Wenn man von der Formulierung von RING ausgeht, daß die (Planeten-) Symbole in der Astrologie "Grundprinzipien des Lebens schlechthin" repräsentieren, könnte man angesichts der Erkenntnisse der Systemtheorie folgendes postulieren: Die Symbole der Astrologie repräsentieren, in der Sprache der Systemtheorie ausgedrückt, "System-Eigenschaften" selbstorganisierender Systeme. Solche System-Eigenschaften sind, wie bereits bemerkt, "Naturgesetze", denn sie beschreiben die "Neigung der Natur", sich bei gegebenen Randbedingungen in einer bestimmten Weise zu verhalten. Es sind jedoch Gesetze, die zu den uns bekannten Gesetzen hinzukommen, da sie eigenständige Gesetze des Verhaltens von Systemen darstellen:

     

    • "Die klassische Form einer Prozeßgesetzlichkeit ist die Differentialgleichung. Die Gesetze der ungeordneten Gesamtheiten (Hervorhebung d. Verf.) gründen sich auf die Wahrscheinlichkeitslehre. Die Gesetze der geordneten Gesamtheiten (Hervorhebung d. Verf.) sind ihrem Wesen nach Systemgesetze." (BERTALANFFY 1970)
  • Und diese Eigenschaften sind "empirische Tatsachen" (auf empirischem Wege gefunden), wie die anderen Naturgesetze auch (a. a. O.).

     

    Der Gewinn der Erkenntnisse der Systemtheorie für die Astrologie liegt also in der Bestätigung der astrologischen These, daß es sinnvoll und angemessen ist, von solchen übergreifenden Eigenschaften von Organismen (und analogen Systemen) zu sprechen.

    Die Systemtheorie bietet damit der Astrologie einen Rahmen, zumindest ein "Vokabular", in dem die sonst aus wissenschaftlicher Sicht obskur erscheinenden ("zusammengewürfelten" ) Bedeutungen der astrologischen Symbole eine nicht mehr "nur" intuitiv nachvollziehbare sondern empirisch belegbare Entsprechung in der Realität erhalten. Astrologie ist also "denkbarer" geworden, da sie nicht mehr als "im Widerspruch stehend zu allem, was wir von der Natur wissen", aufgefaßt werden muß - zumindest ihre Konzepte der Einteilung der Realität erscheinen plötzlich als sehr "modern". Damit ist noch nicht gesagt, daß die Bedeutungen der astrologischen Symbole auch tatsächlich in Zusammenhang stehen mit den Positionen der Planeten in unserem Sonnensystem (den "Trägern" dieser Bedeutungen). Es gibt jetzt aber zu der Einheit, die diese Symbole darzustellen beanspruchen, einen empirisch abgesicherten einheitlichen Bereich der Realität: selbstorganisierende Systeme.

     

    Astrologie ist ein altes Menschheitswissen, das nicht deshalb abgelehnt wird, weil es Zusammenhänge behauptet, die nicht bestehen, sondern weil sie Zusammenhänge behauptet, "die nicht bestehen können"(siehe Kapitel 1). Schon ihre Begriffsbildungen und die Art ihres Vorgehens erscheinen obskur. Die Systemtheorie und ihr "unverdächtigeres" Vokabular erlauben es heute Wissenschaftlern wieder, über Astrologie zu sprechen. Daß Systeme als solche bestimmte Eigenschaften haben, läßt die Behauptungen der Astrologie nicht mehr als so abwegig erscheinen, wie sie es in den Augen vieler Wissenschaftler bis heute sind. Umgekehrt helfen uns die Modelle und Erkenntnisse der Systemtheorie aber auch, die Astrologie besser zu verstehen. Denn worauf Astrologie basiert, welche Art Zusammenhang der Kosmos-Bios-Zusammenhang denn sei, diese Frage können Astrologen bisher auch nicht beantworten. (Siehe "Thesenpapier astrologischer Vereinigungen".)

     

    Systemtheorie hilft uns bei der Formulierung der Frage, was Astrologie denn ist und über welche Ebene der Realität sie eigentlich Aussagen zu machen imstande ist. In diesem Sinne kann Systemtheorie einen "erkenntnistheoretischen Rahmen" für die Astrologie abgeben. Dieser Rahmen ermöglicht auch eine Prüfung des Anspruchs der Astrologie auf eine konsequentere, dem Gegenstand angemessenere Art, als es bisher möglich war. Denn eine Prüfung der Astrologie wird, wenn sie angemessen sein soll, davon abhängen, "als was" der Zusammenhang, den die Astrologie behauptet, angesehen werden soll; anders ausgedrückt: Von welcher Natur der von der Astrologie behauptete Zusammenhang ist. Die Natur des Zusammenhangs in Gleichnissen zu beschreiben, ist hilfreich, um ihn plausibel erscheinen zu lassen. Für eine Prüfung des Anspruchs der Astrologie sind präzisere Formulierungen hilfreicher, und solche Formulierungen könnte die Systemtheorie bieten.

     

     

    • IV. 4: Trügerische Evidenz-Gefühle
  • Angesichts der Tatsache, daß in unzähligen Beratungssituationen Klient und astrologischer Berater immer wieder den Eindruck haben, daß die Deutung des Horoskops stimmig und zudem hilfreich ist  (siehe auch Kap. 6.4), stellt sich die Frage, aus welchen Gründen eine weitere "Prüfung" der Astrologie notwendig erscheint. Anders ausgedrückt: Gibt es im Falle der Astrologie, außer weltanschaulichen Gründen ("Astrologie kann nicht richtig sein!"), plausible Gründe, an der Validität der erwähnten Evidenz-Erlebnisse zu zweifeln? - Die Berechtigung eines solchen Zweifels soll an einem Beispiel verdeutlich werden:

     

    Vor einigen Jahren kam eine Dame zu mir zu einer astrologischen Beratung. Sie hatte sich telefonisch angemeldet und mir dabei auch ihre Geburtsdaten angegeben. Nach unserem zweistündigen Gespräch erzählte sie mir, daß sie vor mir schon bei 5 Kollegen gewesen sei, meine Deutung sei allerdings die differenzierteste und die beste. Sie zeigte mir zum Vergleich dann die Arbeiten meiner Kollegen. Bei der Gelegenheit bemerkte ich, daß die Horoskope meiner Kollegen ganz andere Konstellationen aufwiesenals mein Bild. Ich stellte fest, daß ich mich bei dem Geburtsdatum um 20 Jahre geirrt hatte: Ich hatte statt einer 3 aus meiner handschriftlichen Notiz ihrer Geburtsdaten eine 5 gelesen, so daß ihr Geburtsdatum statt in die dreißiger Jahre in die fünfziger Jahre fiel. Ähnliche Erlebnisse, daß Deutungen irrtümlich falsch berechneter Horoskope als "evident" empfunden werden, berichten auch andere Kollegen (DEAN/MATHER 1977, 19).

     

    • V. 1: Auffassungen über die Natur astrologischer Aussagen
  • Astrologie ist die symbolische Deutung räumlicher Verhältnisse und zeitlicher Abläufe in unserem Sonnensystem. Sie basiert auf der Grundannahme, daß die sich aus solchen Verhältnissen ergebenden Rhythmen mit physikalischen, biologischen und psychischen Abläufen in Organismen auf der Erde in Zusammenhang stehen (siehe Kapitel 2). Astrologie zu prüfen bedeutet, die Angemessenheit ihrer Grundannahme zu prüfen und die Angemessenheit der Deutungen zu prüfen. Die einzelnen Richtungen in der Astrologie unterscheiden sich hinsichtlich zweier Dimensionen, die relativ unabhängig voneinander sind: zum einen hinsichtlich der verwendeten Deutungselemente, darüberhinaus aber auch hinsichtlich ihrer Auffassungen darüber, von welcher Natur der in Rede stehende Zusammenhang sei. Da die Beantwortung dieser Frage für die Realisierung einer angemessenen Prüfung astrologischer Aussagen von Bedeutung ist, sollen die wesentlichen Auffassungen kurz referiert und diskutiert werden.

     

    • "Und in allen vorgebrachten Meinungen liegt ein Körnchen Wahrheit, denn die Astrologie gleicht einem uralten, schon sehr baufälligen Tempel, an dem im Laufe der Jahrhunderte viele Baumeister und Pfuscher herumgeflickt haben. Das astrologische Lehrgebäude ist wie ein Konglomerat von Gesteinsarten aus verschiedenen geologischen Epochen, in dem Altes und Neues, Mythos und Wissenschaft, physikalische und psychologische Erkenntnisse bunt gemischt und zusammengekleistert wurden. Daher die vielen Widersprüche in der Astrologie, daher auch die Unmöglichkeit, für das Gesamtgebiet der Astrologie eine einheitliche Erklärungshypothese aufzustellen." (KNAPPICH 1967, 307f)
  • Die Auffassungen zur Frage der Natur der astrologischen Aussagen sollen in vier Gruppen zusammengefaßt werden, die Stufen der "Rigidität" der Forderung nach Objektivierbarkeit des behaupteten Wissens repräsentieren:

     

    1. Esoterische Astrologie: Astrologisches Wissen ist Offenbarungswissen.

    • "Die Esoteriker erblicken in der überlieferten astrologischen Lehre eine von göttlichen Wesen oder erhabenen Denkern, wie Hermes Trismegistos, geoffenbarte kosmische Philosophie, die nur von Eingeweihten subjektiv nacherlebt und verstanden werden kann". (KNAPPICH 1967, 309)
  • 2. Symbolische Astrologie: Die in dieser Arbeit dargestellte Astrologie gehört hierher. Es wird ein Deutungssystem vorausgesetzt, innerhalb dessen den verschiedenen astronomischen Gegebenheiten (den Planeten und deren Konstellationen, be stimmten Abschnitten des Raumes) eine symbolische Bedeutung zugeschrieben wird. Die Symbole repräsentieren grundlegende (prinzipielle, elementare) Strukturen, die Materielles, Seelisches und Geistiges gleichermaßen umfassen.

