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Erfahrungswissenschaft

Astrologie als Religion und „Erfahrungswissenschaft“

in Englisch s. hier:

http://www.aktuell.saehannover.de/html/schoener.html

Inhalt

Vorbemerkungen                                                                          

1. Was ist Astrologie?                                                                  

2. Ursprünge                                                                                

           Mesopotamien                                                                  

           Ägypten                                                                            

3. Das Weltbild der Astrologie in hellenistischer Zeit                

           Zur empirischen Begründung der Astrologie

           in antiker Zeit                                                                 

4. Die Praxis der Astrologie in römischer Zeit                          

5. Die Astrologie der Gegenwart                                               

           Esoterische Astrologie                                                  

           Psychologische Astrologie                                             

           Empirische Untersuchungen                                         

6. Astrologie in anderen Kulturen                                               

7. Astrologie und Christentum                                                   

             Geschichte                                                                    

             Gegenwart                                                                     

8. Wo steht die Astrologie heute?                                               

9. Ist die Astrologie wahr?                                                           

Literatur                                                                                       

Vorbemerkungen

 

   Über kaum ein anderes Gebiet der Religionswissenschaft herrscht bis heute soviel Unstimmigkeit wie über die Astrologie. Was hat die Astrologie mit Religion zu tun? Gehört sie nicht vielmehr in den Bereich der – falsch verstandenen – Naturwissenschaften, speziell der Astronomie? Diese Fragen werden oft gestellt, wenn von Astrologie die Rede ist. Dann folgen auch schnell weitere, eher praktische Fragen: Ist die Astrologie wirklich durch Erfahrung begründet, wie von den Anhängern behauptet wird, oder beruht sie nicht vielmehr auf einer naiven und falschen Beobachtung des Sternenhimmels, die längst durch unsere moderne Astronomie überholt worden ist?

 

   Der folgende Beitrag möchte darauf eine übersichtliche und verständliche Antwort versuchen. Es versteht sich von selbst, dass der Autor die Frage nach Herkunft und Wesen der Astrologie im Zusammenhang mit „Religion“ beantwortet, sonst würde es den Beitrag an dieser Stelle nicht geben.

 

   So sehr die Astrologie von Anfang an mit der europäischen Religionsgeschichte verankert ist, erlebt sie heute wieder eine gewisse Renaissance. Im Zusammenhang mit Presse und Fernsehen präsentiert sich in der Öffentlichkeit eine recht einfache Variante, die uns „Berufsstress“ oder einen „romantischen Abend“ verspricht und sich damit häufig selbst widerlegt. Das ist aber nicht die ganze Astrologie. Auch im Zusammenhang mit neuen religiösen Bewegungen und im Rahmen des Christentums, aber auch im Rahmen spiritueller Interpretationen der Naturwissenschaften ist die Astrologie in den letzten Jahren und Jahrzehnten wieder aktuell geworden. Dass diese Aktualität sich nicht nur auf Tageshoroskope in Zeitungsrubriken beschränkt, zeigen Meinungen wie die des Benediktinerpaters Gerhard Voss, der sich in seinem Buch „Astrologie christlich“ für die Astrologie ausspricht.

 

   Es lohnt sich also durchaus, die Spuren der Astrologie in Geschichte und Gegenwart zu verfolgen, um einen Eindruck zu bekommen, wo ihre Wurzeln liegen und was sie heute noch attraktiv macht. Als Leitfaden kann uns der Gedanke dienen, dass die Astrologie ein im Kern mythisch-religiöses Weltbild mit wissenschaftlichen (astronomischen) Beobachtungen verbindet. Interessant ist es dabei auch zu verfolgen, wie sich die Astrologie zu den traditionellen Religionen verhält und wie diese umgekehrt auf die Astrologie reagieren.

 

   Ein größerer Teil dieses Beitrags wird der Geschichte der Astrologie gewidmet sein, denn – wie schon bemerkt – gibt es zu diesem Thema viele Unstimmigkeiten, die oftmals auf einen sehr spezialisierten und einseitigen Blick auf die Astrologie zurückzuführen sind. Das liegt aber weniger an der Einseitigkeit dieser Sichtweisen, sondern vielmehr an der Vielfältigkeit der Astrologie selbst. In ihr schneiden sich religiöse und mythologische, psychologische und naturwissenschaftliche Aussagen. Wenn wir ein Lexikon der Naturwissenschaften aufschlagen, so finden wir unter dem Stichwort „Astrologie“, dass es sich hierbei um eine missratene Variante der Himmelsmechanik handelt, weil die Astrologie auch an der Himmelsmechanik partizipiert, und deshalb als Phänomen der Naturwissenschaft gesehen wird. Schlägt man hingegen theologische oder religionswissenschaftliche Lexika auf, so wird meistens auf ihren mythologischen und polytheistischen Gehalt verwiesen, wobei dann der Glaube an eine Vielzahl von Gestirngöttern herausgestellt wird. Lexika mit esoterischem Anspruch sehen die Astrologie vor allem in ihrer psychologischen, heilkundlichen Bedeutung, die alles organische Leben in einem großen spirituellen Zusammenhang sieht.

 

   Um die moderne Astrologie verstehen zu können, ist es also nötig, ein Stück weit zu verfolgen, wie ein ursprünglich mythisches Bild vom Kosmos naturwissenschaftliche, medizinische und psychologische Erkenntnisse sowie naturmystische und spirituelle Vorstellungen aufnimmt und alle genannten einzelnen Bereiche zu einem eigenen Weltbild formt. Zuerst aber eine vorläufige Klärung, was Astrologie eigentlich ist. 

 

Was ist Astrologie?

 

   Wenn Astrologie Religion mit wissenschaftlicher Astronomie verbindet, so sind wir damit auch schon bei einer ersten Definition. Zuerst einmal: die Astrologie ist insofern Religion, als sie Kosmos, Mensch und Natur von jenseitigen Mächten und Kräften durchwaltet und gelenkt sieht. Alle Geschehnisse im Kosmos und auf der Erde sind durch ein unsichtbares magisches Band miteinander verknüpft. Nur aufgrund dieser geheimnisvollen magischen Verbindung kann die Astrologie davon ausgehen, dass die Gestirne etwas mit unserem Lebenslauf, mit unseren Begabungen und Schwächen zu tun haben.

 

   Damit ist die Astrologie den Naturreligionen verwandt. Diese gehen ja auch davon aus, dass die Natur von magischen Kräften, Dämonen und Göttern bewohnt und verwaltet wird. Gemeinsam mit den Naturreligionen glaubt die Astrologie also an eine Vielzahl von Göttern, sie ist in ihrem Kern polytheistisch. Alle Planeten und Tierkreiszeichen sind Ausdruck eines bestimmten Gottes oder Dämons. Die Astrologie wird aber manchmal auch von Religionen akzeptiert, die nur einen Schöpfergott kennen, wie das Judentum, das Christentum und der Islam. Dann werden aus den vielen Gestirngöttern Engel und Dämonen, die dem einen Gott untergeordnet sind und so als „Werkzeuge“ Gottes verstanden werden.

 

   Mit ihrer wissenschaftlichen Seite ist die Astrologie aber auch ganz nüchtern. Sie teilt den Himmel geometrisch exakt in Sektoren ein, sie berechnet - wie jeder Astronom – die Bahnen der Planeten und stellt zudem komplizierte Berechnungen an, um aus den vielfältigen Bewegungen der Erde und der Himmelskörper das Horoskop zu erhalten. Das Wort Horoskop stammt aus der griechischen Sprache und bedeutet soviel wie: „in die Stunde schauen“. Gemeint ist damit, dass der Astrologe genau zu der Zeit, wenn ein Mensch geboren wird, den Himmel betrachtet und alle Planeten, sowie das im Osten über den Horizont aufgehende Tierkreiszeichen – das dann als „Aszendent“ bezeichnet wird – berechnet. Dazu fertigt er eine Zeichnung an, die astronomisch genau die Positionen der Gestirne vom Geburtsort aus angibt. Die Astrologie ist also auch ganz einfach Astronomie, oder besser gesagt: sie legt ihrem religiösen Verständnis vom Kosmos auch exakte wissenschaftliche Berechnungen zugrunde.

 

   Diese Zweigleisigkeit ist den Religionswissenschaftlern, die sich mit der Geschichte und Bedeutung der Astrologie beschäftigen, seit langem bekannt. Der Altphilologe Franz Boll hat es auf den kurzen Nenner gebracht: „Die Astrologie will Religion und Wissenschaft zugleich sein, das bezeichnet ihr Wesen.“

 

   Bis die Astrologie „Religion und Wissenschaft zugleich“ wurde – wir können hier die Zeit ungefähr um 500 v.Chr. in Mesopotamien ausmachen – hatte sie schon eine lange Entwicklung hinter sich. Bevor wir aber einen Blick in die Geschichte der Astrologie werfen, muss noch auf eine Eigenart hingewiesen werden. Die Astrologie ist nicht nur ein Phänomen der europäischen Religionsgeschichte, sondern sie kommt in allen großen Religionen und allen Kulturen vor – mehr oder weniger kompliziert ausgestaltet. Wer im Jahr 2000 die „EXPO“, die Weltausstellung der Nationen in Hannover besucht hat, wird vielleicht auch am indischen Pavillon vorbeigekommen sein und dort den Stand eines Astrologen bemerkt haben. Das ist sicherlich kein so randständiges Phänomen, wie es aus der Sicht einer säkular geprägten Gesellschaft aussehen mag. Die Astrologie ist heute noch in vielen Ländern der Erde fester Bestandteil einer religiös geprägten Lebenspraxis. Ob in Indien oder Südamerika, auch manche Wissenschaftler konsultieren zuerst einen Astrologen, bevor sie eine längere Dienstreise antreten.

 

   In diesem Beitrag soll aber vor allem die Astrologie der europäischen Religionsgeschichte vorgestellt werden, die schließlich die Hauptquelle der vielen heutigen Astrologie-Schulen im deutschsprachigen Raum ist. 

    

Ursprünge

 

   Die Astrologie hat sich im Laufe ihrer fast 5000jährigen Geschichte im Rahmen der europäischen Kulturen erst allmählich zu einem umfassenden Weltbild entwickelt. Sie beginnt mit der ersten nachweisbaren religiösen Verehrung der Gestirne. Zuerst gilt diese Verehrung der Sonne, dem Mond und der Venus. Manche Religionswissenschaftler sehen in dieser Verehrung der Gestirne überhaupt den Beginn aller späteren Religionen der Erde. Das mag in dieser Verallgemeinerung etwas übertrieben sein. Sehen wir uns aber die ersten und ältesten Zeugnisse der religiösen Verehrung der Gestirne an, so scheint doch einiges für diese Vermutung zu sprechen: Etwa um 3000 v.Chr. entstand im mesopotamischen Raum – etwa im heutigen Irak - die sumerische Keilschrift, die zuerst eine Bilderschrift war. Aus den Bildern wurde später die sogenannte Strichform geschaffen. In dieser ist das Zeichen für „Gott“ eine sternförmige Anordnung von Linien     . Man ist sich heute sicher, dass „Gott“ und „Stern“ in der sumerischen Keilschrift die gleiche sprachliche Wurzel haben. Auch spätere babylonische und assyrische Inschriften lassen einen Zusammenhang von „Gott“ und „Stern“ oder „Sternbild“ erkennen.

