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Einführung

Auszüge aus dem Buch von Dr. Peter Niehenke:

"Astrologie - Eine Einführung"

Reclam-Verlag 1994 - ISBN 3-15-007296-4.
 

 

Astrologie - Eine Einführung

von Dr. Peter Niehenke

Dieser Text wird mit freundlicher Genehmigung des Autors, Dr. Peter Niehenke

hier aufgenommen.

 

Dr. Peter Niehenke (geboren 1949) studierte Mathematik, Physik und Psychologie. Er promovierte in Bielefeld mit der Arbeit „Kritische Astrologie“. 1981 – 1991 war er Vorsitzender des Deutschen Astrologen Verbandes. Danach bis 2009 Leiter des Forschungszentrums des DAV in Freiburg. Derzeit Psychotherapeut und Astrologe in eigener Praxis.

 

I. Einleitung

  • Die Psychologie beschäftigt sich als Wissenschaft mit dem Erleben und Verhalten von Menschen. Die Astronomie beschäftigt sich mit den Himmelskörpern: zunächst mit ihrer Lage am Himmel und ihrer unterschiedlichen Helligkeit (Sternenatlas), dann mit ihren Bewegungen und ihren (physikalischen) Eigenschaften. In der Astrologie werden nun Teilbereiche dieser beiden Wissenschaften verbunden. Es sind zwei Wissenschaften, die, betrachtet aus unserer gewohnten Perspektive (wie wir sie in der Schule gelernt haben), nur sehr wenig miteinander zu tun haben. Das ist das Provozierende an der Astrologie: Auf der einen Seite sind Ansammlungen von Steinen oder heißen Gasen, die, den Gesetzen der Schwerkraft folgend, ihre Bahnen ziehen. Auf der anderen Seite ist der lebendige Mensch; und die Gesetze, die sein Verhalten bestimmen, sind doch wirklich von einer ganz anderen Art als die "einfachen Gesetze" der Schwerkraft. Wie kann man nur zwei so grundverschiedene Phänomene miteinander in Beziehung bringen wollen?

     

    In diesem Kapitel will ich mich bemühen, möglichst anschaulich zu erklären, daß diese Verbindung durchaus sinnvoll ist.

     

    II. Ko(s)misches Wetter

  • Im vorangegangenen Kapitel habe ich die Astrologie, um die es in dieser Schrift gehen soll, "psychologische Astrologie" genannt, und dies hauptsächlich damit begründet, daß Astrologie in erster Linie eine Typologie menschlicher Charaktere sei. Dies ist richtig, um die Art der Aussagen zu charakterisieren, die astrologisch möglich sind. Astrologie hat ihren Namen allerdings, wie gerade beschrieben, daher, daß sie einen Zusammenhang herstellt zwischen solchen Aussagen und der Stellung der Gestirne. Die Kritik an der Astrologie bezieht sich nicht hauptsächlich darauf, ob ihre Typologie sich gut zur Beschreibung menschlicher Empfindungs- und Verhaltensweisen eignet. Kritisiert wird die Behauptung, daß bestimmte Eigenschaften an der Stellung der Gestirne ablesbar seien.

     

    Die Astrologie besteht, genau genommen, aus drei Elementen:

    • ཉ  Das astronomische Element wird in Kapitel 3 ausführlich behandelt.
      • ཉ  Das "psychologische" Element bzw. das astrologische Deutungs-System, wird in den Kapitels 4 und 5 ausführlich behandelt.
      • ཉ  In diesem Kapitel geht es um das verbindende Element, das für die Astrologie charakteristische Element, bei dem auch der "wissenschaftlich denkende Mensch" die größten Verständnisprobleme hat: die Verbindung des Zustands unseres Sonnensystems zu einem bestimmten Zeitpunkt -eine rein astronomische Gegenbenheit- und den Eigenheiten eines Menschen, der zu diesem Zeitpunkt geboren wird - eine psychologisch-medizinische Gegebenheit.
  • Ich will daher jetzt präzisieren, wie dieser Zusammenhang zwischen dem Wesen eines Menschen und der Stellung der Gestirne gemeint ist, und außerdem, wie man sich einen solchen Zusammenhang evtl. vorstellen ("erklären") könnte.

     

     

    • III. Der Grundgedanke der Astrologie
  • Wenn man sich nicht unzulässiger Vereinfachungen schuldig machen will, kann man heute allerdings noch nicht definitiv festlegen, was Astrologie eigentlich ist. Um dies festlegen zu können, müßte man verstanden haben, worauf sie eigentlich basiert, welcher Art Zusammenhang dieser "Zusammenhang zwischen Kosmos und Bios" ist. Diese Frage können wir aber (noch) nicht beantworten. Wir wissen bis heute eigentlich nur eines (relativ) sicher: Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Stellung der Gestirne im Moment der Geburt eines Menschen und den Charaktereigenschaften dieses Menschen. Nach Meinung einiger führender Wissenschaftler ist dies mittlerweile eine wissenschaftliche Tatsache - auch wenn wir nicht genau wissen, von welcher Natur dieser Zusammenhang ist, wie wir uns also einen solchen Zusammenhang erklären könnten. Ich kann also hier nur ein Denkmodell vorstellen, ein Modell, das allerdings zu einem gewissen Teil auch wissenschaftlich abgesichert ist.

     

    Ich beginne mit einer etwas abstrakt klingenden Definition:

    Astrologie ist, in allgemeinster Form ausgedrückt, die Deutung räumlicher Verhältnisse und zeitlicher Abläufe in unserem Sonnensystem. Sie basiert auf der Grundannahme, daß die sich aus solchen Verhältnissen ergebenden Rhythmen in Zusammenhang stehen mit physikalischen, biologischen und psychischen Abläufen in Organismen auf der Erde.

    Wenn ein Kind geboren wird, so die Überzeugung der Astrologen, dann erfolgt die Geburt eingebettet in solche kosmischen Rhythmen. Eine Geburt erfolgt also nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt, sondern sie erfolgt dann, wenn die Konstellationen passend sind. Ein Zitat aus einem Buch des amerikanischen Arztes Arnold LIEBER, der sich mit möglichen Einflüssen des Mondumlaufs auf Organismen beschäftigt hat, mag dies verdeutlichen:

    "Schalentiere in Gezeitengewässern könnten ihr Zeitmaß dem Gezeitenwechsel entnehmen, oder sie könnten es auf andere Weise erhalten. Um die Rhythmisierung durch die Gezeiten zu untersuchen, ließ Dr. Brown für sein Labor in Evanston Austern von der Küste Connecticuts einfliegen. Von den Austern war bekannt, daß sie ihre Schalen bei Flut öffneten. Im Laboratorium wurden die Versuchtsbedingungen so sorgsam wie möglich überwacht. Keine äußeren Einflüsse durften zu den Austern in ihre Seewasser-Behälter gelangen. In der ersten Woche öffneten die Austern ihre Schalen zu den Zeiten, während derer auf ihren angestammten Bänken in Connecticut Fluten eintraten. Sie setzten ihren gewohnten Rhythmus fort. Nach Ablauf von zwei Wochen änderte sich allerdings ihr zeitliches Verhalten. Nun öffneten sie ihre Schalen, wenn der Mond im Zenith ihrer neuen Heimatstatt in Illinois stand. Wäre Evanston eine Küstenstadt, dann träte zu dieser Zeit die Flut ein."

    Wir haben hier ein solches Eingebettet-Sein in kosmische Rhythmen. Wegen des Zusammenhangs von Mondstellung und Gezeiten (siehe Abbild 1) steht uns dafür allerdings auch eine naheliegende Erklärung zur Verfügung. Erstaunlich ist aber, daß die Austern als Zeitgeber nicht direkt auf den Wechsel von Ebbe und Flut reagieren (einen solchen Wechsel gab es in den Seewasser-Behältern ja nicht), sondern auf die Stellung des Mondes.

     

    Astrologen sind nun davon überzeugt, daß in einer weit komplizierteren und weniger augenfälligen Weise alle lebenden Organismen in die verschiedensten kosmischen Rhythmen eingebettet sind, also nicht allein in Rhythmen, die durch den Mond erzeugt werden (Gezeiten) oder die durch die Stellung der Erde zur Sonne erzeugt werden (Jahreszeiten).

    Das Experiment von Dr. Brown zeigt, daß Organismen auf "kosmische Auslöse-Reize" reagieren, in diesem Fall auf die Stellung des Mondes. Der Astrologe stellt nun folgende Arbeits-Hypothese auf:

    Jeder Organismus reagiert auf kosmische Reize gemäß seiner "Art", gemäß seiner "Veranlagung": eine Muschel anders als ein Rind und dieses anders als ein Mensch. Und auch die Menschen reagieren, je nach Veranlagung, unterschiedlich. Daß Menschen auf kosmische Reize unterschiedlich reagieren, ist plausibel, denken wir zum Vergleich an die Wetterfühligkeit, die bei verschiedenen Menschen sehr verschieden ausgeprägt ist. Ähnlich wie bei der unterschiedlichen Reaktion auf elektromagnetische "Stürme" in der Atmosphäre, die vermutlich für die Wetterfühligkeit verantwortlich sind, kann man sich vorstellen, daß bestimmte Organismen von dem einen kosmischen Reiz eher aktiviert werden, von einem anderen eher gedämpft. Und es ist ebenso denkbar, daß ein anderer Organismus auf die gleichen Reize anders reagiert. (Für die Austern ist es sinnvoll, auf den kosmischen Reiz "Mond im Zenit" mit der Öffnung ihrer Schalen zu reagieren.)

     

    Durch Forschungen an der Universitäts-Frauen-Klinik in München wissen wir nun seit etwa einem Jahrzehnt, daß bei einer Geburt der Fötus selbst durch die Ausschüttung eines Hormons den Geburtsvorgang einleitet. Auch Föten reagieren, ihrer Veranlagung gemäß, unterschiedlich auf kosmische Auslöse-Reize: Der eine Fötus reagiert vielleicht auf die Stellung des Mondes im Zenith mit Aktivität, der andere wird dadurch "beruhigt". Der dritte reagiert vielleicht auf die Stellung von Mars im Zenith mit Aktivität, und wenn er biologisch reif ist zur Geburt, dann ist es vielleicht genau die Art von Aktivität, die den Geburtsvorgang einleitet. Es wäre also denkbar, daß bestimmte Konstellationen bestimmte Föten zur Ausschüttung des geburtseinleitenden Hormons anregen, in anderen Worten: daß bestimmte Konstellationen bei ganz bestimmten Föten (solchen nämlich, die aufgrund ihrer Veranlagung auf diese Reize "ansprechen") die Einleitung einer Geburt "stimulieren".

     

    Wir könnten nun Menschen in verschiedene Gruppen einteilen: Eine Gruppe von Menschen, die geboren wurde, als der Mond gerade im Zenit stand (vielleicht haben solche Menschen ja etwas mit Austern gemeinsam...), eine andere Gruppe, die geboren wurde, als der Mars gerade im Zenit stand, usw. Jede dieser Gruppen hätte etwas gemeinsam: eine "Sensibilität" für den kosmischen Auslöse-Reiz des entsprechenden Gestirns. Man könnte dann untersuchen, ob Menschen, die eine solche "Sensibilität" teilen, auch noch andere Ähnlichkeiten haben.

    Wenn dem so wäre, dann würde das bedeuten, daß ähnliche Menschen dazu tendieren, unter ähnlichen Konstellationen geboren zu werden, weil sie im Stadium des reifen Fötus durch ähnliche Konstellationen dazu stimuliert werden können, den Geburtsvorgang einzuleiten. Wenn aber ähnliche Menschen dazu tendieren, unter ähnlichen Konstellationen geboren zu werden, dann darf man umgekehrt beim Vorliegen ähnlicher Konstellationen vermuten, daß es sich auch um ähnliche Menschen handelt. Und das ist die Überzeugung der Astrologen.

     

    Ich möchte an dieser Stelle besonders hervorheben, daß durch die Stellung der Gestirne nicht etwa die Eigenheiten eines Menschen bestimmt (verursacht, geprägt) werden. Die Eigenschaften eines Menschen werden durch Vererbung und biologische Einflüsse während der Schwangerschaft festgelegt. Aufgrund dieser (durch die Vererbung und sonstige Einflüsse festgelegten) Veranlagung reagiert er auf kosmische Reize individuell, seiner Art gemäß. An dieser Reaktion kann man ablesen, wer er ist:

     

    Ein Mensch verrät seine Natur durch seine Vorliebe für einen bestimmten Geburts-Augenblick. Das ist der Grundgedanke der Astrologie.

     

    Die Vorstellung, daß die Aussagemöglichkeiten der Astrologie auf einer Sensibilität der Organismen für kosmische Rhythmen beruhe, löst ein im Zusammenhang mit der Astrologie häufig diskutiertes Problem: Es geht um die Frage, ob es nicht eine zwingende Konsequenz der Wahrheit der astrologischen Lehre wäre, daß wir, daß unser Schicksal schon bei der Geburt vollständig festgelegt sei (das Problem der "Willensfreiheit"). Im Lichte der gerade beschriebenen Vorstellung ist unser Leben zwar eingebettet in kosmische Rhythmen, ist aber durch diese Rhythmen nicht vollständig determiniert, genau so wenig wie wir durch den Tag-Nacht-Rhythmus in unserem Schlafverhalten determiniert sind oder wie Winterschläfer durch den Jahreszeiten-Rhythmus im Winter zum Schlafen determiniert sind. Winterschläfer haben aber eine Neigung, im Winter zu schlafen! - Auf diese Weise bekommt der im ersten Abschnitt bereits zitierte Satz von THOMAS VON AQUIN: "Die Sterne machen geneigt, sie zwingen nicht", eine anschauliche Bedeutung.

     

     

     

     

     

     

     

     

    • IV. Die Bedeutung des Geburtsaugenblicks und einer "natürlichen Geburt"
  • In dem Experiment von Dr. Brown öffneten die Austern ihre Schalen, wenn der Mond im Zenith ihrer neuen Heimatstatt in Illinois stand. Wenn die Sonne im Zenith steht, nennen wir das "Mittag". Das ist ein bestimmter Abschnitt des Tages, genauer: ein bestimmter Zeitpunkt am Tag. Die Sonne "wandert" dann weiter und geht abends im Westen unter. Die Stellung der Sonne zum Horizont hängt also vom Zeitpunkt ab, den ich betrachte. Dies gilt auch für den Mond und alle anderen Gestirne.

    Da es für einen Astrologen u. a. wichtig ist, welches Gestirn im Moment der Geburt gerade im Zenith stand, ist er darauf angewiesen, die genaue Geburtszeit zu kennen. Da ein Gestirn alle 4 Minuten durchschnittlich einen Grad am Himmel weiterwandert, sollte die der Berechnung zugrundeliegende Zeit von der wirklichen Geburtszeit nicht um mehr als etwa 10 Minuten abweichen.

    Da die Geburtszeit in Deutschland seit 1898 amtlich festgehalten werden muß und ins Geburtsregister eingetragen wird, stellt es für Deutsche kein Problem dar, die eigene Geburtszeit, seit 1950 meist sogar minutengenau, in Erfahrung zu bringen. Ähnliches gilt für die meisten europäischen Länder (England ausgenommen). Vorsicht ist geboten bei Geburtszeiten, die aus der Erinnerung der Eltern stammen: Jede zweite dieser Geburtszeiten ist fehlerhaft (weicht um bis zu 12 Stunden von der amtlich festgehaltenen Geburtszeit ab), selbst bei Einzelkindern.

     

    "Ein Mensch verrät seine Natur durch seine Vorliebe für einen bestimmten Geburtsaugenblick", hatte ich im vorherigen Abschnitt zusammenfassend den Grundgedanken der Astrologie beschrieben. Es ist eine naheliegende und auch vieldiskutierte Frage, welchen astrologischen Wert dann eine Geburtszeit hat, die, etwa bei einer Kaiserschnitt-Geburt, willkürlich von einem Arzt festgelegt wurde.

    Wenn der Zusammenhang zwischen kosmischen Rhythmen und biologischen Rhythmen, wie in der Arbeits-Hypothese im vorherigen Abschnitt postuliert, auf einer Sensibilität der Organismen für kosmische Reize beruht, dann kann ein willkürlich festgelegter Geburtszeitpunkt astrologisch keine Aussagekraft mehr haben: Der Geburtsaugenblick wird nicht mehr festgelegt durch die Reaktion des Fötus auf den "passenden" kosmischen Stimulus sondern durch den Dienstplan des amtierenden Arztes.

    Eine ähnliche Argumentation gilt auch für Geburten, die durch Gabe von sog. Wehenmitteln medikamentös eingeleitet wurden, was heutzutage bei sehr vielen Geburten der Fall ist. Entgegen dem Bemühen der Ärzte sind aber die Geburtszeitpunkte durch Wehenmittel keineswegs präzise steuerbar. Hier spielt die Eigendynamik der Interreaktion der beiden Organismen von Mutter und Kind doch noch eine große Rolle. Aus diesem Grunde sind die Geburtszeiten bei medikamentös eingeleiteten Geburten mit Einschränkungen astrologisch verwertbar.

     

    Diese Argumentation wird dem kritischen Leser sicher zunächst rätselhaft sein: Entweder ist die Geburtszeit richtig oder sie ist falsch - entweder ein Kind wurde mit Mond im Zenith geboren oder aber, im Falle einer anderen Geburtszeit, mit Mars oder Venus oder einem anderen Planeten im Zenith. Wie will ich zwischen diesen Möglichkeiten entscheiden, wenn die Geburtszeit "mit Einschränkungen" verwertbar ist?

    Um diese Argumentation verstehen zu können, muß man wissen, daß die Konstellation der Gestirne in jedem Moment eine Gestalt bildet. In Wahrheit würde ein Astrologe nicht ein isoliert betrachtetes einzelnes Merkmal, etwa "Mond im Zenith", deuten, sondern viele verschiedene Faktoren, die im Gesamtzusammenhang gesehen werden müssen. (Auch ein Arzt wird ja bei einer medizinischen Diagnose nicht nur den Blutdruck messen.) Und diese verschiedenen Gestalten, die die Konstellationen der Gestirne jeden Moment immer neu bilden, ähneln sich, in einem unregelmäßigen Rhythmus, in kürzeren und längeren Abständen immer wieder:

     

    Die Konstellation der Gestirne verändert sich, wie wir in Kapitel 3 noch genauer sehen werden, in übereinandergelagerten Zyklen (die tägliche Drehung der Erde um sich selbst ist die Ursache für den Auf- und Untergang der Gestirne, die jährliche Drehung der Erde um die Sonne die Ursache für die Jahreszeiten usw.). Das hat zur Folge, daß zwei Konstellationen, die um mehrere Stunden differieren, verschiedener sein können, als zwei Konstellationen, die genau um 24 Stunden differieren. Stellen Sie sich z. B. eine Mittags-Konstellation an einem beliebigen Tag vor. Welchen Tag wir auch immer wählen: Am Mittag steht die Sonne im Zenith (das ist ja mit Mittag gemeint). Genau 24 Stunden später steht sie wiederum im Zenith. Bezogen auf diesen Faktor ist die Konstellation nach genau 24 Stunden also ähnlicher als etwa nach 2 Stunden (dies gilt für alle täglichen Rhythmen), denn nach 2 Stunden steht die Sonne eben nicht mehr im Zenith (wo sie nach genau 24 Stunden aber wieder steht).

     

    Andererseits wissen wir, daß nicht nur die Stellung eines Gestirns im Zenith, sondern auch am Auf- oder Untergangspunkt eine besondere Bedeutung hat (analog dem Auf- und Untergang der Sonne): Stellen wir uns vor, ein Fötus wäre "eigentlich" geboren mit der Sonne im Zenith. Nun wurde aber die Geburtszeit durch Gabe von Wehenmitteln verändert. Etwa 6 Stunden vor diesem Zeitpunkt war bereits ein ähnlicher kosmischer Reiz (die Sonne ging gerade auf) und etwa 6 Stunden später wird wiederum ein ähnlicher sein (die Sonne geht gerade unter). Das bedeutet also, daß sich nicht nur alle 24 Stunden, sondern auch innerhalb eines Tages immer wieder ähnliche Konstellationen bilden.

    Ein Fötus, der besonders empfänglich wäre für den kosmischen Reiz "Mond im Zenith", wäre, abgeschwächt, auch für den Reiz "Mond gerade aufgehend" empfänglich. Denken Sie an das Experiment mit den Austern: Der Mond im Zenith stimuliert sie, die Schalen zu öffnen. Irgendwann müssen sie die Schalen auch wieder schließen (wenn Ebbe ist, nämlich). Und das geschieht, wenn der Mond gerade auf- oder untergeht.

     

    Wenn wir einer Geburt ihren natürlichen Lauf lassen, dann lassen wir einem kosmischen Stimulus den größtmöglichen Rahmen, wirksam zu werden. Die zu diesem Stimulus gehörende Gestirnstellung charakterisiert dann die Veranlagung des entsprechenden Organismus am besten. Wenn wir auf den Ablauf der Geburt Einfluß nehmen, verhindern wir möglicherweise, daß die Geburt zum "passendsten" Zeitpunkt stattfinden kann.

    Solange der betreffende Fötus aber durch sein Verhalten auf den Geburtszeitpunkt noch Einfluß nehmen kann, solange also dem kosmischen Stimulus noch Raum für Wirkungsmöglichkeit gelassen wird, sagt die entsprechende Konstellation auch noch etwas über seine Veranlagung aus. Dies ist bei einer medikamentös eingeleiteten Geburt der Fall, weil die Medikamente sozusagen mit den kosmischen Auslöse-Reizen in Konkurrenz treten.

     

     

    Diese Argumentation ist nur sinnvoll, wenn ich von der Arbeits-Hypothese ausgehe, die im vorherigen Abschnitt aufgestellt wurde: Astrologie basiert auf einer Sensibilität der Organismen für kosmische Reize. Viele Astrologen sind aber nicht der Meinung, daß der Zusammenhang zwischen Kosmos und Organismus auf einer Sensibilität eines Organismus für kosmische Reize beruht. Esoterisch orientierte Astrologen gehen von einer "Vorherbestimmung" aus und sind davon überzeugt, daß ein Kind immer dann geboren wird, wenn die Konstellation passend ist: "Scheinbare" Zufälle wie ein Unfall (der vielleicht zu einer Sturzgeburt führt) oder die "vermeintlich" willkürliche Festlegung des Geburtszeitpunkts bei einem operativen Eingriff, sind ihrer Meinung nach dem Lebewesen, das sich inkarnieren will, bewußt, weil dieses Wesen die Umstände seiner Geburt in seiner vorgeburtlichen Existenz selbst gewählt hat.

     

    Ich will diese Argumentation an dieser Stelle nicht kritisieren oder gar abwerten. Mir ist es allerdings ein besonderes Anliegen, deutlich zu machen, daß man Astrologie betreiben kann, ohne bestimmte (im engeren Sinne) religiöse Vorgaben akzeptieren zu müssen, also ohne "glauben" zu müssen . Die von mir vorgeschlagene Arbeitshypothese erlaubt es, Astrologie in den Kontext unseres bisherigen Verständnisses von der Natur zu integrieren, Astrologie also als ein natürliches Phänomen zu verstehen, das sich nicht grundsätzlich von anderen Zusammenhängen in der Natur unterscheidet.

     

     

    • V. Das Wesen der astrologischen Symbole
    • 1. Der Unterschied zwischen symbolischen Handlungen und magischen Ritualen
  • Der kleine Junge, der Blutbrüderschaft mit seinem Freund schließt, gibt damit "feierlich" ein besonderes Versprechen. (Auch wenn er noch sehr klein ist und alles sehr spielerisch abläuft, fühlt er doch irgendwie, daß es etwas Besonderes ist, was er da tut.) Er fühlt sich durch die Handlung in einer besonderen Weise an seinen Freund gebunden. Sich an dieses Versprechen nicht zu halten, wäre eine Art Verrat, irgendetwas wäre "entweiht". - Auch für einen erwachsenen Indianer, der mit einem Freund Blutsbrüderschaft schließt, ist dieser Bund in einem gewissen Sinn "heilig".

    Das Schließen einer Blutsbrüderschaft ist eine symbolische Handlung. Sie ist eine besondere Art "Zeichen". Die Vermischung der beiden Blutstropfen drückt etwas aus, ist ein Sinnbild für das, was mit Blutsbrüderschaft gemeint ist: "Wir sind jetzt 'blutsverwandt'." Anstelle einer solchen symbolischen Handlung könnte man auch, ganz nüchtern, einen Vertrag schließen. So würden heutzutage Erwachsene vielleicht auch eher handeln. (Welche Männer schließen heutzutage noch Blutsbrüderschaft?)

     

    Warum genügt es den Indianern nicht, sich einfach, mit Worten, gegenseitig zu versprechen, daß sie einander nun wie "Brüder" behandeln wollen? Warum vollziehen sie eine solche symbolträchtige Handlung? Irgendwie haben sie offensichtlich das Gefühl, daß eine solche Handlung eine Art "Kraft" hat, die zumindest in der Seele dieser beiden Männer wirkt, die sich dadurch nämlich besonders stark aneinander gebunden fühlen.

    Auch wir "aufgeklärten" und rational denkenden Menschen haben das Bedürfnis, wichtige Momente im Leben durch symbolische Handlungen zu bekräftigen. Denken wir an eine Eheschließung: Auch wenn das Paar sich nicht "kirchlich" trauen läßt, und damit das aus der Religion erwachsende Ritual vollzieht, ist mit einer Trauung ein Zeremoniell verbunden. Rein rechtlich würde es genügen, daß man einen Vertrag unterschreibt wie beim Abschluß einer Lebensversicherung.

    Wenn ich kleine Kinder beobachte, die sich gegenseitig "schwören", dies oder jenes getan oder nicht getan zu haben, obwohl sie ganz und gar nicht verstehen, was ein "Schwur" eigentlich ist, dann wird mir immer wieder bewußt, wie "ursprünglich" der Sinn für Symbole ist.

    Symbole (und symbolische Handlungen) sind allerdings "nur" Zeichen, sie bewirken nicht direkt etwas: Das Mischen der beiden Blutstropfen zwingt ja die beiden Männer nicht, sich jetzt immer gegenseitig zu helfen oder sich immer wie echte Brüder zu verhalten. Im Gegenteil: Diese Handlung würde überhaupt gar nichts bewirken, wenn jemand sie mit einem Menschen ausführen würde, der dieses Ritual nicht kennt, der nicht weiß, was es bedeutet. Die Handlung "wirkt" nur dann, wenn die beiden betreffenden Menschen dafür "empfänglich" sind, wenn sie dieser Handlung "Bedeutung" beimessen. Die Macht der Symbole liegt also in unserer "Resonanz" für ihre Bedeutung, sie ist vergleichbar der Macht der Worte beim Überzeugen oder Überreden.

     

     

    • 2. Symbole wirken auf unsere Seele
  • Bei einem magischen Ritual dagegen glaubt der Betreffende, daß die Handlung eine spezielle Wirkung ausübt, unabhängig davon, wen es betrifft; die Handlung wirkt "real". Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wenn ich jemanden erschieße: Ob er nun an Gewehre glaubt oder nicht, ob er einem Gewehr Bedeutung beimißt oder nicht, er wird von der Kugel verletzt (oder gar getötet), wenn sie ihn trifft. In ähnlicher Weise glaubt derjenige, der ein magisches Ritual vollzieht, daß diese Handlung "real" etwas bewirken kann.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • VI. Astrologische Symbole: Symbole für die Eigenschaften des Lebens (des Lebendigen)
  • Die Symbole der Astrologie stehen für sehr komplexe Sachverhalte. Was sie verkörpern, kann man am ehesten durch einen Vergleich mit Märchen erläutern: Eigentlich sind Märchen sehr einfache Geschichten, die aber Kinder (und Erwachsene) sehr tief bewegen können. In den Märchen werden, auf symbolische Weise, grundlegende und allgemeine menschliche Erfahrungen geschildert, die wir alle, schon als Kinder, intuitiv verstehen können. Die angeborene Fähigkeit der Kinder, zu verallgemeinern, läßt sie in diesen Geschichten das jeweilige Prinzip erkennen: eine "Weisheit", ein "Gesetz der Natur (der menschlichen Seele)", ein moralisches Prinzip oder typische menschliche Eigenschaften.

    In der Biologie, der "Lehre vom Lebendigen", ist es bis heute noch nicht möglich, eindeutig und erschöpfend zu definieren, was Leben genau ist. In den zwanziger Jahren versuchte der damals sehr bekannte Wiener Schriftsteller R. H. FRANCÉ, der in München ein privates biologisches Forschungsinstitut gegründet hatte, eine "sinnverstehende", ganzheitlich denkende Biologie zu entwickeln, "um die vielfältigen Leistungen der Organismen zusammenhängend zu verstehen." . In seinem Werk "Bios" stellte Francé das Konzept einer solchen Biologie vor.

     

    Francé versuchte in seinem Werk zu zeigen, daß man das Phänomen Leben durch eine kleine Anzahl allgemeiner Prinzipien charakterisieren kann, die für Leben generell zutreffen, unabhängig davon, um welche spezielle Gattung (Pflanze, Tier oder Mensch) es sich handelt: Grundnotwendigkeiten für die Existenz von Leben. Bei der Suche nach solchen Symbolen für die Eigenschaften des Lebens (des Lebendigen) stieß er auf die Symbole der Astrologie. Seiner Auffassung nach verkörpern die Bedeutungen, die in der Astrologie den Planetensymbolen zugrundeliegen, in ihrem Bedeutungskern solche Lebensgrundprinzipien.