     

    3. "Astrologie als Erfahrungswissenschaft" (KLOECKLER 1925): Astrologische Aussagen beruhen auf aus Beobachtungen abgeleiteten Regeln (etwa wie Regeln des richtigen Anbaus von Wein) über systematisch auftretende Koinzidenzen zwischen Himmelserscheinungen und Abläufen auf der Erde. Diese Beobachtungen führten zur Aufstellung eines Systems, welches in Form von Metaphern und Allegorien tradiert wurde und wird.

     

    4. Astrologie als "Naturwissenschaft": Bei den Regeln der Astrologie handelt es sich um die Beschreibung von Wirkungen der Planeten auf Organismen analog anderen bekannten energie-schwachen physikalischen Wirkungen - so z. B. die sehr schwacheunddoch, aufgrund der "Sensibilität" des Radios, sehr effiziente Wirkung der Radiowellen, die ein Sender aussendet, auf das empfangende Radio. Die genaue Form dieser Wirkungen ist derzeit noch nicht bekannt und deshalb nur in Form von Metaphern formulierbar.

     

    Die Symbolische Astrologie und die Auffassung von Astrologie als einer Erfahrungswissenschaft wird von Astrologen häufig nicht auseinandergehalten. Es ist aber notwendig, eine Trennung vorzunehmen: Die symbolische Astrologie läßt, streng genommen, nur "Erweiterungen" (ggf. "Umformulierungen") der Bedeutung ihrer Elemente zu, keine völlige "Umdefinition". Dies war auch die Haltung des großen Astrologen dieses Jahrhunderts im deutschen Sprachraum, Thomas RING: "Eine neue Regel in der Astrologie wird zugelassen, wenn sie denknotwendig ist und sich in der Erfahrung bewährt hat. Eine an "Sammlung von Beobachtungen" orientierte Astrologie ist dagegen jederzeit in der Lage, bei Vorliegen neuer Fakten die bisherigen Regeln (ggf. vollständig) zu ändern. Dies ist auch der Weg der sog. "Neo-Astrologie" (s.u.).

     

    Auch die Auffassungen von Astrologie als Erfahrungswissenschaft einerseits, Naturwissenschaft andererseits werden oft nicht auseinandergehalten. Die dritte Auffassung ist jedoch nicht festgelegt, was das zugrundeliegende "Weltbild" angeht; der Begriff der Erfahrung ist dort weiter auszulegen.

    Schließlich gehen auch die Esoterische und die Symbolische Astrologie in der Argumentation von Astrologen häufig ineinander über. Die einzelnen Auffassungen müssen aber wegen der Konsequenzen für eine mögliche Prüfung - vor dem Hintergrund der Angemessenheit der Methode - unterschieden werden.

     

    • a) Esoterische Astrologie
  • Für die Esoterische Astrologie ist eine Prüfung ihrer Aussagen weder notwendig noch möglich. Diese Auffassung von Astrologie ist daher für unsere Erörterungen nicht von Bedeutung.

     

    • b) Astrologie als "Naturwissenschaft"
  • Das Bedürfnis, den Zusammenhang zwischen Kosmos und Bios physisch-kausal verstehen zu können, ist alt. Das versuchte schon PTOLOMAEUS im 2. Jhd. (1822). Das Bedürfnis ist verständlich: ist doch für viele die "Undenkbarkeit" eines kausalen Zusammenhanges der Anlaß, die Astrologie schon von daher abzulehnen. Im Hintergrund steht dabei die Überzeugung, daß die Postulierung nicht-kausaler Zusammenhänge dem Bereich vorwissenschaftlichen Denkens, dem Bereich von Aberglauben und Magie angehören.

     

    "Ideologische" Schwierigkeiten dieser Art lösen sich oft auf überraschende Weise: Sie entpuppen sich als Scheinprobleme. - Seit die Materie im Zuge der immer weiter fortschreitenden Auflösung ihrer aus der Alltagserfahrung gewohnten Eigenschaften (z. B. der Solidität oder Undurchdringlichkeit) keine selbstverständliche Kategorie mehr ist, so daß wir eigentlich gar nicht (mehr) wissen, was Materie überhaupt genau ist, entpuppt sich z. B. der Materialismus-Idealismus-Gegensatz als ein solches Scheinproblem. Materie wird immer "immaterieller" (WEIZSᅣCKER 1971, 289, 312 ff). Ähnliches könnte sich für die Kategorie "Wirkung" bzw. "Ursache" einmal erweisen; erkenntnistheoretisch sind sie ohnehin keine "Selbstverständlichkeiten".

    Vertreter der Auffassung von Astrologie als einer "Naturwissenschaft" operieren häufig mit Analogien zu physikalischen Modellvorstellungen (MODERSOHN 1983). Es wird dabei meist nicht gesehen, daß diese Modellvorstellungen in den Naturwissenschaften nur einen heuristischen Wert haben (haben sollten!) und ihren Sinn erst aus der Zuordnung zu bestimmten experimentellen Anordnungen und durch eindeutige "Meßvorschriften" erhalten. Häufig liegt dieser Auffassung eine unreflektiert übernommene Verabsolutierung des Wahrheitsanspruchs der Naturwissenschaften zugrunde. Insbesondere wird die Relativität der Kategorie "Kausalität" nicht gesehen, weshalb auch für astrologische Zusammenhänge nach glaubwürdigen Ursachen gesucht wird, die dann in nicht näher bestimmbaren "Strahlen" (in Analogie zu Radiowellen) gesehen werden.

     

    Mit diesen Einwänden soll nicht die Fruchtbarkeit von Forschungen in Frage gestellt werden, die mit naturwissenschaftlichen Mitteln Beziehungen zwischen Kosmos und Mensch untersuchen, ganz im Gegenteil: Solche Untersuchungen haben jedoch für die Astrologie den gleichen Stellenwert, wie ihn Biologie und Physiologie für die Psychologie haben: Ebensowenig wie sich das gedankliche und emotionale Geschehen im Menschen vollständig auf biophysikalische und biochemische Veränderungen im Körper (einschließlich des Gehirns) reduzieren läßt - insbesondere nicht im Lichte der Erkenntnisse der Systemtheorie -, ebensowenig läßt sich die Astrologie in der derzeit praktizierten Form vollständig auf physikalische "Wirkungen" der Gestirne reduzieren (NIEHENKE, 1981), wenngleich in beiden Fällen unbestreitbar enge Beziehungen bestehen.

     

    • c) Astrologie als Erfahrungswissenschaft
  • Wenn Astrologie als Erfahrungswissenschaft bezeichnet wird, so soll damit ausgedrückt werden, daß die Behauptungen, die Astrologen aufstellen, nicht Glaubenssätze sind, sondern Erfahrungen, daß sie aus Beobachtungen abgeleitet werden und an der Beobachtung zu prüfen sind. Man stellt man sich dieses Prüfen allerdings oft einfacher vor als es im Falle der Astrologie tatsächlich ist. Insbesondere die frühen Arbeiten von CHOISNARD (1919, 1920) oder KRAFFT (1939) dabei an methodischen Fehlern, wie GAUQUELIN (1960) nachgewiesen hat (referiert bei EYSENCK/NIAS 1982, 62ff), doch auch die meisten der zahlreichen neuen Untersuchungen zur Astrologie sind oft methodisch so dilletantisch angelegt, daß die Ergebnisse nicht interpretierbar sind (DEAN/MATHER 1977).

     

    Überblickt man die Forschungen der letzten Jahrzehnte, so gewinnt man den Eindruck, als beginne sich aus der hier gerade beschriebenen Auffassung von Astrologie auf der Basis einer besonders strikten Verfolgung eines rein empirischen Zugangs langsam eine ganz neue Art Astrologie zu entwickeln, eine "Neo-Astrologie" (GAUQUELIN 1983). Sie tendiert bei der "Erklärung" astrologischer Zusammenhänge zu naturwissenschaftlichen Konzepten, ohne jedoch der vereinfachenden Vorstellung von Planeten-Wirkungen in der oben beschriebenen Form zu verfallen. Mit der Symbolischen Astrologie hat sie kaum mehr gemeinsam als die Alchemie mit der Chemie, insbesondere im Hinblick auf die Methodik des Vorgehens: An die Stelle einer universalen, in Symbolen vermittelten "Theorie" über den Zusammenhang zwischen Kosmos und Mensch, tritt die Überprüfung von Einzelhypothesen über Korrelationen zwischen klar definierten astronomischen Einzelfakten und ebenso klar definierten isolierten Merkmalen einer Person, also Statistik (GAUQUELIN 1983, STARK 1985, EYSENCK/NIAS 1982, DWYER 1983a+b). Und es werden ausschließlich solche Regeln für die "Deutung" des Horoskops akzeptiert, die einer statistischen Überprüfung standgehalten haben bzw. die auf diese Weise erst entwickelt wurden.