 

   Sicher kann in dieser sumerischen und altbabylonischen Gleichsetzung von „Gott“ und „Stern“ noch nicht von Astrologie gesprochen werden, denn eine Berechnung der Gestirne gibt es noch nicht. Die Anfänge zeigen nur, dass es eine religiöse Verehrung der Gestirne – die Astralreligion – gibt, die das religiöse Weltbild der Astrologie formt. Sucht man nach einem Beginn, von dem an die Gestirne auch beobachtet und berechnet wurden, so müssen wir uns auf einige Keilinschriften stützen. Sie alle verweisen darauf, dass auserwählte Menschen – Könige oder Priester – durch göttliche Offenbarung in die Berechnung der Gestirne eingeweiht wurden. So ist auf einer Inschrift des sumerischen Königs Gadea von Lagasch - etwa 2000 v.Chr. – zu lesen, dass Götter ihm im Traum die Planetenkonstellationen (das heißt: die Positionen mehrerer Planeten) gezeigt haben, die für den vorgesehenen Bau eines Tempels die günstigste sei. Das setzt voraus, dass diese Planetenkonstellationen auch beobachtet werden konnten. Wir wissen damit, dass etwa 2000 v.Chr. die Beobachtung der Positionen der Planeten schon selbstverständlich war. - Andere Berichte beziehen sich auf Offenbarungen, die auserwählten Menschen im alten Ägypten zuteil wurden. Diese verweisen auf eine Zeit um 2500 v.Chr., in der die Astrologie ihren Anfang nahm.

 

   Die Ursprünge der Astrologie sind also nicht nur im mesopotamischen Raum - der sumerisch-babylonischen Kultur - zu suchen. Auch das alte Ägypten erhebt den Anspruch, Ursprungsland der Astrologie zu sein. In hellenistischer und spätantiker Zeit wurden die Astrologen oft „Chaldäer“ und „Babylonier“ genannt, was auf einen Ursprung in Mesopotamien schließen lässt. Andererseits waren viele hellenistische Autoren davon überzeugt, dass die Astrologie vor langer Zeit den Ägyptern durch den Gott Hermes Trismegistos übermittelt worden ist. Welche Traditionslinie die ursprüngliche ist oder ob beide parallel verlaufen, lässt sich heute kaum noch feststellen. Dafür reicht das historisch überlieferte Material nicht aus.

 

   Nun noch zu einigen Besonderheiten der mesopotamischen und der ägyptischen Astrologie.

 

Mesopotamien  

 

   Bereits im 3. Jahrtausend v.Chr. sind die sieben sichtbaren Planeten (Sonne und Mond werden in der Astrologie bis heute als Planeten bezeichnet) mit Götternamen versehen. Die drei hellsten Planeten, Sonne, Mond und Venus, werden als göttliche Dreiheit besonders verehrt. Sie werden als Vater, Mutter und göttliches Kind gesehen. Ähnliche göttliche Eltern mit göttlichem Kind sind aus dem ägyptischen Horuskult und später aus dem christlichen Glauben bekannt.

 

   Aber auch die vier anderen Planeten – Merkur, Mars, Jupiter und Saturn sind bereits in sumerischer Zeit bekannt und spielen in der babylonischen Schöpfungsmythologie eine große Rolle. Bemerkenswert ist, dass in ältester Zeit der Mondgott (sumerisch Nanna) absoluten Vorrang hat. Später wandelt sich das und in manchen Hymnen wird die Göttin Venus (sumerisch Inanna) als Himmelskönigin verehrt, gekrönt mit dem Himmel und die Erde unter ihren Füßen. Auch diese Himmelskönigin kehrt in ähnlicher Gestalt in der ägyptischen Göttin Isis und in der christlichen Verehrung Marias wieder.

 

   In den babylonischen Schöpfungsmythen des Enuma Elisch (um 1500 v.Chr.) übernimmt Jupiter (babylonisch Marduk) die Führung im Pantheon. In noch späterer Zeit, in der Kultur und Wissenschaft erblühen, erhält Merkur (babylonisch Nabu) eine herausragende Position.

 

   Die Planetengötter haben jeweils bestimmte Machtbereiche, die im Laufe der sumerisch-babylonischen Kultur variieren, sich aber etwa um 1500 v.Chr. zu einem einheitlichen Bild verfestigen. In den Mythen der Gestirngötter wird geschildert, welche Eigenschaften diese Götter haben und was sie bewirken. Diese Eigenschaften und Machtbereiche sind sehr differenziert und umfassen Naturerscheinungen, Pflanzen, Tiere sowie menschliche Tätigkeitsbereiche handwerklicher, politischer oder religiös-kultischer Art. Wenn man diese Eigenschaften auf einen kurzen Nenner bringt, so kommt dabei etwa folgendes heraus: die Sonne (babylonisch Schamasch) verkörpert den Vater und generell das Lebensprinzip über den Tod hinaus. Der Mond verkörpert (babylonisch Sin) die Mutter und generell das Leben in der Natur, Venus (babylonisch Ischtar) als Abendstern die Liebe und als Morgenstern den Kampf, Mars (babylonisch Nergal) den Krieg und den Tod, Merkur (babylonisch Nabu) das Wissen und die Wissenschaft, Jupiter (babylonisch Marduk) die priesterliche und weltliche Herrschaft und Saturn (babylonisch Ninib) die schwere (Feld-)Arbeit und alles Schwere und Vergängliche. 

 

   Im Zuge der Ausbreitung der Astrologie über den mesopotamischen Raum hinaus wurden die Götternamen den jeweiligen Kulturen und Sprachen angepasst, die Eigenschaften blieben aber weitgehend erhalten. So wurde in griechischer Zeit aus „Nergal“ „Ares“ und in römischer Zeit aus „Ares“ „Mars“. Dennoch blieb er durch diese Zeiten hindurch der Planetengott des Krieges und des Todes. Aus „Ischtar“ wurde „Aphrodite“, dann „Venus“ – wenn auch ihre kriegerische Seite aus babylonischer Zeit verschwand, blieb sie doch immer die Göttin der Liebe. Aus „Marduk“ wurde „Zeus“ und dann „Jupiter“. Der Planet blieb derselbe und auch seine herausgehobene Stellung als Repräsentant der königlich-priesterlichen Macht blieb im Kern unverändert.

 

   Diese römischen Planetengötter überlebten schließlich die europäische Religionsgeschichte bis in die Gegenwart. Unsere Sieben-Tage-Woche ist – besonders deutlich in den romanischen Sprachen nachzuvollziehen – nach den sieben Planetengöttern benannt. In den astrologischen Jahres-Prognosen des 16. und 17. Jahrhunderts sind diese römischen Planetengötter mit ihren Symbolen häufig auf die Titelblätter gedruckt worden. In dieser Zeit gilt immer noch, dass die Planeten von Göttern regiert werden.

 

   Auch die Astrologie des 19. und 20. Jahrhunderts steht weiterhin ganz in dieser Tradition. Wenn die Mehrheit der Astrologen auch nicht mehr von Gestirngöttern spricht, sondern sie als „Kräfte“ versteht, die im Menschen, in der ganzen Natur und im Kosmos vorhanden sind, so bleiben die Eigenschaften, die bereits die babylonische Gestirnreligion formuliert hatte, prinzipiell unverändert. Dazu aber mehr im nächsten Abschnitt.             

 

   Die babylonische Gestirnreligion ist der Kern und die Urform der späteren Astrologie. Zum religiösen Kern gehört auch, dass nicht nur die sieben Planeten, sondern Fixsterne und Fixsterngruppen - zu Sternbildern zusammengefasst - als Götter verehrt werden. Aus der Zeit um 1200 v.Chr. sind uns viele Grenzsteine bekannt, die eine unterschiedlich große Anzahl von eingemeißelten Sternbildern aufweisen. Das ganze Himmelsgewölbe ist geschlossen mit Sternbildern übersät und entsprechend unübersichtlich groß ist die Zahl der Himmelsgötter.

 

   Eine überschaubare Ordnung ergibt sich erst, als das breite Band des jährlichen Sonnenlaufs in zwölf gleichmäßige Abschnitte zu je 30° unterteilt wird. Diese Sektoren teilen den Raum der Sonnenbahn nun in eine überschaubare Zahl von sogenannten Tierkreiszeichen. Zusammen bilden sie den „Zodiakos“. Übersetzt heißt Zodia Lebewesen. Das zeigt, dass jedem Tierkreiszeichen „Leben“ zukommt, dass es als göttliches (oder auch dämonisches) Wesen verehrt wurde. Auch diesen belebten Tierkreiszeichen kommen, wie den Planeten, bestimmte Eigenschaften und Herrschaftsbereiche zu, die zum Teil den charakteristischen Merkmalen der Jahreszeiten entsprechen.

 

   Mit dieser Zwölfzahl war nun der zahlenmäßig unüberschaubar große Götterhimmel auf eine kleine, überschaubare und praktikable Größenordnung festgelegt.

 

   Die Tierkreiszeichen sind also - astronomisch gesehen - das Ergebnis einer intensiven Beobachtung des jährlichen Laufes der Sonne. Dieser beginnt mit der Tag-und-Nachtgleiche im Frühling, führt über die Sommersonnenwende, die Tag-und-Nachtgleiche im Herbst zur Wintersonnenwende und vollendet den Jahreslauf wieder zum Frühlingsbeginn.

 

   Die Zwölfzahl des Tierkreises ist uns erstmals durch eine Keilinschrift aus dem Jahre 419 v.Chr. überliefert. Wie es allerdings von der Vierteilung des Kreises der Sonnenbahn zu dieser Zwölfzahl kam, lässt sich heute kaum noch nachvollziehen. Zusammen mit den Planeten bilden sie aber bis heute das Grundgerüst der Astrologie.

 

   Neben der Gestirnreligion, die in sumerischer und babylonischer Zeit Planeten und Tierkreiszeichen als Götter oder als Wohnsitz von Göttern verehrte, bildete sich allmählich auch der wissenschaftliche Zweig der Astrologie heraus, die beobachtende und berechnende Astronomie. Sie war ganz den Priestern vorbehalten. Die Tempelbauten dienten nicht nur der Verehrung der Gestirngötter, sondern auch der Beobachtung und Berechnung der sichtbaren Himmelskörper. Diese Berechnung war also nicht nur Wissenschaft in unserem Sinne, sondern gehörte zur Ausübung der Religion. Sie diente der Erforschung des Willens der Gestirngötter, nämlich ob diese Kriege oder Friedenszeiten, Krankheiten, Hungersnöte oder reiche Ernte sandten.