     

    So wie in den Märchen grundlegende Eigenschaften der menschlichen Seele symbolisiert sind, so sind in den Symbolen der Astrologie grundlegende Eigenschaften des Lebens allgemein symbolisiert.

     

    In diesem Kapitel geht es mir, wie eingangs beschrieben, darum, den Zusammenhang zwischen astrologischen Deutungen (Typen) und der Stellung der Gestirne verständlich zu machen: Wenn also die Symbole der Astrologie Eigenschaften des Lebendigen verkörpern, was hat das mit der Stellung der Gestirne zu tun?

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • VII. Die "Melodie" der Planeten
  • Auch die "Wirkung" der Planeten ist, im Sinne der weiter oben vorgenommen Unterscheidung, keine magische: Die Stellung der Planeten wirkt mehr in der Art, in der "Worte" (Symbole) wirken. Immer wieder werfen Naturwissenschaftler den Astrologen vor, sie könnten keine Kraft angeben (wie etwa die Schwerkraft, die für die Gezeiten verantwortlich ist), die für die "Wirkung" der Planeten verantwortlich sein könnte. Dieser Vorwurf ist ähnlich unpassend, wie wenn man einem Soziologen vorwerfen würde, er könne keine Kraft nennen, die für die "Wirkung" eines Buches verantwortlich sein könnte. Wir werden über die Wirkung eines Buches auf Menschen wenig erfahren, wenn wir eine chemische Analyse von Papier und Druckerschwärze vornehmen oder wenn wir in einem Experiment protokollieren, was passiert, wenn man dieses Buch Menschen auf den Kopf fallen läßt. Bücher wirken durch "Resonanz" der Leser für die Symbole (Worte, Sätze) in diesem Buch.

    Wir verstehen vielleicht jetzt besser, warum Carl Friedrich von WEIZSÄCKER, wie im ersten Kapitel zitiert, recht hat, wenn er behauptet, die Naturwissenschaft sei nicht weit genug entwickelt, um sagen zu können, daß Astrologie nicht wahr sein kann, und auch nicht weit genug entwickelt, um zu sagen, wie es zusammenhängt, wenn sie wahr ist. Wir müssen in den Naturwissenschaften erst ein Phänomen besser verstehen, das für das Verständnis dieser Arten von "Wirkung" von zentraler Bedeutung ist: das Phänomen der Information.

    Nun ist, zugegeben, ein Planet kein Wort und auch kein Symbol, sondern ein Himmelskörper.

     

    Das ist richtig. Doch, etwas poetisch formuliert: Jeder Planet erzeugt eine bestimmte "Melodie". Im ersten Abschnitt nannte ich dies, etwas nüchterner, einen "kosmischen Auslösereiz". Aus der Musik wissen wir, wie stark Menschen auf Töne reagieren. Wenn wir resonant sind für die betreffende Musik (das ist eher der Fall, wenn sie unserem Kulturkreis entstammt), kann sie uns traurig oder fröhlich stimmen; vor der Schlacht versetzen die Fanfaren uns in Kampfstimmung; Musik in der Kaufhäusern stimuliert unser Kaufverhalten; beim sog. "Superlearning" verbessert die zur Untermalung der Vokabeln verwendete Musik die Behaltensleistung usw. In anderen Worten: Schwingungen, die an unser Ohr gelangen, können, je nach ihrer Art, ganz bestimmte "Wirkungen" in unserer Seele auslösen, bestimmte Impulse in uns wecken.

    Ein Planet verkörpert ein bestimmtes Lebens-Grundprinzip, weil seine "Melodie" dieses Prinzip in uns weckt.

    Diese Ausdrucksweise ist unscharf und würde einen Wissenschaftler nicht befriedigen. Nun ist dieses Buch, wie versprochen, aber auch kein wissenschaftliches Buch, und die verwendeten Analogien dienen einzig dem Zweck, eine Brücke zu schlagen zwischen dem tief in unserem Denken verankerten mechanistischem Weltbild (und der damit verbundenen Vorstellungen, was als Ursache für bestimmte Wirkungen in Frage kommen könnte) und dem "neuen Denken" , einen ganzheitlichen Denken.

     

    Einer der bedeutendsten mittelalterlichen Astronomen und Astrologen, Johannes KEPLER, war der Auffassung, daß die Wirkung der in der Astrologie verwendeten Aspekte (= Winkelbeziehungen zwischen Planeten, siehe Kap. 3) auf einer angeborenen Sensibilität der menschlichen Seele für geometrische Proportionen beruhe, die er instinctuns geometricus nannte. Das Weltgeheimnis sieht KEPLER in einem vollkommen harmonischen Naturzusammenhang. Für ihn stand fest, daß der Kosmos ein wohlgeordnetes, von einem geistigen Prinzip geschaffenes und gelenktes Ganzes sein müsse, in dem alles nach harmonisch-geometrisch darstellbaren Verhältnissen geordnet ist. KEPLER war also der Auffassung, daß geometrische Proportionen wirken. Ist dies ein mittelalterlich-abergläubischer Gedanke?

    Denken Sie zum Vergleich an die geometrischen Formen der Kristalle (z. B. Schneekristalle oder Salzkristalle). Die Atome in einem Kristall sind geometrisch angeordnet. Ist das nicht ein anschaulicher Beweis dafür, daß geometrische Formen in der Natur wirken? Denken Sie weiter an die Musik, die ich gerade als Beispiel angeführt habe: Seit der Zeit der Griechen wissen wir, daß die Empfindung von Harmonie bei Tönen (aber auch bei den Abmessungen von Flächen oder Körpern) etwas mit Proportionen zu tun hat. Musik und unser ästhetisches Empfinden sind ein Beleg dafür, wie sehr die menschliche Seele auf Proportionen anspricht.

    Mit diesen anschaulichen Beispielen soll nicht darüber hinweggetäuscht werden, daß es sich dabei um Analogien handelt. Ein Aspekt zwischen zwei Planeten ist nicht dasselbe wie der Zusammenklang zweier Töne. Die Analogie hilft uns, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie astrologische Zusammenhänge vielleicht aufgefaßt werden müssen. Eine Erklärung, gar eine wissenschaftliche Erklärung, sind sie nicht.

     

    Zum Schluß dieses Kapitels will ich nun versuchen, diese Sachverhalte noch auf eine etwas "wissenschaftlichere" Weise auszudrücken.

     

     

    • VIII. Die Systemtheorie
  • Im vorletzten Abschnitt habe ich, zusammenfassend, behauptet, daß in den Symbolen der Astrologie grundlegende Eigenschaften des Lebens allgemein symbolisiert seien.

    Bestätigung für diese These erhalten wir durch eine neue Wissenschaft, die, seit sie in den Vierziger Jahren entwickelt wurde, das "neue (ganzheitliche, ökologische) Denken" entscheidend mitgeprägt hat: Die Systemtheorie. Es war wiederum ein Biologe, der, auf der Suche nach den charakteristischen Eigenschaften des Lebens, zu der Erkenntnis kam, daß die traditionellen Prinzipien in den Naturwissenschaften nicht geeignet sind, das Phänomen Leben wissenschaftlich umfassend beschreiben zu können.

     

    Ludwig von BERTALANFFY, wie Fancé in Wien geboren, arbeitete in den Dreißiger Jahren als Biologe an der Wiener Universität. Bei dem Versuch, die Eigenschaften zu bestimmen, die Leben charakterisieren, stieß er auf bis dahin unentdeckte Gesetzmäßigkeiten, die noch wesentlich umfassender, grundsätzlicher waren als die von Fancé hypostasierten Ordnungsgesichtspunkte zur Charakterisierung lebender Organismen. Seine Gesetze charakterisierten nicht nur lebende Organismen sondern alle sog. selbst-organisierenden Systeme schlechthin:

    "Wohl zum ersten Mal in der Geschichte des menschlichen Geistes eröffnet sich ein Ausblick auf eine bisher nicht geahnte Einheit des Weltbildes. Seine obersten Leitprinzipien sind überall die gleichen, ob es sich nun um unbelebte Naturdinge, um Organismen, um seelische oder schließlich gesellschaftlich geschichtliche Vorgänge handelt (...) Es gibt gewisse allgemeine Prinzipien, die für Systeme aller Art gelten, d. h. die aus der Wechselwirkung von Elementen auftreten müssen, so verschieden die zu einem 'System' zusammengefügten 'Elemente' im Einzelfall auch sein mögen."

     

    Bertalanffy entdeckte also, daß das Leben von Prinzipien geregelt wird, die nicht allein auf Leben zutreffen sondern auf alle sog. selbstorganisierenden Systeme. Es würde den Umfang dieser Schrift sprengen, auf die Systemtheorie weiter einzugehen. Dem interessierten Leser seien die in der Literaturliste angegebenen Bücher empfohlen. Hier nur so viel:

    Die von Bertalanffy gefundenen System-Eigenschaften sind eine neue Art von "Naturgesetzen", es sind Gesetze, die zu den uns bekannten Gesetzen hinzukommen. Wohlgemerkt: Es sind nicht einfach einige neue Gesetze, wie wir in den Wissenschaften immer wieder neue Naturgesetze herausfinden. Es ist eine neue Art von Gesetzen. Diese Gesetze sind z. B. nicht mehr in der gleichen Eindeutigkeit zu formulieren und nicht auf die gleiche Art "zu beweisen", wie die in den Wissenschaften bislang anerkannten Naturgesetze. Ich will das durch ein Zitat verdeutlichen, auch wenn dieses Zitat nicht für alle Leserinnen und Leser verständlich sein wird:

    "Die klassische Form einer Prozeßgesetzlichkeit ist die Differentialgleichung. Die Gesetze der ungeordneten Gesamtheiten gründen sich auf die Wahrscheinlichkeitslehre. Die Gesetze der geordneten Gesamtheiten sind ihrem Wesen nach Systemgesetze."

     

    Systemtheoretische Prinzipien haben mittlerweile in viele Wissenschaften Eingang gefunden; in der Psychologie basiert eine bestimmte Therapieform, die "systemische Familientherapie", auf systemtheoretischen Grundsätzen.

    Zur Veranschaulichung werde ich nun an einigen Beispielen demonstrieren, daß die moderne Wissenschaft der Systemtheorie bei dem Versuch, grundlegende Eigenschaften des Lebendigen zu kennzeichnen, zu Beschreibungen kommt, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit den symbolischen Bedeutungen haben, die den Planeten in der Astrologie zugeschrieben wird. Dabei muß ich ein wenig auf die Ausführungen im Kapitel 4 vorgreifen.

     

    Zu den Eigenschaften selbstorganisierender Systeme gehört z. B. die in der Astrologie dem Mars zugeordnete Tendenz, sich im Wettbewerb gegen andere durchzusetzen.

     

    Arthur KOESTLER, einer der Herausgeber eines Buches mit dem Titel: „Das neue Menschenbild - Die Revolutionierung der Wissenschaft vom Leben", führt dort an, daß das Charakteristische nicht allein die Fähigkeit zur Durchsetzung sei, sondern eine Kombination aus zwei komplementären Fähigkeiten, nämlich „Selbstbehauptung und Integration": „Die Selbstbehauptungstendenz ist ein grundlegendes und universelles Merkmal (...) und zeigt sich auf allen Stufen aller Arten von Hierarchien (...) Der entgegengesetzte Aspekt (...) besteht in seiner integrativen Tendenz, in der Neigung, als fügsamer Bestandteil eines bestehenden oder in Entwicklung befindlichen Ganzen zu wirken. Auch diese Eigenschaft äußert sich auf verschiedenartigste Weise, von der 'Gefügigkeit' des embryonalen Gewebes über die Symbiose der Organellen in einer Zelle bis zu den verschiedensten Formen des Zusammenhalts, sei es ein Insektenstaat, sei es ein Stamm von Eingeborenen."

    Dem astrologisch Geschulten fällt auf, daß unter der "integrativen Tendenz" bei KOESTLER Bedeutungen zusammengefaßt werden, die in der Astrologie weiter differenziert sind und der symbolischen Bedeutung der Planeten Venus (das Prinzip "Harmonie" im Sinne der Einteilung von Francé) und Saturn (das Prinzip "Integration") entsprechen.

    Erstaunlicherweise finden wir unter den Systemeigenschaften auch eine direkte Entsprechung zur Bedeutung des Planeten Pluto (dies wiederum als Vorgriff auf das kommende Kapitel), der von Astrologen als das Symbol für "Tod und Widergeburt" gekennzeichnet wird: "Das regenerative Potential in Organismen und Sozialverbänden manifestiert sich in Fluktuationsprozessen, die von der höchsten Integrationsstufe auf frühere, primitivere Niveaus zurückgreifen und beim Wiederaufstieg zu neuen, modifizierten Strukturen führen. Prozesse dieser Art scheinen sowohl bei der biologischen als auch bei der geistigen Evolution eine bedeutende Rolle zu spielen; sie spiegeln sich in dem universalen Motiv von Tod und Wiedergeburt in der Mythologie."

     

    Fassen wir zusammen:

    Die Symbole der Astrologie symbolisieren grundlegende Eigenschaften des Lebens (und, allgemeiner, sog. selbstorganisierender Systeme). Die astrologische Überlieferung bedient sich dabei zur Beschreibung dieser Eigenschaften ausführlich sog. Analogien und Gleichnisse, ähnliche wie sich Märchen zur Beschreibung grundlegender menschlicher Erfahrungen solcher Mittel bedienen.

     

    Das "System" Mensch nun ist Teil des (Öko-) Systems Erde und dieses wiederum Teil des Sonnensystems. Wenn dieses Sonnensystem als Ganzes nun auch ein selbstorganisierendes System wäre, dann wäre eine Verbindung Sonnensystem - Erde - Mensch eine natürliche Konsequenz systemtheoretischer Erkenntnisse, denn, wie KOESTLER in dem gerade zitierten Buch nachgewiesen hat, sind selbstorganisierende Systeme durch Integration in hierarchische Strukturen gekennzeichnet, innerhalb derer sie sowohl als Ganzheiten als auch als Teile betrachtet werden können: Ein Organ des Körpers z. B. ist einerseits eine Ganzheit. (Das Herz "funktioniert" auch außerhalb des Körpers, ist ein Stück weit "autonom".) Es ist aber, bezogen auf der ganzen Körper, ein Teil. Eine Zelle des Organs ist wiederum eine Ganzheit (sie kann weiterleben, wenn man sie aus dem Organ entfernt), ist aber auch ein Teil des Organs. Dieses wiederum ist ein Teil des Körpers. Der Körper wiederum ist ein Teil des Öko-Systems Erde. Die Erde ein Teil des Sonnensystems.

    Eine Betrachtung unseres Sonnensystems als ein "System" von 10 großen Materie-Brocken und einer Unzahl kleinerer Materie-Brocken, deren Beziehungen untereinander im wesentlichen auf Gravitationskräfte beschränkt sind, würde für das Konzept eines selbstorganisierenden Systems allerdings keine Grundlage bilden (eine mechanisch funktionierende Maschine ist eben auch kein selbstorganisierendes System). Tatsächlich sind die Beziehungen aber wesentlich komplexer und die wechselseitigen Einflüsse wesentlich subtiler . Unsere Sonne ist nicht einfach ein sehr heißer Feuerball: Sie ist ein Gebilde, das in seiner Komplexität der Komplexität eines selbstorganisierenden Systems entspricht und sie "reagiert" auf die Stellung der Planeten unseres Sonnensystems u. a. mit einer Veränderung ihrer in den Raum abgegebenen Energie- und Partikelstrahlung, die wiederum auf den Planeten, insbesondere auf der Erde, komplizierte metereologische Prozesse (und Veränderungen in der Biospäre) auslösen.

     

    Thomas RING, einer der bedeutendsten Astrologen im deutschsprachigen Raum, gab einem seiner Bücher den Titel: „Unser Sonnensystem - ein Organismus". Im Lichte der Erkenntnisse der Systemtheorie könnte es sich erweisen, daß dies viel weitgehender zutrifft, als er selbst vermuten konnte.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • IX. Was ist das: ein Horoskop?
    • 1. Einleitung
  • Dieses Kapitel beschreibt die elementaren Grundlagen, die zum Verständnis des astronomischen Aspekts der Astrologie notwendig sind. Es wird erklärt, was damit gemeint ist, wenn man sagt: "Ich bin ein Stier" oder: "In meinem Horoskop steht der Aszendent im Zeichen Skorpion". Wohlgemerkt: Es wird nicht beschrieben, was das bedeutet. Das ist der Inhalt des folgenden Kapitels. Dort werden wir lesen, welche Bedeutung das hat, wenn der Aszendent im Skorpion steht (auf welche Charaktereigenschaften sich das bezieht). In diesem Kapitel geht es darum, wo denn der Aszendent steht, wenn er im Zeichen Skorpion steht, und was das überhaupt ist: der Aszendent.

     

    • 2. Das Horoskop
  • Arbeitsgrundlage für den Astrologen ist das Horoskop. Dieser Begriff ist abgeleitet von horoskopos: So hieß der am Osthorizont aufsteigende Tierkreisgrad, weil er "die Stunde anzeigt" (von griech. hora = die Stunde und skopein = schauen, sehen). Astrologen nennen diesen Tierkreisgrad heute, aus dem Lat. abgeleitet, Aszendent (ascendere: aufsteigen).

     

    Das Horoskop ist die grafisch dargestellte Konstellation der Gestirne unseres Sonnensystems für den Moment der Geburt eines Menschen (oder allgemeiner: eines Lebewesens), bezogen auf den Ort der Geburt.

     

    Da auch für andere Zeitpunkte Horoskope erstellt werden (z. B. zur Erstellung einer astrologischen Prognose, siehe dazu Kapitel 6), bezeichnet man das für den Moment der Geburt erstellte Horoskop genauer als Radix-Horoskop (von lat. Radix = Wurzel). Man könnte das Horoskop eine Art Himmelskarte nennen: Sie enthält die Positionen der Gestirne unseres Sonnensystems, relativ zum Stand des Beobachters, also ihre geozentrisch berechneten Koordinaten.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • X. Die zwei grundlegenden Rhythmen der Sonnenbewegung
  • Jeden Tag erleben wir aufs Neue das folgende Schauspiel: Die Sonne geht morgens im Osten auf,

     

    Abbild 1

     

    sie erreicht mittags ihren höchsten Stand,

     

    Abbild 2

     

    und sie geht abends im Westen unter.

     

    Abbild 3

     

    Wenn die Sonne nicht so gleißend hell wäre und die Erde keine Atmosphäre hätte, dann würden wir auch am Tag die jetzt nur in der Nacht sichtbaren Sterne sehen. Wir würden dann sehen, daß die Sonne nicht etwa durch die feststehende Anordnung der Sterne, die wir alle als Sternbilder kennen, hindurchläuft, sondern daß sie mit einem Sternbild fest verbunden scheint. So könnte es z. B. sein, daß wir sie an einem Morgen, beim Aufgang, im Sternbild Skorpion stehen sehen, wie in Abbild 4.

     

    Abbild 4

     

    Und wenn wir den Himmel beobachten, stellen wir fest, daß sich mit der Sonne auch dieses Sternbild am Himmel nach oben bewegt, so daß mittags mit der Sonne auch das Sternbild Skorpion in der Himmelsmitte zu sehen ist (Abbild 5).

     

    Abbild 5

     

    Eine noch genauere Beobachtung des Himmels hätte uns gezeigt, daß auch alle anderen Gestirne, die wir am Himmel sehen können, diese Bewegung mitgemacht haben.

    Meist fällt uns dieser Wechsel von Aufgang, Kulmination und Untergang nur bei Sonne und Mond auf; dort ist er augenfällig. Wenige bemerken, daß jedes Gestirn diese Bewegung vollführt. Wenn man in klaren Nächten den Himmel über längere Zeit beobachtet, dann scheint es einem, als ob der Himmel eine Kugel wäre, die sich über die Erdoberfläche spannt und die sich beständig von Osten nach Westen dreht.

    Es ist nicht verwunderlich, daß man bis ins Mittelalter hinein daher der Auffassung war, die Erde sei eine Scheibe und über dieser Scheibe wölbe sich die Himmelskugel.

    Wir wissen heute, daß diese scheinbare Drehung des Himmelsgewölbes in Wahrheit auf der Drehung der Erde um sich selbst, der Rotation der Erde beruht. Wir wollen uns diesen Sachverhalt noch etwas genauer verdeutlichen.

    Was heißt es genau, wenn wir sagen: Die Sonne geht auf? Manchmal hören wir im Radio oder lesen auf einem Kalenderblatt: "Sonnenaufgang ist heute, bezogen auf Baden-Baden (oder Köln oder München oder Berlin), um 6.45 Uhr." Die Sonne geht also nicht in ganz Deutschland um 6.45 Uhr auf, sondern nur bezogen auf einen bestimmten Ort. Sonnenaufgang bedeutet: Die Sonne bewegt sich über die Horizontlinie. In Abbild 6 sehen wir, schematisch, was mit dem Horizont gemeint ist. Was hier als Linie gezeichnet ist, müssen Sie sich als Fläche vorstellen (die Horizont-Ebene).

     

    Abbild 6

     

    Durch die Drehung der Erde dreht sich auch die Horizont-Ebene. Wenn der "obere" Rand der Sonne diese Ebene schneidet, geht für Menschen in der eingezeichneten Position die Sonne auf.

     

    Jeder Ort hat, da die Erdoberfläche gekrümmt ist, seinen eigenen Horizont. Wäre die Erdoberfläche flach, dann wäre der Horizont an allen Punkten der Erde derselbe, nämlich die Ebene der Erdoberfläche selbst. In Düsseldorf geht die Sonne aber früher auf als in Berlin, weil der Horizont von Berlin gegenüber dem Horizont von Düsseldorf einige Grade weiter gegen die Drehrichtung der Erde gedreht ist.

    Wir müssen den hier in Abbild 6 eingezeichneten astronomischen Horizont von dem natürlichen Horizont unterscheiden. Wenn östlich meines Standortes ein Gebirgszug lokalisiert ist, wird die Sonne tatsächlich erst viel später zu sehen sein, als auf dem Kalenderblatt steht oder im Radio zu hören war. Diese astronomischen Auf- und Untergangszeiten auf den Kalenderblättern gelten eigentlich nur, wenn in Richtung des Sonnenaufgangs das Meer oder flaches Land liegt.

    Den einen oder anderen mag es auch verwirren, daß die Horizontlinie in Abbild 6 durch den Erdmittelpunkt gezeichnet ist. Korrekterweise müßte sie, als Tangentenfläche, an die Kugeloberfläche (am Fuß des Strichmännchens) gezeichnet werden (in unserer zweidimenionalen schematischen Zeichnung also als eine Linie an den Kreis). Die hier gewählte Darstellung ist eine geometrische Vereinfachung, die sich für Berechnungen besser eignet. Sie unterscheidet sich praktisch nicht von der anderen Darstellung: Bedenken Sie, daß der Entfernungsunterschied Erdoberfläche - Erdmittelpunkt verglichen mit dem Abstand Erde - Sonne oder Erde - Planet praktisch vernachlässigt werden darf. Wenn wir nämlich die Sonne im maßstabsgerechten Abstand von der Erde zeichnen wollten (die Erde so groß, wie sie in dieser Zeichnung ist), dann müßten wir sie etwa 100 Meter von diesem Kreis entfernt zeichnen. Und aus diesem Abstand wäre der Entfernungsunterschied Erdmittelpunkt - Erdoberfläche tatsächlich nicht mehr zu erkennen.

    Wenn wir den Himmel über längere Zeit beobachten, dann werden wir feststellen, daß die Anordnung der Sterne (ihre Stellung zueinander) im allgemeinen konstant bleibt. Die Sterne, für die das zutrifft, nennen wir Fixsterne: Die Figuren, die durch die Stellung dieser Sterne zueinander gebildet werden (und die wir, zur Orientierung am Himmel, zu verschiedenen Sternbildern zusammengefaßt haben), ändern sich nicht, d. h. die Sternbilder behalten immer dieselbe Form. Mit dem Ausdruck Fixstern ist also nicht gemeint, daß dieser Stern immer an der gleichen Stelle des Himmels steht. Wie wir gesehen haben, geht auch jeder Fixstern jeden Tag im Osten auf, kulminiert und geht im Westen wieder unter. Die Fixsterne können auch nicht fest an einem bestimmten Ort stehen, weil wir uns mit unserer Erde ja drehen.

    Einem aufmerksamen Beobachter wird bei längerer Himmelbeobachtung aber nicht entgehen, daß einige, sehr wenige, der leuchtenden Punkte am Himmel (also der "Sterne") sich innerhalb dieser Fixstern-Figuren hin- und herbewegen. Bei dreien ist diese Bewegung so schnell, daß man sie von einer Nacht zur anderen mit bloßem Auge feststellen kann, zwei weitere bewegen sich so langsam, daß man sie über Wochen oder Monate beobachten muß, um ohne Hilfsmittel erkennen zu können, daß auch sie ihre relative Lage (ihre Lage bezogen auf die anderen Sterne) verändern.

     

    Sehr leicht ist die Bewegung relativ zu den Fixsternen beim Mond festzustellen, weil sich der Mond am schnellsten von allen Himmelskörpern durch die Fixsterne bewegt. In Abbild 7 soll der mit dem Pfeil markierte schwarze Kreis den Mond verkörpern.

     

    Abbild 7

     

    Einen guten Monat früher hätte man den Mond an der Stelle sehen können, die Abbild 8 zeigt. (In Abbild 8 wurde auch die Sonne noch dazugezeichnet.

    Abbild 8

     

    Wir sehen sie hier an einer anderen Stelle als in Abbild 4.)

     

    Wir stellen also fest, daß manche Gestirne sich, zusätzlich zu der Bewegung von Aufgang, Kulmination und Untergang, offensichtlich noch relativ zu den Fixsternen bewegen, allerdings sehr viel langsamer. Die Bewegung von Aufgang, Kulmination und Untergang beruht, wie wir gesehen haben, auf der Rotation der Erde.

     

    Die Verschiebung relativ zu den Fixsternen beruht auf einer anderen Bewegung. Ich will dies am Beispiel der Sonne verdeutlichen. Die Erde dreht sich im Laufe eines Jahres einmal um die Sonne. Diese Bewegung nennt man die Revolution der Erde um die Sonne. In Abbild 9 sehen wir nun: Während die Erde im Laufe eines Jahres einmal um die Sonne kreist, scheint die Sonne, von der Erde aus betrachtet, durch die Fixstern-Bilder zu laufen: Wenn ich von der Erde zur Sonne blicke, so liegt hinter der Sonne in jedem Monat ein anderes Sternbild.

     

    Abbild 9

     

    Die "scheinbare" Bahn, die die Sonne am Himmel nimmt ("in Wirklichkeit" ist es die Bahn der Erde um die Sonne), nennt man die Ekliptik. Die Sternbilder, die die Sonne dabei durchläuft, fassen wir zum Tierkeis zusammen, genauer gesagt nennt man diesen Tierkreis den siderischen Tierkreis. Warum der Tierkreis noch einen näher bezeichnenden Beinamen hat, werde ich im übernächsten Abschnitt erläutern. Wir werden dann sehen, daß es noch einen zweiten Tierkreis gibt.

    Die Sternbilder sind bestimmte Sterngruppen, die wir zu einem "Bild" zusammengefaßt haben, um uns am Himmel besser orientieren zu können. Diese Sterne sind sehr viel weiter von der Erde entfernt als die Sonne. Von der Erde aus kann ich aber den Entfernungsunterschied zwischen der Sonne und den Fixsternen nicht erkennen. Sonne wie auch die Fixsterne scheinen einfach am Himmelzelt "angeheftet" wie an einer Kugel. Der einzige Unterschied besteht darin, daß die Fixsterne kleiner und weniger hell sind (und keine "Wärme spenden"). Deshalb erscheint es mir so, als stünde die Sonne in einem bestimmten Sternbild.

     

    Da dieser Sachverhalt denjenigen, die ein schlechtes räumliches Vorstellungsvermögen haben, immer wieder Schwierigkeiten bereitet, will ich ihn noch einmal an einem Beispiel etwas deutlicher werden lassen:

    Stellen Sie sich vor, sie befänden sich in einem runden Raum, der völlig abgedunkelt ist. Dieser Raum sei sehr groß. An den Wänden dieses Raumes seien, mit Leuchtfarbe, weiße Punkte in der gleichen Anordnung gemalt, wie die Sterne bei den Sternbildern angeordnet sind. In der Mitte des Raumes hänge eine winzige leuchtende Glühbirne (hell, aber zu schwach, um den Raum zu erhellen, so daß außer den Figuren an den Wänden und dieser kleinen Glühbirne alles absolut dunkel ist). Nun stellen Sie sich noch vor, Sie stünden auf einem Förderband (den Blick zu dieser leuchtenden Birne gerichtet), das Sie im Kreis um diese Glühbirne herumfährt.