     

    Diese Art der "Astrologie" ist untrennbar verknüpft mit dem Namen Michel GAUQUELIN. In mehr als 40jähriger Pionierarbeit unterzog er, zusammen mit seiner Frau Francoise, weite Teile der Klassischen Astrologie einer statistischen Analyse, indem er astrologische Regeln ("Einzelhypothesen"), die implizit oder explizit ja immer Aussagen über Häufigkeiten machen, mit den entsprechenden Planeten-Konstellationen korrelierte. Seine Arbeiten werden im 6. Kapitel ausführlich dargestellt werden.

     

    • d) Symbolische Astrologie
  • Im Unterschied zur "Neo-Astrologie" als Beispiel eines konsequenten rein empirischen Zugangs hält die Symbolische Astrologie an der Gesamt-Struktur der Astrologie als einem in sich geschlossenen Aussage-System fest - man könnte sagen, sie hält an der "Gestalt" der Astrologie fest. Doch auch Astrologen, die Astrologie im Sinne der Symbolischen Astrologie verstehen, würden für sich in Anspruch nehmen, daß sie ihre Behauptungen an der Erfahrung prüfen. Sie gehen dabei von einem Begriff von Erfahrung aus, der weiter gefaßt ist: auch Erlebnisse der Evidenz gehören dazu. Ein weiterer wesentlicher Unterschied besteht darin, daß die Ebene der Symbole von der Ebene ihrer "Entsprechungen" getrennt gesehen wird, d.h. die Bedeutung eines Symbols ist nicht identisch mit seinen Entsprechungen: die Entsprechungen sind Beispiele; sie erläutern die Bedeutung des Symbols. Sie sind keine (operationalen) "Definitionen". Dabei wird implizit angenommen, daß es "etwas" gibt (eine "Idee"), was diese Symbole "eigentlich" sind.

     

    Am leichtesten läßt sich das, was sie "eigentlich" sind, in der Sprache der Systemtheorie formulieren, wenn man die "Ebene der Wirklichkeit", deren Struktur die Astrologie spiegelt, als die Ebene der "System-Eigenschaften" versteht. Wie weit das tatsächlich durchzuhalten ist, kann nur eine sorgfältige vergleichende Studie klären. Im Rahmen dieser Arbeit ist das leider nicht zu leisten.

    In ihrer Not, den intuitiv erfaßten Strukturen der Realität, die sich im Horoskop spiegeln, keine allgemein verständliche "Ebene" zuordnen zu können (als die Ebene der "Zeichen der Götter", wie in Kapitel 1 beschrieben, verloren war), haben Astrologen zu den verschiedensten "Erklärungen" gegriffen, den Kosmos-Bios-Zusammenhang plausibel erscheinen zu lassen. Thomas RING lehnte sich, wie beschrieben, an das von R.H. FRANCE entwickelte System einer ganzheitlich-verstehenden Biologie an - wir können dies als einen Spezialfall des systemtheoretischen Ansatzes verstehen (s.u.). RIEMANN (1976) postuliert ein "Kosmisches Unbewußtes", das er, metaphorisch gesprochen, noch "unterhalb" der Ebene des von C.G. JUNG (1976) konzipierten "Kollektiven Unbewußten" ansiedelt, wobei dieses "Kollektive Unbewußte" von JUNG bereits als eine allgemeinere, "tiefere" Schicht zum "persönlichen Unbewußten" im Sinne von Sigmund FREUD zu verstehen ist.

     

    • e) Folgerungen für die Prüfung astrologischer Aussagen
  • Esoterische Astrologie bedarf keiner Prüfung und ist ihrer per definitionem auch nicht fähig. Der Versuch, den Kosmos-Bios-Zusammenhang physisch-kausal aufzufassen, ist unvereinbar mit der Art, wie Astrologie praktisch betrieben wird: Entweder die Astrologie, wie wir sie betreiben, ist richtig, dann kann sie nicht auf "Wirkungen" der Planeten auf Organismen zurückgeführt werden - oder die Astrologie basiert ausschließlich auf solchen (bisher noch nicht erkannten) Wirkungen, dann kann die Art, in der wir sie betreiben, nicht richtig sein (NIEHENKE 1981).

    Am befriedigendsten im Sinne des heutigen Wissenschaftsverständnisses ist die sog. "Neo-Astrologie". Streng genug betrieben sind ihre Ergebnisse genauso "sicher" wie die Methoden der Statistik, auf die sie sich ausschließlich stützt - die einzige Schwierigkeit besteht in einer möglicherweise fehlerhaften oder inadäquaten Verwendung statistischer Prozeduren. Die von ihr benutzten Grunddaten sind eindeutig operationalisiert (z. B.: Mitglied der Akademie Francaise, siehe Kapitel 6), die Interpretation der Ergebnisse folgt den auch in der Psychologie allgemein akzeptierten Regeln. Es verwundert nicht, daß Wissenschaftler wie EYSENCK, der selbst an der Entwicklung der heute gültigen "Regeln wissenschaftlichen Forschens" in der akademischen Psychologie maßgeblichen Anteil hat, die Ergebnisse der "Neo-Astrologie" für die einzigen ernstzunehmenden Ergebnisse im Bereich der astrologischen Forschung überhaupt hält (EYSENCK/NIAS 1982, 294ff).

     

    Die GAUQUELINs untersuchen jedoch nicht wirklich die Astrologie, zumindest nicht diejenige, die ich als Symbolische Astrologie weiter oben skizziert habe. Wir finden in ihren Schriften auch keine Erörterungen über die Angemessenheit ihrer Operationalisierungen der Bedeutung der astrologischen Symbole. Dieses Problem ergibt sich für sie gar nicht, da sie zu den Entsprechungen auf rein empirischem Wege gelangen. Dem quantitativ-statistischen Ansatz zufolge kommen sie dann (zwangsläufig) dazu, die Bedeutung dieser Symbole als eine Sammlung von Entsprechungen aufzufassen, die sie in bezug auf die psychologische Aussage-Dimension zu Listen von "key-words" zusammenfassen (siehe Kap. 6). Wie wir gesehen haben, ist es wahrscheinlich, daß dabei etwas von dem, was diese Symbole ausdrücken, verlorengeht (Kapitel 4).

     

    Wenn man, eingedenk dieser Begrenzung, ihre Ergebnisse mit der nötigen Vorsicht interpretiert, so sind sie von unschätzbarem Wert, zeigen sie doch mit gegenwärtig in den etablierten Wissenschaften allgemein anerkannten Mitteln, daß die Existenz eines Zusammenhangs zwischen der kosmischen "Situation" im Moment der Geburt eines Menschen und dem Leben dieses Menschen mit gleichem Recht eine "wissenschaftliche Tatsache" genannt werden darf wie alle anderen in Natur- und Sozialwissenschaften erforschten Zusammenhänge, deren "Existenz-Beweis" sich auf statistische Untersuchungen stützt. Wie ERTEL (1986) überzeugend darlegt, bilden die Ergebnisse aller GAUQUELIN'schen Untersuchungen ein "Netzwerk von Relationen, das sich mit seiner dynamischen Struktur von anderen empirisch-theoretischen Netzwerken der Naturwissenschaft, die sich historisch bewährt haben, in den Grundzügen nicht unterscheidet." (109)

     

    Diese Tatsache, daß die Ergebnisse mit anerkannten wissenschaftlichen Methoden gewonnen wurden, wirkt auf viele Wissenschaftler aus dem "Lager der Gegner" der Astrologie besonders provozierend. Daher wird die Arbeit der GAUQUELINs auch erbittert bekämpft (siehe EYSENCK/NIAS 1982, 279ff), doch:

     

    • "Dies übersehen zu haben (die Netzstruktur der GAUQUELIN'schen Ergebnisse, Anm. d. Verf.) gehört zu den größten Fehlern der Komitees, die glaubten, sich ihrer Aufgabe (der Widerlegung GAUQUELINs, Anm. d. Verf.) mit einem einzigen Überprüfungsfall entledigen zu können. Gegenüber den Dimensionen des empirisch bereits ausgebauten GAUQUELIN-Programms vermag ein punktueller Einzeltest nur wenig auszurichten." (ERTEL 1986, 109)
  • Ähnlich wie Psychologen, die ausgehend vom dem Bedürfnis, das Phänomen der menschlichen Intelligenz zu untersuchen, dazu übergingen, sich den Gegenstand ihrer Untersuchung selbst zu "konstruieren": Intelligenz ist das, was der Intelligenztest mißt (siehe Kapitel 3), konstruieren sich auch die GAUQUELINs, ausgehend von dem Bedürfnis, die Astrologie zu untersuchen, ihren Gegenstand selbst durch die Art ihrer "Operationalisierungen". In beiden Fällen besteht die Gefahr, daß der eigentliche Untersuchungsgegenstand dabei "verfehlt" wird, daß man die an einem eingeschränkten Begriff des Gegenstandes gewonnenen Erkenntnisse, deren Bezug zum ursprünglichen Gegenstand im Dunkeln bleibt, auf den Gegenstand als Ganzen überträgt.