 

   Um 1500 v.Chr. waren die genauen Zeitläufe von Sonne und Mond, dann auch von den anderen Planeten bekannt. Ebenso konnte die Himmelsmitte, der Zenith, und der Aufgang im Osten, der Aszendent, genau bestimmt werden. Seit dieser Zeit können wir auch von einer ausgeprägten Astrologie sprechen.

 

   Auch wenn an dieser Stelle manches unerklärt bleiben muss, so ist doch deutlich, wie eng die Gestirnreligion mit der beobachtenden Wissenschaft verbunden ist, wie die Astrologie Religion und Wissenschaft zugleich sein will. Damit ist das Grundprinzip umschrieben, das die Astrologie ausmacht. Es ist der tief empfundene Glaube, dass der Kosmos göttlich geordnet und verwaltet wird, und dass all die Dinge, die am Himmel geschehen und berechenbar sind, in geheimnisvoller Weise mit dem Geschehen auf der Erde in enger Beziehung stehen.

 

   Die mesopotamische Astrologie hat sich mit ihren ausgeprägten Berechnungsmethoden in hellenistischer Zeit schnell über den ganzen Mittelmeerraum verbreitet. Um das Jahr 280 v.Chr. gründete der babylonische Marduk-Priester Berossos auf der griechischen Insel Kos eine Astrologenschule. Mit seinen Prognosen soll er die Athener so beeindruckt haben, dass diese ihm eine Statue mit goldener Zunge widmeten. Etwa in dieser Zeit hat sich auch die individuelle Geburtsastrologie durchgesetzt. Während in früherer Zeit die Belange des Staates und natürliche Ereignisse – wie Wetter und Erdbeben - von den Astrologen beobachtet wurden, kam nun hinzu, dass auch für einzelne Menschen Horoskope erstellt wurden. Für den Zeitpunkt der Geburt und unter Berücksichtigung des Ortes wurde ein Horoskop erstellt, das über Lebenslauf und Veranlagungen Auskunft geben sollte. Das älteste uns überlieferte individuelle Geburtshoroskop stammt aus dem Jahr 410 v.Chr. 

 

   Zusammenfassend lässt sich sagen: das Eigentümliche der sumerisch-babylonischen Astrologie ist ihre ausgeprägte religiöse Verehrung der Gestirne und die gleichzeitige Herausbildung präziser Berechnungsmethoden ihrer Bahnen. Von der ägyptischen Traditionslinie der Astrologie wissen wir, dass ihr die präzise Berechnung der Planeten weniger wichtig war. Zwar erkennt auch sie in der religiösen Einheit von Kosmos und Mensch ihr hauptsächliches Anliegen, sie setzt im einzelnen aber doch andere Akzente.

 

Ägypten

 

   Anders als die sumerisch-babylonische Astrologie kennt die ägyptische einen historisch einigermaßen fassbaren Stifter. Folgt man vielen hellenistischen Schriftstellern, so hat der als Gott verehrte Hermes Trismegistos (Hermes „Dreimalgrößter“) auserwählten Jüngern und Priestern Magie und Wissenschaft, die Schrift und die Astrologie mitgeteilt. Andere Schriftsteller berichten davon, dass Hermes Trismegistos die Lehre von den geheimen Wirkungen der Gestirne in die Wände und Säulen des Allerheilgsten der Tempel eingemeißelt habe.

   Hermes „Dreimalgrößter“ ist auch der Beiname des ägyptischen Gottes Thoth. Dieser wiederum wird in früher Zeit mit dem Mond, später mit dem Planeten Merkur in Verbindung gebracht. Historisch lässt sich mit der Lehre des Hermes der Arzt und Pyramidenbauer Imhotep verbinden, der um 2600 v.Chr. unter dem Pharao Zoser lebte. Die Entstehungszeit der ägyptischen Astrologie lässt sich damit wie auch die sumerisch-babylonische etwa um diese Zeit vermuten.

 

   Von weiteren göttlichen Offenbarungen an auserwählte Personen berichten spätere Astrologen. So sollen Schriften, die in hellenistischer und spätantiker Zeit unter den Namen Nechepso und Petosiris weit verbreitet waren, auf solche Offenbarungen zurückzuführen sein. Nechepso selbst – wahrscheinlich ein König aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert – soll seine Offenbarung so beschrieben haben: „Es schien mir, als ich eine ganze Nacht betend zum Himmel emporschaute, sich der Himmel zu öffnen, und aus dem Himmel tönte eine Stimme. Dann legte sich ein himmelblaues Gewand um meinen Leib, das der Nachthimmel mir darbot. Und so erfuhr ich die ganze unvergängliche Ordnung in den Bewegungen des Weltalls.“

 

   Diese so geoffenbarte ägyptische Astrologie ist zuerst ebenfalls Gestirnreligion, oder treffender gesagt: eine Theologie des Kosmos. Auch sie kennt Planetengötter, von denen besonders der Sonnengott Re eine herausragende Stellung einnimmt. Die Verehrung des Sonnengottes wurde so kultiviert, dass er kurze Zeit der einzige Gott Ägyptens war. Aber auch der altägyptische Mondgott Thoth (später wurde Isis zur Mondgöttin) und Merkur hatten wichtige Funktionen. Dazu kamen viele helle Fixsterne und Sternbilder, die als Gottheiten verehrt wurden.

 

   Viel wichtiger als die Planetengötter sind der ägyptischen Astrologie aber die sogenannten Dekaden. Ähnlich wie die sumerisch-babylonische Astrologie die Sonnenbahn in zwölf Tierkreiszeichen zu je 30° einteilte, gliederten die ägyptischen Astrologen die jährliche Sonnenbahn in 36 gleichmäßige Abschnitte zu je 10°. Die Ägypter kannten die 365 Tage des Jahres und gliederten sie in 36 Wochen zu je zehn Tagen. Eine Zehn-Tage-Woche war einer Dekade und dem dazugehörigen Gott bzw. Dämon geweiht.

 

   In späterer Zeit übernahm die ägyptische Astrologie die sumerisch-babylonischen Tierkreiszeichen und passte die Dekaden in dieses System ein. So war jetzt jedes der zwölf Tierkreiszeichen zu je 30° noch einmal in drei Dekaden zu je 10° unterteilt.

   Diese Verknüpfung von Tierkreiszeichen und Dekaden finden wir heute noch in manchen Zeitschriftenhoroskopen wieder, wenn die Prognosen für die unter einem Tierkreiszeichen geborenen Menschen noch einmal in dreigeteilt sind. So lauten dann manche Wochen- oder Monatsprognosen: „Widder 1. Dekade ..., Widder 2. Dekade ...,“ usw. Menschen, die unter einem bestimmten Dekaden-Gott oder -Dämon geboren wurden, erhielten oft dessen Namen und standen somit Zeit ihres Lebens mit diesem in Verbindung.

 

   Es gab aber in der ägyptischen Astrologie noch eine weitere Einteilung des Himmelsraumes. Jeder einzelne Grad des 360° Kreises der Sonnenbahn wurde ebenfalls besonders benannt und einem Gott oder Dämon zugeordnet. Diese Einzelgrade nannte man Monomoiriai und auch sie wurden in die Horoskopdeutung mit einbezogen.

 

   Der Tierkreis war somit von einer Vielzahl von Göttern und Dämonen bevölkert, die nicht an Planeten oder Fixsterne gebunden waren, sondern die systematisch eingeteilten Himmelsräume besetzten. Diese Götter und Dämonen wurden dann für die Menschen bestimmend, wenn die Sonne deren jeweiligen Himmelsraum durchlief. Die Horoskopdeutung wurde damit aber auch zu einer sehr komplizierten Angelegenheit. Denn jeder Punkt, den die Sonne durchlief, war mindestens von drei Göttern oder Dämonen bestimmt. Die Gottheit eines Tierkreiszeichens regierte einen ganzen Monat, nämlich solange die Sonne dieses Zeichen durchlief. Gleichzeitig durchlief die Sonne jeweils 10 Tage lang eine der drei Dekaden eines Tierkreiszeichens. Und dazu kamen die Einzelgrade, die die Sonne an einem Tag durchliefen. (Die ägyptische Astrologie kennt übrigens noch weitere Einteilungen des Raumes mit jeweiligen Göttern, so dass tatsächlich mehr als drei Götter die Qualität einer Tageszeit bestimmten. Auf diese soll hier aber nicht weiter eingegangen werden).

 

   Damit wurde die Horoskopdeutung aber auch zu einer sehr komplizierten Angelegenheit. Für jeden Augenblick mussten die ägyptischen Astrologen die verschiedenen Einflüsse gegeneinander abwägen, um ihre Aussagen zu treffen.  

 

   Das Besondere an der ägyptischen Astrologie ist, dass sie ein ausgesprochen differenziertes System der Heilkunde entwickelte. Jeder Stein, jede Pflanze, jedes Tier war einem bestimmten astralen Gott zugeordnet, das heißt: in diesem Stein oder Organismus wirkte die Kraft dieses Gottes. Ebenso war der Körper jedes Menschen, jedes einzelne Organ, jeder größere Körperteil und der wiederum aufgeteilt in Unterabschnitte, einem Tierkreiszeichen-Gott, einem Dekaden-Gott oder einem Monomoiriai-Gott zugeordnet. Erkrankte ein Organ, so wurde die Ursache mit der entsprechenden Gottheit oder dem Dämon in Verbindung gebracht. Geheilt wurde, indem entsprechende Pflanzenteile oder Tierprodukte, die von dem gleichen Gott bewohnt waren, verabreicht wurden. Oder es wurden Gegenmittel gesucht, die den verursachenden Dämon bekämpften. – Diese astrologische Heilkunde nannte man Iatromathematik (iatros ist die griechische Bezeichnung für Arzt und als Mathematik bezeichnete man in der Antike, aber auch noch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit jede Art von Sternenbeobachtung und -berechnung einschließlich der Astrologie). Sie war nicht nur in hellenistischer und römischer Zeit, sondern bis in die frühe Neuzeit die gebräuchliche Medizin und wird in der Gegenwart in verschiedenen alternativen Heilmethoden wiederentdeckt.

 

   Wie die sumerisch-babylonische Astrologie, die versucht, die großen Weltereignisse wie auch einzelne Menschen im Zusammenhang mit der göttlichen Ordnung des Kosmos zu beschreiben, so versucht die ägyptische Astrologie diesen Zusammenhang vor allem von der heilkundlichen Seite her zu sehen. Heil-Sein bedeutet in der ägyptischen Astrologie aber nicht nur das Genesen von einzelnen Gebrechen. Der eigentliche Grundgedanke ist auch hier ein naturreligiöser. Jeder Mensch ist ein Mikrokosmos, in dem alle göttlichen Kräfte des Kosmos in den jeweiligen Organen und Körperteilen anwesend ist. Sind diese Kräfte harmonisch aufeinander abgestimmt, ist der Mensch gesund und er lebt in der Harmonie mit dem Makrokosmos, in dem dieselbe göttliche Ordnung herrscht.