    Diese Situation ist vergleichbar der Situation in Abbild 9, wenn Sie sich selbst an die Stelle der Erde setzen und die leuchtende Birne an die Stelle der Sonne. Wenn Sie den Blick auf die Birne gerichtet halten, wird hinter dieser Birne immer ein anderer Abschnitt der bemalten Wand aufscheinen, je nachdem, an welche Stelle Sie das Förderband gerade getragen hat.

     

    Jetzt müssen Sie sich nur noch vorstellen, daß Sie von der Bewegung des Förderbandes absolut nichts spüren könnten (weil es ganz langsam und völlig erschütterungsfrei läuft). Sie hätten dann das Gefühl, daß Sie selbst stillstehen. Da sich aber die Figuren hinter der leuchtenden Birne entlang bewegen, hätten Sie den sicheren Eindruck, daß sich die Wand dreht. Diesen Eindruck, daß sich die Wand dreht, hätten Sie deshalb, weil Sie wüßten, daß dort eine Wand ist. Wenn man Sie aber mit verbundenen Augen an diesen Ort gebracht hätte, so daß Sie von der Anordnung in dem Raum überhaupt nichts wüßten, dann hätten Sie den Eindruck, der helle große leuchtende Punkt (die kleine Glühbirne) läuft zwischen den anderen leuchtenden Punkten hindurch.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • XI. Die Bestimmung der Position der Planeten
  • Die Bewegung der Sonne durch die Sternbilder hängt also damit zusammen, daß die Erde um die Sonne kreist. Die Bewegung des Mondes durch die Sternbilder hängt damit zusammen, daß der Mond um die Erde kreist. Wenn Sie in Abbild 9 zunächst die Sonne durch die Erde ersetzen (die Erde ist dann in der Mitte) und dann an die Stelle, an der jetzt die Erde steht, den Mond setzen, dann scheint, von der Erde im Zentrum aus betrachtet (also nicht in Richtung des Pfeiles geschaut), der Mond gerade im Sternbild Jungfrau zu stehen.

    Während die Erde für den Umlauf (die Revolution) um die Sonne ein Jahr benötigt, benötigt der Mond für den Umlauf um die Erde einen Monat. Während der Mond nun im Laufe eines Monats einmal um die Erde kreist, scheint er, von der Erde aus betrachtet, einmal vollständig im Kreis durch die Sternbilder zu wandern.

    Wenn wir sagen: Der Mond steht im Sternbild der Jungfrau, dann meinen wir damit, daß, von der Erde aus betrachtet, der Mond vor dem Hintergrund der Sternbild-Figur Jungfrau zu sehen ist.

     

    Wenn wir den Himmel aufmerksam beobachten, dann werden wir feststellen, daß es nur sehr wenige Himmelskörper gibt, die sich in diesen Sternbild-Figuren hin- und herbewegen. Neben Sonne und Mond kannten die Menschen im Altertum nur noch fünf weitere solcher Himmelskörper, die sie Planeten, d. h. Wandelsterne, nannten.

     

    Heute können wir verstehen, warum sich unter den Tausenden von Sternen, die wir sehen können, nur fünf (mit dem bloßen Auge sichtbare Sterne) so auffällig bewegen. Diese fünf Sterne sind nämlich, wie die Erde, Planeten unseres Sonnensystems, die um die Sonne kreisen, wie in Abbild 10 schematisch dargestellt. Und weil sich die Erde und die anderen Planeten alle gleichzeitig um die Sonne drehen (zudem auch noch mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten), erscheinen die Bewegungen dieser Planeten, von der Erde aus betrachtet, unregelmäßig und kompliziert. In Wahrheit drehen sich alle sehr gleichmäßig in elliptischen Bahnen um die Sonne. Aber wir sehen unser Sonnensystem ja nicht in der Draufsicht, wie in dieser schematischen Zeichnung: Für uns auf der Erde sind die einzelnen Planeten einfach nur leuchtende Punkte am Firmament. Daß die merkwürdigen Bewegungen am Himmel daraus resultieren, daß sich die Perspektive von der Erde aus dauernd ändert, weil wir uns mitbewegen, davon spüren wir ja nichts.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • XII. Die Planeten unseres Sonnensystems
  • Bevor die Menschen das Fernrohr erfanden (zur Zeit Galileis) konnte man am Himmel von den Planeten unseres Sonnensystems nur die erkennen, die so hell sind, daß sie mit dem bloßen Auge sichtbar sind. Abgesehen von Sonne und Mond gab es für die Menschen im Altertum fünf Planeten: Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Zusammen mit Sonne und Mond kannten die Menschen früher also sieben "bewegliche Himmelskörper". Aus diesem Grunde hat die Zahl Sieben in den verschiedensten Kulturen eine besondere Bedeutung. Bei uns geht z. B. die Zahl der Tage unserer Woche darauf zurück und außerdem sind die Tage (ursprünglich) nach den Planeten benannt (wobei Sonne und Mond früher als Planeten angesehen wurde, weil man die wahren Verhältnisse ja nicht kannte).

    Merkur und Venus nennt man die inneren Planeten, weil sie von der Erdbahn eingeschlossen werden (siehe Abbild 10).

     

    Abbild 10

     

    Meist werden die Planeten, von Mond abgesehen, in der Reihenfolge ihrer Umlaufbahnen genannt, die auch der Geschwindigkeit der Bewegung durch den Tierkreis entspricht. Der Mond bewegt sich am schnellsten, wie wir in Kapitel 3 gesehen haben, er benötigt für einen Umlauf um die Erde einen Monat. Von dem Planeten bewegt sich Merkur am schnellsten: Er benötigt für einen Umlauf um die Sonne etwa 1/4 Jahr. Die Venus benötigt fast ein Jahr, die Erde genau ein Jahr (d. h. die Sonne benötigt, von uns aus betrachtet, ein Jahr für einen vollständigen Lauf durch die Tierkreiszeichen - so ist ja das Jahr auch definiert: als ein vollständiger Umlauf der Sonne). Der Mars benötigt etwa 2 Jahre, Jupiter etwa 12 Jahre und Saturn etwa 30 Jahre.

    Erst nach der Erfindung des Fernrohres konnte im Jahre 1781 Uranus als ein weiterer Planet unseres Sonnensystems entdeckt werden. Die Fortschritte der Astronomie (und der Naturwissenschaften allgemein) machte es möglich, daß im Jahre 1846 Neptun entdeckt werden konnte. Die Berechnung der Planetenbahnen auf der Grundlage der Keplerschen Gesetze war zu der Zeit mit einer solchen Präzision möglich, daß aus den Abweichungen zwischen der berechneten und der beobachteten Bahn von Uranus geschlossen werden konnte, daß es jenseits von Uranus noch einen Himmelskörper geben muß, dessen Anziehungskraft die gleichmäßige Bahn des Uranus "stört". Es konnte sogar genau berechnet werden, wo sich dieser Planet befinden müßte - und am berechneten Ort entdeckten ihn auch die Fernrohre.

    Erst im Jahre 1932 schließlich war die Technik der Himmelsbeobachtung so weit entwickelt, daß auch Pluto entdeckt werden konnte, ein Planet, beinahe so klein wie unser Mond und etwa zwanzig Mal so weit von der Erde entfernt wie Mars.

    Die drei Planeten, die hinter der Bahn des Saturn kreisen, nennt man die transsaturnischen Planeten.

     

    Zwischen der Bahn von Mars und Jupiter kreisen eine Reihe von sog. Planetoiden: so nennt man die größten von einer Fülle von Gesteinsbrocken, die von einem möglicherweise zerstörten ehemaligen Planeten stammen könnten, der vielleicht zwischen Mars und Jupiter seine Bahn gezogen hat.

     

     

    • XIII. Fixsterne
  • Unser Sonnensystem besteht also aus der Sonne im Zentrum und den Planeten (einschließlich der Erde), die um diese Sonne kreisen. Manche der Planeten haben Monde (unsere Erde hat einen Mond), die wiederum um diese Planeten kreisen.

    Was aber sind Fixsterne?

    Manche Fixsterne erreichen die gleiche Helligkeit wie die Planeten unseres Sonnensystems. Was läßt sie leuchten? Unsere Planeten senden selbst kein eigenes Licht aus: Sie werden von der Sonne angestrahlt und reflektieren das Licht, wie eine Kugel, die wir mit einer Lampe anstrahlen. Fixsterne dagegen sind selbst Sonnen, im Vergleich zu unserer Sonne allerdings unendlich weit entfernt. Viele dieser Fixsterne sind möglicherweise das Zentrum eines eigenen Sonnensystems mit Planeten und Monden, ähnlich wie in unserem Sonnensystem. Die nächste uns benachbarte Sonne ist so weit entfernt, daß das Licht dieser Sonne für uns nicht heller erscheint, als das von unseren Planeten reflektierte Licht unserer eigenen Sonne.

    In Abbild 10 sehen wir, daß wir die Stellung der Planeten bezüglich der Sternbilder auf die gleiche Weise bestimmen wie bei Sonne und Mond.

     

    Wir sagen, ein Planet steht im Sternbild Fische, wenn der Planet, von der Erde aus betrachtet, vor dem Hintergrund des Sternbildes der Fische zu sehen ist.

    In Abbild 10 steht entsprechend die Sonne im Skorpion, ebenso der Merkur. Die Venus steht im Schützen, Jupiter steht im Stier und Mars im Krebs.

    Zur Zeit der Babylonier wurde die Stellung der Planeten tatsächlich durch Nachschauen bestimmt. Heutzutage könnten viele Astrologen die Planeten am Himmel nicht einmal mehr erkennen (z. B. von Fixsternen gleicher Helligkeit unterscheiden). Astrologen brauchen nämlich heutzutage nicht mehr den Himmel zu beobachten, um festzustellen, wo die Planeten stehen. Sie schauen stattdessen in die Ephemeriden (Gestirnstands-Tabellen). Dort können Sie für jeden Tag die Position von Sonne, Mond und Planeten ablesen.

     

     

     

     

     

     

    • XIV. Eine Zwischenbemerkung zur Entstehung der Astrologie
  • Versetzen wir uns einmal in die Gedanken eines Menschen zur Zeit der Babylonier: Dort, im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, ist der nächtliche Sternenhimmel besonders prächtig, er lädt geradezu zur Betrachtung ein. Wir sehen am Himmel nun Tausende und Abertausende von Sternen. All diese Sterne stehen fest (haben immer die gleiche Anordnung zueinander). Fünf Sterne von diesen Tausenden von Sternen aber vollführen sehr merkwürdige Bewegungen am Himmel. - Ist es nicht verständlich, daß die Babylonier davon überzeugt waren, daß dies eine Bedeutung haben muß?

    Um diese Bedeutung zu verstehen, gingen die Babylonier übrigens keineswegs "abergläubisch" vor. Ihr Vorgehen würde man heute "empirisch" nennen und es ist ausgesprochen "wissenschaftlich".

     

    Zwar galten den Babyloniern diese Bewegungen als "Omina", als Zeichen göttlicher Botschaften. Dies würden wir heute nicht wissenschaftlich nennen. Aber bei der Entschlüsselung dieser Botschaften gingen sie "wissenschaftlich" vor. Belegt wird diese Ansicht durch einen archäologischen Fund zu Beginn dieses Jahrhunderts: Die Bibliothek eines babylonisches Königs mit Namen ASHURBANIPAL (680 v. Chr.): "Viele Tausende, auf Keilschrifttäfelchen verzeichnete und systematisch geordnete Omina, die manchmal bis auf sumerische Zeiten zurückgehen. (...) zeugen von der Sorgsamkeit, mit der stets himmlische und gleichzeitig irdische Erscheinungen aufgezeichnet, miteinander verglichen und prognostisch verwertet wurden." Die Babylonier zeichneten allerdings alle auffälligen Himmelserscheinungen auf, nicht nur die Bewegung der Planeten, so z. B. auch das Auftauchen von Kometen, denen in unserer astrologischen Lehre keine Bedeutung beigemessen wird.

    Vorgänge am Himmel können selbstverständlich nur dann "Omina" (Botschaften der Götter) sein, wenn sie nicht mechanisch zustande kommen. Denn wenn sie mechanisch (gesetzmäßig, berechenbar) zustande kommen, sind sie ja nicht mehr als Ausdruck einer willkürlichen Handlung eines Gottes, der "etwas mitteilen will", zu verstehen. Als sich zeigte, daß die Bewegungen der Planeten berechenbar sind, war deshalb auch PLATO, wie im ersten Kapitel erwähnt, der Auffassung, daß die Astrologie als Omendeutung nun jegliche Grundlage verloren habe.

    Da Astrologie bei den Babyloniern sehr stark prognostisch betrieben wurde, wehrte sich PLATO damals zu Recht gegen die Vorstellung, vorausberechenbare Vorgänge könnten etwas über das Schicksal der Menschen sagen, denn eine solche Vorstellung hätte das fatalistische Mißverständnis der Astrologie sehr gefördert (siehe Kapitel 1). Erst der Gedanke, die Bewegungen der Gestirne könnten etwas mit dem "Wesen" der Menschen (und nur indirekt etwas mit ihrem Schicksal) zu tun haben, bannt diese Gefahr: Dieser Gedanke macht das subjektive Empfinden, daß wir in unseren einzelnen bewußten Entscheidungen doch frei sind, vereinbar mit dem astrologischen Grundgedanken eines Zusammenhang zwischen Kosmos und Mensch.

     

     

     

     

     

     

    • XV. Tropischer und siderischer Tierkreis und das Wassermann-Zeitalter.
  • Seit der Zeit der Aufklärung wird von uninformierten Kritikern der Astrologie alle paar Jahrzehnte ein Einwand neu aufgewärmt, der schon hundertmal widerlegt wurde. Für diejenigen, die ihn zum ersten Mal hören, hat er aber etwas derart Verunsicherndes (wenn man Astrologie ernst nimmt) oder Attraktives (wenn man ja schon immer wußte, daß Astrologie Unsinn ist), daß er immer wieder neu in die Diskussion eingebracht wird: Es geht um die Behauptung, daß die Astrologen mit den falschen Sternbildern arbeiten würden. Aufgrund der sog. Präzession (s. u.) würde nämlich an der Stelle des Himmels, wo Astrologen den Widder sehen, in Wirklichkeit das Sternbild Fische stehen (und entsprechend seien auch alle anderen 12 Sternbilder verschoben).

    Was hat es damit auf sich?

     

    In Kapitel 2 haben wir gelernt, daß die Bewegungen der Himmelskörper in ihrer täglichen Bahn (Aufgang, Kulmination, Untergang) den Rhythmus bestimmter Vorgänge auf der Erde bestimmen. (Die Bewegung des Mondes z. B. bestimmt den Rhythmus der Gezeiten). Auch Organismen reagieren auf diese Rhythmen (Austern-Beispiel). Wenn wir uns vergegenwärtigen, welche existentielle Bedeutung der Rhythmus von Tag und Nacht (die tägliche Bewegung der Sonne) für das Leben auf der Erde hat, dann können wir leicht nachvollziehen, daß der auf der Erdrotation beruhende Rhythmus ein wichtiger kosmischer Reiz (siehe Kap. 2) ist.

    Wir haben dann eine weitere Bewegung kennengelernt, die auf der Revolution des Planeten um die Sonne basiert. Der augenfälligste Effekt dieser Revolution um die Sonne sind die Jahreszeiten.

     

     

    • XVI. Die Entstehung der Jahreszeiten
  • Wenn Sie einen Globus betrachten, dann ist Ihnen vielleicht schon einmal aufgefallen, daß die Achse des Globus immer schräg steht. Das hat nicht etwa ästhetische Gründe. Es bedeutet, daß die Erdachse geneigt ist. Aber geneigt wogegen? Im Weltenraum gibt es ja keinen Fußboden, im Vergleich zu dem die Achse der Erde schräg stehen könnte. Geneigt ist die Erdachse gegenüber ihrer eigenen Bahn um die Sonne, wie wir schon in Abbild 8 erkennen konnten. Diese Neigung der Erdachse hat zur Folge, daß während des Umlaufs der Erde um die Sonne einmal die nördliche Erdhalbkugel der Sonne zugewandt ist (in Abbild 8 wäre das der Fall, wenn die Erde sich etwa im Abschnitt XII befindet) und einmal die südliche (wenn die Erde sich im Abschnitt VI befindet).

    Wenn die Nordhalbkugel der Sonne zugewandt ist, dann haben wir Sommer, wenn dagegen die Südhalbkugel der Sonne zugewandt ist, ist bei uns auf der Nordhalbkugel Winter. Die beiden Zwischenpositionen, an denen Nord- und Südhalbkugel etwa gleich viel Licht von der Sonne erhalten, nennen wir Frühling bzw. Herbst (dem Frühling auf der Nordhalbkugel entspricht der Herbst auf der Südhalbkugel, und umgekehrt).

    In Bezug auf die Sonne führt die Rotation der Erde zum Tag-Nacht-Rhythmus und die Revolution der Erde (um die Sonne) zum Rhythmus der Jahreszeiten. In beiden Fällen gibt es vier wichtige Punkte: Aufgang, Kulmination, Untergang und, bisher noch nicht erwähnt, die untere Kulmination (die Mitternachts-Stellung der Sonne), auf der einen Seite, Frühlings, Sommer-, Herbst- und Winteranfang auf der anderen Seite. Was bezogen auf die Revolution der Erde um die Sonne die Jahreszeiten sind, entspricht bei der Revolution des Mondes um die Erde in etwa den Mondphasen. Um diese rhythmischen Vorgänge geht es den Astrologen.

     

    Ohne diese astronomischen Verhältnisse (Schrägstellung der Erdachse etc.) kennen zu können, stellten die Babylonier damals aber schon etwas fest: Zu Sommeranfang, d. h., wenn die Sonne am höchsten am Himmel steht, steht die Sonne immer vor dem Hintergrund des Sternbildes Krebs, zu Frühlingsanfang immer zu Beginn des Sternbildes Widder.

    Da die Babylonier nicht wissen konnten, daß dies damit zusammenhängt, daß die Achse der Erde eine bestimmte Schräge hat, so daß bei der Stellung der Sonne im Krebs einfach die Nordhalbkugel der Sonne zugewandt ist, versuchten sie, sich dies anders zu erklären: Es schien ihnen, als ob die Sonne durch die Stellung in den Sternbildern beeinflußt (geprägt, modifiziert) würde. Stand sie im Steinbock, war ihre Kraft schwach (Winter), stand sie im Krebs oder im Löwen, war ihre Kraft groß (Sommer). Stand sie im Widder, schien sie die Pflanzen "wiederzuerwecken" und alles zum Blühen zu bringen (im Frühling).

    Wenn die Sonne durch die Sternbilder in ihrer "Wesensart" verändert wurde: Vielleicht hatten ja auch die Menschen, die in diesen Zeitabschnitten geboren wurden, Eigenschaften, die eine gewisse Ähnlichkeit mit diesen "Eigenarten" der Sonne hatten. - So wurden nach und nach mit den Sternbildern bestimmte Eigenheiten verbunden, und man stellte sich vor, daß die Sternbilder die Menschen in ähnlicher Weise "prägen" wie die Sonne.

    Da die Babylonier den Himmel sehr gewissenhaft beobachteten, fiel ihnen auf, daß die Sonne zu Sommeranfang nicht in jedem Jahr an derselben Stelle des Sternbildes Krebs stand. Der Unterschied war minimal: Er machte in 100 Jahren nur etwas mehr als einen Grad aus. Es war dennoch abzusehen, daß die Sonne zu Sommeranfang in etwa 2.000 Jahren nicht mehr im Krebs stehen würde, sondern, da die Verschiebung gegen die Tierkreisrichtung stattfindet, im Sternbild Zwilling. Würde das heißen, daß im Sommer dann nicht die längsten Tage des Jahres waren? Wenn es die Sternbilder waren, die der Sonne ihre Eigenart aufprägten, dann dürfte sich der Sommeranfang im Laufe der Zeit immer weiter vom längsten Tag des Jahres entfernen. Schließlich würde der Sommeranfang in einigen Tausend Jahren mit dem kürzesten Tag des Jahres zusammenfallen.

    Dies erschien den Babyloniern unwahrscheinlich. Wenn aber der Sommeranfang immer mit dem längsten Tag des Jahres zusammenfallen sollte, würde das bedeuten, daß die Sonne nicht durch die Sternbilder, die sie im Jahreslauf passiert, geprägt wird, denn in 2.000 Jahren stünde die Sonne zur Zeit des längsten Tages des Jahres am Beginn des Sternbildes Zwillinge.

    Die Babylonier entwickelten daraufhin einen neuen Tierkreis, den tropischen Tierkreis (den auf die Jahreszeiten bezogenen Tierkreis), der auch in vielen Tausend Jahren noch mit den "Eigenschaften" der Sonne zusammenpassen würde.. Dieser tropische Tierkreis nahm (und nimmt) seinen Anfang da, wo die Sonne zu Frühlingsbeginn (dem Beginn des "natürlichen Jahreszeiten-Zyklus") tatsächlich steht, und teilt den Jahreslauf der Sonne in 12 gleiche Abschnitte von genau 30 Grad. Den Punkt der Ekliptik, an dem die Sonne zu Frühlingsbeginn steht, nennt man den Frühlingspunkt. Die Abschnitte dieses Tierkreises heißen nicht mehr die Sternbilder des Tierkreises (Tierkreis-Sternbilder) sondern die Tierkreiszeichen, denn es sind ja keine Bilder mehr, die diese Stationen kennzeichnen. Die Namen für die 12 Tierkreiszeichen übernahm man aus dem Tierkreis der Sternbilder, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich ja, wie gerade erklärt, die Tierkreiszeichen damals räumlich in etwa mit den Sternbildern deckten.

    In der Reihenfolge, in der sie von der Sonne durchlaufen werden, heißen diese Tierkreiszeichen, wie den meisten bekannt: Widder, Stier, Zwilling, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann und Fische.

    Daß es genau 12 Tierkreiszeichen sind, hat übrigens seine Ursache vermutlich in den 12 Mondumläufen eines Jahres. Jedem Tierkreiszeichen entspricht ein Mondumlauf. Und unsere bürgerliche Zeitrechnung teilt bis heute Tag und Nacht in 12 Stunden.

     

    Halten wir also fest:

    Astrologen arbeiten mit dem tropischen Tierkreis. Dieser Tierkreis nimmt seinen Anfang da, wo die Sonne zu Frühlingsbeginn steht, dem Frühlingspunkt. Er teilt die scheinbare Bahn der Sonne am Himmel, die Ekliptik, in zwölf gleich große Teile, die Tierkreiszeichen. Die Tierkreiszeichen haben ihre Namen mit den ebenfalls etwa in der Ebene der Ekliptik liegenden Sternbildern des siderischen Tierkreises gemeinsam. Zur Zeit der Babylonier, als der Beginn dieser beiden Tierkreise in etwa zusammenlag, war (aus eben diesem Grunde) eine Unterscheidung, welcher der beiden Tierkreise der tatsächlich "wirksame" ist, nicht möglich. Seit der Zeit der Griechen ist der tropische Tierkreis in Gebrauch.

     

    Entgegen der Ansicht der Kritiker, die zu Beginn dieses Abschnitts vor-gestellt wurde, wissen Astrologen also sehr wohl, daß die Sonne zu Frühlingsbeginn, wenn sie im Tierkreiszeichen Widder steht, nicht mehr im Sternbild Widder steht. Umgekehrt wissen die Damen und Herren Kritiker allerdings offensichtlich nichts von den zwei verschiedenen Tierkreisen, mit denen die Astrologen seit 2.000 Jahren arbeiten.

    Da der Ort, an dem die Sonne zu Frühlingsbeginn steht, langsam gegen die Bewegungsrichtung der Sonne im Tierkreis (also gegen die Zählrichtung der Tierkreiszeichen) wandert, verschiebt sich der tropische Tierkreis (der seinen Anfang ja da nimmt, wo die Sonne zu Frühlingsbeginn steht) langsam gegen den siderischen Tierkreis. Man nennt diese Verschiebung Präzession, und ich will nun erläutern, wie es dazu kommt.

     

     

    • XVII. Die Präzession
  • Betrachten wir uns dazu noch einmal das Abbild 8. Wenn sich die Erde im Abschnitt XII aufhält, dann weist die Nordhalbkugel der Erde zur Sonne und auf der Nordhalbkugel ist es Sommer. Das hatten wir festgestellt. Stellen Sie sich nun einmal vor, die Schrägstellung der Erdachse wäre nicht konstant, sondern die Erdachse selbst würde schwanken. Stellen Sie in Gedanken die Erdachse, die jetzt nach links geneigt ist, einfach um die gleiche Gradzahl (die gleiche Schräge) nach rechts. Offensichtlich wäre dann auf der Nordhalbkugel Winter, wenn sich die Erde im Abschnitt XII aufhält, Sommer dagegen wäre dann, wenn sich die Erde im Abschnitt VI aufhält. Frühling auf der Nordhalbkugel wäre entsprechend nicht mehr, wenn sich die Erde in Abschnitt IX aufhält, sondern dann, wenn sich die Erde im Abschnitt III aufhält. Hinter der Sonne würde also zu Frühlingsbeginn auch nicht mehr der Beginn der Sternbildes Widder, sondern der Beginn des Sternbildes Waage zu sehen sein.

    Und genau das macht unsere Erdachse: Sie schwankt. Genauer: Wie ein Kinderkreisel, der langsam ausläuft, taumelt unsere Erdachse, so daß sich die Schrägstellung der Achse dauernd verändert, wenn auch nur sehr langsam. Im Laufe von etwa 26.000 Jahren vollführt unsere Erdachse eine vollständige "Taumeldrehung", steht also nach 26.000 Jahren wieder in der gleichen Schrägstellung (siehe Abbilder 13a,b,c).

    Abbild 13a

     

    Abbild 13b

     

    Abbild 13c

     

    Da von der Schrägstellung der Erdachse abhängt, wo sich der Frühlingspunkt am Himmel befindet, wandert mit der Taumeldrehung der Erdachse auch der Frühlingspunkt im Laufe von ca. 26.000 Jahren einmal durch den siderischen Tierkreis. Diese Zeit, die der Frühlingspunkt benötigt, den Tierkreis einmal ganz zu durchlaufen, nennt man ein Platonisches Weltenjahr. Die Zeit, die der Frühlingspunkt benötigt, um ein Sternbild des siderischen Tierkreises zu durchwandern, nennt man ein Zeitalter. Da der Frühlingspunkt derzeit vom Anfang des Sternbildes Fische rückwärts in das Sternbild Wassermann hineinläuft, spricht man heute vom beginnenden Wassermannzeitalter. Da die Sternbilder, im Gegensatz zu den ideel bestimmten Tierkreiszeichen, verschieden groß sind, haben die Zeitalter eine unterschiedliche Länge.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • XVIII. Ein Horoskop entsteht
  • Zunächst möchte ich, für den Rest dieses Buches, folgendes festlegen:

     

    Wann immer der Name eines Tierkreisabschnitts genannt wird, ist damit das Tierkreiszeichen des tropischen Tierkreises gemeint. Sollte ein Sternbild des siderischen Tierkreises gemeint sein, wird dies ausdrücklich hervorgehoben. In den nun folgenden Grafiken wird aus Gründen der Einfachheit zwischen Tierkreiszeichen und Sternbild nicht unterschieden: Es wird also so getan, als befände sich das Sternbild Widder an derselben Stelle des Raumes wie das Tierkreiszeichen Widder. Für die Darstellung des Entstehungsprozesses eines Horoskops ist der Unterschied zwischen Sternbild und Tierkreiszeichen auch nicht von Belang.

     

    Ein Kind wird geboren. Der "erste Schrei", das Öffnen der Lungen, wird als Zeit der Geburt festgehalten. Stellen wir uns vor, in diesem Moment des ersten Schreis könnte der "Haus-Astrologe", ohne optische Beeinträchtigungen durch Wolken und Luftverschmutzungen, den Himmel betrachten. Er möge so aussehen wie in Abbild 14:

     

    Abbild 14

     

    Im Osten sehen wir den Skorpion gerade aufgehen, im Zenith sehen wir den Löwen und im Westen sehen wir den Stier gerade untergehen. Wir haben ein Formblatt dabei und übertragen nun einfach diese Beobachtung in unser Formblatt, wie dies in Abbild 15 geschehen ist.

     

    Abbild 15

     

    Die Linie A - D (Aszendent - Deszendent) symbolisiert unseren Horizont. MC bedeutet Himmelsmitte und entspricht dem Mittagsstand der Sonne, IC entsprechend Himmelstiefe und entspricht dem Mitternachtsstand der Sonne.

     

    Der Aszendent ist also der Punkt des Tierkreises, der im Moment der Geburt gerade im Osten aufgeht. Astronomisch formuliert: der Schnittpunkt zwischen Horizont und Ekliptik. Das Medium Coeli ist der Punkt des Tierkreises, der im Moment der Geburt am höchsten über dem Horizont steht. Astronomisch formuliert: der Schnittpunkt des Meridians, das ist der Längengrad des Ortes, an dem ich mich gerade befinde, mit der Ekliptik.

    Das Abbild 15 zeigt zunächst den reinen Fixsternhimmel ohne Planeten. Im Abbild 16 sehen wir nun noch die Planeten dazu gezeichnet.