    Kämpft also der strikt empirische Zugang mit dem (ungelösten) Problem einer angemessenen Operationalisierung der Bedeutung der astrologischen Symbole, so kämpft die Symbolische Astrologie mit dem (ungelösten) Problem, ein verläßliches Kriterium für die Angemessenheit einer Deutung zu finden. Vielleicht sind ja beide Wege nicht einander ausschließend sondern "komplementär"...

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • V. 2: Die "Verifikations-Aporie" der Symbolischen Astrologie
  • Man könnte aus dem zuletzt angeführten Beispiel im vorangegangenen Kapitel: eine Klientin hatte die Deutung eines falsch berechneten Horoskops als sehr "stimmig" empfunden, den Schluß ziehen, derartige "Evidenz-Erlebnisse" seien also grundsätzlich trügerisch. Dieser Schluß wäre jedoch sehr voreilig, insbesondere deshalb, weil es auch gegenteilige Beispiele gibt, Beispiele also, die solche Evidenzerlebnisse als recht verläßlich erscheinen lassen.

     

    Ein Klient - wie sich später herausstellte, ein Pfarrer -, der bei mir ein schriftliches sog. "Blind-Gutachten" in Auftrag gegeben hatte, weil er neugierig war, was Astrologie leisten könne, rief mich direkt nach Erhalt dieses Gutachtens an, um mir seine Unzufriedenheit mitzuteilen: manches stimme, anderes sei total falsch, das Gutachten sei "weder Fisch noch Fleisch". Der Klient hatte mir seine Geburtszeit ungenau angegeben, so daß ich ihn bat, doch beim Standesamt seines Geburtsortes sicherheitshalber noch einmal nachzufragen. Es stellte sich tatsächlich heraus, daß die Angabe, die er von seiner Mutter erfahren hatte, um vier Stunden von der standesamtlichen Angabe abwich. Er bestellte daraufhin ein zweites ausführliches Gutachten auf der Grundlage der standesamtlichen Geburtszeit-Angabe. Auch in diesem Fall rief er mich nach Erhalt des Gutachtens sogleich an. Diesmal war er begeistert; und auch sein Freund, dem er das Gutachten ebenfalls zu lesen gegeben hatte, fand es treffend. Ich benutze die zwei Gutachten gern in Seminaren zur Demonstration der Tatsache, daß ein Unterschied von 4 Stunden in der Geburtszeit die Struktur des Horoskops so stark verändert, daß der Unterschied zu zwei nahezu entgegengesetzten Deutungen führen kann. - Die Zustimmung zum zweiten Gutachten wird in diesem Fall dadurch "aufgewertet", daß der Klient durch die Ablehnung des ersten Gutachtens bewiesen hat, daß er kritikfähig ist und nicht dazu neigt, beliebige Beschreibungen seiner Person als "stimmig" zu akzeptieren.

     

    Dennoch: Sowohl die Zustimmung wie auch die Ablehnung einer Deutung durch einen Klienten können schon deshalb nicht als alleiniges Kriterium für Zutreffen oder Nicht-Zutreffen der Deutung akzeptiert werden, weil es keineswegs gewährleistet ist, daß sich der Klient in jedem Fall selbst gut genug einschätzen kann, um diese Entscheidung zu treffen. Wenn ein Klient eine Psychotherapie erhalten hat, so wird seine Selbstwahrnehmung nach der Therapie in den meisten Fallen anders sein als zuvor. Diese unterschiedliche Selbstwahrnehmung ist nicht allein Konsequenz davon, daß er sich (wie zu hoffen ist) geändert hat, sondern sie beinhaltet auch eine größere Sensibilität für eigene Bedürfnisse und Motive, weil es ihm leichter fällt, sich diese Bedürfnisse jetzt einzugestehen. Im positivsten Fall beinhaltet sie eine bessere Sensibilität für das, "was er eigentlich ist".

    Jeder erfährt zudem an sich selbst, daß er viele Aspekte seines eigenen Wesens als Jugendlicher noch nicht wahrgenommen hat. Manche Wesenszüge werden uns sogar erst sehr spät bewußt, und wir erkennen im Nachhinein, welche Motive uns bei früheren Handlungen geleitet haben, die wir damals nicht hätten angeben können, weil wir uns ihrer nicht bewußt waren (und sein konnten).

     

    Die beschriebene Situationläuft auf eine Aporie hinaus: Die Zustimmung des Klienten zu einer Deutung ist kein grundsätzlich verläßliches Kriterium, da nicht gewährleistet ist, daß er sein "Wesen" bewußt beschreiben kann (siehe auch SCHADE 1983). Eine objektive Erfassung der Persönlichkeits-Struktur ist jedoch nach den Ausführungen im vorangegangenen Kapitel nicht möglich. Also gibt es überhaupt kein verläßliches Kriterium für die Frage des Zutreffens oder Nicht-Zutreffens einer astrologischen Deutung.

    Da die Zuverlässigkeit einer Entscheidung über das Zutreffen oder Nicht-Zutreffen einer astrologischen Deutung auf der Basis quantitativ-statistischer Methoden ebenfalls nicht gewährleistet werden kann, stehen wir vor der Situation, daß eine zuverlässige Entscheidung über das Zutreffen einer astrologischen Deutung weder auf der Basis des "ganzheitlichen Eindrucks" noch auf der Basis quantitativ-statistischer Methoden möglich ist. Diese Folgerung ist keine "Spitzfindigkeit": Sie ist ein konkretes Beispiel für die im dritten Kapitel aufgrund allgemein wissenschaftstheoretischer Erwägungen formulierte Erkenntnis, daß es keine Wahrheitsgarantie gibt. Damit ist sie vielleicht auch eine Erklärung dafür, daß sich heute wie vor 2000 Jahren zwei Gruppen von Menschen gegenüberstehen: die einen halten Astrologie für möglich oder aufgrund ihres Begriffs von Erfahrung sogar für erwiesen, die anderen halten sie aufgrund ihres Begriffs von Erfahrung für widerlegt oder gar von vornherein für unsinnig (Aberglauben).

     

    Diese für wissenschaftliches Arbeiten auch in anderen Bereichen unvermeidbare Aporie läßt verschiedene Konsequenzen denkbar erscheinen: Man kann sich entscheiden, nur solche Sachverhalte wissenschaftlich zu untersuchen, die (möglichst) eindeutig operationalisierbar sind. Diese Begrenzung ist charakteristisch für die Naturwissenschaften, aber auch für die "akademische Psychologie" - und auch eine "akademische Astrologie". In diesem Fall schränkt man der Eindeutigkeit wegen freiwillig den Bereich von Erfahrungen ein, und kann daher über das jenseits dieses Bereiches liegende wissenschaftlich keine Aussagen machen. Wenn ich Wissenschaft in diesem Sinne verstehen will, ist eine wissenschaftliche Entscheidung über die Behauptungen der (Symbolischen) Astrologie nicht möglich, da die Sachverhalte, über die in der (Symbolischen) Astrologie Behauptungen aufgestellt werden, nicht angemessen operationalisiert werden können.

    Wenn man aber, im Bewußtsein der ohnehin nicht vermeidbaren Relativität und Standpunkt-Gebundenheit einer jeden wissenschaftlichen Erkenntnis, einschließlich derer, die auf der Basis eines rigiden Operationalismus zustandekommen, methodische Prinzipien nicht als "Richter", sondern als "Helfer" betrachtet, so kommt man zwangsläufig zur Auffassung der "Komplementarität" unterschiedlicher Forschungswege. Es geht dann nicht mehr um die Frage einer Entscheidung über Sein oder Nicht-Sein auf der Basis irirgendeiner einzelnen Methode, sondern um die Frage: Wie erscheint mein Untersuchungsgegenstand im Lichte der verschiedenen Methoden, die mir möglicherweise unterschiedliche Aspekte der Realität offenlegen? Und mit der "Kraft meiner Vernunft" fälle ich dann aufgrund dieser verschiedenen "Ansichten" mein Urteil.

     

    Die zuletzt genannte Auffassung ist die einzig begründbare Konsequenz aus der Erkenntnis, daß es keine "Wahrheitsgarantie" gibt. Das "experimentum crucis", mit dessen Hilfe die Astrologie bewiesen oder widerlegt werden könnte, gibt es nicht! Astrologische Forschung besteht im Sammeln von Belegen für und gegen die astrologischen Behauptungen mit den unterschiedlichsten Methoden. Das Bewußtsein, daß keine Methode dabei fehlerfrei ist, läßt die Beiträge einer jeden Methode bedeutsam werden.

    "Die Naturwissenschaft ist meinem Gefühl nach nicht weit genug entwickelt, um sagen zu können, daß das nicht wahr sein kann - und auch nicht weit genug entwickelt, um zu sagen, wie es zusammenhängt, wenn es wahr ist." (WEIZSᅣCKER 1976) Dies gilt, in besonderem Maße, auch für die Psychologie.