  

   Beide Strömungen der Astrologie, die mesopotamische und die ägyptische, fließen in hellenistischer Zeit ineinander, werden durch andere Religionen und Philosophien befruchtet und finden auch in die großen Religionen Eingang – in das Judentum und das Christentum, später dann auch in den Islam.

 

Das Weltbild der Astrologie in hellenistischer Zeit

 

   Als Alexander der Große im 4. Jahrhundert v.Chr. den Orient und große Teile des Mittelmeerraumes erobert und zu einem Reich zusammenschließt, findet infolge dessen ein reger kultureller Austausch statt. Auch die Astrologie dringt nun von ihren mesopotamischen und ägyptischen Quellen her ungehindert nach Griechenland und später weiter Richtung Westen vor. In dieser hellenistischen Zeit ist die Astrologie bereits zu einem festen Weltbild geronnen. Grundsätzlich steht sie auf zwei Säulen:

 

Sie interpretiert die ganze sichtbare Weltordnung religiös. Dabei bildet die Erde den Mittelpunkt der Welt, der Himmel mit seinen Gestirngöttern bewegt sich als geschlossene Kugel um die Erde herum.

Sie geht davon aus, dass durch die Erfahrung die Richtigkeit der Astrologie bewiesen ist. Das lässt sich durch eine vergleichende Beobachtung des Lebens auf der Erde mit den Bewegungen des Himmels nachweisen.

 

Diese beiden Aussagen müssen kurz erläutert werden.

 

   Die Astrologie will Mensch, Natur und Kosmos in einem umfassenden Zusammenspiel sehen. Die Frage, die wir uns heute stellen, nämlich wie dieses Zusammenspiel von Gestirnen, Natur und Mensch eigentlich funktionieren soll, beantwortet die Astrologie folgendermaßen: der Kosmos besteht aus sichtbaren einzelnen Gestirnen, deren Bewegungen berechenbar sind. Die erstaunliche Gleichmäßigkeit, mit der sich die Gestirne am Himmel - und das ganze Himmelsgewölbe mit ihnen - bewegt, lässt nur den Schluss zu, dass dieser faszinierende Sternenhimmel von göttlichen Kräften gelenkt sein muss. Nicht nur die Priester in den verschiedenen Religionen, auch die Wissenschaftler der Antike sahen in den leuchtenden Gestirnen die Leiber der Götter. Aristoteles – die herausragende Autorität unter den antiken Naturphilosophen, der bis ins späte Mittelalter unangefochten die Nummer eins unter den Wissenschaftlern war – sagte von den Gestirnen, dass sie Intelligenzen seien, und dass ihre Leiber aus dem „Äther“ bestünden, den wir als leuchtende Sterne sehen.

 

   Aber diese Götter waren nicht nur in den Gestirnen, sondern auch unsichtbar im ganzen Kosmos anwesend. So ist der Gott der Sonne, der uns sichtbar Licht und Wärme spendet, auch in uns Menschen anwesend. Wenn wir einem Menschen begegnen, der eine besondere „Herzenswärme“ vermittelt, so wirkt „die Sonne“ in ihm. Das menschliche Herz wurde zum Sitz der Sonnenkraft. Auch in Pflanzen und Metallen stellte man sich die Anwesenheit der Sonnenkraft vor. Dem Glanz der Sonne entspricht das Gold und deshalb wirkt die Sonnenkraft auch in diesem Metall. In Pflanzen, denen man besonders starke heilende Lebenskräfte zusprach, wirkte ebenfalls die Sonne.

 

   Auch alle anderen Planeten und Tierkreiszeichen wurden mit bestimmten menschlichen Eigenschaften und Organen, mit Tieren, Pflanzen und Metallen in Verbindung gebracht. Auf diese Weise entstand ein ganzes System von analogen Beziehungen zwischen Gestirnen und den Dingen auf der Erde. Dieses System von Analogien – äußerlich an Gegenstände gebunden, innerlich mit göttlichen Kräften versehen – macht das Weltbild der Astrologie bis in die Gegenwart aus. In antiker Zeit nannte man dieses lebendige Geflecht, durch den alles im Kosmos miteinander in Zusammenhang stand, „Sympathie“. Das heißt soviel wie „zusammenklingen“. Alles, was wir an Einzeldingen sehen, steht – für die antiken Astrologen – in einem lebendigen, göttlichen Zusammenhang. Auch in der modernen Astrologie wird immer wieder betont, dass sie lediglich analoge Verhältnisse beschreibt und nicht – wie häufig angenommen – von Einwirkungen durch die Gestirne spricht. 

 

   Aus diesem Geflecht von gegenseitigen analogen Beziehungen ist kein Gegenstand auf der Erde und im Kosmos ausgenommen. Kein Ereignis geschieht für sich allein. Alles ist mit den jeweils ähnlichen Kräften im Kosmos verbunden. Deshalb fragt die Astrologie nicht nach den Ursachen von Ereignissen, sondern sie will nur das Analogiegeflecht beschreiben, in dem jedes Ereignis seinen Platz hat.

 

   Die antike Astrologie geht von der „Beseeltheit“ der ganzen Natur aus. Ohne diese würde die Analogie auch nicht funktionieren. Wer heute an diese „Beseeltheit“ der ganzen Natur nicht glauben kann, wird Schwierigkeiten haben, die Astrologie ernst zu nehmen. Wer an diese Beseeltheit glaubt – wie das in den Naturreligionen und in vielen neuen religiösen Bewegungen der Fall ist – hat gute Voraussetzungen, zumindest das Weltbild der Astrologie zu akzeptieren.

 

   Dieses eben beschriebene naturreligiöse Weltbild der Astrologie bezieht sich nur auf den sichtbaren Kosmos. Die Götter und Dämonen bzw. die göttlichen Kräfte gehören ganz in die diesseitige Welt. Aus jüdisch-christlicher oder islamischer Perspektive würden wir sagen: die Götter der Astrologie gehören zur Schöpfung. Sie sind nicht selbst Schöpfer der Gestirne oder der Menschen, sondern sie sind selbst geschaffen. Der griechische Philosoph Platon spricht in seiner Schrift Timaios ebenfalls davon, wie der Schöpfergott erst die Welt und dann die Gestirngötter erschaffen hat.

 

   Die Astrologie ist also durchaus so beschaffen, dass sie sich mit ihrem Weltbild bequem in das Judentum, das Christentum und den Islam einfügen kann. Denn der Schöpfergott dieser Religionen, der die Welt geschaffen hat, hat auch die Gestirne und die Gestirngötter geschaffen. Auf dieser Basis konnten die großen monotheistischen Religionen auch die polytheistische Astrologie aufnehmen, ohne dass ihre jeweiligen zentralen Bekenntnisse angetastet wurden. Und so geschah es auch, dass in allen drei Religionen die Astrologie aufgenommen worden ist. Das geschah nicht ohne Konflikte – teils wurde sie auch heftig bekämpft -, sie fand aber auch immer wieder Anhänger.

 

Zur empirischen Begründung der antiken Astrologie

 

   Mit diesem religiösen Weltbild ist die Astrologie aber noch nicht vollständig, denn sie will ja konkrete Aussagen über bevorstehende Ereignisse oder über die Begabungen eines Menschen machen. Und so geht sie davon aus, dass über den jeweiligen Stand der Gestirne solche Prognosen und Aussagen getroffen werden können. Um das an einem ganz einfachen Beispiel zu demonstrieren: wenn sich am Himmel Mars und Venus in Opposition gegenüberstehen, das heißt wenn sie zueinander in einem 180° Winkel stehen, dann kämpft nicht nur der Kriegsgott Mars gegen die Liebesgöttin Venus, sondern dann gibt es analog dazu auf der Erde eine Situation, wo es um den Kampf zwischen Krieg oder Frieden geht.

 

   Nun beruft sich die Astrologie auf die Erfahrung, dass dieses Zusammenspiel tatsächlich stattfindet. Diese Berufung auf die Erfahrung wird von allen großen Astrologen der Antike, aber auch der späteren Zeit, als Hauptargument angeführt. Beispielsweise führt der berühmte Wissenschaftler Johannes Kepler (1571-1630) zur Verteidigung der Astrologie an: „Den Glauben an die Aspekte (gemeint sind die Gestirnpositionen) verleiht in erster Linie die Erfahrung, die so klar ist, dass sie nur jemand leugnen kann, der nicht mit eigenen Augen geprüft hat.“ - Man kann hier sofort einwenden: wenn die Astrologie so klar ist, warum sind dann heute so wenige Wissenschaftler von ihr überzeugt? - Aber dieser Einwand liegt noch auf einer anderen Ebene. Zuerst geht es darum, zu sehen, dass sich Astrologen in allen Epochen zuerst auf die Erfahrung berufen, wenn sie Gründe für die Astrologie anführen.

 

   Schon die alte mesopotamische Astrologie zeigt uns, wie ausgeprägt das Bemühen um einen empirischen Nachweis bereits in den Anfängen war. Dazu liegt uns recht umfangreiches archäologisches Material vor.

   Im Jahre 1847 wurde in der Nähe der Ruinen von Ninive die vollständig erhaltene Bibliothek des Königs Assurbanipal (König von 669-626 v.Chr. über Assyrien und Babylon) gefunden. Diese Bibliothek mit über 4000 astrologischen Tontafeln zeigt uns eine erstaunliche Systematik astronomischer Beobachtungen und ihrer astrologischen Interpretationen. Die Astrologen gingen dabei nach folgendem Schema vor: eine Beobachtung am Himmel wurde mit Datum und Tageszeit registriert und hinsichtlich ihrer Merkmale genau beschrieben. Ebenso wurden parallel dazu alle politischen und in der Natur vorkommenden Ereignisse registriert. Dasselbe wiederholte sich fortlaufend und auf diese Weise sind über viele Jahrhunderte kontinuierliche Register entstanden, die minutiös die Himmelserscheinungen mit den Ereignissen auf der Erde prüften, mit älteren Vorlagen verglichen und durch neue Beobachtungen ergänzten. Der Assyrologe Carl Bezold, der einen großen Teil dieser Tontafeln übersetzte, beschreibt das so: „Sooft am Himmel dem Subjekt S das Prädikat P zukommt, kommt auch auf der Erde dem Subjekt s das Prädikat p zu.“

 

   Auch hier ein einfaches Beispiel: „Wird am 15. Tag des Monats der Vollmond mit der Sonne zusammen gesehen, so wird der starke Feind seine Waffen gegen das Land richten ... Am 15. Tag wurde er mit der Sonne gesehen ... Der König möge es wissen und bedenken.“ Im ersten Teil des Textes wird die allgemeine Beobachtung beschrieben: immer wenn am 15. des Monats bei Vollmond Sonne und Mond gleichzeitig zu sehen sind, gibt es feindliche Handlungen. Dann folgt der beobachtete konkrete Fall: jetzt wurde es gesehen – und dann folgt die empirisch begründete Prognose: also gibt es feindliche Handlungen. Viele Texte bestätigen dann die Prognose noch mit dem Zusatz: „ ...und wirklich geschah das erwartete Ereignis.“

 

   Den Wahrheitsgehalt können wir heute nicht mehr prüfen. Alle Forscher, die sich mit diesen Texten bisher befassten, sind sich aber darin einig, dass die babylonischen Astrologen ernsthaft bemüht waren, eine astrologische Systematik zu erstellen, die sich ganz auf empirische Daten stützte. Dabei muss aber auch der Stellenwert der Astrologen berücksichtigt werden. Sie waren gleichzeitig Priester und übten im Staat eine wichtige politische Funktion aus. Das Beispiel oben zeigt, dass die astrologische Prognose für den König gedacht war. Man kann also davon ausgehen, dass die Astrologie ein wichtiges Mittel war, um wichtige politische Entscheidungen zu treffen.