     

    Abbild 16

     

    In diesem fiktiven Geburtsmoment sei der Mond im Skorpion gerade aufgegangen (der schwarze Kreis links im Bild), die Sonne möge sich in der Jungfrau befinden. Unser geübtes Auge möge den Planeten im Löwen als Jupiter identifiziert haben, und den schwach rötlich schimmernden Planeten im Stier, kurz vor dem Untergang, selbstverständlich als Mars. Aus der kontinuierlichen Himmelsbeobachtung möge schließlich für uns ableitbar sein, daß der leuchtende Fleck in der Waage (mit Pfeil gekennzeichnet) in Wirklichkeit aus zwei Planeten besteht, die jetzt so nahe beieinander stehen, daß unser Auge sie nicht mehr unterscheiden kann: seien es Venus und Merkur. Die Planeten unterhalb des Horizonts sind für uns in diesem Moment nicht sichtbar. Doch durch die kontinuierliche Beobachtung des Himmels wissen wir, daß Uranus sich derzeit im Steinbock, Saturn in den Fischen und Pluto im Widder aufhalten. Wir tragen all diese Positionen, teilweise wie beobachtet, teilweise aus unserem Gedächtnis, in unser Formblatt ein und erhalten eine Zeichnung wie in Abbild 17.

     

    Abbild 17

     

    In dieser Grafik sehen wir die Verteilung der Planeten bezüglich ihrer täglichen Bahn (Stellung zur Horizont-Linie) und bezüglich ihrer Stellung im Tierkreis. Damit haben wir das Protokoll unsere Beobachtungen des Himmels abgeschlossen. Das Horoskop ist damit allerdings noch nicht vollständig fertiggestellt. In einem nächsten Schritt versuchen wir nun, die Gestalt dieser Konstellation herauszuarbeiten, d. h. wir ermitteln die geometrischen Beziehungen der Planeten untereinander und zu den Kardinalpunkten (Aszendent, MC, Deszendent und IC).

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • XIX. Die astrologischen Aspekte
  • Die Planeten in der Abbildung 17 bilden paarweise ganz unterschiedliche Winkel miteinander. Da die Tierkreiszeichen alle gleich groß sind (genau 30 Grad), kann man den Winkelabstand zwischen den Planeten gut schätzen. Mond und Uranus z. B. stehen etwa 90 Grad voneinander entfernt. Am Anfang des Skorpions steht der Mond, danach folgt das Zeichen Schütze und am Ende des Steinbocks steht dann der Uranus.

    Für den Astrologen sind nun ganz bestimmte Winkelbeziehungen zwischen den Planeten von Bedeutung. Neben dem Beieinanderstehen zweier Planeten (man nennt das eine Konjunktion), sind es vor allem die Winkel, die sich aus der Teilung des Kreises durch zwei, drei und vier ergeben, d. h. also Winkel von 180 Grad, 120 Grad und 90 Grad. Stehen zwei Planeten in einem solchen Winkel zueinander, dann sagt man, sie bilden einen Aspekt miteinander. Viele Astrologen nehmen außerdem diejenigen Winkel hinzu, die aus der Halbierung der gerade genannten Winkel hervorgehen (also 60 Grad und 45 Grad), und bei dem Winkel von 45 Grad noch den Komplementärwinkel (den Ergänzungswinkel zu 180 Grad, also 135 Grad), weil auch 60 Grad und 120 Grad Komplementärwinkel sind. Diese Winkel werden dann Halbaspekte genannt.

    Da sich die Planeten beständig bewegen, stehen zwei Planeten ja nur für einen bestimmten Zeitpunkt wirklich exakt in einem bestimmten Winkel zueinander. Es ist also notwendig, festzulegen, bis zu welcher Abweichung von dem exakten Winkelmaß ein Winkel als "wirksam" betrachtet werden soll (je kleiner man diese Abweichung wählt, umso kürzer der Zeitraum, während dessen die zwei Planeten dann einen Aspekt bilden). Würde man z. B. eine Abweichung von einem Grad zulassen, dann würde ein 90-Grad-Winkel zwischen 89 Grad und 91 Grad als "wirksam" betrachtet werden. Die erlaubte Ungenauigkeit eines Aspektes nennt man ganz allgemein den Orbis. Astrologen sind sich sehr uneinig darüber, wieviel Ungenauigkeit erlaubt sein sollte. In anderen Worten: Wie genau muß ein Winkel sein, daß er wirkt? Als einen ersten groben Anhaltspunkt gehen wir in unseren Beispielen einmal davon aus, daß bis zu einer Ungenauigkeit von etwa 5 Grad eine Aspekt noch "wirksam" ist.

    Wenn zwei Planeten im Aspekt zueinander stehen, wird das in der Zeichnung durch eine Linie zwischen diesen beiden Planeten kenntlich gemacht, wie wir dies in 18 sehen.

     

    Abbild 18

     

    Jeder Aspekt hat einen Namen, der von der Figur, die die Verbindungslinien im Kreis erzeugen, abgeleitet ist. Kennengelernt hatten wir schon die Konjunktion, das Zusammenstehen zweier Planeten. Auch ein Winkel von 180 Grad führt nicht zu einer Figur, sondern nur zu einer Geraden. Man nennt diesen Winkel eine Opposition, weil die zwei Planeten sich gegenüberstehen. Ein Winkel von 120 Grad nennt man ein Trigon, weil drei solcher Winkel aneinandergereiht sich zu einem Dreieck ergänzen. Entsprechend heißt ein 60-Grad-Winkel ein Sextil, der 90-Grad-Winkel Quadrat und der 45-Grad-Winkel Halbquadrat. Der Ergänzungswinkel zum Halbquadrat, der Winkel von 135 Grad, heißt Eineinhalbquadrat.

     

    In Abbild 18 sehen wir zwei Arten von Aspektlinien, durchgezogene und gestrichelte. Astrologen unterteilen die Aspekte in zwei große Klassen: Die auf der Teilung des Kreises durch zwei und vier basierenden Aspekte, also Opposition, Quadrat, Halb- und Eineinhalbquadrat, heißen die analytischen Aspekte. Früher nannte man diese Aspekte einfach die disharmonischen oder gar die schlechten Aspekte. Im folgenden Kapitel wird deutlich werden, warum diese letzten Bezeichnungen unangemessen sind.

    Die auf der Teilung des Kreises durch drei und Sechs basierenden Aspekte, also Trigon und Sextil, heißen die synthetischen Aspekte. Früher nannte man diese Aspekte einfach die harmonischen oder gar die guten Aspekte.

    In der Zeichnung sind nun die analytischen Aspekte durch eine durchgezogene Linie kenntlich gemacht, die synthetischen dagegen durch eine gestrichelte Linie. Dies ist aus drucktechnischen Gründen so gewählt. Ein von einem Astrologen gezeichnetes Horoskop ist in der Regel dreifarbig. Dort werden die analytischen Aspekte rot und die synthetischen Aspekte blau eingezeichnet.

     

     

     

     

    • XX. Das letzte der vier grundlegenden Strukturmerkmale eines Horoskops: Die Felder (oder Häuser)
  • Ausgehend vom Aszendenten wird das Horoskop, analog den 12 Tierkreiszeichen, in 12 Abschnitte unterteilt, die man Felder oder Häuser nennt. Während die Tierkreiszeichen die Revolution der Erde um die Sonne in 12 Abschnitte unterteilen, unterteilen die Felder die Rotation der Erde in 12 Abschnitte. Die Wahl der Zahl 12 bei der Unterteilung des Jahreslaufs ist bedingt durch die 12 vollen Mondumläufe in einem Jahr. Der Unterteilung des Tageslaufs in 12 Doppelstunden (jeweils einer Tag- und einer Nachtstunde) liegt kein vergleichbarer astronomischer Rhythmus zugrunde, der erklären könnte, wie es zur Wahl der Zahl 12 gekommen ist. Die Zahl der Teilungen wurde offensichtlich analog von der Teilung der Ekliptik in 12 Tierkreiszeichen übernommen. Die "Wirksamkeit" der unterschiedlichen Stellung der Planeten im Tageslauf haben wir, zumindest bezogen auf die vier Kardinalpunkte, bereits zu Beginn dieses Kapitels kennengelernt: Die Feldereinteilung ist eine feinere Unterteilung des Rhythmus von Aufgang, Kulmination und Untergang, so wie die Tierkreiszeichen eine feinere Unterteilung des Jahreszeiten-Rhythmus darstellen.

    Es sei an dieser Stelle nicht verschwiegen, daß sich die Astrologen über die Methode der Unterteilung der Tagesbewegung der Gestirne nicht einig sind. Entsprechend gibt es, seit dem Mittelalter, unterschiedliche Felder- oder Häusersysteme. Am weitesten verbreitet in das System des Placidus, das auch der Unterteilung in Abbild 18 zugrunde liegt.

     

    In Abbild 18 sehen wir in der Tat diese Häuser bereits eingezeichnet, sehen also die vollständige Horoskop-Zeichnung. Diese Zeichnung ist die Grundlage für die Deutung des Astrologen.

     

    Diese Zeichnung ist objektiv in dem Sinne, daß es sich um die Dokumentation astronomischer Sachverhalte handelt. In dieser Zeichnung ist, sieht man einmal von der Berechnungsmethode für die Berechnung der Felder ab, keine Interpretation enthalten. Jeder, der die Methoden der Berechnung der Planetenpositionen beherrscht, kommt zum gleichen Resultat, ob er nun an die Astrologie glaubt oder nicht.

    Diese Zeichnung wird daher häufig auch von einem Computer berechnet und, neuerdings, auch gezeichnet. Sie ist, wie eingangs erwähnt, eine Art Himmelskarte, nicht mehr. Sie zeigt die Stellung der Gestirne unseres Sonnensystems für einen bestimmten Zeitpunkt (beim Radix-Horoskop dem Geburtsmoment), betrachtet vom Standort des Beobachters (beim Radix-Horoskop dem Geburtsort).

    Die Arbeit des Astrologen besteht darin, diese Zeichnung zu deuten. Jedes Merkmal dieser Zeichnung ist Träger einer symbolischen Bedeutung, vergleichbar den Merkmalen einer Schrift, die vom Graphologen symbolisch gedeutet werden. Ich möchte nun deutlich machen, wie ungeheuer komplex dieses Strukturbild tatsächlich ist. Ich hoffe, dadurch endgültig deutlich machen zu können, wie unsinnig die im ersten Kapitel erwähnte Vulgär-Astrologie tatsächlich ist.

     

    In der Vulgär-Astrologie wird ein Merkmal des Horoskops für die Deutung herangezogen, das tatsächlich auch ein wichtiges Merkmal ist: die Stellung der Sonne im Tierkreis. Die "Sternzeichen" genannte Zuordnung der Menschen zu den 12 Typen erfolgt auf der Basis der Stellung der Sonne in den 12 Tierkreiszeichen. Die Vulgär-Astrologie hat also, das muß man zugeben, einen echten astrologischen Kern. Doch welch ein Unsinn, auf der Basis dieses einen Merkmals allein eine astrologische Zuordnung eines Menschen zu einem bestimmten Charakterbild vornehmen zu wollen.

    Die Horoskop-Zeichnung, die wir hier in Abbild 18 sehen, ist dagegen so individuell, wie der Fingerabdruck eines Menschen. Im Laufe von Jahrtausenden gibt es praktisch nie wieder genau dieselbe Konstellation. Jede Konstellation ist praktisch einmalig. Und je nachdem, an welchem Ort auf der Erde ich mich befinde, werden die Planeten unterschiedlich auf die Felder verteilt. Das fiktive Kind, daß hier zur Welt kam, wurde etwa um die Mittagszeit geboren, denn die Sonne steht nahe der Himmelsmitte. Selbst wenn zur gleichen Minute ein Kind an einem anderen Ort der Erde geboren worden sein sollte: sein Horoskop sieht anderes aus, denn an einem anderen Ort liegt der Horizont anders, also haben wir einen anderen Aszendenten und auch die Sonne steht nicht mehr in der Himmelsmitte.

    Wie individuell dieses Horoskop ist, soll an einem kleinen Zahlenbeispiel deutlich werden. Da die Sonne im Laufe eines Jahres einmal durch den ganzen Tierkreis wandert, hält sie sich in jedem Tierkreiszeichen für etwa einen Monat auf (dies entspricht ja, wie erwähnt, der vulgär-astrologischen Einteilung in die sog. "Sternzeichen"). In einem Monat aber läuft der Mond, wie bereits erwähnt, einmal ganz durch den Tierkreis. Das bedeutet, daß es zu jeder Sonnenstellung in einem der 12 Tierkreiszeichen 12 Varianten gibt, je nachdem, in welchem Tierkreiszeichen sich der Mond während dieses Monats (die die Sonne in einem Zeichen verweilt) gerade befindet. Wenn wir also Sonne und Mond kombinieren, dann haben wir 12 x 12 verschiedene Typen: Zu jedem Sonnen-Typen zwölf Untertypen analog der Mondposition im Tierkreis. Der Aszendent nun, abhängig von der täglichen Drehung der Erde, bewegt sich jeden Tag einmal ganz durch den Tierkreis, so daß wir zu jeder dieser 144 Sonne-Mond-Kombinationen 12 Varianten analog den 12 Positionen des Aszendenten im Tagesverlauf haben. Allein die Kombination von Sonne, Mond und Aszendent führt also zu 144 x 12 = 1728 verschiedenen Persönlichkeits-Strukturen.

    Wenn wir diese Rechnung fortsetzen und alle Kombinationsmöglichkeiten berechnen, die sich aufgrund der Stellung von 10 Gestirnen in 12 Tierkreiszeichen und, davon weitgehend unabhängig, 12 Felder ergeben, ergänzt um das Vorhanden-Sein oder Nicht-Vorhandensein bestimmter Winkelbeziehungen (Aspekte), dann ergeben sich etwa

    1.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000 Kombinationsmöglichkeiten. Eine derart feine Abstufung bietet kein Testverfahren und keine sog. Testbatterie, die ein Psychologe einsetzen könnte.

     

    Wie kann man derart feine Unterschiede denn überhaupt in der Deutung dann noch erfassen?

     

    Bei näherer Überlegung folgt aus dieser Rechnung allerdings ein gravierendes Problem, das ich wieder durch einen Vergleich verdeutlichen möchte:

    Mein Computer-Bildschirm gestattet die Darstellung von mehr als einer Million verschiedenen Farbtönen. Ich bin mir nicht sicher, wie viele verschiedene Farbtöne mein Auge überhaupt unterscheiden kann, aber ich weiß ziemlich sicher, daß ich vielleicht 100 Worte habe, um Farbtöne zu kennzeichnen.

     

    Die Deutung eines Horoskops ist vergleichbar einer Bildbeschreibung: Einem Menschen, der nichts von Astrologie versteht, ein Horoskop deuten, ist vergleichbar dem Versuch, einem Menschen, der erblindet ist, in Worten die Farbnuancen eines impressionistischen Gemäldes zu vermitteln. Die sprachliche Vermittelbarkeit sehr feiner Unterschiede hat Grenzen, und auch bei der Deutung eines Horoskops werden die feinen Strukturen bei der Vermittlung notwendigerweise vergröbert - aber nicht nur bei der Vermittlung: Es ist ja nicht nur schwierig, solch feine Schattierungen in Worte zu fassen. Die meisten Menschen sind gar nicht in der Lage, so feine Schattierungen der Wesensart von Menschen überhaupt wahrzunehmen. Die Art und Weise, wie wir in unseren Gedanken und Gefühlen andere Menschen und uns selbst charakterisieren, gleicht schon eher einem Holzschnitt-Bild als einem Gemälde.

    So stehen also der ungeheuren Vielfalt der astrologischen Kombinationsmöglichkeiten nur begrenzte sprachliche Möglichkeiten der Vermittlung dieser Vielfalt gegenüber.

     

     

    • XXI. Die vier Grundbausteine der Horoskop-Deutung
    • 1. Einleitung
  • In diesem und im folgenden Kapitel möchte ich darstellen, wie ein Horoskop gedeutet wird. Ich möchte also demonstrieren, wie ein Astrologe im Einzelnen von der Zeichnung, deren Entstehung ich in Kapitel 3 geschildert habe, zu einer Aussage über das Wesen eines Menschen kommt.

    Die Frage nach der Berechtigung (oder wissenschaftlichen Begründung) für das hier erläuterte Vorgehen, die uns in Kapitel 2 vorwiegend beschäftigt hat, soll in diesen beiden Kapiteln zurückgestellt werden. Es würde den Rahmen einer Einführung sprengen, das dort dargestellte Denkmodell auf jede einzelne der in den beiden folgenden Kapiteln vorgestellten Deutungsregeln anwenden zu wollen. Ich muß auch zugeben, daß dies gar nicht für jede Regel möglich wäre, da es sich bei dem von mir vorgestellten Denkmodell um ein heuristisches Modell handelt: Es ging mir darum, ganz grundsätzlich zu zeigen, wie der von der Astrologie postulierte Zusammenhang gedacht werden könnte.

     

     

    • 2. Astro-Logik
  • Im Kapitel 2 habe ich erläutert, daß die Planeten Grundprinzipien des Lebendigen symbolisieren. Mars symbolisiert z. B. das Prinzip "Selektion". Damit ist die allem Lebendigen notwendig innewohnende Tendenz gemeint, sich im Wettbewerb mit anderen Lebewesen (um Nahrung, Lebensraum, Fortpflanzungsmöglichkeiten, "Anerkennung" usw.) zu behaupten. Mars symbolisiert also das Prinzip Kampf. Pazifistisch eingestellte Menschen könnte es erschrecken, daß die Neigung zum Kampf eine Notwendigkeit von Leben schlechthin sein soll. Wenn eine solche Kraft jedoch gänzlich fehlt, dann können wir z. B. auch keine Krankheiten mehr besiegen. - Doch das Prinzip Kampf meint nicht allein Handlungen, die gegen andere Lebewesen gerichtet sind. Schon unsere Sprache gibt Zeugnis davon, daß dieses Prinzip etwas Umfassenderes meint; denken wir an Ausdrücke wie: eine Aufgabe "in Angriff nehmen", ein Problem "bewältigen" usw.

     

    Mars symbolisiert alle die Prozesse in unserem Körper, in unserer Psyche und in unserem Denken, die unseren Organismus auf die aktive Bewältigung einer Situation einstellen.

     

    Dieses Einstellen verlangt die Koordinierung von Prozessen auf den unterschiedlichsten Ebenen. So muß unsere Aufmerksamkeit auf die entsprechende Situation "fokussiert" werden: Wenn wir, in ein Gespräch vertieft, plötzlich bemerken, daß es brennt, wird unsere Aufmerksamkeit sofort von dem Gespräch weggelenkt; stattdessen werden Erinnerungen aktiviert, die mit Feuer und Brandbekämfpung zu tun haben. - Unser Körper, vielleicht in einem Zustand wohliger Entspannung, wird auf Aktivität umgestellt: Unsere Pulsfrequenz steigt, damit unser gesamter Organismus ausreichend mit Sauerstoff, der in den roten Blutkörperchen transportiert wird, versorgt werden kann; der Muskeltonuns steigt; regenerative Prozesse, wie z. B. die Verdauung, werden gestoppt, usw.

    Das Prinzip Mars wirkt also auf allen Ebenen des Organismus; das Symbol Mars hat auf allen Ebenen des Organismus Entsprechungen.

     

    Zur Verdeutlichung dieses Gedankens ein weiteres Beispiel:

    Der Planet Saturn symbolisiert das Prinzip "Integration". Es ist das Prinzip, daß die "Integrität" (die Unversehrheit) des Lebewesens bewahren soll. Während Mars ein aktiv auf die Umwelt gerichtetes Prinzip ist, ist Saturn eher ein "abschirmendes" Prinzip; es geht um Schutz.

     

    Saturn symbolisiert alle Prozesse in unserem Körper, in unserer Psyche und in unserem Denken, die den Organismus auf den Schutz der eigenen Unversehrheit einstellen.

     

    Auch diese Prozesse beziehen alle Ebenen des Organismus mit ein. In unserem Denken äußert sich dieses Prinzip als Vorsicht. Wir prüfen gedanklich Gefahrenmomente durch Vergleich mit gespeicherten Erfahrungen. Auf der psychischen Ebene äußert sich die Aktivität dieses Prinzips im Gefühl von Angst. Angst ist ein psychischer Zustand, der das Lebewesen davon abhält, etwas zu tun, das seine Unversehrtheit gefährden könnte. Dies wird auf der körperlichen Ebene vielleicht dadurch "unterstützt", daß ihm "die Knie weich werden" (also ein Abfallen des Muskeltonus). Zwei Beispiele aus der Tierwelt: Der Igel rollt sich ein, die Schnecke zieht sich in ihr Schneckenhaus zurück. Wir Menschen haben wenig Möglichkeiten, uns durch körperliche Prozesse gegen Gefahren zu schützen. Bei uns liegen die saturnischen Entsprechungen daher mehr auf der Handlungs- als auf der Körperebene.

    An diesen zwei Beispielen für die (hier nur ansatzweise) Deutung der Planetenprinzipien Mars und Saturn wird bereits deutlich, daß beide Prinzipien in jeder Situation im Gleichgewicht gehalten werden müssen. Wenn das Mars-Element, die Aktion, zu stark wird und ich nicht genug prüfe, besteht die Gefahr zu scheitern. Wenn das Saturn-Element, der "Schutz-Instinkt", zu stark wird, ich mich vielleicht gar nicht zu handeln traue, erreiche ich ebenfalls nichts. Man könnte sagen: Der eine scheitert, der andere probiert es erst gar nicht.

     

    Es gibt jedoch Handlungen, bei denen der Akzent mehr auf dem Mars-Prinzip liegt (und liegen muß): ein Tennis-Match; wenn ein Feuerwehrmann ein Kind aus den Flammen rettet; wenn ich, geistesgegenwärtig, jemanden von der Fahrbahn reiße, den sonst ein Fahrzeug zu erfassen droht.

    Dann gibt es andere Handlungen, bei denen der Akzent mehr auf dem Saturn-Prinzip liegt (und liegen muß): die Arbeit auf einem hohen Gerüst, der Umgang mit hochexplosiven Stoffen, Autofahren (!).

    Wenn jedoch bei einem Tennis-Match auch der Akzent auf dem Mars-Prinzip liegen mag: In jedem Kampf bedarf es auch der Saturn-Tugenden, z. B. dem Gegner nicht durch unüberlegtes ("unvorsichtiges") Spielen Chancen eröffnen.

    Und wenn beim Autofahren auch der Akzent auf dem Saturn-Prinzip liegen muß: Das Fahren selbst ist eine Aktivität. Wenn das Mars-Element vollständig ausgeschaltet wäre, fährt der Betreffende erst gar nicht los, er bleibt, und sei es aus Angst, einfach stehen.

     

     

    Diese Überlegung gilt für alle Planeten:

    In jeder Lebensäußerung sind alle durch die Planeten symbolisierten Prinzipien enthalten. Die verschiedenen Lebensäußerungen unterscheiden sich dadurch, auf welchem Prinzip bzw. welchen Prinzipien der Akzent liegt, oder, in anderen Worten, wie die für die jeweilige Lebensäußerung charakteristische Mischung aussieht.

     

    Es ist ähnlich, wie bei der Unterscheidung von geistig, körperlich und psychisch. Es handelt sich um drei Facetten des einen Organismus, die an jeder Lebensäußerung immer gemeinsam beteiligt sind. Wir können nicht etwas nur Körperliches tun, weil jede Handlung von Gefühlen und geistigen Prozessen begleitet ist (selbst im Schlaf, denn da träumen wir). Wir können auch nicht etwas nur Geistiges tun, weil auch "still dasitzen" eine ganz spezielle körperliche Tätigkeit ist, weil, während wir denken, unser Körper ja lebt (atmet, das Herz Blut durch die Adern pumpt usw.).

    Die Einteilung von Prozessen, die wir auf der Basis astrologischer Prinzipien vornehmen, geht also "quer" zu der Einteilung in körperlich, geistig und psychisch, wie wir sie gewohnt sind. Das Marsische ist gleichermaßen ein körperliches, geistiges und psychisches Prinzip. Normalerweise benutzen wir zur Beschreibung körperlicher Prozesse biologische oder medizinische Begriffe, zur Beschreibung seelischer Vorgänge psychologische Begriffe. Aggression ist ein solcher psychologischer Begriff. Aggression kommt in der Medizin nicht vor. (Mediziner finden im Körper Flüssigkeiten, Organe, chemische Substanzen, aber keine Aggression.) Wir wissen zwar, daß Wut (oder Aggression) mit bestimmten körperlichen Erscheinungen verbunden ist, aber der Mediziner weiß nicht, wie "die Wut" dafür sorgt, daß mehr Adrenalin im Blut ist, denn im Körper findet der Mediziner keine "Wut", wie er z. B. ein Herz oder eine Leber findet oder (im Blut) ein Hormon.

    Astrologie arbeitet deshalb, um diese drei Bereiche miteinander zu verbinden, mit analogen, sinngemäßen Entsprechungen auf den verschiedenen Ebenen. Teilweise sind diese Entsprechungen auch für unser "logisches" Denken leicht nachvollziehbar (wenn sich in den Analogien Ursachen vermuten lassen), teilweise wirken die Entsprechungen "abergläubisch". So werden z. B. jedem Planeten bestimmte Körperorgane und, rein äußerlich, bestimmte Regionen des Körpers zugeordnet. Dem Mars, dem Prinzip Kampf, naheliegenderweise die Muskeln. Das ist auch "logisch" nachvollziehbar. Auch die Zuordnung von Mars zu Blut ist, aus medizinischer Sicht, heute verständlich (siehe unten). Die Menschen des Altertums wußten um diese medizinischen Zusammenhänge aber nicht. Für die Menschen früher paßte es einfach, daß marsbetonte Menschen (damals vorwiegend Krieger und Jäger) viel mit Blut zu tun haben. Und es paßte auch, daß Mars als Planet am Himmel einen rötlichen Schimmer hat (er heißt deshalb der "rote Planet").

     

    Und solche Analogien lassen sich dann "ausweiten". Wenn die Planeten Lebensgrundfunktionen symbolisieren, dann stehen sie auch in Zusammenhang mit all den Phänomenen in der Natur, die diesen Grundfunktionen ähnlich sind. Dazu gehören vor allem Pflanzen, Steine und Metalle. Heute würden wir die Ähnlichkeit am ehesten so begründen, daß Pflanzen, Steine oder Metalle vielleicht in der Lage sind, diese Grundfunktionen auszulösen oder zu verhindern, zu stützen oder zu schwächen. In früheren Zeiten wurden solche Zuordnungen jedoch "intuitiv" vorgenommen, mehr "ahnend" als logisch begründend.

    So wurde dem Mars das Eisen zugeordnet, und es gab Astrologen, die das damit begründeten, daß Schwerter und Waffen allgemein aus Eisen sind: Eisen galt allgemein als Symbol für betont männliche Eigenschaften.

    Ist es nicht eine verblüffende Tatsache, die wir aber erst seit einigen Jahrzehnten kennen, daß tatsächlich der Eisengehalt im Blut mit der Aktivität eines Menschen zusammenhängt? Menschen mit Eisenmangel fühlen sich schnell matt und energielos. Eisen ist also eine medizinisch sinnvolle Zuordnung zu Mars (genauer: zu der symbolischen Bedeutung des Mars).

    Ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, daß das Eisen tatsächlich in den roten Blutkörperchen zu finden ist und für die rote Farbe auch verantwortlich ist? An dieses Eisen ist der Sauerstoff gebunden. Rein medizinisch betrachtet führt ein Mangel an Eisen u. a. zu einer schlechteren Sauerstoff-Versorgung, daher das leichte Ermatten. Auch die Zuordnung von Mars zu Blut ist also "medizinisch sinnvoll".

    Diese Dinge konnten die Menschen im Altertum, die diese Zuordnungen vornahmen, gar nicht wissen. Man hat den Eindruck, daß sie "instinktiv" sehr oft zwar richtig zuordneten, die Zuordnung dann aber mit "an den Haaren herbeigezogenen" Argumenten begründeten. Es mag ja gut sein, daß selbst mein "heuristisches Denkmodell" in diese Kategorie von "an den Haaren herbeigezogenen Begründungen" fällt, daß die Zusammenhänge in der Astrologie in Wahrheit völlig anderer Natur sind. Wie wir in Kapitel 2 gesehen haben, hatten selbst große Geister wie NEWTON und GALILEI "abergläubische" Vorstellungen über die Ursachen bestimmter Naturphänomene ("Geister" bringen Kugeln zur Ruhe, "Gott selbst" setzt Planeten wieder auf die "richtige Bahn" zurück).

    Um noch ein weiteres Beispiel zu nennen: Dem Saturn, dem Prinzip "Schutz", wird seit dem Altertum die Milz zugeordnet. Ist es nicht wiederum eine verblüffende Tatsache, daß in der Milz die Antikörper gebildet werden, die uns z. B. vor Ansteckung schützen, daß also die Milz ein zentrales Organ für unser Immunsystem ist?

     

     

    • 3. Was? - Wie? - Und Wo?
  • Die Planeten verkörpern, wie schon oft gesagt, Grundnotwendigkeiten des Lebens schlechthin, Grundprinzipien des Lebendigen. Weniger abstrakt formuliert handelt es sich bei diesen Grundprinzipien um Kräfte: Tendenzen zu bestimmten "Handlungen" oder "Abläufen". Andere Worte für diese Kräfte wären: Antriebe oder Impulse.