     

     

    • V. 3: Sechs Wege zur Erforschung der Astrologie
    • a) Der naturwissenschaftliche Zugang
  • Hier geht es um die Erforschung von elementaren Zusammenhängen, bei denen das sehr komplexe Problem der Verifikation der Aussagen aus dem Horoskop zunächst ausgeklammert bleibt. Wenn sich zeigen ließe, daß ein Zusammenhang zwischen Planeten-Konstellation und dem Ablauf "einfacher" und damit leicht objektivierbarer physikalischer, chemischer oder biologischer Prozesse (ggf. in Organismen) auf der Erde besteht (siehe dazu das "Austern-Beispiel" in Kapitel 2.1), so wäre das ein Beleg für die Grundannahme der Astrologie. Damit wäre über die Angemessenheit der Deutungen noch nichts ausgesagt, doch je nach der Form der Ergebnisse könnte sich daraus auch eine Stützung der These ableiten lassen, daß das Horoskop die Persölichkeits-Struktur eines Menschen in einem gewissen Sinne bzw. in einem gewissen Umfang widerspiegeln müßte.

     

    • b) Quantitativ-statistische Prüfung astrologischer Hypothesen auf Merkmals-Ebene
  • Die Gestalt-Psychologie hat uns gelehrt, daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, die Erkenntnisse der Systemtheorie zeigen zudem, daß solche Ganzheiten nicht nur "Organisations-Tendenzen" der menschlichen Wahrnehmung, sondern daß sie "empirische Tatsachen" sind. Dieses Mehr zu erfassen, stößtnaturgemäß bei Methoden, die sich mit den Teilen beschäftigen, auf große Schwierigkeiten. Es wäre allerdings ein Mißverständnis, aus dieser Erkenntnis die Behauptung abzuleiten, die Summe der Teile, für sich allein genommen, sei bedeutungslos. Die "Summe der Teile" hat, wie auch jedes Einzelteil für sich genommen, sehr wohl einen Aussagewert, und darin liegt der dennoch vertretbare Anspruch quantitativ-statistischer Forschungsmethoden begründet, auch in der Astrologie. Das Ganze ist zwar mehr als die Summe seiner Teile, aber die Summe der Teile ist damit nicht gleich gar nichts. (siehe auch NIEHENKE 1981)

    Wenn ein Symbol in Lehrbüchern durch die Angabe typischer Entsprechungen erklärt wird, so ist es plausibel anzunehmen, daß derartige Entsprechungen im Zusammenhang mit diesem Symbol auch häufiger zu beobachten sind. Wenn diese Annahme auch nicht zwingend ist, so ist sie dennoch nicht unbegründet. Anders ausgedrückt: es lohnt sich der Versuch! Die Berechtigung des Vorgehens wird durch den Erfolg belegt, und zumindest GAUQUELIN kann diesen Erfolg vorweisen.

    GAUQUELINs Arbeiten sind daher auch das herausragende Beispiel für diese Art des Vorgehens. Es wird dabei also nicht das ganze Horoskop und die Angemessenheit seiner Deutung untersucht, sondern Beziehungen zwischen einzelnen astronomischen Gegebenheiten und frei gewählten Außenkriterien (z. B. dem Beruf). Dabei ist es vom Vorgehen her nicht von Belang, ob die untersuchten astronomischen Gegebenheiten in der Astrologie Träger einer symbolischen Bedeutung sind. Es ist ein ähnliches Vorgehen wie in der Psychologie, wenn nachgewiesen wird, daß der "IQ" mit der Schulleistung korreliert. Wenn man, wie die GAUQUELINs es getan haben, die Beschreibung berühmter Persönlichkeiten in verschiedenen Biografien zum Außenkriterium wählt (siehe Kap. 6), so ist damit auch ein Schluß auf die Persönlichkeits-Struktur des betreffenden Individuums denkbar.

     

    Die Regeln der Astrologie fungieren bei diesem Vorgehen also nur als "Hypothesen-Fundus", als Anregung, welche Zusammenhänge zu untersuchen es sich lohnen könnte. Tatsächlich werden häufig dort Zusammenhänge gefunden, wo sie nach astrologischer Tradition erwartet werden müssen. Dieser Weg ermöglicht zunächst ebenfalls nur eine Prüfung der "Grundannahme der Astrologie", da das Horoskop als solches ja gar nicht untersucht wird. Da aber nicht beliebige astronomische Gegebenheiten untersucht werden, sondern vorwiegend solche, die als "Deutungselemente" in der Astrologie Träger einer symbolischen Bedeutung sind, ist also durchaus, wenn auch nur sehr vorsichtig, ein Schluß auf die Angemessenheit dieser Bedeutungen möglich.

     

     

     

     

    • c) Der "experimentelle" Zugang: Zuordnungs-Tests
  • Der dritte Weg besteht darin, die Fähigkeit der Astrologen zu bestimmten Zuordnungen zu prüfen. Wenn der Astrologe in der Lage ist, das "Wesen" eines Menschen zu erfassen, so könnte man folgern, daß er dann fähig sein sollte, z. B. das Horoskop eines Gewaltverbrechers aus einer Reihe von Horoskopen "unbescholtener Bürger" herauszufinden. Dies wäre jedoch ein Fehlschluß, denn wir dürfen nicht erwarten, daß das Horoskop unsere kulturspezifischen und zeitspezifischen Moralvorstellungen widerspiegelt. Auch in der Psychologie ist es bisher noch nicht gelungen, "Kriminalität" als Persönlichkeitsmerkmal dingfest zu machen (weil es kein Persönlichkeitsmerkmal ist). Dieses Vorgehen verlangt also Vorannahmen darüber, welchen Grad an Spezifität und Konkretion die Deutung eines Horoskops erlaubt. Nach moderner Auffassung spiegelt das Horoskop nur "Grundlegendes", Prinzipielles, wie z. B. das Verhältnis zum Thema "materielle Sicherheit" (siehe das Beispiel von Karl Marx in Kapitel 2). Es ist also bei diesem Vorgehen sehr sorgfältig zu prüfen, ob nicht "abergläubische Vorstellungen" über die Astrologie zum Gegenstand der Untersuchung gemacht werden.

     

    Es bleibt also bei derartigen Untersuchungen ein sehr großer Interpretations-Spielraum, der zum einen darin besteht, festzustellen, was denn z. B. wirklich "typisch" für einen Gewaltverbrecher sei und zum anderen darin, zu entscheiden, in welchem Umfange es sich bei diesen "typischen Merkmalen" um etwas Prinzipielles, etwas Grundlegendes handelt.

    Noch komplizierter wird dieses Vorgehen, wenn wir auch die ASW-Hypothese in unsere Überlegungen einbeziehen. Daß es speziell unter Astrologen einige sehr intuitiv, vielleicht sogar medial veranlagte Menschen geben dürfte, scheint auch plausibel. Wenn jedoch die Zuordnung nicht gelingt, dann war sie weder auf medialem Wege noch auf astro-"logischem" Wege möglich, so daß ein mißlungenes Experiment einfacher zu interpretieren ist: es zeigt, daß die entsprechende Zuordnung mit den Mitteln der Astrologie nicht möglich ist.

     

    • d) Vergleich astrologischer Deutungen mit Selbst- oder Fremdbeurteilungen einer Person
  • Während die Prüfung auf Merkmals-Ebene keinerlei "diagnostisches Urteil" beinhaltet, weder in Form einer Deutung astronomischer Sachverhalte noch bei der Definition des Kriteriums für die Prüfung, sind bei Zuordnungs-Tests im beschriebenen Sinne auf Seiten der Deutung des Horoskops diagnostische Urteile von Astrologen enthalten.

    Wähle für die Prüfung eine Beschreibung, Beurteilung oder Begutachtung einer Person, sei es eine biografische Anamnese, eine Selbstbeurteilung, eine graphologische oder auf einer Testbatterie basierende Diagnose, so läuft diese Prüfung auf einen Vergleich zweier auf unterschiedlichem Wege gewonnenen Urteile über eine Person hinaus.

     

    Dieses Vorgehen entspricht, sofern es sich um eine Selbstbeurteilung handelt, der Beratungs-Situation, in der die Selbstwahrnehmung einer Person mit der astrologischen Deutung konfrontiert wird. Wird dies als Prüfung der astrologischen Deutung aufgefaßt, so gelten die bereits dargestellten Einschränkungen der Interpretierbarkeit der so ermittelten Resultate. Eine ganze Reihe von Astrologen halten trotz dieser Einschränkungen diese Form der Überprüfung der Astrologie für die einzig adäquate. LOCKWOWANDT (1984) spricht, ausgehend von sehr ähnlichen Schwierigkeiten der Validierung graphologischer Deutungen, von "dialogischer Validität": "Wir haben deshalb vorgeschlagen, die Gültigkeit der Astrologie nicht über einfache artifizielle und oberflächliche Zusammenhänge zu überprüfen, sondern stattdessen dabei die extensive Arbeit mit intensiven (kasuistischen) Erkundungen zu verbinden und so zu ergänzen."