 

   Versuche, die Astrologie empirisch zu begründen, hat es im Laufe der Geschichte der Astrologie bis in die Gegenwart immer wieder gegeben. Ebenso gibt es seit etwa 200 v.Chr. von einzelnen Philosophen und Astronomen Kritik an der Astrologie. Diese Kritik richtet sich manchmal nur gegen einzelne Aussagen der Astrologie, wobei sie grundsätzlich schon für richtig gehalten wird. Von einigen Kritikern wird sie aber auch insgesamt als unbrauchbar abgelehnt.

 

Die Praxis der Astrologie in römischer Zeit

 

   Das römische Reich ermöglichte es nicht nur dem Judentum und dem Christentum sich ungehindert im ganzen Mittelmeerraum auszubreiten. Viele andere Religionen und natürlich auch die Astrologie konnten nun schnell überall hin gelangen.

 

   Die Astrologie bot in der römischen Kaiserzeit ein sehr vielfältiges und verwirrendes Bild. In Mesopotamien und Ägypten war sie ausschließlich Priestern vorbehalten, die den jeweiligen Herrschern beratend zur Seite standen. Erst allmählich entwickelte sich eine Astrologie, die auch für einzelne Menschen aus dem Volk zugänglich war. Horoskope wurden nun nicht nur für Könige und wichtige Staatsereignisse erstellt, sondern auch für einzelne Menschen. Über Lebenslauf, Ehe, Reichtum oder Armut, Todesart – über alle wichtigen Lebensstationen wurden nun Prognosen erstellt. Das älteste uns überlieferte Geburtshoroskop stammt aus vorrömischer Zeit und ist uns aus dem Jahr 410 v.Chr. aus Mesopotamien überliefert. Diese individuelle Astrologie ermöglichte es, dass viele mehr oder weniger begabte Astrologen ihr Handwerk nun zu einer einträglichen Erwerbsquelle machen konnten.

 

   Etwa ab 200 v.Chr. nahm die Astrologie neben anderen magischen Künsten besonders in der Volksfrömmigkeit Roms einen ungeheuren Aufschwung. Viele Bürger Roms trugen kleine beschriftete Papyrusblätter mit sich, von denen sie ablesen konnten, welche Stunden des Tages für welche Beschäftigungen günstig seien und welche nicht. Fragen zur Gesundheit, aber auch zu Betätigungen im Alltag, wie der Gang zum Friseur, wurden astrologisch bestimmt. Alles drehte sich darum, ob ein Tag oder eine Stunde für bestimmte Handlungen „günstig“ oder „ungünstig“ sei. Dahinter stand die Anschauung, dass alle Tage und Stunden jeweils von verschiedenen Gestirngöttern beherrscht wurden. Und so glaubte man, dass ein astrologisch „richtig“ gewählter Arzttermin durch die gerade herrschenden Götter unterstützt wurde. Ein astrologisch „falsch“ gewählter Termin hingegen hatte zur Folge, dass die entsprechenden Götter den Absichten entgegenwirkten.

 

   In den gebildeten Schichten – einschließlich der römischen Kaiser - wurde die Astrologie  heiß diskutiert. Anlass gab vor allem der Athener Philosoph Karneades, der 156 v.Chr. als Gesandter nach Rom kam und dort heftig gegen die praktische Astrologie auftrat. Seine wichtigsten Argumente waren:

 

1.Die Gestirne sind zu weit von der Erde entfernt, um einen Einfluss ausüben zu können.

2.Kinder, die im gleichen Augenblick geboren werden, haben dennoch ganz verschiedene

   Lebenswege (als Beispiel führt er an: als Homer geboren wurde, wurden sicher auch andere 

   Menschen geboren, die aber weder Dichter noch berühmt geworden sind).

3.Umgekehrt sterben Menschen bei Katastrophen und in Kriegen massenhaft gleichzeitig trotz

   verschiedener Horoskope.

4.Das feine Fluidum, das von den Gestirnen ausgeht und zur Zeit der Geburt eines Menschen

   eingeatmet wird und seinen Charakter bestimmt, ist durch die unterschiedlichen

   Witterungsverhältnisse an den jeweiligen Geburtsorten so verändert, dass der Einfluss der

   Gestirne jeweils auch ganz anders ist.

 

   Viele Gebildete waren diesen Argumenten gegenüber aufgeschlossen und glaubten ebenfalls nicht an die Möglichkeit, aus den Gestirnen genaue Prognosen erstellen zu können. Dennoch blieb die überwiegende Mehrheit der Aristokraten dem Weltbild der Astrologie und bestimmten astrologischen Praktiken treu. – Wie ist das zu erklären?

 

   Der Glaube an die Götter, die den ganzen Himmels- und Erdraum bevölkerten, war ungebrochen, und auch Karneades bezweifelte nicht deren Existenz. Auch der grundsätzliche Einfluss der Gestirne auf die Erde war unbestritten, wie die 4. These des Karneades ja zeigt. Ebenso unbestritten war, dass jeder Mensch ein bestimmtes Schicksal hatte, dem er nicht entweichen konnte. Das lehrten auch viele Philosophen. Für den Verlauf eines jeden Schicksals waren – unabhängig von der Astrologie - eigens drei Göttinnen zuständig, die im griechischen „Moiren“ und im lateinischen „Parzen“ genannt wurden. Bestritten wurde also nicht das astrologische Weltbild, sondern nur die Anmaßung, dass präzise Vorhersagen für jedes Ereignis möglich wären.

 

   Ein Beispiel für diese „gebildete“ Astrologie, die „vulgäre“ Prognosen ablehnte, lieferte Gajus Julius Cäsar (100-44 v.Chr.). Auch er war Vorhersagen gegenüber skeptisch. So ließ er viele Warnungen von Wahrsagern unbeachtet, auch die, die ihm in den Iden des März einen Mordanschlag prophezeiten, dem er schließlich zum Opfer fiel. Andererseits verehrte Cäsar die Göttin und den Planeten Venus in einer „Person“ als Stammmutter seiner Familie. Nach seinem Tod, hieß es, würde er zum Planeten Venus aufsteigen. Zum Planten Venus gehört auch das Tierkreiszeichen „Stier“, unter dem Cäsar geboren wurde, und das er als Legionszeichen zum Staatssymbol erhob. Ähnliches wiederholte der Kaiser Augustus mit seinem Geburtszeichen „Steinbock“. Der Komet, der sich im Jahre 44 v.Chr. zeigte, dem Todesjahr Cäsars, wurde ebenso als von den Göttern bestimmtes Zeichen in der Politik gedeutet.

 

   Die nachfolgenden Kaiser waren alle mehr oder weniger Anhänger der Astrologie. Viele hatten eine ganze Schar von Astrologen um sich, die besonders die Geburtshoroskope der Kinder einflussreicher Familien erstellten und begutachteten. Paradoxerweise verboten einige dieser Kaiser mehrere Male die Ausübung der Astrologie innerhalb der Stadtgrenzen Roms. In Folge dessen wurden viele Astrologen aus Rom vertrieben. Das hatte verschiedene Gründe. Vor allem war die Angst vor dem Machtverlust groß. Astrologen konnten mit einfachen Mitteln den Tod eines Kaisers vorhersagen oder jeden Konkurrenten des Kaisers zum Nachfolger erklären und das mit dem Schicksal der Sterne begründen.

 

   Wir kennen einen ähnlichen Fall aus dem Neuen Testament: Der Evangelist Matthäus berichtet von den drei „Magiern aus dem Osten“, die vor den König Herodes kommen und den neugeborenen König der Juden suchen, weil sie „seinen Stern“ gesehen hätten. Herodes bekommt Angst und lässt alle neugeborenen Söhne töten. Diese Angst hatten wohl alle Könige und Kaiser. Sie wussten um die Macht der Astrologen und sie waren von der Macht dieser Vorzeichen überzeugt.

 

   Neben offensichtlichen Fehlprognosen wurde auch immer wieder von spektakulären Treffern berichtet. Der Kaiser Domitian war anfänglich Gegner der Astrologie, wohl auch deshalb, weil man ihm schon in jungen Jahren einen frühen und gewaltsamen Tod voraussagte. Das veranlasste ihn, einen Astrologen zu fragen, auf welche Weise dieser selbst sterben würde. Der sagte ihm, er werde von Hunden zerrissen. Um den Astrologen zu widerlegen, ließ er ihn schnell enthaupten und sofort verbrennen. Dabei fiel aber der Scheiterhaufen um und der Leichnam des Astrologen fiel auf die Erde, worauf sich sofort Hunde auf ihn stürzten und zerrissen. Domitian war von Stunde an Anhänger der Astrologie.    

  

   Im Alltagsleben wie auch in der Politik spielte die Astrologie eine fast unangefochtene Rolle. Aber wie stand die Wissenschaft und die Philosophie der Spätantike zur Astrologie?

   Die niedere Sterndeutung, die im Volk weit verbreitet war, rief mit ihren Prognosen den Spott mancher Dichter hervor. Der Dichter Ennius macht sich über die Astrologen lustig, die anderen Menschen den Weg zu Reichtum meinten zeigen zu können, selbst aber nicht zu Reichtum kamen. Andere Dichter, wie Petronius oder Lukillius, spotteten über die Vorhersagen der genauen Todesstunden, die dann doch nicht eintrafen.

 

   Ganz anders sah es um das Weltbild der Astrologie und um allgemein gehaltene Prognosen aus. Hier bot der Stand der Naturwissenschaften wie auch der Philosophie und Religion genug Material, um an der Astrologie prinzipiell nicht zu zweifeln. Nicht nur die Religionen, auch die meisten Naturwissenschaftler und Philosophen sahen den Kosmos und die unten befindliche Erde als „beseelt“ an. Die Seele in allen Dingen ließ auch die geheimnisvolle Verbindung zu den Gestirnen plausibel erscheinen. Kaum ein Philosoph und Wissenschaftler bezweifelte deshalb Einwirkungen durch die Gestirne. Sie unterschieden sich aber dadurch von der einfachen Wahrsagerei, dass sie den „Einfluss“ der Gestirne allgemeiner sahen, so dass die Gestirne Tendenzen verursachten oder nur „anzeigten“. Vor allem war ihnen wichtig festzustellen, dass sich jeder Mensch kraft seiner Vernunft den Einflüssen der Gestirne erwehren könne.