    Was bedeuten nun die Tierkreiszeichen?

    Die Stellung des Mars in den Tierkreiszeichen würde die Art und Weise, in der dieses Prinzip der Selbstbehauptung von einem bestimmten Menschen (Lebewesen), dem Horoskop-Eigner, realisiert wird, symbolisieren. Die Tierkreiszeichen symbolisieren, in anderen Worten, Stilprinzipien, typische Verlaufsformen, Formen der Konkretisierung eines bestimmten Antriebs. Ich werde es an einem Beispiel verdeutlichen:

    Stünde der Mars bei einem Mensch im Tierkreiszeichen Widder, dann hätten wir es mit dem Typus Mensch zu tun, der, bildlich gesprochen, "eine Burg im Sturm erobert" - oder gar nicht. Es ist ein Mensch, der Dinge, die anstehen, sofort in Angriff nimmt, und der auch sofort "Erfolge" sehen muß, weil der Antrieb sonst schnell erlahmt.

    Der Widder verkörpert nämlich ein Stilprinzip, das mit Vorstellungen wie: etwas in Gang bringen - schnell und wuchtig - stoßweise - kurz aber intensiv - auf dem schnellsten Weg zum Ziel assoziiert ist.

     

    Stünde der Mars dagegen im Tierkreiszeichen Steinbock, dann hätten wir es mit einem Menschen zu tun, der "eine Burg belagert", notfalls monatelang. Es ist der Mensch, der zwar eher langsam in Gang kommt, der aber dann, wenn er in Gang gekommen ist, einen sehr langen Atem hat.

    Der Steinbock verkörpert nämlich ein Stilprinzip, das mit Vorstellungen wie: Konstanter oder stetig steigender Energiefluß - beharrend - nachhaltig - auch bei "Umwegen" das Ziel nicht aus dem Auge verlierend assoziiert ist.

    Die Planeten symbolisieren also Antriebskräfte und die Stellung der Planeten in den Tierkreiszeichen symbolisiert die unterschiedlichen Formen der Realisierung dieser Antriebe.

    Die symbolische Bedeutung eines Planeten erfragt man mit dem Fragewort: Was? Welche Kraft, welcher Antrieb wünscht sich zu realisieren? Die symbolische Bedeutung der Tierkreiszeichen erfragt man mit dem Fragewort: Wie? Auf welche Art und Weise, in welcher Form realisiert sich dieser durch den Planeten symbolisierte Antrieb (Impuls)?

    Die 10 Planeten (im Sinne von "bewegter Himmelskörper, also Sonne und Mond eingeschlossen) sind Bestandteil eines jeden Horoskops. Die verschiedenen Menschen unterscheiden sich also nicht dadurch, welche Planeten in ihrem Horoskop vorhanden sind. Es sind immer alle Planeten vorhanden. Um es in einem Vergleich zu sagen: Die (gesunden) Menschen unterscheiden sich nicht dadurch, welche Organe bei ihnen vorhanden sind. Es sind immer alle Organe vorhanden; das ist eine Grundbedingung dafür, daß der Mensch (Organismus) überhaupt leben kann.

    Die Menschen unterscheiden sich (u. a.) dadurch, wie diese Planeten angeordnet sind. Sie unterscheiden sich also z. B. dadurch, in welchen Tierkreiszeichen die einzelnen Planten stehen. Durch die Verteilung auf die Tierkreiszeichen erhält jeder "Grundantrieb" im Menschen eine spezielle "Tönung" (die Art, sich zu behaupten, durch die Stellung des Mars in den Tierkreiszeichen; die Art, sich zu "schützen", durch die Stellung des Saturns in den Tierkreiszeichen; usw.).

    Wer schon einmal in einem Film einem Kripo-Beamten hat zuschauen können, wie dieser am Computer aufgrund einer Zeugenaussage das Gesicht eines Verdächtigen "zusammenzustellen" versucht, der wird dieses Beispiel jetzt leichter verstehen: Im Computer sind verschiedene Arten von Augen, Nasen, Ohren, Mundpartien, Frisuren usw. gespeichert. Die werden nun am Computerbildschirm kombiniert. Aufgrund der Angaben des Zeugen sucht der Beamte vielleicht zunächst die "passenden" Augen, dann die entsprechende Frisur, Kopfform usw. und setzt so das Gesicht zusammen.

    Wir Astrologen haben in unserem Horoskop-"Computer" je 12 verschiedene Arten von Monden, Sonnen, Marsen, Saturnen usw. "gespeichert" (je nach Stellung in einem der 12 Tierkreiszeichen). Diese werden nun im individuellen Horoskop-Bild kombiniert. Aufgrund der Stellung der Gestirne setzen wir das "Gesicht" durch die Wahl des "passenden" Mond, der "passenden" Sonne, des "passenden" Mars usw. zusammen.

    Ähnlich wie bei den Gesichtern am Computerbildschirm anschließend noch ein Zeichner helfen muß, Feinheiten herauszuarbeiten, ist auch die Deutung des Horoskops mit dieser ersten Zusammenstellung nicht abgeschlossen, aber allein durch dieses "Puzzle-Spiel" sind schon (grob überschlagen)

    12x12x12x12x12x12x12x12x12x12x12

    (10 Planeten sowie der Aszendent, jeder in 12 Variationen) verschiedene "Gesichtsformen" herstellbar.

     

    In Kapitel 3 haben wir, neben den Planeten und den Tierkreiszeichen, noch ein drittes Deutungselement kennengelernt: die Felder (oder Häuser):

     

    Während die Tierkreiszeichen grundlegende "Stilprinzipien" (typische Bewegungs- und Strukturmuster) symbolisieren, symbolisieren die Felder grundlegende "Erlebnis-Dimensionen" (Themen, Lebensbereiche, Erlebnis-Felder).

     

    Um welche Form von Leben es sich auch immer handeln mag, es wird durch Leben erzeugt (denn nur Leben kann wiederum Leben hervorbringen). Alles Leben hat also Vorfahren (Eltern); alles Leben wird an einem bestimmten Ort "geboren" (Heimat). Die Resonanz für das Thema Herkunft, Vorfahren, Eltern, Heimat spiegelt sich z. B. im 4. Feld wieder (der Abschnitt in Abbild 24, der direkt an das IC anschließt).

    Um welche Form von Leben es sich auch immer handeln mag, es wird hin-eingeboren in ein Kollektiv von Angehörigen seiner Art. Bei höheren Lebensformen schließen sich eine größere Zahl von Individuen zu Gruppen zusammen (Herde, Stamm, Nation, usw.). Solche Zusammenschlüsse geben sich (schon im Tierreich ) bestimmte "Regeln", wenn auch nicht "explizit". Die Resonanz eines Individuums für das Thema Gesellschaft, Normen, soziale Rolle, "Image" usw. spiegelt sich z. B. im 10. Feld wieder (der Abschnitt in Abbild 24, der direkt an das MC anschließt).

    Um welche Form von Leben es sich auch immer handeln mag, es ist, um überleben zu können, angewiesen auf Ressourcen, vor allem Nahrung. Die Resonanz eines Indiduums für das Thema "materielle Existenzsicherung" spiegelt sich z. B. im 2. Feld wieder.

    Die Stellung eines Planeten in den Häusers symbolisiert nun, wo der betreffende Planet sich primär manifestiert. Steht der Planet Mars z. B. im zweiten Feld, dann richtet sich die Aktivität und der Selbstbehauptungswille dieses Menschen besonders auf die Thematik des zweiten Feldes (also materielle Existenzsicherung). Er ist besonders in diesem Bereich aktiv, hat hier eine besondere Begabung zur Selbstbehauptung. Die Art seiner Aktivität wird selbstverständlich davon abhängen, in welchem Tierkreiszeichen sich der Mars befindet. - Wenn Mars sich besonders in Angelegenheiten des zweiten Feldes manifestiert, dann heißt das umgekehrt, daß dieser Mensch, wenn das Thema materielle Existenzsicherung angesprochen ist, spontan marsisch reagieren wird.

    Ich möchte hier besonders hervorheben, daß der Mars selbstverständlich nicht ausschließlich im Zusammenhang mit der materiellen Existenzsicherung "gelebt" wird. Es ist allerdings das Thema, auf das der marsische Impuls am leichtesten "anspricht". Doch, vergessen wir nicht: Jeder Planet ist an jeder Lebensäußerung beteiligt.

    Befände sich nun, statt des Mars, der Saturn im zweiten Feld, dann reagiert dieser Mensch auf die Thematik des zweiten Feldes primär saturnisch. Er ist besonders in diesem Bereich vorsichtig, hat hier eine besondere Begabung, sich zu schützen. Es ist leicht einsehbar, daß eine solche Position des Saturn, wenn sie nicht im Gleichgewicht mit den anderen Kräften gehalten wird, wenn sie also "übertrieben" wird, zu Verhaltensweisen führen kann, die andere Menschen als "Geiz" empfinden. Der Geiz jedoch ist aus dieser Konstellation nicht ablesbar. Er ist eine Möglichkeit, wenn die aus dieser Konstellation folgenden "Antriebe" oder "Impulse" nicht im Gleichgewicht gehalten werden können mit den aus anderen Konstellationen folgenden Impulsen (sei es der "jupiterhafte" Impuls zur Großzügigkeit oder der sonnenhafte Impuls der Würde usw.).

     

     

     

     

     

     

    • 4. Die Aspekte
  • Wie in Kapitel 3 gesehen, bilden alle Planeten paarweise (auf der Ekliptik, also im Tierkreis gemessen) Winkel miteinander, von denen Astrologen bestimmte Gradzahlen (die aus der Teilung des Kreises durch bestimmte ganze Zahlen resultieren) als bedeutsam erachten, und die sie Aspekte nennen. Ganz grob werden zwei Arten von Aspekten unterschieden: die synthetischen und die analytischen.

    Bilden z. B. Mars und Saturn einen analytischen Aspekt miteinander, dann ist der betreffende Mensch (der Horoskop-Eigner) besonders resonant (empfänglich) für die in diesen beiden Impulsen liegenden Unvereinbarkeiten. Er spricht leichter, als andere Menschen, auf Situationen an, in denen die aus diesen beiden Impulsen resultierenden Verhaltensweisen (tatsächlich oder auch nur vermeintlich) unvereinbar sind. Es ist, wie wenn er eine bestimmte Brille trüge, die manche Strukturen der Realität überdeutlich hervortreten, andere Strukturen dagegen weniger deutlich sichtbar sein läßt.

    Er empfindet, ganz "instinktiv", einen Widerspruch zwischen dem Impuls, sich zu behaupten, und dem Impuls, sich zu schützen. Er hat das Gefühl: Wenn man sich behaupten will (wenn man kämpft), dann bringt man sich damit in (große) Gefahr. Wenn man sich dagegen hauptsächlich zu schützen versucht, wenn man versucht, Gefahren zu (ver)meiden, dann zahlt man dafür den Preis, zurückstecken zu müssen. "Das ist ein Naturgesetz!"

    Bilden dagegen Mars und Saturn einen synthetischen Aspekt miteinander, dann ist der betreffende Mensch, der Horoskop-Eigner, besonders resonant für die in diesen beiden Impulsen liegenden Ergänzungsmöglichkeiten. Er spricht leichter, als andere Menschen, auf Situationen an, in denen die aus diesen beiden Impulsen resultierenden Verhaltensweisen sich (tatsächlich oder auch nur vermeintlich) optimal ergänzen.

    Er empfindet, ganz "instinktiv", daß Selbstbehauptung und Selbstschutz eine Einheit bilden, die sich am besten durch dem Wahlspruch "Angriff ist die beste Verteidigung" ausdrücken läßt. Auch er empfindet dies als ein Naturgesetz.

    Erst mit zunehmender Reife lernen Menschen, daß die Dinge, die sie für "Naturgesetze" halten, ganz persönliche Sichtweisen, "Vorurteile" sind. Jede dieser Sichtweisen ist "richtig" (kann durch konkrete Erfahrungen meist "belegt" werden). Es geht nicht um "richtig" oder "falsch", sondern um die Fähigkeit zu sehen, daß die eigene Sichtweise nicht allein richtig ist. Es geht also nicht um ein Entweder - Oder, sondern um das Erkennen des Sowohl - Als auch.

    Ambivalenz, innerer Zwiespalt, ist eine Grund-Dimension der menschlichen Existenz. Astrologisch spiegelt sich diese Dimension in den analytischen Aspekten. Analytische Aspekte sensibilisieren Menschen ganz allgemein für Widersprüche, vielleicht könnte man auch sagen: für Probleme. Ein Übermaß an inneren Konflikten kann quälend wirken, insofern verstehen wir vielleicht, warum die Menschen im Mittelalter die analytischen Aspekte einfach die "schlechten" Aspekte nannten. Doch gerade in der heutigen Zeit wird deutlich, daß mangelndes Problembewußtsein sehr gefährlich sein kann. Abgesehen davon, daß kreative Menschen geradezu von einem gut entwickelten Problembewußtsein leben: Ohne Problembewußtsein gäbe es nur "Komödien" in den Theatern, keine "Dramen". Die in den so ungeheuer beliebten Kriminalromanen und -Filmen so wichtige Spannung ist, astrologisch gesehen, zu einem großen Teil ein "Produkt" analytischer Aspekte.

     

     

     

     

    • 5. Die Kombination der einzelnen Elemente
  • Wenn ein Astrologe ein Horoskop deutet, dann kombiniert er also zunächst Planeten und Tierkreiszeichen. Er erhält auf diese Weise ein Bild über das Temperament des Horoskop-Eigners. Im Alltag ordnen wir den Menschen ein Temperament zu (wir sagen vielleicht: "Dieser Mensch ist sehr träge."), von dem wir denken, daß es den ganzen Menschen in seiner Wesensart charakterisiert. Ein Astrologe ordnet jeder einzelnen Antriebskraft im Menschen ein eigenes Temperament zu. Die Art seiner Selbstbehauptung kann durch einen ganz anderen Stil gekennzeichnet sein als seine Art, sich gegen andere Menschen abzugrenzen (eine Entsprechung des Saturns, wie wir noch sehen werden).

    Jeder Planet symbolisiert also durch seine Position in einem bestimmten Tierkreiszeichen eine in einer ganz bestimmten Weise getönte Antriebskraft. Durch die Stellung eines Planeten in den Feldern wird symbolisiert, in welcher Sphäre des Lebens diese durch ein Tierkreiszeichen in einer bestimmten Weise getönte Antriebskraft sich nun akzentuiert auswirkt. So kann es sein, daß ein Mensch im Bereich der materiellen Lebenssicherung sehr aktiv, gar "kämpferisch" vorgeht (Mars im Feld 2), doch wenn es um seine "soziale Position" geht, seine "Image", ist er vielleicht sehr vorsichtig oder gar ängstlich (Saturn in Feld 10).

    Hätte der betreffende Mensch nun zwischen Saturn und Mars auch noch einen analytischen Aspekt, dann würde er es besonders schwierig empfinden, sich im materiellen Bereich gut durchsetzen zu können und dabei gleichzeitig immer "gut angesehen" zu sein. Er würde vielleicht sagen: "Man muß sich entscheiden: Wenn Du ordentlich Geld verdienen willst, dann kannst Du nicht gleichzeitig bei jedem gut angesehen sein." Mag sein, daß er Kind von Eltern aus der sog. linken "Szene" ist und früh ein sehr negatives Image von den sog. "Kapitalisten" vermittelt bekam. Wenn er dann mit wachsendem Alter ein starkes Bedürfnis (und Talent), "Geld zu machen" spürt, kommt er in einen Konflikt. Es kann aber auch genau so gut sein, daß er in einem "Kapitalisten-Elternhaus" aufwächst, sich aber als Jugendlicher stark zu der sog. "linken Szene" hingezogen fühlt. Wie immer die konkreten Lebensverhältnisse aussehen mögen: Er hat ein "instinktives" Bedürfnis, in seinem Leben einen bestimmten Konflikt zu konstellieren, dadurch daß er sich in bestimmte Situationen bringt, für bestimmte Menschen resonant ist, auf bestimmte Ideen (Gedanken, Weltanschauungen) besonders anspricht: Den Konflikt zwischen Mars im zweiten Feld und Saturn im zehnten Feld.

    Hätte der betreffende Mensch dagegen einen synthetischen Aspekt zwischen diesem Mars im zweiten Feld und dem Saturn im 10. Feld, dann empfände er, daß man gerade durch Erfolg im Materiellen sein Ansehen besonders gut wahren kann. Ist dieser Mensch vielleicht Kind "linker" Eltern, wird er in der Pubertät möglicherweise "den ganzen sozialen Schwachsinn seiner 'Alten'" als altmodisch abtun. Er orientiert sich dann an einer anderen "Bezugsgruppe" (als die linke Szene seiner Eltern), um seine Anerkennung zu bekommen. Diese Anerkennung ist ihm (bei Saturn im 10. Feld) auf jeden Fall ganz besonders wichtig, daran ändert sich nichts.

     

    Die zuletzt gegebenen Beispiele sollen zeigen, daß man aus der Kombination von wenigen elementaren Grundprinzipien, die in ihrer Bedeutung zunächst abstrakt erscheinen mögen und so allgemein, daß daraus kaum etwas "ganz Individuelles" entstehen kann, doch zu sehr konkreten Deutungen kommen kann. Diese konkreten Deutungen sind, wie im Text deutlich geworden ist, mit sehr vielen "Vielleicht" oder "Könnte" versehen. Die konkreten Deutungen sind Beispiele dafür, wie sich eine Konstellation konkretisieren könnte. Der Horoskop-Eigner kann, durch seine angeborene Fähigkeit, zu verallgemeinern, in diesen Beispielen das Prinzip seiner inneren Dynamik erkennen - wenn die Beispiele passend gewählt sind.

    Die Kunst des Astrologen besteht also darin, zunächst durch die Deutung auf der "symbolischen Ebene" dem Horoskop-Eigner deutlich zu machen, worum es eigentlich geht. Da das, worum es eigentlich geht, tatsächlich sehr allgemein ist und sich für viele Menschen äußerst abstrakt und wenig lebensnah anhört, veranschaulicht der Astrologe durch Beispiele, die sich auf verschiedene Randbedingungen (verschiedene Elternhäuser, vielleicht auch einmal verschiedene kulturelle Zusammenhänge) beziehen, in welcher Form sich das angesprochene Thema häufig bei Menschen konkretisiert. Das Finden solcher (möglicher) Entsprechungen zu einer gegebenen Konstellation ist die eigentliche Kunst des Astrologen: sie verlangt die Fähigkeit, in den vielfältigen Erscheinungen des konkreten Lebens die Muster erkennen zu können, die den astrologischen Symbolen entsprechen. Sie verlangt die Phantasie, ein astrologisches Muster folgerichtig, auf "treffende" (passende) Weise in ein konkretes Beispiel übersetzen zu können.

     

    Astro-Logik ist die Kunst, aus der symbolischen Grundbedeutung einer Konstellation "folgerichtig" ("logisch") zu immer konkreteren Entsprechungen fortzuschreiten. Die Regeln dieser "Logik" sind nicht, wie die Regeln der Logik in den Wissenschaften, formalisierbar. Wir erlernen sie am Beispiel.

     

    Wie auch in der Kunst gibt es bei diesem Prozeß keine eindeutigen Regeln für richtig oder falsch. Die Deutung eines Horoskops basiert auf "Interpretationen" und hat damit die für jede Deutung eigentümliche Eigenschaft, weder willkürlich noch zwingend zu sein. Auch ein Kunstwerk ist nicht richtig oder falsch. Es ist mehr oder weniger passend, mehr oder weniger beeindruckend oder anregend.

    Einen Menschen zu beschreiben ist nicht vergleichbar der Lösung einer Mathematik-Aufgabe. Was immer wir über einen Menschen sagen: Irgendetwas ist daran immer richtig, wenn wir nur lange genug suchen. Bei einer astrologischen Deutung besteht die Kunst darin, die Akzente richtig zu setzen, denn jeder von uns hat in seinem Horoskop alle Planeten, alle Tierkreiszeichen und alle Felder.

    In meinen Kursen erlebe ich immer wieder, daß meine Schüler eine treffende Deutung sehr wohl erkennen können. Bei einer wirklich guten Deutung sind sich immer alle im Kurs einig. Irgendwie spüren sie: Ja, das ist treffend. Es ist für sie sehr schwer, in Worte zu fassen, warum sie sich so sicher sind.

    In den Naturwissenschaften haben wir Maßstäbe: Wir haben "Meßgeräte", die bestimmte Parameter "objektiv" messen. Diese Messungen erlauben uns, bei einer Theorie zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. In der Kunst, in der Psychotherapie und in der Astrologie ist der einzige Maßstab (das einzige "Meßgerät") wiederum ein Mensch, weil die Dinge, die dort "gemessen" werden sollen, so komplex sind, daß an die Stelle eines Meßgerätes das "menschliche Urteil" gesetzt werden muß. Und menschliche Urteile sind nicht so "eindeutig" wie Ausschläge eines Zeigers an einem Gerät.

    Auch die "Eigenschaften" selbstorganisierender Systeme lassen sich nicht mehr "messen". Sie lassen sich nur "beschreiben". Je komplexer die untersuchten Systeme, je mehr muß man auf Eindeutigkeit verzichten.

    Die Kunst in der Kunst und in der Astrologie besteht darin, diese mangelnde Eindeutigkeit nicht als Vorwand für "Beliebigkeit" zu nehmen. Bei Kunstwerken dauert es manchmal Jahrhunderte, bis die "Größe" eines Entwurfes von den Menschen erkannt wird. Bei astrologischen Deutungen kann es durchaus einmal Jahre dauern, bis ein Mensch die "Wahrheit" einer Deutung zu erkennen sich traut. Manchmal ist aber auch die Deutung einfach falsch - vielleicht deshalb, weil der deutende Astrologe seine Kunst nicht gut genug beherrschte - vielleicht, weil die Geburtszeit versehentlich falsch notiert wurde (beim Standesamt) oder weil es keine "natürliche Geburt" war - vielleicht aber auch, weil der Zusammenhang Kosmos - Mensch kein "mechanischer" Zusammenhang ist, nicht mit der Regelhaftigkeit eines Uhrwerks funktioniert, Unwägbarkeiten enthält, prinzipielle Ungewißheiten, wie wir sie mittlerweile ja sogar auch den Naturwissenschaften kennen : So können wir es bisher z. B. nicht ausschließen, daß es vielleicht Menschen gibt, die für die "Melodie der Planeten" taub sind.

     

     

    • 6. Beispiel 1: Venus
    • Venus: Das Prinzip "Harmonie"
  • Leben ist mit absoluten Extremen nicht vereinbar. Das Chaos der Bewegungen der Atome oder Moleküle in einem Gas ist mit Leben ebenso wenig vereinbar wie die starre Ordnung in der Anordnung der Atome oder Moleküle in einem Kristall (Mineral). In unserem Körper muß die Konzentration des Kochsalzes in den Körperflüssigkeiten auf 0,09 % gehalten werden, sonst sterben wir. Die Körpertemperatur muß beinahe auf ein Grad genau konstant gehalten werden. Eine Erhöhung um etwa 5 Grad bedeutet den Tod. Der Blutzuckerspiegel, der Sauerstoffgehalt im Blut, die Konzentration der verschiedenen Hormone, Vitamine und Mineralien - all diese Stoffe dürfen in unserem Körper nur sehr wohlbemessen vorhanden sein, ihm nur sehr wohldosiert zugeführt werden.

    Im körperlichen Bereich nennt man den Zustand eines solchen Gleichgewichts (z. B. der Konzentration eines Stoffes im Körper) Homoöstase. Die homöostatischen Regulationsprozesse sind die körperliche Entsprechung des venusischen Prinzips.

    Das Prinzip dieser Regulationsprozesse ist, vereinfacht, der Regelung der Raumtemperatur bei einer Heizung vergleichbar: fällt die Raumtemperatur unter einen bestimmten Wert ab, wird die Heizung automatisch eingeschaltet. Meldet der Temperaturfühler, daß die von Benutzer vorher eingestellte Temperatur erreicht ist, schaltet die Heizung wieder ab. Nun kühlt der Raum langsam wieder ab, weil er nach draußen Wärme verliert, und wenn die Temperatur dabei unter einen (wiederum einstellbaren Wert) fällt, dann wird die Heizung wieder eingeschaltet.

    Die Raumtemperatur schwankt also, je nach Leistungsfähigkeit der verwendeten Komponenten mehr oder weniger stark, um einen "Soll-Wert", den man einstellen kann.

    Ein ähnlicher Ablauf liegt in unserem Körper beim Blutzuckerspiegel vor. Wir verbrauchen ständig Energie (zum Beispiel zur Aufrechterhaltung unserer Körperwärme) und verbrennen daher in unserem Körper Zucker. Dadurch sinkt der Blutzuckerspiegel. Wenn die Fühler in unserem Körper registrieren, daß der Blutzuckerspiegel unter einen bestimmten Wert gesunken ist, und dies an unser Gehirn senden, dann entspricht dies in unserem Erleben dem Gefühl von Hunger. Wir nehmen Nahrung zu uns und der Blutzuckerspiegel steigt wieder an. Bei Erreichen des Soll-Wertes sprechen wir von Sättigung.

    Wir begegnen in diesem Beispiel wieder dem Hunger, den wir auch schon als Entsprechung zu Mond kennengelernt haben. Der Prozeß der Nahrungsaufnahme ist sehr komplex, und es sind unterschiedliche Prinzipien daran beteiligt. Etwas vereinfacht ausgedrückt rührt der "mondhafte Hunger" von einem leeren Magen, der venusische Hunger von einem Mangel an einem bestimmten Stoff (in diesem Beispiel: Zucker). Aber wie sichert der Organismus, daß wir, wenn wir Hunger haben, nicht einfach irgendetwas essen, sondern das, was uns fehlt?

    Wie wir alle wissen, hat Essen zwei Facetten: Den Hunger stillen tut gut. Wir sind dann satt. Aber Essen kann auch Spaß machen. Es ist ein ganz anderes Erlebnis, den Magen zu füllen, als eine Speise zu essen, auf die ich gerade "Heißhunger" habe. Da kommt eine Lust ins Spiel, die über das Wohlbefinden des Gesättigt-Seins hinausgeht.

    Über die Dimension "Geschmack", "Vorliebe" und, ganz allgemein, Lust sind wir also in der Lage, sehr speziell auszuwählen. Lust ist das "Instrument" des Venus-Prinzips. Die Lust-Unlust-Dimension ist ein sehr feines Werkzeug: kleinste Unterschiede (etwa beim Würzen von Speisen) wirken sich auf die Lust, die wir empfinden, aus. In diesem Bereich, bei der Frage: "Wie wohl fühle ich mich?" oder: "Wie wohl tut mir das?", sind fast alle Menschen zu äußerst feinen Abstufungen in der Lage. Das ist auch notwendig: Beim Venus-Prinzip geht es um feinste Abstufungen (nicht nur in der Konzentration irgendwelcher Chemikalien in unserem Körper).

    Wenn wir von Wohlbefinden sprechen, dann meinen wir damit eine Dimension unseres Erlebens, bei der es nicht um Leben oder Tod geht. Wir können auch in einem Zustand extremen Unwohl-Seins sehr alt werden. Beim Wohlbefinden geht es also um feinere Unterscheidungen als die einfache Frage, ob ein Zustand mit dem Leben vereinbar ist. Die venusische Funktion bringt die Frage nach der Lebensqualität ins Spiel.

     

    Ein wesentlicher Aspekt unseres psychischen Wohlbefindens wird von Psychologen als das "optimale Erregungs-Niveau" bezeichnet. Wenn das Ausmaß unserer psychischen Erregung (Angeregtheit) unterhalb dieses optimalen Erregungs-Niveaus liegt, sprechen wir von Langeweile, wenn es weit oberhalb dieses Niveaus liegt, sprechen wir von Stress (durch Reizüberflutung). Wenn wir Langeweile haben, suchen wir Anregung. Diese Anregung suchen Menschen außen (z. B. durch Kontaktaufnahme oder eine bestimmte Beschäftigung) als auch innen (durch bestimmte Gedanken, Träume, Erinnerungen usw.).

    Das Venus-Prinzip sucht also nicht einen Gleichgewichts-Zustand im Sinne der Ruhe. Das Venusische ist die Kraft, die uns auf den Soll-Wert zurückführt: bei Über-Erregung durch Beruhigung, bei Langeweile durch Suche nach Anregung. Die Bewegung auf den "Idealwert" hin wird im körperlichen wie im psychischen Bereich als lustvoll erlebt.