    Das Kriterium der dialogischen Validität wirft jedoch neue Probleme auf, da der in einem solchen Dialog möglicherweise stattfindende Prozeß der Konvergenz von Astrologen-Urteil und Selbstwahrnehmung einer Person sehr schwer transparent zu machen ist: Im Einzelfall wäre genau zu prüfen, wieviel einfache Überredung des Astrologen beteiligt ist, wieviel Bereitschaft auf Seiten des Klienten, jedwede astrologische Interpretation der eigenen Persönlichkeit als "stimmig" zu akzeptieren.

     

    Sicher entbehrt die Annahme nicht einer gewissen Plausibilität, daß das Selbst-Urteil eines Klienten nach erfolgreicher Therapie oder nach einem intensiven, die Selbstreflexion steigernden Dialog auf der Basis einer (astrologischen) Diagnose verläßlicher ist als das "naive" Urteil. Mehr als plausibel ist die Annahme aber auch wieder nicht. Jeder kritische Astrologe kennt die Erfahrung "falscher Evidenzen", wenn irrtümlich ein falsch berechnetes Horoskop die Grundlage der Deutung war und dennoch "alles stimmte" (siehe Kap. 4.4: Trgerische Evidenz-Gefhle).

    Es bedürfte auf Seiten des diagnostizierenden Astrologen einer ungewöhnlich großen Dissonanz-Toleranz, einer ungewöhlich großen Bereitschaft, eigene Überzeugungen in Frage zu stellen und in Frage stellen zu lassen, und eines ungewöhnlichen Ausmaßes an bewußter Kontrolle, wenn er trotz seines Engagements für die Astrologie auf jedwede subtile non-verbale Form der "Beeinflussung" seines Klienten vollständig verzichten könnte.

    Handelt es sich andererseits bei dem Kriterium um ein Fremdurteil oder auch eine unabhängig von einem diagnostischen Gespräch erstellte Selbstbeschreibung bzw. -Beurteilung, dann läuft diese Methode auf den Vergleich zweier mit verschiedenen Instrumenten erstellten Beurteilungen einer Person, d.h. also zweier Texte, hinaus. Hierbei bedarf es dann einer Instanz, die die inhaltliche Identität oder Ähnlichkeit dieser beiden sprachlichen Gebilde beurteilen muß.

     

    Dies wirft semantische Probleme auf. Darüber hinaus ist die Verläßlichkeit der Instanz, die den Grad der "Ähnlichkeit" beider Beschreibungen festzustellen hat, schwer bestimmbar. Anmutungs-Qualitäten und "Evidenzen" werden eine große Rolle spielen. Die Möglichkeit, durch Einschaltung mehrerer Beurteiler dieses Problem zu lösen oder doch zu entschärfen, birgt neue Probleme: dann nämlich, wenn die Urteile nicht konvergieren. Die Bildung arithmetischer Mittelwerte für diesen Fall löst dieses Problem nicht.

    Zudem hat ein solches Vorgehen nur Sinn, wenn die Validität des Kriteriums erwiesenermaßen wesentlich höher ist als die der zu prüfenden astrologischen Diagnose. Dies ist keineswegs eine selbstverständliche Voraussetzung (siehe Kap. 6).

     

    • e) Vergleich isolierter astrologischer Konstellationen mit Selbst-oder Fremdbeurteilungen einer Person
  • Bei der Überprüfung von Hypothesen auf Merkmals-Ebene liegt der Vorteil in der Eindeutigkeit der Bestimmung sowohl des astronomischen (astrologischen) Merkmals wie des Kriteriums, der Nachteil darin, daß dieses Vorgehen der Gestalt-Qualität sowohl des Horoskops wie auch des Kriteriums nicht gerecht wird. (Siehe dazu speziell Kap. 6.4) Beim Zuordnungstest wie auch bei dem zuletzt beschriebenen Vorgehen, wird der Gewinn auf der einen Seite mit einem neuen Problem auf der anderen Seite erkauft: Streng genommen wird auf diese Weise die Fähigkeit von Astrologen zu bestimmten Urteilen geprüft, nicht jedoch die Frage der Validität der Astrologie oder einzelner astrologischer Regeln überprüft. Es gibt gute Gründe, diese beiden Aspekte zu trennen (siehe Kapitel 7.2).

     

    Nun kann die Beurteilung einer Person bzw. sinnvolle "Teil-Ganzheiten" dieser Beurteilung statt zu einer Deutung des Horoskops auch zu für die jeweilige Beurteilungsdimension bedeutsamen Konstellationen direkt in Beziehung setzen. Dabei wird allerdings der "Gestalt-Charakter" des Horoskops zerstört. Zwar sollte man dennoch erwarten, daß "bedeutsame Einzelkonstellationen" sich auch auswirken, d.h. im Erleben und Verhalten der Person ihren Niederschlag finden; über das Ausmaß der Nivellierung an sich vorhandener Effekte, wie sie durch Zerstörung des Gestalt-Zusammenhanges evtl. verursacht werden, lassen sich jedoch keine verläßlichen Angaben machen.

    Die vier zuletzt beschriebenen Wege der Erforschung ergeben sich aus der Variation der Variablen "Ganzheitlichkeit", bezogen sowohl auf die zu prüfende Astrologie als auch auf die zur Anwendung kommenden Kriterien. Vorteile und Mängel jeder Methode stehen zu den Vorteilen und Mängeln alternativer Methoden jeweils in einem reziproken Verhältnis, so daß nur eine zusammenhängende Wertung von möglichst vielen Untersuchungen nach jeder der vier Methoden Basis eines begründeten Urteils über die Astrologie sein kann.

     

    • f) Der systemtheoretische Zugang
  • Es entspricht einer sinnvollen "Erweiterung" des Ansatzes von Thomas RING, die Bedeutung der (Planeten-) Symbole als Entsprechung elementarer Eigenschaften von Organismen auf die elementaren Eigenschaften von Systemen im Sinne "geordneter Gesamtheiten" allgemein auszudehnen, zumindest auf sog. "selbstorganisierende Systeme". Wie KOESTLER nachgewiesen hat, sind Systeme dieser Art durch die Integration in hierarchische Strukturen gekennzeichnet, innerhalb derer sie sowohl als "Ganzheiten" als auch als "Teile" betrachtet werden können, weshalb er sie "Holons" nennt.

    Zu den Eigenschaften solcher selbstorganisierender Systeme gehört z. B. die in der Astrologie dem Mars zugeordnete Tendenz, sich im Wettbewerb gegen andere durchzusetzen. KOESTLER führt an, daß das Charakteristische nicht allein die Fähigkeit zur Durchsetzung ist, sondern eine Kombination aus zwei komplementären Fähigkeiten, nämlich "Selbstbehauptung und Integration" (1970, 207):

    • "Die Selbstbehauptungstendenz ist ein grundlegendes und universelles Merkmal der Holons und zeigt sich auf allen Stufen aller Arten von Hierarchien ... Der entgegengesetze Aspekt des Holons besteht in seiner integrativen Tendenz, in der Neigung, als fügsamer Bestandteil eines bestehenden oder in Entwicklung befindlichen Ganzen zu wirken. Auch diese Eigenschaft äußert sich auf die verschiedenartigste Weise, von der 'Gefügigkeit' des embryonalen Gewebes über die Symbiose der Organellen in einer Zelle bis zu den verschiedenen Formen des Zusammenhalts, sei es ein Insektenstaat, sei es ein Stamm von Eingeborenen."
  • Dem astrologisch Geschulten wird hier auffallen, daß unter der "integrativen Tendenz" bei KOESTLER Bedeutungen zusammengefaßt werden, die in der Astrologie weiter differenziert sind und der symbolischen Bedeutung der Planeten Venus (das Prinzip "Harmonie" im Sinne der Einteilung von FRANCE) und Saturn (das Prinzip "Integration") entsprechen. Wir finden auch eine Entsprechung zum Planeten Pluto und dem Prinzip "Metamorphose", wie Thomas RING die symbolische Bedeutung dieses Planeten gekennzeichnet hat.

     

    • "Das regenerative Potential in Organismen und Sozialverbänden manifestiert sich in Fluktuationsprozessen, die von der höchsten Integrationsstufe auf frühere, primitivere Niveaus zurückgreifen und beim Wiederaufstieg zu neuen, modifizierten Strukturen führen. Prozesse dieser Art scheinen sowohl bei der biologischen als auch bei der geistigen Evolution eine bedeutende Rolle zu spielen; sie spiegeln sich in dem universalen Motiv von Tod und Wiedergeburt in der Mythologie." (KOESTLER 1970, 216)
  • Unter systemtheoretischem Gesichtspunkt wäre also zu untersuchen, in welchem Umfange eine "Isomorphie" zwischen einer systemtheoretischen Beschreibung solcher selbstorganisierender Systeme und einer astrologischen Beschreibung solcher Systeme herzustellen ist. Die Beschreibungs-Kategorien der Systemtheoretiker beruhen auf Interpretationen und haben damit die für alle Beschreibungen dieser Art eigentümliche Eigenschaft, weder willkürlich noch zwingend zu sein. Es scheint, als ob man bei der Erforschung größerer Zusammenhänge dieser mangelnden Eindeutigkeit nicht mehr ausweichen kann. Sollte sich trotzdem eine weitgehende Isomorphie nachweisen lassen, so wäre das allein schon eine erstaunliche Bestätigung der "Intelligenz" der astrologischen Einteilung der Realität, da die Systemtheoretiker von ganz anderer Seite her zu diesen Beschreibungen gelangen.