 

   Zu diesen „gelehrten“ Astrologen sind nicht nur viele römische Kaiser zu zählen, sondern die Mehrheit der Philosophen und Dichter bis zum Ausgang der Spätantike, so zum Beispiel der Politiker Cicero, der neuplatonische Philosoph Plotin, die Dichter Vergil, Ovid und Horaz. Ausdrücklich als gelehrte Astrologen traten Marcus Manilius (etwa um die Zeitenwende) und Claudius Ptolemäus (100-178 n.Chr.) auf. Claudius Ptolemäus’ astrologische Schrift, die „Tetrabiblos“, hat die Astrologie der nachfolgenden Jahrhunderte bis in die Neuzeit geprägt und gehört auch in der modernen Astrologie zu den Standardwerken. Von Marcus Manilius ist uns das älteste vollständig erhaltene astrologische Lehrbuch überliefert. Diese „Astronomica“ wurde etwa zu Beginn unserer Zeitrechnung verfasst. In poetischer Form aber dennoch systematisch erklärt sie den Kosmos als göttliche Ordnung mit ihren astrologischen Gesetzen.

 

   Die spätantike Astrologie mit ihren beiden Richtungen einer „vulgären“ und einer „gelehrten“ Form ist schließlich nicht nur das Vorbild aller späteren Astrologie durch das ganze Mittelalter hindurch bis in das 17. Jahrhundert, sondern Vorbild auch für die Astrologie der Gegenwart.

 

Die Astrologie der Gegenwart

 

   Wir überspringen nun fast 2000 Jahre europäische Religionsgeschichte, um zu sehen, was die heutige Astrologie mit ihrer antiken Vorgängerin verbindet. Wir können dies auch guten Gewissens tun, denn die Astrologie lebt durch die Jahrhunderte fast unverändert in ihrer volkstümlichen wie auch in ihrer gelehrten Variante weiter. Bis in das 17. Jahrhundert bleiben die antiken Planetengötter im Glauben der meisten Menschen bestehen. Sie sind für gute und schlechte Ernte, für Krieg und Frieden, für Krankheit und Heilung zuständig – und das gilt auch innerhalb der christlichen Kirchen. Hier werden die Gestirne als Werkzeuge Gottes verstanden. Unangefochten bedienen sich Päpste, Könige und Fürsten in religionspolitischen Fragen der Astrologie und auch jüdische und christliche Theologen setzen sich mit ihr theoretisch und praktisch auseinander. - Wir werden nun verfolgen, wie es um die Astrologie der Gegenwart bestellt ist.

 

   Gleich zu Beginn stellt sich für den Religionswissenschaftler die Frage: warum übersteht die Astrologie überhaupt den gesamten naturwissenschaftlichen Fortschritt, der seit Nikolaus Kopernikus (1473-1543) das alte Weltbild mit der Erde im Zentrum abgelöst hat? Wie kommen Menschen dazu, trotz der revolutionären Erkenntnisse über die Himmelsmechanik, trotz der unermesslichen Weite und Vielfalt des Kosmos heute noch der Astrologie Glauben schenken?

 

   Zuerst einmal muss festgestellt werden, dass im 18. Jahrhundert – endgültig sogar erst Anfang des 19. Jahrhunderts - die Astrologie aus der anerkannten Wissenschaft und auch aus der anerkannten christlichen Theologie verschwunden ist. Nikolaus Kopernikus, Galileio Galilei, Johannes Kepler, Isaak Newton und Gottfried W. Leibniz, aber auch viele Theologen und Humanisten wie Phillip Melanchthon – sie alle waren noch von der Astrologie und anderen magischen Künsten überzeugt. Bis in das 18. Jahrhundert hinein galt es unter Wissenschaftlern als selbstverständlich, dass in der Natur und im Kosmos göttliche Kräfte am Wirken sind. Zudem begründet Johannes Kepler (1571-1630) als einer der wichtigsten Vertreter des neuen kopernikanischen Weltbildes, warum seiner Meinung nach die Astrologie unabhängig von einer geozentrischen oder heliozentrischen Perspektive nach wie vor gültig sei. Zu dieser Frage äußert er sich - alle später folgenden Kritiken vorwegnehmend – so: “Der Zweifel, ob Himmel oder Erde umgehe, macht die Astrologie nicht verdächtig, weil er sie nichts angehet; dann da ist genug, dass der Astrologe sieht, wie die Lichtstrahlen von Osten, dann von Mittag, endlich vom Westen kommen und verschwinden. Es ist genug, dass man weiß, wann zwei Planeten neben einander gesehen werden und wann sie sich gegenüber stehen und welchen Winkel sie zueinander bilden. Was fragt der Astrologe oder vielmehr die ganze Natur auf der Erde darnach, wie solches zugehe? Wahrlich so wenig wie der Bauer darnach fragt, wie es Sommer und Winter werde, und doch nichts desto weniger sich darnach richtet.” Für ihn sind also das Licht der Planeten und die Winkelbeziehungen aus der Perspektive der Erde ausschlaggebend für die Astrologie. Er beschreibt das Licht neben seinen natürlichen Eigenschaften (Farben, Wärme) als ein Vehikel, das die in den Gestirnen enthaltenen nichtmateriellen Eigenschaften auf die Erde transportiert. Zusätzlich bilden die Winkelbeziehungen der Gestirne, deren Licht sich auf der Erde kreuzt, bestimmte Mischformen spezieller Merkmale, die so alles organische Leben zum Zeitpunkt ihrer Geburt mit imprägnieren.

 

   Erst allmählich setzte sich unter Wissenschaftlern die Meinung durch, dass die Natur nach mechanischen und nicht nach magischen Gesetzen funktioniert. Das galt für die Chemie und die Biologie ebenso wie für die Physik und die Astronomie, die bis dahin ohne magische und göttliche Kräfte kaum vorstellbar waren. Der erste Wissenschaftler, der ganz bewusst alle Magie, allen Jenseits- und Götterglauben endgültig aus der Naturforschung verbannen wollte, war der Chemiker Robert Boyle (1627-1691). Auch jede Form von Theologie und selbst die Ethik sollte aus der Wissenschaft herausgehalten werden, denn – so glaubte Boyle - die Natur und der Kosmos seien schließlich ein riesiges mechanisches Uhrwerk, für dessen Erklärung keine magischen oder göttlichen Kräfte nötig waren. - Die Astrologie war damit, gemeinsam mit aller Magie, mit allem Dämonen- und Götterglauben für die Wissenschaften erledigt.

 

 

Esoterische Astrologie

 

   Trotz des Ausscheidens der Astrologie aus den anerkannten Wissenschaften und der christlichen Theologie lebte sie Astrologie wieder auf - natürlich nicht innerhalb der fortschreitenden Naturwissenschaften, sondern im Kreis esoterischer Zirkel. Im Jahr 1875 wurde die sogenannte „Theosophische Gesellschaft“ gegründet. Ihre Gründer erklärten, dass sie von jenseitigen Wesen, von Meistern, unterrichtet worden seien. Von diesen hätten sie den Auftrag erhalten, die esoterischen Lehren, die in allen Religionen enthalten seien, bekannt zu machen. Sie stützten sich besonders auf buddhistische und hinduistische Lehren, aber auch auf mystische christliche und jüdische Überlieferungen, die sie in ihrer Weise interpretierten.

 

   Vor allem war es ihr Anliegen, entgegen der modernen Naturwissenschaft wieder von der Beseelung der Welt durch magische und göttliche Kräfte zu sprechen. Die ganze Natur, die Steine, Pflanzen, Tiere, waren nun wieder, wie schon in der Zeit der Antike, mit geheimnisvollen göttlichen Kräften beseelt. Nach theosophischer Lehre ist die anerkannte Naturwissenschaft unvollständig, weil sie nur die äußere Hülle der Natur untersucht. Was in der Natur an lebendigen, geistigen Kräften wirkt, lässt sie dabei außer Acht. Deshalb – so die Theosophen - können auch die Planeten nicht nur als tote, physische Körper gesehen werden. Zwar sind sie das auch, aber in ihnen stecken und durch sie wirken lebendige Wesen.

 

   Auf diesem Boden entstand Ende des 19. Jahrhunderts die erste umfassende Begründung der modernen Astrologie. Die Planeten und die Tierkreiszeichen wurden neben ihrer natürlichen Beschaffenheit nun auch wieder als Götter gesehen, von denen geheimnisvolle Strahlungen ausgehen. Diese geheimnisvollen Strahlen beeinflussen oder verursachen alles Geschehen auf der Erde. Eines der grundlegenden Bücher dieser Astrologie innerhalb der verschiedenen theosophischen Strömungen schrieb die Engländerin Alice Ann Baily (1880-1949) unter dem Titel „Esoterische Astrologie“. Darin wurden die verschiedenen Planeten, Tierkreiszeichen, aber auch einzelne Fixsterne und Sternbilder mit ihren jeweiligen göttlichen Kräften und Aufgaben erklärt. Im sichtbaren Kosmos mit allen seinen Himmelskörpern spiegelt sich nach Alice Baily eine bestimmte himmlische Hierarchie. In dieser himmlischen Hierarchie hatten auch Christus und Buddha ihren Platz. Sie vertrat auch die Auffassung, dass mit der bevorstehenden „Wiederkunft Christi“ ein „New Age“ - ein „Neues Zeitalter“ - anbrechen würde.

 

   Alice Baily erneuerte das astrologische Weltbild, indem sie den Kosmos – wie schon die Astrologen der Antike – religiös erklärte. Die Planeten entsprachen bestimmten geistigen Wesen. Und auch die bevorstehende „Wiederkunft Christi“ erklärte sie astrologisch durch das bevorstehende „Wassermann-Zeitalter“. Diesem „Wassermann-Zeitalter“ liegt eine reale astronomische Berechnung zugrunde, nach der der Frühlingspunkt durch eine bestimmte Bewegung der Erdachse langsam durch den Tierkreis wandert und Ende des 20. Jahrhunderts aus dem Zeichen „Fische“ heraustritt und in das Zeichen „Wassermann“ eintritt. Mit diesem Wechsel soll nun auch eine geistige Höherentwicklung der Menschheit verbunden sein.

 

   Die Astrologie war nun wieder mit dem Anspruch da, Religion zu sein und gleichzeitig wissenschaftliche Erkenntnisse dafür zu nutzen. Damit war auch das antike Anliegen der Astrologie, Religion und Wissenschaft zugleich zu sein, wieder hergestellt. Eine praktische Anleitung zum Erstellen von Horoskopen hat Alice Baily selbst allerdings nicht geliefert. Ihr lag vielmehr daran, den ganzen Kosmos als eine göttlich gelenkte Ordnung darzustellen.