    Lust ist die mächtigste Antriebskraft, die im Organismus wirksam ist, stärker als der Selbsterhaltungs-Trieb: Als man vor einigen Jahrzehnten im Gehirn ein Areal entdeckte, dessen Reizung durch Mikro-Elektroden offensichtlich für die betreffenden Tiere (und später auch Menschen, die an entsprechenden Experimenten teilnahmen) ungewöhnlich angenehme Empfindungen auslöste, nannte man diese Areal das Lustzentrum. Organismen haben offensichtlich das angeborene Bedürfnis, alles zu tun, um möglichst oft eine Stimulierung dieses Gehirn-Areals zu erreichen. Wenn im Organismus eine Handlung mit einer Stimulierung dieses Areals verbunden ist, dann wird diese Handlung so oft als möglich ausgeführt. Folgendes Experiment belegt dies:

    Ratten wurden zunächst dressiert, sich auf Knopfdruck hin Futter beschaffen zu können. Sie bedienten diesen Knopf so lange, bis sie satt waren, und dann erst wieder, wenn sie hungrig waren. Nun wurde diesen Ratten eine Elektrode implantiert, die auf Knopfdruck hin das Lustzentrum reizte. Den Ratten wurde die Möglichkeit gegeben, sich selbst durch Knopfdruck diesen Reiz zu verabreichen. Die Ratten drückten diesen Knopf bis zu 60 Mal in der Minute, ununterbrochen, so lange, bis sie vor Erschöpfung starben. Sie hatten kein Bedürfnis mehr zu trinken oder zu essen oder nach sexueller Betätigung.

     

    Das Lustzentrum ist das Organ der Venus. Es ist das Organ, daß uns für den Unterschied zwischen dem uns Zuträglichen ("Schmeckt gut!") und dem uns Abträglichen ("Schmeckt ja scheußlich!") sensibilisiert. Und auch dieses Prinzip muß mit den anderen Prinzipien im Gleichgewicht sein: Es gibt Situationen, da ist es wichtig, kurzfristig oder auch längerfristig etwas in kauf zu nehmen, daß uns eigentlich abträglich ist: z. B. eine scheußlich schmeckende Medizin zu schlucken, deren scheußlicher Geschmack eigentlich ein Hinweis darauf ist, daß die Substanz eigentlich ungenießbar ist. Es gibt auch Situationen, in denen ich etwas für mein Leben Gefährliches durch etwas anderes, ebenfalls Gefährliches, abwenden muß. (Das Aufschneiden des Bauches, wie es vielleicht bei einer Operation notwendig ist, ist etwas eigentlich sehr Abträgliches.)

    Und schließlich besteht die Gefahr der "Verwöhnung": Die Schwächung oder gar Zerstörung der Wirksamkeit dieses wertvollen Instruments. Ich will dies ebenfalls an einem Tierexperiment veranschaulichen:

    Wenn man durch einen operativen Eingriff bei einem Tier die Regulierung des Salzhaushaltes zerstört, so daß das Tier in eine Salznot gerät, dann trinkt dieses Tier, wenn man ihm ungesalzenes und gesalzenes Wasser anbietet, instinktiv von dem gesalzenen Wasser. "Verwöhnt" man ein Tier vor diesem Experiment allerdings zunächst durch Gabe von gezuckertem Wasser und bietet dem Tier in dem Experiment dann als Alternative Zuckerwasser und Salzwasser an, dann trinkt das Tier von dem Zuckerwasser - ggf. bis es buchstäblich platzt.

    Der Lebensbereich, der sehr weitgehend durch das Lustzentrum reguliert wird, ist der Bereich von Erotik und Sexualität. Ich möchte zur Verdeutlichung des Prinzips einmal eine etwas provozierende Frage stellen: Würden Menschen (und die Tiere) sich überhaupt fortpflanzen, wenn die Sexualität nicht durch ungeheuer intensive Lustgefühle "belohnt" würde? Der Beischlaf ist körperlich sehr anstrengend, er ist in einem gewissen Sinn "Schwerstarbeit", und in manchen Situationen (z. B. im Falle sog. "ehelicher Pflichten") wird er ja auch als solches empfunden. Welche Motivation könnten wir haben, ihn überhaupt zu vollziehen? Er verschafft uns keinerlei Vorteile: Er erhöht nicht unsere Sicherheit, vermehrt nicht unsere materiellen Ressourcen. - Wenn jemand einen Verliebten fragen würde: "Wozu ist das gut? Warum tust Du das?", würde der ihm wahrscheinlich antworten: "Das ist mir gleich. Es ist so schön!" Menschen, in deren Horoskop die Venus eine untergeordnete Rolle spielt, könnten auf eine solche Begründung ohne weiteres erwidern: "Was soll das heißen: 'Es ist schön'? Das ist noch kein Grund, es zu tun." Und der venus-betonte Mensch würde verständnislos fragen: "Was könnte denn sonst ein Grund sein, etwas zu tun?"

    Über Erotik und Sexualität hinaus repräsentiert die Venus das Bedürfnis der Lebewesen nach Gemeinschaft oder, in anderen Worten: solche Wünsche, die anderer Menschen (Lebewesen) bedürfen, um erfüllt werden zu können (Erotik und Sexualität sind ja nur ein Beispiel dafür). Das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist bei den einzelnen Arten zwar sehr unterschiedlich ausgeprägt, aber vorhanden ist dieses Bedürfnis immer (sonst gäbe es keine Fortpflanzung), und Venus verkörpert es, wie unterschiedlich es bei den verschiedenen Arten auch ausgeprägt sein mag.

     

    Der Mensch ist ein geselliges Wesen: Kinder spielen gern mit anderen Kindern, Erwachsene haben sich eine Vielfalt von Anlässen für Geselligkeit geschaffen. Geht es bei Merkur mehr um einen pragmatischen Aspekt (Informationsaustausch und die Möglichkeit, von anderen zu lernen, etwas von ihnen zu erfahren), so geht es bei Venus mehr um den Aspekt des Austauschs von "Streicheleinheiten" (buchstäblich oder im übertragenen Sinn): freundliche Gesten des Entgegenkommens oder der Sympathie.

    Unmittelbar lebensnotwendig scheinen all diese Aktivitäten nicht zu sein: Wir können z. B. auch in der Einsamkeit überleben. Es geht mit Venus, wie gesagt, um die Dimension der "Lebensqualität", und so verwundert es nicht, daß viele Werke der Weltliteratur (und fast alle Produkte der sog. Kulturindustrie) sich ausschließlich um venusische Themen drehen.

    Wenn man versucht, aus systemtheoretischer Sicht zu verstehen, in welchem Sinn die Lust eine Lebensgrundfunktion darstellt, eine Grundnotwendigkeit für die Existenz von Leben, dann wird einem deutlich, daß Lust, neben der Fähigkeit, das uns Zuträgliche von dem uns Abträglichen zu unterscheiden (Geschmack im weitesten Sinne des Wortes), wie ein Joker im Spiel der Kräfte im Leben wirkt. Sie ist eine Karte, die immer sticht. Welche Handlung auch immer mit einer Stimulierung des Lustzentrums verknüpft werden kann: Die Wahrscheinlichkeit, daß das Lebewesen diese Handlung ausführt, wird beträchtlich erhöht. Dieses Wissen benutzen wir in der Erziehung (der Kinder), wenn wir erwünschte Verhaltensweisen "belohnen" (durch Dinge oder Handlungen, die als "lustvoll" erlebt werden).

    Für Menschen mit einer Venus-Betonung in ihrem Horoskop liegt der Akzent ihrer Motivation auf der Herstellung von innerer und äußerer Harmonie (im psychischen heißt das konkret: Aufrechterhaltung des optimalen Erregungs-Niveaus). Stärker als bei anderen Menschen wird ihr Leben vom Lustprinzip regiert. Sie verteilen gern "Streicheleinheiten" und sind sehr angewiesen darauf, solche zu erhalten. Sie sind, das folgt daraus, meist freundliche Menschen, die Geselligkeit lieben. Die ästhetische Dimension spielt eine große Rolle, sei es bei der Wahl einer Partnerin/eines Partners, bei der Kleidung, bei der Einrichtung ihrer Wohnung, sei es zur Charakterisierung ihrer Art des Denkens. Zum Vergleich: Bei merkur-betonten Menschen wird die Wahl von Partnern, von Kleidung oder Wohnungseinrichtungen oft stärker nach pragmatischen Gesichtspunkten getroffen.

    Venusbetonte Menschen sind leicht (und gern) verführbar und verwöhnbar. Bei einer Überbetonung des Prinzips besteht die Gefahr, daß diese Menschen allem Unangenehmen ausweichen, z. B. auch notwendigen Auseinandersetzungen. In ihrer Abhängigkeit von Sympathie kehren sie, wie man so sagt, Konflikte unter den Teppich, und es fällt ihnen schwer, Position zu beziehen. Das kann, im Extrem, bis zur Selbstverleugnung gehen.

     

     

    • 7. Beispiel 2: Saturn
    • Saturn: Das Prinzip „Integration“
  • Während man im Mittelalter Jupiter "das große Glück" nannte, fürchtete man Saturn als "das große Übel" (Venus galt übrigens als "das kleine Glück" und Mars als "das kleine Übel").

    Schmerz, körperliches oder seelisches Leid, Altern und Sterben gehören in unserer Kultur zu Schattenseite unserer Existenz, lösen Angst in uns aus. Wir haben Leid und Tod zu unseren Feinden erklärt. Im Kampf gegen diese Feinde geben wir jährlich Milliarden aus, auf der Flucht vor diesen Feinden laufen wir ihnen immer wieder in ihre offenen Arme.

    Um diesen Feinden wirksam begegnen zu können, muß man etwas über sie wissen. Also haben sich Menschen immer wieder damit beschäftigt, die Ursachen menschlichen Leids zu erkennen bzw. zu erforschen. Die Frage nach Wesen und Ursachen menschlichen Leids wurde dabei in den verschiedenen Epochen der menschlichen Geschichte sehr verschieden beantwortet: Rache oder gar Willkür der Götter, böse Geister, die Strafe des einen Gottes für "unmoralisches Verhalten" (d. h. für Verstöße gegen seine Gebote); in östliche Kulturkreisen: Karma, in unserer Zeit auf der einen Seite die Auffassung von einer funktionellen Störung im chemischen Haushalt unseres Körpers, die ggf. im Zusammenhang mit der Vererbung gesehen werden muß, auf der anderen Seite Entwicklungsstörungen in der frühen Kindheit (Psychoanalyse) oder aber einfach mehr oder weniger "zufällig" erfolgtes "falsches Lernen" (Verhaltenstherapie).

    Aber auch das, was eigentlich als Leid anzusehen sei, wurde zu verschiedenen Zeiten in unserer Geschichte und wird immer noch in verschiedenen Kulturen, die heute bestehen, verschieden bewertet: Denken wir an die Stellung der Frau in den Ländern des Orients, eine Stellung, die zu ertragen aus unserer Sicht Einschränkung, Mangel an seelischen und sozialen Entfaltungsmöglichkeiten, somit also seelisches Leid bedeutet. Denken wir an das Fehlen von Liebe in der Ehe, das "Nebeneinanderherleben" von Ehepaaren (wie sie es selbst oft nennen): Dieses Fehlen von Liebe war in den reinen Zweck-Ehen des Mittelalters eine Selbstverständlichkeit. Dort war es schließlich noch üblich, daß die Eltern ihren Kindern die Ehepartner aussuchten. Die "Liebesehe" ist nämlich eine Erfindung bzw. eine Errungenschaft der letzten zwei bis drei Jahrhunderte. Heute führt die damals selbstverständliche Situation oft einen oder beide Partner in die Sprechstunde eine Psychotherapeuten oder eines Astrologen.

    Wir sehen daran, wie stark die Erfahrung von Schmerz oder Leid etwas zu tun hat mit unserer Haltung und unseren Wertvorstellungen, wie stark das subjektive Empfinden von Schmerz oder Leid auch davon abhängt, welche Alternativen ich sehe, in gewissem Sinne also abhängt von meinem Anspruchs-Niveau an Glück und Schmerzfreiheit.

    Ich sagte einleitend, daß Schmerz, körperliches oder seelisches Leid Angst in uns auslösen. Und das, so denke ich, muß auch so sein: Schmerz wäre nicht Schmerz, wenn er nicht "weh tun" würde, wenn er nicht unangenehm wäre, wenn er also nicht ein Zustand wäre, auf den Mensch und Tier gleichermaßen mit Maßnahmen reagieren, die auf die Beendigung dieses Zustands hinzielen. Das ist der biologische Sinn des Schmerzes: Er soll uns vor Schaden bewahren. Er ist ein Alarmsignal, das uns deutlich macht, daß unsere körperliche oder aber unsere seelische Unversehrtheit bedroht ist.

    Es braucht wenig Phantasie, sich auszumalen, welche lebensgefährlichen Verletzungen wir uns täglich zuziehen würden, wenn wir keinen Schmerz empfinden könnten. Und es liegt auf der Hand, daß der Schmerz seine Alarmfunktion nicht erfüllen könnte, wenn wir auf Schmerz nicht "alarmiert" und mit vehementen Vermeidungs-Reaktionen antworten würden. Wenn sich Schmerz nicht so unangenehm aufdringlich bemerkbar machen würde, würden wir wohl in manchen Situationen aus Versehen oder weil andere Dinge als unsere körperliche Unversehrtheit uns wichtiger erscheinen, unserem Körper erheblichen Schaden zufügen. Ich bin sicher, daß die Menschen z. B. nicht rauchen würden, wenn der Schaden, den sie damit ihrem Körper zufügen, sogleich durch Schmerz warnend gemeldet würde.

    Im alten Griechenland wurde der Bote, der eine Nachricht von einer verlorenen Schlacht überbrachte, häufig getötet. Ähnlich verhalten wir uns, wenn wir den Schmerz, den Überbringer der Botschaft, den Melder einer Gefahr, als unseren Feind empfinden. Der Schmerz ist, das kann man mit Fug und Recht sagen, unser Freund. Er ist ein Freund, der uns dadurch "Gutes tut", daß er so unangenehm wie möglich ist. Sowohl der Schmerz als auch die Angst vor dem Schmerz gehören funktional zusammen.

    Dieses biologisch wie psychologisch lebensnotwendige, lebenserhaltende Prinzip wird symbolisiert durch den Planeten Saturn. Astrologen sind mit seinen Eigenheiten viele Jahrhunderte hindurch ebenso umgegangen wie die Griechen dem erwähnten Boten. Sie nannten ihn, wie oben erwähnt, "Übeltäter", weil er, schmerzhaft, auf Unordnung in unserem Körper (und in unserer Seele) aufmerksam macht. Von den Reifungs- oder Wachstumskrisen, in die wir durch diese Funktion gestoßen werden, bemerkten sie nur den unangenehmen Aspekt, den jede Krise hat (haben muß), sahen in ihm eine Naturmacht, die Depressionen bringt und Prüfungen auferlegt. Dieses Bild hat sich mittlerweile, unter dem Einfluß der "psychologischen Astrologie" (siehe Kapitel 1) sehr gewandelt, doch der Prozeß der Neubewertung von Prinzipien wie Saturn ist bis heute nicht abgeschlossen.

    Das Prinzip "Integrität" meint die Impulse in Organismen, die auf die Aufrechterhaltung der Unversehrtheit (im umfassenden Sinn verstanden) des Organismus gerichtet sind. Es geht also um das Prinzip Schutz. Unversehrtheit (heil sein, ganz sein) verlangt nach Mechanismen, den Organismus vor schädlichen Einflüssen der Außenwelt (Kälte, Krankheitserreger) abgrenzen zu können, ist auch mit der Erhaltung (dem Schutz) der Form, speziell der äußeren Hülle, die die inneren Organe birgt, verbunden. So ist Saturn auch das formerhaltende, formgebende Prinzip, und dieses wiederum ist gleichbedeutend damit, eine Grenze zwischen innen und außen festzulegen.

    Auf der körperlichen Ebene entspricht dem Saturn-Prinzip z. B. der gleichermaßen Schutz gewährende wie Form gebende Panzer der Schildkröte. Bei einem Baum sind die Funktion der Formgebung und der Abgrenzung getrennt: Die Baumrinde schützt vor (einigen) äußeren Einflüssen, das Prinzip Formgebung und Formerhaltung ist nach innen verlegt. Dies ist auch beim Menschen der Fall: Die Haut ist zum einen ein Saturn-Organ, der Baumrinde verwandt, gewährt Schutz vor (einigen) äußeren Einflüssen. Sie ist aber, als "multifunktionelles Organ" auch ein Venus-Organ (Kontakt-Organ, Produktion von "Duftstoffen" etc.). Die Formgebende Funktion wurde nach innen verlegt (unser Skelett). Dies geschah durchaus im Einklang mit dem Saturn-Prinzip Schutz: Die Verlegung der Stütze nach innen ermöglicht dem Menschen, dem seine körperliche Ausstattung wenig Möglichkeiten bietet, Gefahren "abzuwehren", flexibal Gefahren "auszuweichen". - Wie in der Einleitung zu diesem Kapitel bereits erwähnt, wird dem Saturn seit Alters her die Milz zugeordnet. Wir wissen heute, daß in der Milz die Antikörper gebildet werden, d. h. die Milz ist ein zentrales Organ unseres Immunsystems, das uns von innen her vor Gefahren (Krankheitserregern z. B.) schützt.

    Auf der psychischen Ebene entspricht dem Saturn-Prinzip der Schmerz (er ist ein gleichermaßen körperliches wie psychisches Phänomen) und die Angst. Angst und Schmerz sind Alarmsignale: sie machen uns auf eine (innere oder äußere) Gefahr aufmerksam. Angst macht vorsichtig. Der Orientierung an der Gefahr entspricht als Seelenhaltung zudem der Ernst. Wenn es um die Abwehr von Gefahren für den Organismus geht, dann ist keine Zeit für Spiel oder Heiterkeit, auch nicht für Ästhetik und Wohlbefinden: es geht dann darum, daß das Notwendige getan wird.

     

    Es gibt sehr viele Gefahren, die ein einzelnes Individuum nicht abwehren kann. Der Zusammenschluß mehrerer Individuen einer Art zu einem Kollektiv erweitert die Möglichkeiten, sich gegen äußere Gefahren (Feinde etwa) zu schützen, beträchtlich. So weckt die Saturn-Funktion den Impuls zur Bildung solcher Kollektive in Organismen (Herdenbildung). Um funktionsfähig zu sein benötigen solche Kollektive eine bestimmte Struktur, bestimmte Regeln, damit sie nicht durch die dauernde Notwendigkeit der Bewältigung innerer Konflikte ihr eigentliches Ziel (einen größeren Schutz gegen äußere Feinde zu bieten) verfehlen. Die Saturn-Funktion in Organismen weckt die Bereitschaft, sich an Gruppen-Normen anzupassen. Diese Funktion erzeugt im Individuum eine archaische Angst vor dem Ausgestoßen-Sein (weil dieses, wenn es radikal erfolgt, bei Mensch und Tier gleichbedeutend ist mit dem eigenen Tod).

    Diese Angst ist die Quelle dessen, was wir "Gewissen" (besser: Schuldgefühl) nennen: Wenn wir die Gruppen-Normen verletzen, droht die Gruppe uns mit Sanktionen. Die Gruppe muß Individuen, die nicht in der Lage sind, selbstbezogene Impulse den Gruppen-Normen unterzuordnen, oder die aus anderen Gründen (etwa wegen einer ansteckenden Krankheit) eine Gefahr für den Bestand des ganzen Kollektivs darstellen, aus dem Kollektiv ausschließen, wenn es nicht alle Mitglieder des Kollektivs gefährden will.

    Ein anderer Aspekt dessen, was wir umgangssprachlich Gewissen nennen, gründet auf der Jupiter-Funktion: Das "Jupiter-Gewissen" ist nicht der Ausdruck von Schuld und Angst sondern Ausdruck der Unzufriedenheit, den eigenen Idealen nicht gerecht zu werden, daß ich mir letztlich mit dem, was ich da gerade tue, selbst keinen guten Dienst erweise.

    In der Sphäre des Geistigen symbolisiert Saturn das Gedächtnis (allgemeiner: die gesammelte Erfahrung), die Funktion des Speicherns von Informationen (Merkur dagegen das Prinzip der Informationsverarbeitung: unterscheidendes Wahrnehmen, logische Schlüsse ziehen, logische Relationen herstellen). Erfahrungen sind nicht einfach "Bilder", nicht einfach nur "Wahrgenommenes": Mit Erfahrungen sind hier erlebte Abläufe gemeint, das, was man in den Wissenschaften "empirische gewonnene Fakten" nennt. Erlebte Abläufe führen zur Bildung von Regeln, von (Natur-) Gesetzen. Naturgesetze (durch Erfahrung gefundene Regelmäßigkeiten) sind die Domäne des Saturn, Gesetze der Logik die Domäne des Merkur.

    Saturnbetonte Menschen sind durch eine natürliche Akzeptanz (gesellschaftlicher) Normen gekennzeichnet. Sie tragen gern Verantwortung, wobei hier ein anderer Aspekt dessen gemeint ist, was wir umgangssprachlich als Verantwortung bezeichnen, als wir es bei dem Sonnen-Prinzip kennengelernt haben: Bei Saturn geht es nicht um Selbstmächtigkeit sondern um Pflicht, verstanden als das Akzeptieren der Ansprüche des Kollektivs an das Individuum. Verantwortung im saturnischen Sinn hat damit zu tun, jemandem (dem Kollektiv) Rechenschaft schuldig zu sein für mein Tun. Sie bevorzugen die Einhaltung bestimmter Formen im zwischenmenschlichen Verkehr und empfinden solche Formen als eine Erleichterung (im Straßenverkehr würde ohne die Einhaltung bestimmter Regeln ein Chaos entstehen). Sie vertrauen der Erfahrung mehr als spekulativen Entwürfen und verkörpern daher ein konservatives Element.

    Bei Überbetonung des Prinzips entsteht Pessimismus, das Kleben an Formen erstickt jede Spontaneität, Gerechtigkeit wird zur buchstabengetreuen Einhaltung von Normen pervertiert. Wenn Abgrenzung aus Selbstschutz und Einhaltung von Regeln dominierende Motive werden, dann erkalten die Gefühle, aus Ernst wird Verbissenheit (Alters-Starrsinn), aus Trauer Depression. Solche Menschen isolieren sich selbst durch ihr Verhalten von anderen, ihr Lebensfunke scheint gleichsam nur noch zu glimmen, und die erstickte Vitalität führt zu Gebrechen aller Art, deren einzige Ursache ist, daß der Lebensimpuls nicht mehr frei fließt.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • XXII. Die Tierkreiszeichen – Einleitung
  • Die Zuordnung der Planeten zu Lebensgrundfunktionen ist die zentrale Idee, die Grundlage der hier dargestellten Form von Astrologie. Unabhängig davon, ob die dabei beschriebenen Lebensfunktionen mit den ihnen zugeordneten Planeten tatsächlich in Beziehung stehen, werden durch diese Prinzipien implizit die grundlegenden Eigenschaften des Lebendigen charakterisiert. Man könnte sagen: Hier wird nebenbei eine Interpretation dessen gegeben, was "Leben" ist. Wenn die hier vorgestellte Form von Astrologie einen Sinn haben soll, dann müssen die beschriebenen Lebensgrundfunktionen in ihrer Gesamtheit eine sinnvolle und umfassende Charakterisierung der Eigenschaften des Lebendigen sein (wohlgemerkt: in einem ganzheitlich-verstehenden Sinn, nicht im Sinne einer naturwissenschaftlichen Theorie). Daß dies der Fall ist, sollte durch die ausführliche Darstellung der einzelnen Funktionen im vorherigen Abschnitt demonstriert werden.

    Die anderen Grundbausteine des Horoskops sollen nun in einer weniger ausführlichen Form dargestellt werden.

    Die Tierkreiszeichen symbolisieren, wie in der Einleitung zu diesem Kapitel bereits erläutert, Stilprinzipien. Um zu verdeutlichen, was mit dem Begriff "Stil" in diesem Zusammenhang gemeint ist, sollen zwei Facetten dieses Begriffs näher erläutert werden, der Begriff der Dynamik und der Begriff des Temperaments:

     

    Mit "Dynamik" bezeichnet man typische Bewegungsabläufe, typische zeitliche Muster bei der Realisierung einer (durch einen Planeten symbolisierten) Funktion. Ein Beispiel für ein solches zeitliches Muster wäre folgende Charakterisierung des (Arbeits-) Verhaltens eines Lebewesens: mit der Zeit abnehmender Energie-Einsatz.

     

    Mit "Temperament" bezeichnet man typische Formen der Verarbeitung von Reizen aus der Umgebung und der Reaktion auf solche Reize. Beispiel: durch Veränderungen im unmittelbaren Umfeld leicht ablenkbar.

     

    Wir unterscheiden in der Astrologie drei grundlegende Äußerungsformen der Dynamik, die wir kardinal, fix und beweglich nennen, und vier grundlegende Varianten des Temperaments: Die Einteilung in vier Temperaments-Typen hat ihre Wurzeln in der pythagoräischen Lehre von den vier Elementen und der von dem griech. Arzt Hippokrates vorgenommenen Zuordnung dieser Elemente zu den vier sog. Körpersäften, in deren unterschiedlicher Mischung bei den verschiedenen Menschen er wiederum die Ursache für deren Temperamentsunterschiede sah (lat. temperare = mischen).

    Die vier Temperamente werden in der Astrologie nach den vier (pythagoräischen) Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft benannt. Dabei sind jedem dieser Elemente drei der zwölf Tierkreiszeichen zugeordnet, die analog die Feuer-, Wasser-, Erde- und Luftzeichen genannt werden. Die drei zu einem Element gehörenden Tierkreiszeichen werden nun den drei Äußerungsformen der Dynamik so zugeordnet, daß die zwölf Tierkreiszeichen sich als Kombination von Elementen und Formen der Dynamik darstellen lassen.

    Damit ist nicht gemeint, daß sich die Bedeutung der Tierkreiszeichen ausschließlich als Kombination dieser zwei grundlegenden Facetten des Begriffs Stil verstehen läßt (ihre Bedeutung ist wesentlich komplexer), doch wichtige Aspekte der Tierkreiszeichen-Bedeutung lassen sich aus dieser Kombination herleiten.

    Nach der gerade gegebenen Beschreibung scheint die Einteilung der Tierkreiszeichen in Elemente und Dynamik willkürlich so erfolgt zu sein, daß es "gut paßt". Tatsächlich wurden, historisch betrachtet, die Tierkreiszeichen vor der Verbindung der Elementenlehre mit der Astrologie (durch einen griech. Astrologen namens Antiochos von Athen) bereits in ihrer auch heute noch gültigen Form gedeutet. Die zwölf Zeichen wurden nachträglich in vier mal drei Zeichen (analog den vier Elementen) unterteilt. Meines Erachtens wurde dabei aber nur eine inhärente Struktur in der Abfolge der Tierkreiszeichen offengelegt. Es ist vergleichbar der Anwendung eines gedanklichen Modells auf einen Naturvorgang in der Physik: Viele Naturzusammenhänge wurden entdeckt, weil ihre Existenz aus der Lösung einer mathematischen Gleichung, die das gedankliche Modell in mathematischer Formelsprache beschrieb, gefolgert wurde.

     

    Aus systemtheoretischer Perspektive handelt es sich bei den hier "Stilprinzipien" genannten Dimensionen um grundlegende Entwicklungs- und Reaktionsmuster, Prozeßcharakteristika selbstorganisierender Systeme.

     

    Die drei Äußerungsformen der Dynamik und die vier Elemente sollen nun kurz skizziert werden:

     

    Die kardinale Dynamik ist gekennzeichnet durch das In-Gang-Setzen von Prozessen, durch Anstoß-Geben. Dem entspricht eine Orientierung am energetischen Aspekt (Energiequellen, Antriebskräfte).

     

    Die fixe Dynamik ist gekennzeichnet durch die Aufrechterhaltung bestehender Prozesse, durch regulativ und stabilisierend wirkende Aktionen. Dem entspricht eine Orientierung an "Struktur" und "Fundamenten".

     

    Die bewegliche Dynamik ist gekennzeichnet durch bewegliche Anpassung von Prozessen an wechselnde Umgebungsbedingungen, durch flexibilisierende und Mobilität fördernde Aktionen. Dem entspricht eine Orientierung an "Wegen" (Kommunikation, Transport, Verkehr).

    Diese Charakterisierungen wirken noch recht abstrakt. Sie werden durch die Kombination mit den Elementen bei der Beschreibung der einzelnen Tierkreiszeichen anschaulicher und konkreter werden.

    Die Wirkungsweise der Elemente könnte man mit der Wirkung unterschiedlicher Filter beim Fotografieren vergleichen. Die Betonung eines Elements (dadurch, daß viele Planeten in den Zeichen stehen, die zu diesem Element gehören) wirkt wie ein Wahrnehmungsfilter, der bestimmte Aspekte der Realität (in der Fotografie: bestimmte Farben) besser durchläßt und andere schlechter oder gar nicht.

     

    Wasserzeichen reagieren primär auf die emotionalen Aspekte einer Situation. Der Psychologe Carl Gustav Jung spricht vom "Fühltyp". Dies ist nicht zu verwechseln mit einer Dominanz des Planeten Mond. Hier ist ein Modus der Verarbeitung, nicht eine Antriebskraft gemeint. So bedeutet Mars in den Wasserzeichen nicht etwa Anteilnahme (eine Mond-Entsprechung), sondern diese Stellung des Mars weist darauf hin, daß die Art der Selbstbehauptung bei diesem Menschen nicht so sehr rational kalkuliert, sondern eher aus einer gefühlsmäßigen Betroffenheit heraus erfolgt und entsprechend durchgeführt wird, daß sie sich vielleicht auch eher sanfter Methoden bedient (was ihre Effizienz allerdings keineswegs schmälern muß). Ein typisches Mittel besteht darin, sich dadurch zu behaupten (d. h. die eigenen Interessen durchzusetzen), daß man im anderen Schuldgefühle oder Mitleid erzeugt und seine Durchsetzungsfähigkeit dadurch schwächt. - Eine typische Entsprechung auf der Ebene des Temperaments ist die entspannte Passivität (im Sinne der hippokratischen Lehre: der phlegmatische Typ).