     

    Mit der Hilfe der Systemtheorie wäre dann die Lösung eines der schwierigsten Probleme der Astrologie-Forschung denkbar: eine angemessene "Objektivierung" der Bedeutung der einzelnen astrologischen Symbole zu leisten. Ob es sich um den quantitativ-statistischen Weg handelt oder um einen Zuordnungs-Test: das Hauptproblem bei der Erforschung der Astrologie liegt darin, daß konkrete Lebensdaten, sogar konkrete Charakter-Eigenschaften, immer nur Beispiele von Entsprechungen aus einer Vielzahl denkbarer Entsprechungen eines Symbols darstellen, das Symbol aber nie vollständig erfassen. Es bleibt dann nur das Urteil auf der Basis eines ganzheitlichen Eindrucks, dem aber die erwähnten Unsicherheiten anhaften. Was uns bisher also fehlt sind Methoden, Strukturen ganzheitlich (ohne Zerlegung) "greifbar" zu machen, und zwar in einer (möglichst) objektiven Weise.

    Aber auch wenn das gelingen sollte: Die Frage, warum die kosmische Situation im Moment der Geburt eines Menschen (der "Geburt" eines selbstorganisierenden Systems) eine Aussage über die strukturellen Eigenschaften dieses Systems ermöglichen sollte, ist damit noch nicht geklärt.

     

    Sollte sich jedoch erweisen, daß wir tatsächlich enger als bisher vorstellbar auch in kosmisches Geschehen integriert sind (JANTSCH 1979), daß man vielleicht unser Sonnensystem als "Organismus" im Sinne eines selbstorganisierenden Systems auffassen kann, dann könnte sich erweisen, daß die Stellung der einzelnen Planeten als Indikatoren bestimmter Eigenschaften dieses Systems zu betrachten sind.

    Eine Betrachtung unseres Sonnensystems als ein "System" von 10 großen Materie-Brocken und einer Unzahl kleinerer Materie-Brocken,deren Beziehungen untereinander im wesentlichen auf Gravitationskräfte beschränkt sind, würde für das Konzept eines Organismus allerdings keine Grundlage bieten. Tatsächlich sind die Beziehungen aber wesentlich komplexer und die wechselseitigen Einflüsse wesentlich subtiler, wie LANDSCHEIDT (1984) mit seinen Studien über die Sonnenflecken nachgewiesen hat: Nicht nur, daß die Gravitationswirkungen in ihrem Zusammenspiel zu einer komplizierten Schwingungsbewegung der Sonne um ihr Massezentrum führen; die Sonne "reagiert" darauf mit einer Veränderung ihrer in den Raum abgegebenen Energie- und Partikelstrahlung, die auf den Planeten, insbesondere auf der Erde, komplizierte metereologische Prozesse (und Veränderungen in der Biosphäre) auslösen. Der Bezug zur Astrologie wird dadurch evident, daß diese Gravitationswirkungen mit der Stellung der Planeten im Raum zusammenhängen.

     

     

    • V. 4: Astrologische Lehrbücher und die astrologische Praxis
  • Die sorgfältige Unterscheidung von Symbol und Entsprechung ist nicht ein Charakteristikum astrologischen Denkens schlechthin. Zum einen wurde der Kosmos-Mensch-Zusammenhang früher direkt als eine physisch-kausale Wirkung verstanden (so z. B. von PTOLOMAEUS, aber auch heute sehen einige Astrologen in den Regeln der Astrologie "Beschreibungen von Wirkungen", die nur deshalb, weil sie nicht präzise genug bekannt sind, in Form von Metaphern und Allegorien formuliert werden müssen.

    Dem Bedürfnis nach möglichst einfacher Handhabung des astrologischen Wissens entgegenkommend, verwischen auch die meisten der unzähligen Hand- und Lehrbücher der Astrologie, die im Rahmen des derzeitigen "Astro-Booms" den Büchermarkt überschwemmen, diesen Unterschied. Vom psycho-hygienischen Standpunkt aus ist daran bedauerlich, daß sie damit eine fatalistische Auffassung von der Astrologie fördern: wenn die Entsprechungen die Übersetzung der astrologischen Symbole darstellen, dann müssen sie selbstverständlich zutreffen.

     

    Obwohl die Trennung von Symbol-Bedeutung und Entsprechung als eine zwingende Folgerung aus der Tatsache erscheint, daß eine begrenzte Zahl von Deutungselementen eine prinzipiell unbegrenzte Zahl von "Lebensformen" abbilden (erfassen) muß (siehe Kapitel 2), gibt es trotzdem gegenteilige Auffassungen, denen zufolge "jeder Schritt" eines Menschen aus dem Horoskop ablesbar ist, wenn man nur die richtige Methode kennt und genau genug rechnet. Da es in der Astrologie, anders als in etablierten Wissenschaften, gar keinen verbindlichen Standard gibt,  sind alle Auffassungen zur Astrologie, die publiziert werden, zunächst gleichberechtigt. Man kann es fachfremden Forschern daher auch nicht übel nehmen, wenn sie in manchen Studien derartige unhaltbare Auffassungen zum Gegenstand einer Validitätsstudie "der Astrologie" machen. Weniger verständlich ist es, wenn Fachleute dasselbe tun (siehe dazu im folgenden Kapitel unter 6.3).

     

     

    • VIII. Resumee
  • Von welcher Art ist astrologisches Wissen und welchen Grad an Verläßlichkeit hat es? Ist astrologisches Wissen von der Art des Wissens in den Naturwissenschaften - und erreicht den Grad an Verläßlichkeit, den Technik erreicht? Ist es von der Art des Wissens in der Psychologie? Von der Art des Wissens, das "Magier" haben (bzw. zu haben glauben)? Oder gar von der Art des Wissens, wie es ein Gläubiger von Gott hat?

    Ein absolut verläßliches Kriterium, um Glauben von Wissen zu unterscheiden, gibt es nicht. Es ist aber möglich, die Art eines bestimmten Wissens zu charakterisieren: Man kann zunächst nach dem Bezugsrahmen fragen, der diesem Wissen seinen Sinn gibt. Für die Wissenschaften wurde der Name "Paradigma" zur Bezeichnung des Bezugsrahmens vorgeschlagen. Es geht dabei um die Frage: Auf welche Glaubens-Sätze stützt sich das in Frage stehende Wissen?

     

    Man kann weiterhin fragen, aus welcher "Erkenntnis-Quelle" dieses Wissen schöpft. Anders formuliert: Welcher "Methoden" bedient man sich, um zu diesem Wissen zu gelangen? Welchen "Weg" muß man gehen?

    Man kann auch fragen, wozu mir dieses Wissen dienen könnte: HABERMAS ist der Meinung, daß die von ihm so genannten "erkenntnisleitenden Interessen" die Art des durch das jeweilige Interesse gewonnenen Wissens bestimmen. Für die Psychoanalyse kommt HABERMAS z. B. zu dem Resultat, daß sie dem Analysanden eine Art "Erzähl-Schema" zur Verfügung stelle, anhand derer der Analysand seine Lebensgeschichte "rekonstruieren" könne (1973, 307ff, 315). Die entscheidende Frage bei der Prüfung des Anspruchs der Psychoanalse ist dann: Wie gut eignet sie sich für diesen Zweck? - Wir sind geneigt zu fragen: Aber wie verhält es sich denn "wirklich"? Gibt es ein Unbewußtes? Deckt sich die Beschreibung der psycho-sexuellen Entwicklungsphasen mit den Tatsachen?

     

    Diese Frage, wie etwas denn "in Wirklichkeit" sei, ist jedochz auf komplexe Systeme in dieser Form nicht anwendbar. Die Studien zur Selbstattribuierung zeigen, daß in der Psychologie die Grenze zwischen "wirklich" und "nur gemeint" nicht eindeutig zu ziehen ist. Wir müssen Fragen, die sich auf System-Eigenschaften beziehen, anders stellen als solche, die sich bei der Untersuchung isolierter materieller Objekte bewährt haben. Ein System, das evolviert, ist mit Begriffen der statischen Beschreibung von "Eigenschaften" und "Zuständen" nicht erfaßbar: es "ist" nicht, es "wird". Es reagiert analog einem Programm, das zudem in der Lage ist, seine eigene Stuktur in gewissem Umfang zu verändern.

     

    Über den Zusammenhang Kosmos-Bios oder Kosmos-Mensch steht uns Wissen unterschiedlicher Art zur Verfügung. Wenn man den Bezugsrahmen wählt, der den Naturwissenschaften zugrundeliegt, dann ist es möglich, einfache Kosmos-Bios Zusammenhänge nachzuweisen, die im Einklang mit der "Grundannahme der Astrologie" stehen. Solches am Kriterium des Vorhersage-Erfolgs und der Wiederholbarkeit geprüfte Wissen genießt in unserer Kultur immernoch das höchste Ansehen, da es sich zum "Machen", zur "effektiven Nutzung" am besten eignet (auch in der Psychologie, wie HOLZKAMP gezeigt hat). Ähnlich wie in der Psychologie gelingt es aber nicht, eine Brücke zu schlagen von den Dimensionen, in denen dieses Wissen uns zugänglich ist (die Dimensionen der Existenz materieller Objekte) zu den Dimensionen der "Bedeutung" oder "Sinnhaftigkeit", die für die Seele (und unser Leben allgemein) charakteristisch sind.