 

   Für die praktische Seite der Astrologie, die Horoskopdeutung, hatte bereits William F. Allen (1860-1917) gesorgt, bekannt als „Alan Leo“ – Alan der Löwe -, weil er im Zeichen des Löwen geboren wurde. Als Engländer war auch er Mitglied der Theosophischen Gesellschaft und gründete in London eine astrologische Zeitschrift und einen astrologischen Verlag mit Filialen in Paris und New York. Über seinen Verlag konnte jeder, der wollte, ein „Schilling-Horoskop“ erhalten. Für ein geringes Entgeld wurde jedem Interessenten das eigene Tierkreiszeichen, der Aszendent und die Planetenstellungen zum Zeitpunkt der Geburt auf vervielfältigten Blättern gegeben. Jeder konnte also in einem kurzen Überblick lesen, was „sein“ Tierkreiszeichen und „sein“ Aszendent bedeuteten. Grundlage für diese Deutungen waren die antiken Beschreibungen der Gestirne. Wer zum Beispiel den Planeten und Kriegsgott Mars am Aszendenten hat – das heißt: am Osthorizont im Aufgang -, tritt forsch und aggressiv wie der römische Kriegsgott auf. Wer Venus an dieser Stelle hat, wird durch körperliche Schönheit auffallen, wie die römische Göttin der Liebe. Auf diese Weise sollte jedem Menschen eine kleine Orientierung gegeben werden, was seine – im theosophischen Sinne – persönliche Veranlagung und Aufgabe im Leben ist.

 

   In dieser esoterischen Astrologie sind auch Lehren integriert, die besonders aus dem Buddhismus und Hinduismus bekannt sind. Es ist schon darauf hingewiesen worden, dass in der Theosophie neben Christus auch Buddha eine zentrale Rolle spielt. Das bezieht sich nicht nur auf die Person Buddhas, sondern auch auf seine Lehren von Karma und Wiedergeburt, die nicht nur in die allgemeine theosophische Lehre, sondern auch in die esoterische Astrologie einfloss. Die Lehre von Karma und Wiedergeburt bedeutet, dass der Charakter eines Menschen und seine Erfahrungen durch die Summe seiner Taten aus früheren Leben bestimmt ist. Das Horoskop gibt den Astrologen dann Aufschluss über dieses Karma, das heißt über den Charakter und die sich daraus ergebenden Lebensaufgaben. Daraus hat sich dann die mit speziellen Methoden vorgehende „Karmische Horoskopanalyse“ entwickelt, die heute von manchen Astrologie-Schulen – so zum Beispiel von der ASTRODATA in Zürich – angeboten wird.

 

   Der Übergang von der esoterischen Astrologie zur praktischen Horoskopdeutung ist also fließend und es ist schwer auszumachen, an welcher Stelle die esoterisch motivierte Horoskopdeutung auch in eine populäre Astrologie mit ihren Alltagsprognosen übergeht. Soviel lässt sich aber sagen: Mit der von Alan Leo gewerblich betriebenen und über gedruckte Blätter verbreiteten Astrologie war der Startschuss für die moderne Horoskopdeutung in den Massenmedien gegeben. Zeitungen und Zeitschriften ermöglichten nun eine rasche Ausbreitung sehr kurz und knapp gehaltener Tages-, Wochen- und Jahreshoroskope. Der theosophische Hintergrund spielte oft kaum noch eine Rolle, wenn auch in manchen Zeitungshoroskopen hin und wieder Hinweise auf „Wiedergeburt“ und „Karma“ auftauchten. Häufig ging es in der populären Astrologie nur noch darum, eine gewisse Neugier und ein Bedürfnis nach Vergewisserung über Charakter und bevorstehende Ereignisse zu befriedigen.

 

   Besonders in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebte diese Zeitungsastrologie einen enormen Aufschwung, den sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch ausbauen konnte. Heute kann jeder selbst sein Tages- oder Wochenhoroskop in Zeitungen nachlesen und prüfen, wie zutreffend die Charakterbeschreibungen und Prognosen sind. Man kann sehr schnell den Eindruck gewinnen, dass ihre oft sehr allgemein gehalten Aussagen kaum eine ernste Prüfung ihrer Richtigkeit zulassen, oder überhaupt einen konkreten Bezug zu persönlichen Angelegenheiten haben.

  

   Nun ist diese verallgemeinernde populäre Astrologie vor dem Hintergrund der Begründungen und Berechnungsmethoden der Astrologie selbst äußerst fragwürdig. Allein das durch astronomische Berechnungen gewonnene Horoskop, das die Grundlage jeder Deutung ist, unterstellt für jeden Menschen eine sehr differenzierte Veranlagung. Das ist darauf zurückzuführen, dass die genauen Positionen der Planeten und ihre Winkelbeziehungen zueinander, sowie die Tierkreiszeichen- und Häuserpositionen eine jeweils spezielle Bedeutung haben. Diese Positionen ändern sich in Abhängigkeit von der jeweiligen Geschwindigkeit der Planeten und der Umdrehung der Erde um sich selbst recht schnell. Jedes Horoskop ist also von der genauen Geburtszeit und dem Geburtsort abhängig und ändert sich schon bei geringen Abweichungen. Legt man diesen sich ständig verändernden Sternenhimmel als Spiegelbild der Veranlagung eines jeden Menschen zugrunde, so haben nur sehr wenige Menschen die gleichen Horoskope – nämlich nur die, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort geboren werden. Die populäre Astrologie geht davon aus, dass konkrete Aussagen und Prognosen für alle die Menschen möglich sind, die nur das gleiche Tierkreiszeichen aufweisen.

 

   Es ist wohl kaum der esoterischen Astrologie anzulasten, dass es auch die populäre Astrologie gibt; ebenso wenig wie es der gelehrten antiken Astrologie anzulasten war, dass es die astrologische Wahrsagerei in der römischen Kaiserzeit gab. Dennoch scheint Alan Leos Schilling-Horoskopie ein auslösendes Ereignis gewesen zu sein, dass mit seiner vereinfachten und vervielfältigten Horoskopdeutung auch Bedürfnisse angesprochen hat, die sich nicht nur auf individuelle Einsichten im esoterischen Sinne bezogen, sondern auch eine einfache und alltägliche Neugier provozierten.

 

   Die esoterische Astrologie ist heute besonders in einigen neuen religiösen Bewegungen verbreitet, wie der Theosophie, der Anthroposophie und besonders in den Organisationen der Rosenkreuzer. Die von Max Heindel im Jahre 1909 gegründete „Rosenkreuzer Gemeinschaft“ gibt heute europaweit die für jeden Astrologietreibenden unentbehrlichen Ephemeriden mit den exakten Planetenpositionen für jeden Tag heraus. Diese Ephemeriden enthalten alle wichtigen Daten über 50 oder auch über 100 Jahre. Aber auch in das nichtorganisierte und individualisierte Umfeld der Esoterik-Szenerie ist diese esoterische Astrologie eingezogen. Auch in vielen Astrologie-Schulen wird die Astrologie über esoterische Lehren vermittelt, wobei es sich häufig nur um sehr allgemein gehaltene Hinweise handelt oder auch nur um fragmentarische Hinweise auf „Karma“ und „Wiedergeburt“ handelt. Eine verbindliche esoterische Astrologie als fest umrissene Lehre ist hier kaum auszumachen.   

 

 

Psychologische Astrologie

 

   Neben der Theosophie bereitete auch die Ende des 19. Jahrhunderts entstehende Psychologie der Astrologie den Weg. Diese psychologische Astrologie knüpfte an die Psychoanalyse an, die sich mit den „unbewussten“ Bereichen der menschlichen Seele befasste. Der Psychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) versuchte, die reiche Bilderwelt unserer nächtlichen Träume zu entziffern. Dabei stieß er immer wieder auf bestimmte Bilder und Symbole, die auch in den uns überlieferten Mythen und Märchen auftauchen. Das brachte ihn darauf, dass die Gestirngötter der Astrologie eigentlich Bilder unserer Seele seien. Die vielen Gestirngötter sind demnach nicht eigenständige Wesen, sondern Bilder, die unbewusst in unserer Seele schlummern und nun als Spiegel unserer Seele das Himmelsgewölbe bevölkern. So sind beispielsweise die vielen Erzählungen um die Liebesgöttin Venus oder um den Kriegsgott Mars eigentlich Geschichten, die Menschen wiederholt erlebt haben und dann irgendwann einmal Göttern zusprachen. Als Göttergeschichten wurden sie dann an den Himmel projiziert. Auf diese Weise sei - so Jung - die Astrologie entstanden. Sie las nun aus dem Lauf der Sterne das, was eigentlich in der menschlichen Seele vorging.

 

   Carl Gustav Jung glaubte nicht an Zeitungshoroskope, aber er glaubte an die Möglichkeit, dass die Astrologie Aufschlüsse über die menschliche Seele und – auf einer sehr allgemeinen Ebene – auch Aufschluss über die Zukunft bedeutender geschichtlicher Entwicklungen geben könne. Das haben manche Astrologen und auch Psychologen nach ihm aufgegriffen, so zum Beispiel der bekannte Psychoanalytiker Fritz Riemann. Diese Psychologen sehen im Horoskop, also in der Stellung der Gestirne zum Zeitpunkt der Geburt, einen Schlüssel, um die Grundstruktur eines Charakters herauszufinden. So gehen sie davon aus, dass man mit dem Horoskop die besonderen Anlagen und Schwierigkeiten eines Menschen, aber auch störende Einflüsse aus der ihn umgebenden Umwelt erkennen könne. Auf diese Weise hat die Astrologie in manche psychologisch beratende Praxis Eingang gefunden.   

 

   Diese psychologische Astrologie sieht das menschliche Leben nicht unter dem Diktat der Sterne, wie es manche Astrologen anderer Schulrichtungen sehen wollen. Sie geht davon aus, dass das Horoskop nur die Veranlagungen eines Menschen erkennen lässt, zum Beispiel, ob ein Mensch eher künstlerische oder eher technische Fähigkeiten hat. Ob und wie diese Fähigkeiten später realisiert werden, spricht die psychologische Astrologie auch anderen Faktoren zu, wie Erziehung und anderen Umwelteinflüssen. Deshalb wird das Horoskop als Grundlage für eine eher beratende Praxis genutzt.

 

   Hier wäre aus wissenschaftlicher Sicht allerdings folgendes anzumerken. Wenn die psychologische Astrologie nur Veranlagungen aus dem Horoskop erkennt, die sich ganz verschieden entwickeln können, ergibt sich die Schwierigkeit, dass sich das Horoskop und die wirkliche Problemlage eines Menschen nicht mehr unbedingt entsprechen. Wie kann dann die Übereinstimmung zwischen Horoskop und Charakter eines Menschen noch geprüft werden? Wie genau kann eine Horoskop-Deutung, die den Zeitpunkt der Geburt als Grundlage nimmt, einen erwachsenen Menschen noch realistisch einschätzen?