     

    Bei den Luftzeichen dagegen ist der primäre Modus der Verarbeitung geistig-intellektuell. Jung spricht vom "Denktyp". Auch dies ist nicht zu verwechseln mit einer Dominanz des Planeten Merkur. Der Mond in den Luftzeichen deutet beispielsweise darauf, daß die Anteilnahme dieses Menschen (z. B. an einem leidvollen Erlebnis einer anderen Person) vielleicht nicht so lang anhält wie bei einem Menschen mit Mond in den Wasserzeichen, also "flüchtiger" ist (wasserzeichen-betonte Menschen empfinden das als oberflächlich), daß sich diese Anteilnahme vielleicht auch eher in der Form einer gedanklichen Auseinandersetzung mit dem Geschehen äußert als darin, mitzuweinen. - Eine typische Entsprechung auf der Ebene des Temperaments ist heitere Unbekümmertheit (im Sinne der hippokratischen Lehre: der sanguinische Typ).

     

    Erdzeichen reagieren am ehesten auf das, was die Sinne anspricht. Jung spricht vom "Empfindungstyp". Sie sind damit der materiellen Ebene am nächsten. Merkur in den Erdzeichen ist ein Hinweis darauf, daß die Schlüsse (die Logik) dieses Menschen sehr am Sinnlich-Anschaulichen orientiert sind: Der Doppelsinn des Wortes "begreifen", einmal im Sinne von etwas verstehen und einmal im Sinne von etwas befühlen, etwas anfassen, erinnert daran, daß viele Begriffe Abstraktionen aus konkret-sinnlichen Erfahrungen sind. Die (auch gedankliche) Verhaftung an der konkreten sinnlichen Realität gibt den Verhaltensweisen dieses Typs eine gewisse Schwere: körperliche Prozesse unterliegen den Gesetzen der Materie; in Gedanken geht alles schneller und buchstäblich leichter als in der konkreten Realität. - Eine typische Entsprechung auf der Ebene des Temperaments ist die Nachhaltigkeit aller Reaktionen. Diese Menschen sind schwer umzustimmen, von einem einmal gefaßten Entschluß schwer wieder abzubringen, von tief in ihrer Seele verankerten Wünschen nicht ablenkbar, bei deren Nichterfüllung schwer zu trösten (im Sinne der hippokratischen Lehre: der melancholische Typ).

     

    Feuerzeichen schließlich reagieren besonders auf einen Aspekt der Realität, der für die Sinne nicht wahrnehmbar ist: die symbolische Ebene, die Ebene des Bedeutungshaften. Jung spricht vom "intuitiven Typen". Bedeutet Geld z. B. für einen erdzeichen-betonten Menschen primär ein Äquivalent für das, was er mit diesem Geld erwerben kann (für Konsummöglichkeiten also), so bedeutet es für einen feuerzeichen-betonten Menschen u. U. den "Beweis für seine Leistungsfähigkeit", vielleicht auch den Ausdruck dafür, daß "das Glück im wohlgesonnen" ist. Feuerzeichen-betonte Menschen haben eine natürliche Nähe zum Theater, das ja ursprünglich aus kultischen Handlungen entstanden ist: Masken und Kulissen "stehen für etwas", und auf das, was sie meinen (bedeuten), kommt es an, nicht darauf, daß sie "in Wirklichkeit ja nur aus Pappe sind". So sehen feuerzeichen-betonte Menschen auch das Leben insgesamt: als eine faszinierende Folge von Dramen, Lustspielen, Tragödien und Komödien. - Eine typische Entsprechung auf der Ebene des Temperaments ist die Begeisterungsfähigkeit (in der hippokratischen Einteilung: der cholerische Typ).

     

    Ein Stilprinzip ohne einen Bezug zur Dimension seiner Konkretisierung zu formulieren, ist sehr schwierig (zur Kennzeichnung eines musikalischen Stils werde ich ganz andere Begriffe benötigen als zur Kennzeichnung eines Baustils). So wirkt sich das Stilprinzip Widder ganz anders aus, wenn ich es auf die Lebensgrundfunktion Mars beziehe als wenn ich es auf die Funktion Mond beziehe. Aus diesem Grunde sind die bei der folgenden Beschreibung der einzelnen Tierkreiszeichen aufgeführten Stil-Entsprechungen sehr heterogen und nur als Beispiele für mögliche Konkretisierungen dieses Stilprinzips zu verstehen. Sie dürfen auch nicht als Eigenschaften von Menschen verstanden werden, sondern sind Realisierungsformen bestimmter Antriebe der Menschen (Lebewesen). Es soll deutlich werden, welcher Reichtum an konkreten Entsprechungen sich allein aus der Kombination dieser zwei Grundprinzipien ergibt.

     

     

    • XXIII. Die Tierkreiszeichen - 3 Beispiele
    • 1. Zwillinge: Das bewegliche Luftzeichen
  • Die bevorzugte Dynamik ist die bewegliche Anpassung an unterschiedliche Umgebungsbedingungen, sind Flexibilität und Mobilität fördernde Aktionen. Die bevorzugte Dimension der Realität ist die Ebene des Geistig-Intellektuellen.

    Geistige Mobilität verlangt, Ansichten bei Auftauchen neuer Informationen oder Gesichtspunkte ändern zu können, sich nicht auf einen Standpunkt festzulegen. Die Relativierung aller möglichen Standpunkte ist die Folge, auch die Aufgabe der Suche nach einer endgültigen Wahrheit. Die Suche (Sucht) nach immer neuen Informationen und Anregungen kann zu unsteter Bewegung (Flatterhaftigkeit) führen, wodurch die einem Prozeß zur Verfügung stehende Energie verzettelt werden kann.

     

    Stil-Entsprechungen: kommunikativ, ablenkbar, unruhig, taktierend, mobil, nüchtern, neutral. Prozesse in Komponenten zerlegen (analysieren). Relationen herstellen. Mehrere Wege (Zugangsweisen) ausprobieren.

     

     

    • 2. Krebs: Das kardinale Wasserzeichen
  • Die bevorzugte Dynamik ist das Anstoß-Geben, In-Gang-Setzen von Prozessen. Die bevorzugte Dimension der Realität ist die Ebene der Emotionen.

    Das Bild des Wassers, das einen Stein nicht bricht sondern mit der Zeit auswäscht, gewährt einen guten Zugang zum Verständnis dieses Prinzips, dem sowohl "entspannte Passivität" (Wasserzeichen) also auch Anstoß gebende Aktivität (kardinales Zeichen) entsprechen. Wenn es mir gelingt, bei einem Menschen Mitleid zu erwecken, ist das eigentlich ein "aktives" Handeln oder passives "Sich-Gehen-Lassen"? Der Krebs erinnert an Michael Endes modernes Märchen "Momo", in dem ein Land beschrieben wird, in dem man nur vorwärts kommt, wenn man rückwärts geht.

     

    Stil-Entsprechungen: behutsam, sich in einen Vorgang einfühlend, stetiger sanfter Impuls (steter Tropfen hölt den Stein), formbar, reagibel. Einen Prozeß anregen durch "Wecken" des in ihm vorhandenen Potentials.

     

     

     

     

     

     

    • 3. Löwe: Das fixe Feuerzeichen
  • Die bevorzugte Dynamik ist die Aufrechterhaltung laufender Prozesse, sind regulativ und stabilisierend wirkende Aktionen. Die bevorzugte Dimension der Realität ist die Ebene der Symbole und der "Bedeutung".

    "Würde bewahren", könnte die Losung dieses Zeichens heißen, "und nicht in Bedeutungslosigkeit versinken". Ein Prozeß (auch ein Mensch) "stirbt", wenn er jede Bedeutung verloren hat. Bedeutung hat auch etwas mit "Macht" zu tun, der Kraft, etwas zu bewirken. Für viele Menschen ist "ein bedeutsames Leben" gleichbedeutend damit, eine sog. "bedeutende Person" zu sein. Es ist jedoch nicht die Macht eines Amtes gemeint, sondern die persönliche Ausstrahlung (lebendige Autorität). - Standpunkte (Einsichten) sind absolut, große Schwierigkeiten zu relativieren.

     

    Stil-Entsprechungen: kraftvoll, wirkungsbezogen, dramatisierend (inszenierend), würdevoll, in der Reihenfolge der Wichtigkeit (Bedeutsamkeit) bearbeitend, strategisch (anstelle von taktisch). Prozesse durch Zuführung von Energie stärken (bei Menschen: Lebensmut geben).

     

     

    • XXIV. Die Bedeutung des Aszendenten
  • Der Aszendent ist ein sehr wichtiger Punkt des Horoskops: Er verändert sich durch die Rotation der Erde alle vier Minuten um durchschnittlich ein Grad, ist also ein sehr individueller Punkt (im Gegensatz zu der Stellung der Planeten im Tierkreis, die sich, von Mond abgesehen, an einem Tag nur unwesentlich ändert: man nennt sie die "Tageskonstellation"). Menschen, die am gleichen Tag geboren wurden, haben, wo immer auf der Erde die Geburt stattfand, identische Positionen der Planeten im Tierkreis. Die Position der Planeten in den Feldern und die Stellung des Aszendenten ändern sich allerdings aufgrund der Erdrotation beständig, und die Position von Aszendent und Feldern hängt zudem von dem Ort ab, an dem die Geburt stattfindet.

    Der Aszendent ist etwas grundsätzlich anderes als die Planeten: Er symbolisiert keine "Kraft", keinen Antrieb, keinen Impuls, denn er ist ein Punkt auf der Ekliptik (Schnittpunkt der Ekliptik mit dem Horizont), also nur eine bestimmte Stelle im Tierkreis. Er verkörpert entsprechend ein "reines Stilprinzip" (das des entsprechenden Tierkreiszeichens):

    Es ist der Stil des "Sich-Gebens" eines Menschen, seine typischen habituelle Muster: die Art, wie er geht, steht, schaut, gestikuliert und spricht. Auch der "Stil" seiner körperlichen Erscheinung (relativ zum Rasse- und Familientyp): schlank, rund, drahtig, asthenisch, athletisch usw.

    So ist die Erscheinung bei einem Aszendenten in den Zwillingen eher schlank (bis asthenisch), ausgeprägte Geschlechtsmerkmale (typische weibliche oder männliche Formen) treten zurück. In der Gestik sehr bewegt (unterstreicht das Sprechen gern mit den Händen), neugierig umherschweifender Blick, schnelles Sprechen.

     

     

     

     

     

     

     

    • XXV. Die Kombination Planet – Tierkreiszeichen
  • Nun soll an einigen wenigen Beispielen veranschaulicht werden, wie die Anwendung der beschriebenen Stilprinzipien auf die verschiedenen Planeten konkret vor sich geht.

    Die Deutung der Stellung eines Planeten in einem Tierkreiszeichen ist die Antwort auf eine "Wie-Frage": Wie äußert sich der durch diesen Planeten symbolisierte Antrieb. Da jeder Planet eine Fülle von Facetten verkörpert, sind für jeden Planeten viele Frage-Sätze formulierbar.

     

    Beispiele:

    Merkur:

    • 1. Wie realisiere ich das Prinzip Ökonomie (Pragmatisch-Sein)?
    • 2. Wie erziele ich mit dem kleinsten Aufwand den größtmöglichen Erfolg/Effekt?
  • Venus:

    • 1. Wie erreiche ich es, in Harmonie mit anderen zu leben?
    • 2. Wie erreiche ich meine "optimales Erregungs-Niveau"?
  • Die angemessene Antwort finde ich durch Auswahl von sinnvollen Entsprechungen (zu der durch den Planeten symbolisierten Dimension passenden Entsprechungen) der Tierkreiszeichen-Typik. Zunächst zwei Beispiele mit Antworten in kurzen formelhaften Sätzen:

     

    Merkur in den Zeichen

    am Beispiel der Frage:

    In welcher Weise realisiere ich das Prinzip Ökonomie (das Pragmatisch-Sein)?

    Durch kurze direkte Wege (auch im Denken): Widder

    Durch wendige Anpassungsfähigkeit: Zwillinge

    Durch Unterspülen von harten Widerständen: Krebs

    Durch Beachten der bekannten Gesetzmäßigkeiten: Steinbock

     

    Jupiter in den Zeichen

    am Beispiel der Frage:

    Welche Eigenschaften helfen mir, "aus jeder Lage das Beste zu machen", kennzeichnen also mein besonderes "Talent zum Glück"? In anderen Worten: Welche Charakteristika eines Zeichens sind speziell geeignet, daß sich jmd. unter möglicherweise widrigen Umständen dennoch wohl zu fühlen in der Lage ist oder aber in solchen Umständen Sinnvolles (wachstumsförderndes Potential) sehen kann.

    Immer noch etwas tun (verändern) können: Widder

    Mir Hilfe holen können. Durch die Anteilnahme anderer gestärkt werden. In der Not "näher zusammenrücken". Immer wieder menschlicher Güte begegnen: Krebs.

    Auch mit wenig auskommen, sich mit Tatsachen abfinden können: Steinbock.

     

    Im folgenden Beispiel werden etwas ausführlichere Antworten zu jedem der 12 Tierkreiszeichen auf eine typische zur Venus passenden Frage gegeben.

    Venus in den Zeichen

    Teilfrage: Auf welche Art werden bei mir erotische Gefühle am leichtesten geweckt?

     

     

    Widder (Stürmischer Genuß, Sofort-Befriedigung, heftig)

    Durch das "Abenteuer" (Liebes-Abenteuer): Die Herausforderung, die es bedeutet, jemanden für sich zu "gewinnen". Damit einher geht eine Lust am "Kampf der Geschlechter": Dem anderen nicht sogleich "alles" von mir "geben". Meine "Reize" aktiv und gezielt "einsetzen" (den Rock ein wenig hochziehen, daß der Mann "die Besinnung verliert"). Um "Liebe" "kämpfen" (für manche Menschen ein Widerspruch, etwas Un-Sinniges). - In der Sexualität "heftig" (Liebes-Bisse), fordernd.

     

    Stier ("Abschmeckender", sinnlich einverleibender Genuß)

    Durch die Sinne (eine samtweiche Haut, ein angenehmer Duft, eine schöne "Rundung", durch Körperwärme, die man beim Schmusen spürt). Durch Stimulierung der "erogenen Zonen" (etwa bei der Massage). Lust an der "Hingabe" (verstanden als körperliches "Mit-Sich-Machen-Lassen"). - Sexualität ist ein "Eintauchen ins Meer der Sinne".

     

    Zwillinge (Flüchtiger Genuß: Überall kurz "probieren")

    Durch "neckisches Spielen" (Was sich liebt, das neckt sich): "Fang mich doch ...!". Durch den Flirt: erotische Kommunikation (ggf. auch erotisch gefärbte Gespräche, "Liebesbriefe"), möglicherweise auch erotische Literatur (erotische bzw. Liebesgedichte). Empfänglichkeit für das Erotische in der Sprache (Stimme). - In der Sexualität ist das Situative sehr wichtig: "Wie aufregend, es auf einer Waldlichtung zu machen." Un-Verbind-lichkeit kann als reizsteigernd erlebt werden.

     

    Krebs ("Hingebender" Genuß: Sich im Genuß "verlieren")

    Durch "sanfte Zärtlichkeit" (verstanden als Ausdruck des Zugewandt-Seins), durch eine Geborgenheit vermittelnde Umarmung, durch den "Gleichklang der Seelen" (Romantik), das Spüren von emotionaler Nähe. Hautkontakt als Ausdruck von Nähe und Verschmelzung. Lust an der "Hingabe" (verstanden als sich dem anderen in seiner Verletzlichkeit anvertrauen). Empfänglich für die Verschmelzung von Geborgenheit und passiver erotischer Stimulation, wie sie typisch ist für ein kleines Kind, das die Lust der Mutter (der Erwachsenen) am Schmusen mit ihrem Kind passiv-genießend aufnimmt.

     

    Löwe (Verschwenderischer Genuß von "Fülle")

    Durch das Spüren von Kraft und Energie in mir, wie es mir die Partnerin/der Partner "zurückspiegelt". Durch die Möglichkeit, "Lust zu verschenken" (es muß für den anderen aber auch ein Geschenk sein!). Spüren, daß ich für jemanden "die Prinzessin"/"der Prinz" bin. Spüren, wie jemand "schwach" wird, der Kraft meiner erotischen Ausstrahlung "nicht gewachsen". Die Lust an der zeugerischen Potenz (bei der Frau die Lust an der nur ihr verfügbaren "Macht", gebären zu können). Erotik ist etwas in mir, aus meinem Potential erwachsend, sie wird nicht geweckt, im Gegenteil: Ich verströme sie oder halte sie zurück.

     

    Jungfrau (Fein abstufender, Sinnesreize "analysierender" Genuß)

    Durch raffinierte Liebes-"kunst", verständnisvolles Eingehen auf meine speziellen Wünsche, den "(folge)richtigen Ablauf" des Liebesspiels (der auf die körperlichen Vorgänge angemessen Rücksicht nimmt, den "richtigen Moment" für eine Handlung findet). Durch stimulieren meiner speziellen erogenen Zonen. -- Ein störbarer Aufbau der erotischen Spannung, die leicht wieder "zusammenbrechen" kann, wenn etwas "falsch läuft".

     

    Waage (Ausgewogener Genuß: Abgestimmtheit von sinnlichen-ästhetischen und geistig-ästhetischen Prinzipien/Dimensionen)

    Durch das Gefühl, auf andere erotisch anziehend zu wirken (auch entsprechende Schmeichelei), in diesem Sinne auch sehr "verführbar". Die Lust am Gefallen, exhibitionistische Genüsse. Durch "Verfeinerung" der erotischen Interaktion: Erotische Düfte, ästhetische Kleidung, kultiviertes Ambiente (vielleicht durch Musik stimmungsvoll unterstrichen). Ebenso wie der Stier auf ästhetisches Äußeres bei Partner/in angewiesen, doch kein "Versinken in Sinnlichkeit" oder intensiver Körperkontakt, eher ein Genießen-Können der erotischen Ausstrahlung und des ästhetischen Anblicks aus der "Distanz".

     

    Skorpion (Extremer Genuß: Steigerung des Genusses durch Erhöhen der Begierde-Spannung)

    Durch die "Abgründe" im anderen, seine "Untiefen", die Ausstrahlung von intensiver Leidenschaftlichkeit. Spannungen in der Beziehung erhöhen eher den erotischen Reiz (im Gegensatz zu Waage, wo er dadurch abgetötet würde). Durch das Gefühl, daß jemand sich dagegen wehrt, mir zu verfallen, durch Weckung meines "Verführungs-Jagd-Instinkts" also, daß ich spüre, daß jmd. sich in meinen "Netzen" verfangen hat .. - und zappelt. Oder aber, daß ich mich verfange ...- und zapple.

     

    Schütze (Überschwänglicher, "ergriffener" Genuß)

    Durch Begeisterung für eine Person oder für "die Liebe" oder für ein Schönheits-Ideal (Traum-Frau/Mann). Durch das Gefühl, mit dieser Beziehung ein Ziel meiner Wünsche und Sehnsüchte erreicht zu haben ("Die Göttliche: Ich hätte nie geglaubt, bei einer solchen Frau überhaupt ein Chance zu haben"). Durch Überhöhung der Gefühle (die "ewige Liebe" oder sich die Liebe durch eine "Heldentat" verdient zu haben). Hochgefühl dieser Art wirkt erotisierend.

     

    Steinbock (Verhaltener, sparsamer Genuß)

    Durch "eindeutige Signale", frei von Ambivalenz und "Spiel", also "ernsthaft bekundetes erotisches Interesse"; nach Überschreiten der Anfangs-Distanz direkt, aber nicht "burschikos". "Genuß" durch die "Beherrschung" der eigenen Lust, eine Art "Verdichtung" der Lust durch Konzentration und Sammlung auf (wenige) mit Bedacht gewählte "passende" Momente (Gelegenheiten). Am ehesten auf primäre erotische Auslöse-Reize (eindeutig männlich bei der Frau, eindeutig weiblich beim Mann) ansprechend.

     

    Wassermann (Beiläufiger Genuß, "enthobener" Genuß "ästhetischer Theorien")

    Durch den Reiz der "Leichtigkeit", sich unbekümmert auf das einlassen zu können, was "sich ergibt": Ein Schmetterling kommt und setzt sich auf meine Hand. Ich betrachte ihn, freue mich an seiner Schönheit und nach einem kurzen Moment fliegt er wieder davon; es bleibt keine Verpflichtung, keine Belastung für "morgen" zurück. Lust an Nähe ohne Haftung und/oder Bindung. Lust an der "Selbstverständlichkeit" des Auslebens "aller möglichen" Erotik ohne Beachtung von Konventionen; gleichmütiges Spielen ohne bestimmte Präferenzen, ohne "Begierde".

     

    Fische (Sich ausliefernder Genuß: Sich "überfluten", "überwältigen" lassen)

    Durch den Reiz des Sich-Verströmens, Sich-Auflösens, Sich-Auslieferns. Auf unspezifische Art erotisch in Resonanz zu versetzen durch Ausstrahlung von Menschen oder Atmosphäre allgemein, die eigenen erotischen Gefühle ebenso unspezifisch "in die Welt" zurückfließen lassen können. Da-raus mag die Lust entstehen, ein "Kanal" für Erotik zu werden, wie ein Sex-Idol bei Schauspieler/innen. Dabei geht es nicht um ein exhibitionistisches Gefallen-Wollen, sondern um das Gefühl, "jedem" zu "gehören", mich erotisch vollständig "auszuliefern", die "Grenzen" meiner (erotischen) Intimität vollständig aufzulösen. - Möglicherweise auch sehr schwer eine Grenze zwischen Erotik und "Liebe" ziehen können - nicht wie bei Krebs, der Erotik und Liebe verbinden will, aber beides durchaus getrennt empfindet - sondern als ein Ineinanderfließen, als das Empfinden von zwei Facetten einer einzigen Realität.

     

     

    • XXVI. Die Felder (oder Häuser) anhand von vier Beispielen
  • Einige der Dimensionen, die durch die Felder symbolisiert werden, sind "Lebensbereiche", zu denen ein Astrologe von Ratsuchenden typischerweise befragt wird (meist mit der Bitte, die Entwicklung in diesen Bereichen vorauszusagen): Finanzen, Beruf, Ehe, Kinder, Gesundheit.

    Die Dimensionen, die sich hinter diesen Schlagworten verbergen, sind in Wahrheit jedoch wesentlich komplexer. Immer wieder ist es wichtig, sich zu verdeutlichen, daß die Interpretation eines Horoskops im Prinzip für alle Menschen (eigentlich sogar alle Lebewesen) möglich sein muß : Für "primitive" wie für "hochzivilisierte", für den römischen Soldaten wie für den NATO-Offizier, für den afrikanischen Zulu wie für den englischen Oxford-Studenten, für den Rentner wie für den Bundeskanzler.

    Nun arbeitet die Astrologie aber nur mit einer begrenzten Zahl von Symbolen, und es ist einleuchtend, daß die Entschlüsselung dieser Symbole jedesmal in der konkreten Entsprechung etwas anderes bedeuten muß, wenn man sie auf einen Zulu anwendet oder den Bundeskanzler, daß nur das Prinzipielle in beiden Fällen gleich sein kann.

    So sind Aussagen über Geld z. B. nur sinnvoll in einer Gesellschaft, in der es Geld (oder zumindest Tauschhandel) gibt. Da aber ein und dieselbe Gestirnkonstellation potentiell Aussagen für ein Neugeborenes in jedem Teil der Erde abzuleiten gestattet (gestatten müßte), können gesellschaftliche Umstände nicht aus der Gestirnkonstellation erschlossen werden; also können Geldangelegenheiten nicht direkt in astrologischen Symbolen verschlüsselt sein.

    Es gibt allerdings in jeder konkreten Umwelt "ausgetretene Pfade" für die Kanalisierung bestimmter Ur-Bedürfnisse und grundlegender Konflikte. Das Verhältnis zum Ur-Thema "materielle Sicherheit" manifestiert sich in unserer Kultur am einfachsten im Verhältnis zum eigenen Bankkonto. Das ist sicher die Ursache dafür, daß "kochbuchartige Rezepte" in vielen Astrologie-Lehrbüchern zuweilen sogar zu einigermaßen treffenden Deutungen führen.

     

     

    • Feld 1: Persona
  • Der Aszendent kennzeichnet habituelle Muster einer Person. Das erste Feld (das am Aszendenten beginnende Feld) symbolisiert den Lebensbereich des "Sich selbst in die Welt Entäußerns". Planeten im ersten Feld weisen darauf hin, welche Kräfte mich dabei primär leiten. Saturn wäre ein Hinweis darauf, daß ich es vielleicht als "gefährlich" empfinde, mich zu weitgehend zu entäußern. In anderen Worten: Ich werde nicht allzu spontan sein, werde meinen Ausdruck kontrollieren. Mars dagegen wäre ein Hinweis darauf, daß ich mich in meinem Ausdruck nur widerwillig zurücknehmen lassen werde, daß ich meinen Stil, die Dinge zu tun und mich zu verhalten, durchsetze.

     

     

    • Feld 2: Ressourcen
  • Das zweite Feld symbolisiert den Bereich der materiellen Lebenssicherung im weitesten Sinne: Mein Umgang mit Ressourcen (auch im psychischen Sinn) und (in unserer Kultur) mit Eigentum. Zu meinen Ressourcen zählt nicht zuletzt auch mein Körper mit seinen Fähigkeiten. - Jupiter in diesem Feld deutet auf optimale Nutzung der Ressourcen und die Tendenz, die Basis meiner materiellen Lebenssicherung zu verbreitern. Uranus deutet auf die Entwicklung völlig neuer Formen des Umgangs mit diesem Lebensbereich. (Eine große Neuerung bestand in der Erfindung des Geldes, eine mehr alltägliche Entsprechung könnte in der Neigung zu ungewöhnlichen Formen der Geldanlage bestehen.)

     

     

    • Feld 3: Wissenserwerb und Kommunikation
  • Dieses Feld symbolisiert den Umgang mit dem in meinem Kulturkreis zur Verfügung stehenden Wissen: seiner Übernahme (lernen) und seiner Weitergabe (lehren), also der ganze Bereich (Aus-) Bildung. Menschen mit Mond in diesem Feld haben oft Mühe, Dinge zu lernen, zu denen sie keinen emotionalen Bezug aufbauen können. Ein Vortrag ist für diese Menschen nicht so sehr eine Möglichkeit, Wissen zu erwerben, sondern eine Möglichkeit, einen Menschen (den Vortragenden) kennenzulernen. Bei Pluto in diesem Feld können sich dämagogische Neigungen entwickeln (die Zerstörung wirklicher Kommunikation) oder es kann (im Extrem) zum Ausfall bestimmter Kommunikationskanäle (speziell hören) kommen.

     

     

    • Feld 4: Herkunft und Familie
  • In diesem Feld spiegelt sich mein Verhältnis zu meinen Ahnen (zunächst den Eltern), meiner Heimat und der Sphäre des Familiären (sowohl was meine Herkunftsfamilie als auch was meine selbstgeschaffene Familie betrifft). Merkur in diesem Feld deutet auf ein sehr pragmatisches Verhältnis zu diesem Lebensbereich, ohne Sentimentalität (es kann ganz "praktisch" sein, einflußreiche Vorfahren zu haben). Die Sonne dagegen deutet auf eine bewußte Identifizierung mit der eigenen Herkunft, des eigenen "Stammbaums".

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • XXVII. Die Aspekte
  • Aspekte (die Deutung von Winkelstellungen der Planeten) tauchen in der astrologischen Tradition erstmals bei PTOLOMAEUS auf, dessen Astrologie-Lehrbuch (das einzige erhaltene systematische Astrologie-Lehrbuch der Antike): Tetrabiblos, auf den Lehren des syrischen Astrologen Posidonius von Appamaeia (135 - 51 v. Chr.) beruht. Ptolomaeus spricht von Aspekten in einer allgemeineren Form als wir es heute tun:

    Unabhängig vom tatsächlichen Winkel zwischen zwei Planeten rechnet er mit dem Abstand der jeweiligen Zeichen. Er spricht also nicht von der Verbindung zweier Planeten sondern von der Verbindung zweier Abschnitte der Ekliptik. Die Konjunktion galt daher auch nicht als Aspekt. So waren also alle Planeten, die im gleichen Element standen (etwa in den Wasserzeichen) im Trigon zueinander: Planeten im gleichen Element haben ein ähnliche Färbung, sind also in Harmonie miteinander.

    Erst Johannes Kepler führte im Mittelalter die Aspekte in der Form ein, wie wir sie heute in der Astrologie benutzen: als Winkel zwischen Himmelskörpern. Er war der Auffassung, daß die Wirkung der Aspekte auf einer angeborenen Sensibilität der menschlichen Seele für geometrische Proportionen beruhe, die er instinctus geometricus nannte. Die Seele reagiere auf die Winkelstellungen wie auf die Konsonanzen und Dissonanzen in der Musik.