     

    Wählt man den der (akademischen) Psychologie zugrundeliegenden (beinahe identischen) Bezugsrahmen, und verwendet solche Methoden, die in dieser Wissenschaft als verläßlich angesehen werden, dann zeigen sich Zusammenhänge, die sogar einige der von Astrologen aufgestellten Interpretations-Regeln bestätigen:

    Dazu zählen an erster Stelle die hochsignifikanten Zusammenhänge zwischen bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und der Stellung von Planeten in ihrer täglichen Bahn, wie sie in den Studien der GAUQUELINs nachgewiesen wurden. Die Methodik dieser Studien entspricht den in der (akademischen) Psychologie üblichen Vorgehensweisen. Auch die Ergebnisse sind ähnlich: statt eines "bedeutungshaltigen" Aussage-Systems (wie z. B. in der Psychoanalyse) werden Aussagen über vereinzelt bestehende Korrelationen gemacht. Liegt die Überzeugungskraft des Wissens der Psychoanalytiker in der "Evidenz" für den Betroffenen (und den Analytiker selbst), so liegt die Überzeugungskraft dieser Studien in der größeren Unabhängigkeit ihrer Ergebnisse von menschlichen &Wahrnehmungs-Fehlern.

     

    Diese Art Wissen steht uns in der Astrologie allerdings in wesentlich geringerem Ausmaß zur Verfügung als in der Psychologie. Angesichts der Ergebnisse der GAUQUELIN'schen Studien sowie der Studien von STARK ist aber vielleicht die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, daß es wesentlich subtilerer "Meßmethoden" bedarf, um weitere Kosmos-Mensch-Zuammenhänge mit psychologischen Methoden nachweisen zu können. Die hier vorgelegte Studie hat sowohl theoretisch wie praktisch deutlich gemacht, daß die Frage einer angemessenen Operationalisierung von zentraler Bedeutung ist.

    Wie sieht schließlich der Bezugsrahmen der praktizierenden Astrologen aus, die in der täglichen Beratungs-Situation die Astrologie immer wieder bestätigt sehen?

    Es ist der Bezugsrahmen des "Laien": "... der natürliche Mensch, der unabhängig von allen 'Autoritäten' seiner eigenen eingeborenen Vernunft folgt." Sein Wissen beruht auf subjektiven Erlebnissen des Erfolgs und der Evidenz. Diese Evidenz erreicht allerdings ein beachtliches Maß an intersubjektiver Übereinstimmung. Und ähnlich, wie HABERMAS es für die Psychoanalyse formuliert, könnte man den Gewinn dieser Art astrologischen Wissens darin sehen, daß es dem Betroffenen differenzierte Kategorien bereitstellt, eigenes Erleben einzuordnen und in einen "sinnvollen" Kontext zu stellen.

     

    Die Symbole der Astrologie sind in dem Sinne lebendig, daß sie Grundbefindlichkeiten der menschlichen Seele repräsentieren, das, was C. G. JUNG (1976) Archetypen nennt. Es liegt in der Natur solcher Archetypen, daß allein das Ansprechen solcher Symbole, das Sich-Vertiefen in "ihre Kraft", ein psychisches "Feld" erzeugt. Solche "Felder" gibt es nicht nur in der Astrologie, wie JUNG gezeigt hat: Es gibt sie z. B. bei der Konfrontation mit dem Thema Tod, dem Thema Geburt, dem Thema Abschied usw. Solche Situationen lösen etwas aus in unserer Seele, bringen in uns etwas "zum Schwingen", das allgemein-menschlich ist. Es sind Ur-Themen, die Ur-Emotionen auslösen.

     

    JUNG hat gezeigt, daß im Umfeld solcher archetypischer Situationen gehäuft "paranormale" Phänomene auftreten, z. B. das "Verabschieden" beim Tod eines nahen Menschen in Träumen oder in Visionen:Erfahrungen, die immer wieder berichtet werden. Die Astrologie als die älteste Typologie der Menschheit hat solche Ur-Themen in kräftigen Bildern festgehalten, so z. B. das Thema "Durchsetzung und Aggressivität" in den Entsprechungen zum Planeten Mars. In einer Beratung erweckt der Astrologe nun durch das Gespräch diese Ur-Emotionen - oder zumindest doch die "Erinnerung" an sie - in seinen Klienten.

     

    Aus tiefenpsychologischer Sicht wäre dies eine ausreichende Erklärung dafür, warum Astrologen ihre Klienten in einem Beratungsgespräch "berühren", sie nachdenklich oder auf andere Weise betroffen machen können. In diesem "affektiven Feld" ist zudem die Intuition möglicherweise gesteigert, so weit (bei den sog. "guten" Astrologen zumindest), daß der Astrologe über das Allgemein-Menschliche hinaus individuell zutreffende Deutungen zu geben in der Lage ist. Möglicherweise sind ohne dieses "Feld" alle astrologischen Regeln nur von sehr eingeschränkter Bedeutung: Wir sind "resonant" für die von der Astrologie angebotenen Dimensionen, ähnlich wie viele Menschen für die von der Psychoanalyse angebotenen Dimensionen "resonant" sind.

    Die Astrologie erhält ihre Faszination und ihre belegbare therapeutische Fruchtbarkeit durch die Verbindung mit einem "genialen" System großer Differenziertheit, das möglicherweise auch ohne "realen Bezug", allein schon durch die Attraktivität der angebotenen Dimensionen und seine "Gestalt", bei der Suche nach dem eigenen Selbst hilfreich sein kann. Die Symbole der Astrologie repräsentieren Ur-Themen des Menschseins, archetypische Sachverhalte. Nach JUNGs Erfahrung begünstigt die Aktivität von Archetypen das Vorkommen paranormaler Phänomene. Dies könnte die "Erklärung" für die an Medialität grenzende Intution "guter" Astrologen sein.

     

    Eingefleischte Rationalisten werden hier einwenden, daß es wenig hilfreich sei, etwas "Dunkles", wie die Astrologie, durch Rückgriff auf etwas ebenso "Dunkles", nämlich die sog. außersinnliche Wahrnehmung, "erhellen" zu wollen. Doch auch Rationalisten "gründen" in bestimmten "Glaubens-Sätzen", wie wir gesehen haben, und ihre Grundlagen sind nicht weniger "dunkel"; sie sind nur gewohnter! Die Attraktivität des Gedankens, daß Medialität eine "Ursache" des Erfolgs der "guten" Astrologen sei, liegt darin, daß er einen für die Astrologie typischen Widerspruch aufzulösen gestattet:

    Astrologenund ihre Klienten machen immer wieder die Erfahrung, daß die Deutung des Horoskops "stimmig" ist. Wissenschaftliche Untersuchungen,wie die hier vorgelegte Studie, kommen immer wieder zu dem Ergebnis, daß sich die Zusammenhänge entweder gar nicht oder aber nicht in der von Astrologen angenommenen Komplexität empirisch sichern lassen. Nun könnte es ja sein, daß es sich bei den Kosmos-Bios-Beziehungen tatsächlich nur um "rudimentär" zu nennende, "globale" Zusammenhänge handelt, daß aber die Verbindung dieser sehr einfachen tatsächlich bestehenden Zusammenhänge mit einem Symbol-System von "archetypischer Kraft" wie ein Katalysator für die Intuition einiger "guter" Astrologen wirkt, so daß diese in beinahe medialer Weise individuell zutreffende Deutungen zu geben in der Lage sind. - Es wäre dann auch verständlich, warum diese sog. "guten" Astrologen sogar von "falschen" Horoskopen zutreffende Deutungen geben können (siehe Kap. 4.4).

     

    Als jemand, der von dieser Problematik persönlich besonders betroffen wird, erlaube ich mir, diese Arbeit mit einer sehr subjektiven, persönlichen Bemerkung zu schließen:

    Die Wahrnehmung der "Stimmigkeit" von Horoskop-Deutungen in meiner Praxis als Astrologe kann ich mir nicht "ausreden" lassen, will ich nicht allgemein an meinen Sinnen zweifeln. - Ganz im Sinne der Definition der Tugenden des "Laien" folge ich hier meiner eigenen eingeborenen Vernunft, die sich durch die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zur Astrologie - aufgrund zahlreicher alltäglicher Erfahrungen mit der Wissenschaft - nicht leichtfertig irre machen läßt. Ich nehme beide Formen der Wahrnehmung der Realität ernst, die "laienhafte", naive, und die "wissenschaftliche". Zwischen diesen beiden Wahrnehmungen klafft in der Astrologie ein großer Abgrund. Der Abgrund wird durch die Ergebnisse meiner eigenen Studie noch vergrößert. Eine Erklärung dieses Tatbestandes, die mich überzeugen soll, muß beiden Wahrnehmungen gerecht werden. Die zuletzt angeführte Hypothese ist eine Möglichkeit, diese beiden Formen der Wahrnehmung zu verbinden, d.h. beide als gültig bestehen zu lassen.

     

     

     

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