    Die aus der Teilung des Kreises durch zwei, vier und acht resultierenden Aspekte (180o, 90o, 45o und der Komplementärwinkel zu 45o, also 135o) nennen wir die analytischen, die aus der Teilung des Kreises durch 3 und 6 resultierenden Aspekte (120o und 60o) die synthetischen. Die Konjunktion, also das Zusammenstehen zweier Planeten (0o) nimmt eine Sonderstellung ein.

     

    Jeder Aspekt hat einen Namen, der sich in augenfälliger Weise aus den Winkeln ableitet: So heißt der 180o-Aspekt Opposition, der 90o-Aspekt Quadrat, der 45o-Aspekt Halbquadrat (der Komplementär-Aspekt, der 135o-Aspekt heißt Eineinhalbquadrat); und bei den synthetischen Aspekten heißt der 120o-Aspekt Trigon und der 60o-Aspekt Sextil. Das Zusammenstehen zweier Planeten (0o-Aspekt) nennt man Konjunktion.

    In der Einleitung zu diesem Kapitel wurde schon erläutert: Stehen zwei Planeten in einem analytischen Aspekt zueinander, dann empfindet der Horoskop-Eigner die von diesen Planeten symbolisierten Impulse als schwer miteinander vereinbar. Da eine solche Ambivalenz mit inneren Spannungen einhergeht, nennt man die analytischen Aspekte oft auch "Spannungsaspekte". Stehen zwei Planeten in einem synthetischen Aspekt zueinander, dann empfindet der Horoskop-Eigner die von diesen Planeten symbolisierten Impulse als sich-ergänzend. - Im Regelfall genügt diese Unterteilung in analytische und synthetische Aspekte für die Deutung eines Horoskops vollkommen. Je weiter man jedoch in die Struktur eines Horoskops eindringt, umso mehr wird bedeutsam, daß sich die einzelnen Aspekte innerhalb einer Aspektklasse in ihrer Bedeutung noch weiter differenzieren lassen. An dieser Stelle soll auf diese feinere Unterteilung nicht eingegangen werden.

    Stehen zwei Planeten beieinander (Konjunktion), dann bedeutet das: Wann immer die eine der beiden Funktionen angesprochen ist, wird auch der andere Impuls geweckt. Bilden beispielsweise Saturn und Mars eine Konjunktion miteinander, dann heißt das: Wann immer selbstbehauptende Impulse geweckt werden, werden gleichzeitig auch Tendenzen der Sicherung aktiviert; ebenso: wann immer Sicherungstendenzen aktiviert werden, wird auch der Selbstbehauptungswille geweckt. Diese Konjunktion wird also dazu führen, daß Aggressionen immer auf eine beherrschte, kontrollierte Weise geäußert werden, daß auch in der Wut "der Kopf kalt bleibt". Umgekehrt wird immer dann, wenn Schmerz oder Angst ihn alarmieren, auch der Selbstbehauptungswille wach, der ihn animiert, durchzuhalten und nicht aus Angst oder zur Vermeidung weiteren Schmerzes aufzugeben. Eines ist aber sicher: Für spontane risikoreiche Unternehmungen ist jemand mit diesem Aspekt nicht so leicht zu haben.

    Die Konjunktion ist also ein neutrales Bindeglied zwischen zwei Planeten. Beide Kräfte "wecken" sich wechselseitig, nicht mehr.

    Ich will nun an einem Beispiel demonstrieren, wie man sich die Wirkung der beiden anderen Aspektformen vorzustellen hat. Ich wähle einen analytischen Aspekt. Ein Beispiel für einen synthetischen Aspekt wird, in einem etwas anderen Zusammenhang zwar, im folgenden Kapitel gegeben werden.

     

    Venus (Opposition, Quadrat oder Halbquadrat) Saturn

    Der Mensch mit diesem Aspekt spricht besonders auf Situationen an, in denen das Bedürfnis nach Harmonie, Wohlbefinden und lustvollem Erleben unvereinbar ist (oder scheint) mit dem Bedürfnis nach Sicherheit, Stabilität und Struktur. Er tendiert ggf. sogar dazu, Situationen so zu konstellieren, daß diese beiden Antriebe unvereinbar werden.

     

    Die Ebene der Konkretisierung dieses Aspekts hängt sehr von der Tierkreiszeichen- und Felderstellung der beteiligten Planeten ab. Um den Vorgang der Deutung anschaulicher darstellen zu können, soll zumindest die Stellung in den Tierkreiszeichen berücksichtigt werden: Die Venus sei im Stier und der Saturn sei im Löwen. Da jeder Planet zudem eine Fülle von Facetten umfaßt, soll hier die Deutung auf die Ebene der Liebesbeziehungen beschränkt werden:

    Die Stier-Venus symbolisiert das Bedürfnis nach Sinnenlust. Der Mensch wünscht sich eine/n schöne Partner/in, mit einem sinnlich ansprechenden Körper, einer schönen Haut, schönen Formen. Direkter Körperkontakt ist wichtig, die Wärme des anderen spüren wird als sehr genußvoll erlebt. Er ist ein sehr verschmuster Mensch.

    Der Löwe-Saturn symbolisiert die Tendenz, Sicherheit durch Kultivierung von Löwe-Qualitäten zu suchen. Daraus folgt ein intensives Bedürfnis nach Autonomie. Infragestellungen der eigenen Würde, auf die jemand mit der Sonne im Löwen zwar aufbrausend aber selbstbewußt reagieren würde, verunsichern diesen Menschen stark: mit Saturn im Löwen ist die Würde seiner Person etwas, das ihn (psychisch) schützt. Er ist so ein wenig der Typ Mensch, der erhobenen Hauptes aufs Schafott geht und dadurch innerlich ungebrochen bleibt, in dem, was ihm heilig ist, unverletzt.

    Diese beiden Teile seiner Person empfindet dieser Mensch nun als unvereinbar.

    An dieser Stelle wird eine charakteristische Erfahrung der Astrologen deutlich: Von außen betrachtet haben diese beiden Antriebe nicht unbedingt etwas miteinander zu tun. Es ist nicht ersichtlich, was daran unvereinbar sein sollte. Doch der Horoskop-Eigner trägt eine "Brille", die diese beiden Facetten seiner Person als unvereinbar erscheinen läßt. Und durch entsprechende Wahl von Menschen und Situationen bewahrheitet sich seine Sicht der Dinge auch.

    So wird er vielleicht dazu tendieren, Menschen zu begehren, die für ihn schwer erreichbar sind. Es können 99 Menschen um ihn herum sein, die ihn lieben und seine Liebe begehren. Er hat das Geschick, die einzige Person, die sich für ihn nicht so interessiert, als die attraktivste zu empfinden. Und dann hat er seinen Konflikt: Da diese Person ihn nicht so begehrt wie er sie begehrt, muß er intensiv werben und ist immer in Gefahr, dabei "abzublitzen". Gelingt es ihm, das Objekt seiner Begierde zu "verführen", dann stellt sich heraus, daß dieser Mensch körperliche Nähe nicht als ein zentrales Bedürfnis empfindet. Die Zurückweisung in seinen Bedürfnissen nach Körpernähe und Schmusen bedeutet für ihn eine tiefe Kränkung. Und dann kann ein Teufelskreis beginnen: Sein Hunger, doch wenigstens etwas von dem begehrten Körper spüren zu dürfen, macht ihn "korrupt", d. h. für etwas Nähe verrät er seinen Stolz oder andere zentrale Werte. Dadurch verliert er für den Partner/die Partnerin aber nur an Reiz.

    Angesicht der anderen Menschen (potentiellen Partner), die ihn lieben und begehren, die er selbst aber nicht begehren kann, "weil sie einfach nicht so verführerische Körper haben", empfindet er nun den Konflikt ganz deutlich: Entweder er erfüllt sein saturnisches Bedürfnis nach Sicherheit durch Autonomie und "innere Unverletzlichkeit", dann muß er auf die Erfüllung seiner Begierde verzichten und eine Partnerin/einen Partner wählen, der/die ihn begehrt (und deshalb nicht kränken wird), die für ihn aber körperlich weniger attraktiv sind. Wenn er das nicht will (oder nicht kann, weil die anderen Körper ihn einfach kalt lassen), dann gerät er immer wieder an Menschen, von denen er sich in seiner Bedürftigkeit abhängig fühlt, und denen er sich unterwirft für ein wenig Erfüllung seiner Sehnsüchte.

    Dieser Konflikt ist nicht "objektiv": Er entsteht dadurch, daß der betreffende Mensch eine unbewußt passende "Wahl" trifft und die Person am attraktivsten findet, die diesen Konflikt konstellieren hilft.

    Der beschriebene Fall ist eine mögliche Konkretisierung dieses Konflikts. Er soll an einem Beispiel ein Prinzip veranschaulichen. Keineswegs ist es zwingend, daß jedes Venus-Saturn-Quadrat mit Venus im Stier und Saturn im Löwen sich genau so manifestieren muß. Der Aspekt sagt nur, daß eine Tendenz besteht, die aus dem Saturn im Löwen resultierenden Impulse als unvereinbar zu erleben mit den aus der Venus im Stier resultierenden Impulsen, und im eigenen Leben "magisch" Situationen anzuziehen, in denen diese Unvereinbarkeit konkret werden kann.

     

     

    • XXVIII. Astrologische Prognose - Fahrplan für's Schicksal?
  • Im Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit wird mit Astrologie nach wie vor Prognose, wenn nicht gar Wahrsagerei assoziiert. Doch nicht nur in der breiten Öffentlichkeit: Auch viele Astrologen sind der Meinung, daß erst die Prognose den wahren Wert der Astrologie zeige, daß im Prognostizieren der "eigentliche Sinn" der Astrologie liege.

    Eine von mir in Zusammenarbeit mit einer esoterisch orientierten Zeitschrift durchgeführte Leserumfrage ergab im Jahre 1987, daß bei 62 % der Befragten der Wunsch, sich besser kennenzulernen, das entscheidende Motiv für den Besuch beim Astrologen war. Entsprechend haben 83 % der Befragten sich ein Charaktergutachten erstellen lassen, nur 58 % ein prognostisches Gutachten. In diesem Zusammenhang ist dann die Frage nach der Zufriedenheit mit der Beratung besonders interessant: Bei den Charaktergutachten fanden 77 % der Befragten das Gutachten vollständig oder doch überwiegend zutreffend, bei den Prognosen waren es noch 44 %.

    Die offensichtliche Unzuverlässigkeit astrologischer Ereignis-Prognosen, die sich in diesen Zahlen niederschlägt, ist sicher auch ein Grund dafür, daß man bei Astrologen (speziell der jüngeren Generation) ein Nachlassen des Interesses an der Prognose feststellen kann. Hinzu kommen aber auch Gründe aus der Sicht dessen, der Astrologie erlernen will: Haben wir es im Bereich der Deutung der Radix-Horoskops (Geburtshoroskops) schon mit einer für den Anfänger verwirrenden Vielfalt von Methoden oder Systemen zu tun (siehe Kapitel 1), so steigert sich die Methodenvielfalt bei der Prognose ins Groteske.

    Nun entstehen neue Methoden in der Regel ja dann, wenn die vorhandenen Methoden als unzulänglich empfunden werden. Methoden mit großer "Treffsicherheit" würden sicher nicht dauernd abgewandelt. So ist auch die Vielfalt der Methoden ein weiterer Hinweis, daß wir uns als Astrologen im Bereich der Prognose offensichtlich nicht so ganz sicher sind. Dies gilt allerdings eigentlich nur für die sog. Ereignisprognosen, d. h. für die Ansicht, man könne aus dem Horoskop konkrete Geschehnisse, konkrete Ereignisse vorhersagen. Ich will an einem (von manchen vielleicht als "absurd" eingestuften) Beispiel demonstrieren, warum Ereignisprognosen prinzipiell unmöglich sind:

    Nehmen wir an, eine Person schneide einer anderen Person den Bauch auf. Kann man dieses Ereignis an einer bestimmten Konstellation erkennen? Wenn ja: Ist es dieselbe Konstellation, wenn es sich um eine Messerstecherei handelt oder um eine Operation? Angenommen, dies sei der Fall: Dann kann man mit dieser Konstellation nicht einmal zwei so grundlegend verschiedene Handlungen wie einen "Mord" und "Lebensrettung" unterscheiden. Angenommen, die zwei Handlungen werden durch verschiedene Konstellationen im prognostischen Horoskop angezeigt: Welcher Unterschied wird denn dann durch die zwei verschiedenen Konstellationen genau erfaßt? Spiegeln die verschiedenen Konstellationen, daß sich das eine im Krankenhaus abspielt und das andere auf der Straße? Oder daß das eine mit und das andere ohne Betäubung erfolgt? Oder daß das eine mit allen Vorsichtsmaßnahmen der Desinfektion und das andere ohne diese Vorsichtsmaßnahmen vor sich geht? Oder spiegeln die verschiedenen Konstellationen die verschiedenen Motive der "Bauchaufschneider" (einmal eine Hilfeleistung, das andere Mal eine Tötungsabsicht) oder schließlich die unterschiedlichen Folgen für den Betroffenen (schließlich ist es ja sein Horoskop)? In anderen Worten:

     

     

    • 1. Was genau ist ein Ereignis?
  • Genauer: Was ist ein astrologisch erfaßbares "Ereignis"?

    Wenn der Arzt in dem gerade angeführten Beispiel die Operation ohne Einwilligung der betroffenen Person ausführt (das wäre im Sinne der deutschen Rechtssprechung eine Körperverletzung), ist es dann dasselbe "Ereignis" (Operation), wie wenn es mit ihrer Einwilligung geschieht? Die objektiv ablaufenden (ggf. auf Film aufgezeichneten) Handlungen während des Ereignisses könnten dabei identisch sein: Würde sich das auch in identischen Konstellationen niederschlagen?

    Jedes Ereignis erhält seinen Sinn erst durch den Kontext, in den es hineingestellt wird. Denken wir an die verschiedenen Arten von Mord: Im Krieg erhalte ich für die Tötung eines Menschen, sofern er die "richtige" Nationalität hat, einen Orden, im Frieden gerate ich ins Gefängnis. Ist das nun in beiden Fällen dasselbe Ereignis (Menschen ermordet)? Oder sind es zwei verschiedene Ereignisse (hypothetisch angenommen, es handle sich bei Täter und Opfer in beiden Fällen um dieselben Personen)?

    Was "die Wirklichkeit" eines Menschen ausmacht, hängt sehr stark von seinem Standpunkt, seiner Haltung ab. "Das Glas ist noch halb voll", sagt der Optimist; "das Glas ist schon halb leer", der Pessimist.

    Haben beide in diesem Moment dieselbe oder verschiedene Konstellationen. Wenn beide dieselbe Konstellation haben, dann ist das Horoskop scheinbar blind für gefühlsmäßige Unterschiede, blind für die subjektive "Wahrheit" des Horoskop-Eigners, dann sagt es nichts über sein "Erleben". Wenn aber beide verschiedene Konstellationen haben, dann gibt es keine eindeutigen "Ereignisse", dann zeigt das Horoskop an, wie ein Ereignis sich im subjektiven Erleben einer Person niederschlägt, was ein Ereignis für diese Person bedeutet.

    Durch Symbole oder Kombination von Symbolen auf konkrete Ereignisse schließen zu wollen, ist genau so sinnlos, wie der Versuch, eindeutig zu definieren, was Glück, Liebe oder Freiheit ist, oder auf den Tag (oder gar die Stunde) genau bestimmen zu wollen, wann im biologischen Sinn (nicht im formaljuristischen Sinn) die Kindheit zu Ende oder ab wann man ein Greis ist.

    Die zuletzt beschriebene Auffassung ist auch die offizielle Haltung eines Großteils der Astrologen. Im Thesenpapier astrologischer Vereinigungen, unterzeichnet von den vier größten deutschen Astrologen-Verbänden und dem Schweizer Astrologen-Bund, heißt es: "Auch bei der Prognose ist nicht das 'konkrete Ereignis' faßbar, sondern seine sich aus der Struktur ergebende Bedeutung, eine Bedeutung, die sich in verschiedenen sinngemäß gleichen Ereignissen manifestieren kann." (aus These 7)

     

     

    • 2. Was sagt das prognostische Horoskop aus?
  • Unsere körperliche, seelische und geistige Entwicklung verläuft nicht in allen Bereichen stetig: Für bestimmte Fertigkeiten gibt es Phasen, in denen wir für das Erlernen einer bestimmten Lebenstechnik besonders empfänglich sind. Der Volksmund sagt: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr." So lernen wir als Kind unsere Muttersprache "kinderleicht". Wenn wir später in ein anderes Land überwechseln, dann lernen wir die neue Sprache dort ebenso "kinderleicht", sofern wir die Pubertät noch nicht erreicht haben. Nach der Pubertät jedoch ist die "Plastizität" unserer Sprachentwicklung drastisch eingeschränkt: Wir müssen die neue Sprache dann als "Fremdsprache" (mehr oder weniger mühevoll) erlernen. Bei vielen Tieren sind solche sensiblen Phasen der Entwicklung sehr augenfällig. Man denke an das Beispiel der Graugans des Tierforschers Konrad Lorenz: In seinen berühmt gewordenen Experimenten mit Graugänsen zeigte er, daß ein Jungtier nach dem Schlüpfen dasjenige Wesen als "Muttertier" empfindet, daß es als erstes sieht. Für eine seiner Graugänse war Konrad Lorenz selbst das Muttertier - und sie folgte ihm auf Schritt und Tritt.

    Die Entfaltung unserer Persönlichkeit folgt bestimmten Rhythmen. Zum Teil sind diese Rhythmen genetisch relativ eng vorprogrammiert, so etwa die sexuelle Entwicklung, doch gibt es auch hier eine große Streubreite (in Einzelfällen kommen Kinder schon mit 7 Jahren in die Pubertät, im Durchschnitt in unserer Kultur zwischen 11 und 14 Jahren). Ein Junge vor der Pubertät wird auf ein Mädchen, das sich vielleicht in ihn verliebt hat, ganz anders reagieren als nach der Pubertät. Das Ereignis: "Ein junges Mädchen hat sich in mich verliebt" führt für ihn dann nämlich zu einer ganz anderen Erfahrung, einer Erfahrung, die er vorher gar nicht machen könnte.

    Aber auch nach der Pubertät wird seine Reaktion von verschiedenen Umständen abhängen. Sicher wird sie z. B. sehr stark davon abhängen, um welches Mädchen es sich handelt, aber sie wird auch davon abhängen, "wie er in Stimmung" ist, ob er also gerade empfänglich für dieses Thema ist.

    Meiner Überzeugung nach gibt es das ganze Leben hindurch "sensible Phasen" für bestimmte Entwicklungen: Kurzfristige Schwankungen nennen wir gewöhnlich "Stimmungen" oder "Lust auf etwas haben", wir alle kennen aber wahrscheinlich die Erfahrung, daß bestimmte Themen phasenweise für Wochen oder Monate oder für ganze Lebensabschnitte an Bedeutung zu- oder abnehmen. In einer sensiblen Phase sind wir für bestimmte Themen besonders empfänglich (nach der Pubertät sieht der Junge Mädchen plötzlich "mit anderen Augen"), suchen (bewußt oder, meistens, unbewußt) nach Möglichkeiten, durch Erfahrungen in dem entsprechenden Lebensbereich einen bestimmten Aspekt unserer Persönlichkeit zu entwickeln oder weiter zu entwickeln, durch Auseinandersetzung mit diesem Thema reifer zu werden. Wir nehmen dann alle Dinge unserer Umwelt, die mit diesem Thema zu tun haben, stärker (oder überhaupt erst) wahr, sehen Dinge, die wir vorher nicht beachtet haben, reagieren auf Ereignisse im Zusammenhang mit diesem Thema plötzlich sehr sensibel.

    Pointiert ausgedrückt sagt das prognostische Horoskop nicht, was geschehen wird, sondern was geschehen soll. Ich fasse das prognostische Horoskop, ebenso wie das Radix-Horoskop, als eine Struktur auf, auf die hin wir uns entwickeln müssen, um "heil", "ganz" oder "im Einklang mit unserer innersten Natur", in diesem Sinne also "gesund" zu sein. Auch das Radix-Horoskop sagt m. E. nicht, wie wir sind, sondern wie wir sein sollen, es ist eine "Instruktion" und bezieht daraus auch seine Fruchtbarkeit für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit: es hilft uns auf dem Wege der Selbstfindung, auf dem Wege, zu dem zu werden, der wir "eigentlich" sind. Ich möchte diesen Gedanken an einigen Beispielen veranschaulichen:

     

     

    • 3. Saturn und Jupiter in der Prognose
  • Ein prognostischer Kontakt von Saturn mit einem anderen Planeten oder einem Feld hat für mich prinzipiell die gleiche Bedeutung wie im Radix. Bezieht sich der Kontakt im Radix auf einem Schwerpunkt im Leben dieses Menschen, so bezieht er sich in der Prognose auf eine bestimmte (kürzere oder längere) Phase im Leben dieses Menschen. So bedeutet ein Quadrat von Saturn zu Mond: "Du bist in dieser Phase besonders empfänglich, den Reichtum Deiner Empfindungswelt um die Dimension Trauer und/oder Schmerz zu erweitern oder zu vertiefen. Laß Dich ein auf das Erlebnis, daß Bedürfnisse und Sehnsüchte Grenzen der Realisierbarkeit haben. Spüre, wie und wo Normen, Konventionen oder Notwendigkeiten der Sicherung Deiner Existenz Deine naive Erwartung auf Erfüllung und Befriedigung Deiner Bedürfnisse enttäuschen und daß Dich dies traurig macht. Spüre vielleicht auch (je nach Felderstellung und sonstigen Konstellationen), daß es zuweilen notwendig sein kann, sich eine harte Schale zuzulegen oder sich von Menschen abzugrenzen oder zu trennen. Spüre dem Harten in Dir nach und der Angst."

    Dies sind natürlich nur Andeutungen, denn die konkrete Bedeutung eines solchen Saturn-Mond-Kontakts ergibt sich erst aus der Beachtung der Gesamt-Struktur, insbesondere der kosmischen Situation von Mond und Saturn im Radix. Deutlich geworden sein dürfte jedoch der Tenor: Nimm Dein Horoskop an! Gehe mit Deinen Konstellationen, im Einklang mit ihnen, nicht gegen sie! Wachse und reife, indem Du die Chance des Moments ergreifst."

    Analog würde ich bei einem Trigon von Saturn und Mond den Akzent folgendermaßen verlagern: "Du bist in dieser Phase besonders empfänglich für die Erfahrung, daß Du die Fähigkeit hast, Deine Wünsche und Sehnsüchte auf die konkreten Möglichkeiten Deiner Lebenssituation abzustimmen, Verzicht und Einschränkung nicht nur als etwas zu empfinden, was im Widerspruch zu Deinen Bedürfnissen steht, sondern auch als etwas, das Dir hilft, die tiefere Bedeutung, den eigentlichen Kern dessen, wonach Du Dich sehnst, verstehen oder doch ahnen zu können. Du spürst vielleicht, daß Ernst und ein gewisses Maß an Zurückhaltung Deiner gegenwärtigen SeelenVerfassung besser entspricht, stimmiger ist als Ausgelassenheit und Suche nach Ablenkung. Vertrau diesem Gefühl!"

     

    Diese allgemeinen Deutungen lassen sich natürlich etwas konkreter fassen, wenn man die Zeichen- und Felderstellungen von Mond und Saturn einbezieht und sie lassen sich in der Regel auch auf ganz konkrete Lebenssituationen beziehen, wenn man den Lebenshintergrund des Horoskopeigners kennt und bei der Deutung berücksichtigen kann. Die Schwierigkeit mit dieser Art Zugang zum Horoskop besteht wohl häufig darin, daß der Klient in einer Situation ist, bei der auch wir selbst das Gefühl haben, daß "das Schicksal" ihm schon zuviel Saturnisches aufgebürdet hat und unsere Ermahnung, diese Erfahrungen zuzulassen, auf ihn nur zynisch wirken könnten.

    In diesem Fall kann es hilfreich sein, gemeinsam mit dem Klienten nachzuschauen, ob er nicht vielleicht in einem frühen Stadium der Situation, in der er sich jetzt befindet, durch den Versuch der Vermeidung saturnischer Erfahrungen zu einer Eskalation beigetragen hat, die ihn erst in diese Situation führte, in der er jetzt ist. In der Regel braucht der Klient sich nämlich nicht erst zu entscheiden, saturnische Erfahrungen aufzusuchen, sondern sie scheinen sich ihm ohnehin (meist gegen seinen Willen) aufzudrängen. Diese Erfahrung ist wahrscheinlich die Ursache der subjektiven Überzeugung vieler Kollegen, daß das Horoskop eben doch anzeigt, was passiert - und nicht nur, was passieren soll.

     

    Tatsache ist aber, daß es in der Seele eines jeden Menschen eine Kraft gibt, die ihn zur Erfüllung seines Wesens drängt. Die aus dieser Kraft resultierenden Impulse sind selten im Einklang mit dem, was der Mensch bewußt anstrebt (außer bei den Weisen), weil unsere bewußten Strebungen sich selten daran orientieren, das eigene Wesen umfassend zu entwickeln, sondern sich darauf konzentrieren, einige dominante Begierden (bei jedem eine etwas andere Zusammensetzung) wie Zärtlichkeitsbedürfnis, Sexualität, Unabhängigkeit bzw. Freiheit, Souveränität bzw. Macht, Ansehen bzw. Ruhm usw. zu befriedigen. Und daß häufig bestimmte Konstellationen zu immer ähnlichen Ereignissen führen, hängt weniger damit zusammen, daß diese Konstellationen Indikatoren dieser Ereignisse sind, als vielmehr damit, daß die meisten Menschen ihre aus dem Inneren aufsteigenden Impulse wenig phantasievoll nach den in ihrer Kultur üblichen Mustern ausleben.

    Ich möchte nun auch noch einen Jupiter-Transit exemplarisch deuten, aus Gründen der Vergleichbarkeit soll es zunächst ein Jupiter-Mond-Trigon sein: "Du bist in dieser Phase besonders sensibel für die Möglichkeit, Dich glücklich zu fühlen (und dies selbst unter 'objektiv' vielleicht widrigen Umständen), weil Du die Dinge, derer Du bedarfst, auch als sinnvoll und fruchtbar für Deine Entwicklung erleben kannst. Deine Sehnsüchte stehen im Einklang mit dem, was Du aus Deinem tiefsten Inneren heraus für 'gut' hältst. Genieße! Wenn es ein ungewohntes Gefühl für Dich ist: Versuche Vertrauen zu fassen und es dennoch uneingeschränkt zuzulassen. Gönn' Dir etwas und koste die Erfahrung aus, gut mit Dir und anderen Menschen umzugehen. Spüre dem Gütigen in Dir nach und versuche, die tiefere Bedeutung der Freude zu verstehen oder doch zu ahnen."

    Analog würde ich den Akzent bei der Deutung eines Quadrats von Jupiter zu Mond, folgendermaßen verlagern: "Du bist in dieser Phase besonders sensibel für die Suche nach dem 'Glück', wobei es für Dich wichtig ist, Dich mit der Frage auseinanderzusetzen, wo Deine Sehnsüchte, Deine 'Bedürftigkeit' die volle Entfaltung Deiner Persönlichkeit in ihrer Ganzheit vielleicht behindert. Möglicherweise wirst Du diesen Konflikt als einen 'Wertkonflikt' erfahren, wirst vielleicht spüren, daß Werte von 'objektiv' gleichem Rang zueinander in Widerspruch geraten können. Es geht darum, die Dinge, die Dir 'gut tun' (in einem direkt wohltuenden Sinn, im Sinne auch des Wohlbehagens) zu vereinbaren mit den Dingen, die Dir 'gut tun' (im Sinne des Wachstums, der Förderung der Entfaltung aller Aspekte Deiner Persönlichkeit)."

     

     

     

     

    • 4. Die "Kunst des Lebens"
  • Man könnte die bisherigen Beispiele vielleicht so mißverstehen, daß ein Astrologe den Klienten zu einer fatalistischen Annahme seiner Lebensbedingungen überreden soll, auch da, wo diese evtl. änderungsbedürftig sind. Dieses Mißverständnis läßt sich durch ein weiteres Beispiel vielleicht ausräumen: Bei einem Trigon von Saturn zu Mars etwa würde ich dem Menschen empfehlen, sich auf seine Kraft zum Widerstand zu besinnen, bei einer Opposition von Pluto zu Mars vielleicht gar auf sein zerstörerisches Potential. Auch bei der Prognose gilt: Es geht darum, in jedem Augenblick der Ganzheit der eigenen Person, ausgedrückt in der Ganzheit des eigenen Horoskops, auch des prognostischen Horoskops, gerecht zu werden, die unterschiedlichen Aspekte der eigenen Persönlichkeit, die unterschiedlichen Strebungen zu einem einheitlichen Ausdruck der eigenen Individualität zu verschmelzen. Das ist "die Kunst des Lebens", die wahre "Lebenskunst", und das Horoskop kann uns helfen, wahre "Lebenskünstler" zu sein.

     

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