 

   Ein empirischer Beleg ist offensichtlich schwierig. Das schätzen auch die meisten psychodiagnostisch arbeitenden Astrologen so ein. Als Begründung, warum die Astrologie dennoch sinnvolle Aufschlüsse über den Charakter eines Menschen geben kann, äußert sich Fritz Riemann beispielsweise so, dass die persönliche Erfahrung im beratenden Gespräch die Richtigkeit des Horoskops belegt. Die im Horoskop sichtbaren Anlagen sind dann – so Riemann – verdeckt und in ihrer Entfaltung durch äußere Einflüsse gehemmt. Das Horoskop hilft dann dabei, die verschütteten Anlagen wieder aufzudecken. 

 

   Diese psychologische Astrologie beruft sich also auf die persönliche Erfahrung im direkten Dialog zwischen Klient und Astrologe. Daraus ergibt sich, dass ein im strengen Sinne wissenschaftlicher Nachweis für die Übereinstimmung von Horoskop und Psychodiagnose kaum möglich sein dürfte. Die Astrologie ist unter anderem deshalb auch keine anerkannte Wissenschaft.

 

   Anders die Psychologie. Sie ist eine wissenschaftlich anerkannte Disziplin, weil sie mit bestimmten empirischen und theoretischen Methoden arbeitet. Zwar stützt sich auch die Astrologie auf die Erfahrung. Sie hat aber Schwierigkeiten, empirisch prüfbare Resultate aufzuweisen und erfährt folglich auch kaum eine wissenschaftliche Anerkennung.  

 

   Aber auch im Falle einer Anerkennung durch empirische Resultate ergäben sich theoretische Folgerungen, die in Konflikt mit heutigen anerkannten wissenschaftlichen Methoden geraten. Das heißt: wenn empirische Resultate die Astrologie bestätigen würden, so muss es folglich einen Zusammenhang zwischen Gestirnen und sehr speziellen Veranlagungen eines Menschen geben, die sich allein aus dem Stand der Gestirne zum Zeitpunkt der Geburt ableiten lassen. Eine solche Erklärung würde aber jede heute gültige wissenschaftliche Erklärung über den Zusammenhang von Kosmos und Mensch übersteigen und - im weiteren Sinne – auf  religiöse Erklärungen zurückgreifen.

 

   Die psychologische Astrologie ist also, was ihre empirische Seite betrifft, auf die persönliche Erfahrung beschränkt. Hinsichtlich ihrer theoretischen Schlussfolgerungen, nämlich dass es einen Zusammenhang zwischen Kosmos und Mensch gibt, kann sie kaum auf religiöse Erklärungen verzichten.

 

   Diese religiösen Erklärungen ergeben sich auf folgende Weise: zuerst benennt die psychologische Astrologie ein analoges Verhältnis zwischen den Gestirnen und der Anlage eines Menschen. Sie registriert also, dass die Planetenpositionen oben am Himmel zum Zeitpunkt der Geburt eines Menschen dieselben Charakterbilder zeigen (entsprechend den antiken mythischen Beschreibungen), die dieser Mensch dann als Eigenschaften hat. Dieses Feststellen von Analogien beruht, wie oben beschrieben, auf persönlicher Erfahrung.

 

   Nun kann die Erklärung dabei aber nicht stehen bleiben, dass sie einfach nur ein analoges Verhältnis feststellt. Irgendeine Verbindung muss es ja zwischen Gestirnen und Menschen geben, die diese Analogien herstellen. Wie soll aber diese Verbindung zwischen sehr weit entfernten Planeten – der Planet Pluto ist von der Erde aus noch nicht einmal mit Teleskopen sichtbar – erklärbar sein?

 

   Dieses Problem versuchen auch viele psychologische Astrologen zu klären, indem sie Hypothesen aufstellen. Interessant dabei ist, wie die psychologischen Astrologen wieder auf religiöse Vorstellungen der Antike zurückgreifen. Der Astrologe Thomas Ring (1892-1983) sieht in den antiken Planetengöttern mit ihren Beschreibungen „Prinzipien“, die Natur- und Seelenvorgänge beschreiben. Diese Prinzipien sind „Kräfte des Lebendigen“, oder „Ganzheitskräften“, die im ganzen Kosmos wirken und „alles Lebendige umschließen“. Damit ist gemeint, dass nicht nur wir Menschen und die uns umgebende Natur mit Leben erfüllt, sondern auch der ganze Kosmos mit allen Gestirnen ein lebendiger Organismus ist. Die Planeten sind demnach nicht nur Ansammlungen toter Materie, sondern mit lebendigen Kräften versehen, die sich auch in der menschlichen Psyche und in der Natur finden.

 

   Die Verbindung zwischen Gestirnen und Menschen ist also keine, nach heutigen Maßstäben, naturwissenschaftlich erklärbare. Der analoge - und das heißt ja: zeitgleiche - Zusammenhang zwischen Gestirnen und Menschen wird nicht durch physikalische Einwirkungen, wie Licht oder Gravitation, erklärt, sondern durch „lebendige Kräfte“, die im ganzen Kosmos wirken, mit denen wir aber nur über unsere Psyche in Verbindung treten.

 

   Damit sind wir aber wieder bei der antiken Astrologie. In der Antike war der Glaube an eine „Weltseele“ selbstverständlich. Diese Weltseele, die den ganzen Kosmos durchzog und jedes einzelne Ding einschloss, konnte die Verbindung des Menschen mit den entferntesten kosmischen Vorgängen erklären. Noch Johannes Kepler und Isaac Newton glaubten an eine „anima mundi“, eine Weltseele, die astrologische und magische Vorgänge erklären konnten.

 

   Wir sehen also, dass die psychologische Astrologie zwar an Erfahrungen aus der psychologischen Praxis anknüpft, daraus aber religiöse Folgerungen zieht. Sie ist damit der esoterischen Astrologie sehr nahe. Es verwundert deshalb auch nicht, dass in der modernen Astrologie zwischen beiden oftmals gar nicht unterschieden wird. Im Rahmen der Esoterik und vieler neuer religiöser Bewegungen sind beide Richtungen oftmals kaum zu trennen. Vielen Anhängern scheint es auch recht gleichgültig zu sein, welche Begründungen hinter der Astrologie stehen. Meistens steht das Interesse an psychologischen Einsichten, an Selbsterkenntnis im Vordergrund. Die Frage nach der Begründung der Astrologie wird von vielen Interessierten meistens nur sehr unbestimmt und allgemein entweder einer Spiritualität oder auch den Naturwissenschaften zugesprochen.

 

   Im ganzen deutschsprachigen Raum, aber auch in anderen Ländern, gibt es inzwischen eine Vielzahl von Astrologie-Schulen, die ihre Aufgabe hauptsächlich in psychodiagnostischer Richtung sehen. Dennoch lassen sich hier keine eindeutigen Zuordnungen ausmachen. Manche Schulen, wie die ASTRODATA in Zürich, vermitteln ganz bewusst auch esoterische Inhalte, wie zum Beispiel in der „Karmischen Horoskopanalyse“. Andere spezialisieren sich auf astrologische Heilkunde oder auf Wirtschaftsdiagnosen. Es lässt sich aber feststellen, dass die psychodiagnostischen Interessen an der Astrologie den wohl größten Raum in der modernen Astrologie einnehmen.

 

Empirische Untersuchungen

 

   Neben der psychologischen und esoterischen Grundrichtung der modernen Astrologie gibt es auch Bemühungen, die Astrologie wissenschaftlich, das heißt empirisch, begründen zu wollen. Hier genügt es nicht, auf persönliche Erfahrungen zu verweisen, vielmehr wollen Vertreter dieser Richtung nach empirisch gesicherten Daten suchen. Wir erinnern uns, dass am Anfang dieser Ausführungen der Altphilologe Franz Boll zitiert wurde, der gesagt hat, dass die Astrologie Religion und Wissenschaft zugleich sein will. Die empirische Forschung ist nun der Versuch, dem astrologischen Weltbild eine heutigen wissenschaftlichen Erfordernissen angemessene Basis zu geben. Die empirische Astrologie ist damit das dritte Gleis, auf dem die Astrologie ins 20. Jahrhundert rollt.

 

   In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts begannen einige Astrologen statistische Daten zu sammeln, um damit auch Skeptiker zu überzeugen. Der Astrologe Herbert v. Klöckler untersuchte in dieser Zeit beispielsweise an 5000 Horoskopen besondere astrologische Konstellationen zu Unfällen, Verbrechen, aber auch zu speziellen Begabungen von Malern, Dichtern und Juristen. Er selbst und andere Astrologen sahen darin tendenziell eine Bestätigung der Astrologie. Dennoch hielt er seine Ergebnisse nicht für endgültig gesichert, und so haben sie, wissenschaftlich gesehen, auch kaum einen  Wert.

 

   Der bisher umfassendste und bekannteste Versuch, irgendeinen - und wenn auch noch so kleinen - Anhaltspunkt zu finden, die Astrologie durch statistische Untersuchungen zu belegen, ist in den 70er Jahren von dem französischen Psychologen Michel Gauquelin vorgenommen worden. An Hand von insgesamt 35 907 Geburtshoroskopen prüfte er, ob sich die Berufswahl der Menschen astrologisch belegen ließe. Er wollte feststellen, ob die einzelnen Vertreter bestimmter Berufsgruppen ähnliche Horoskope aufweisen würden. In seinem Buch „Kosmische Einflüsse auf menschliches Verhalten“, das 1983 auch in deutscher Sprache erschien, stellte er seine Ergebnisse vor.

   Als erstes Ergebnis fand er heraus – obwohl prinzipiell Anhänger der Astrologie -, dass die Zeitungshoroskope gänzlich unzutreffend seien. So ergab die Statistik, dass zum Beispiel unter Berufssoldaten und Berufssportlern nicht im geringsten mehr „Widder“- oder „Skorpion“-Geborene zu finden sind, als unter anderen Berufen. Die populäre Astrologie unterstellt solche Ergebnisse, weil sie in den Zeichen „Widder“ und „Skorpion“ ganz besonders kampfbereite und aggressive Menschen sieht, denen viel Körperkraft zugesprochen wird.

 

   Allerdings kam Gauquelin auch zu dem Ergebnis, dass eine genaue Untersuchung einzelner Planetenpositionen tatsächlich eine Tendenz zu bestimmten Berufen zeige. So soll bei überdurchschnittlich vielen Soldaten und Sportlern der Planet Mars in der Himmelsmitte stehen. Ähnliches gilt für Politiker mit dem Planeten Jupiter, für Schriftsteller mit dem Mond und für Wissenschaftler mit dem Planeten Saturn. Das entspräche auch den klassischen Gestirngöttern, nach denen Mars der Kriegsgott, Jupiter der Gott der religiösen und politischen Macht, der Mond der Gott oder die Göttin der Weisheit und Saturn der Gott der festen Materie ist.

 

   Was Gauquelin feststellte, ist aber – vorausgesetzt die Angaben stimmen - ein rein durchschnittlicher, statistischer Wert unter vielen tausend Menschen und der kann noch nichts  über den Werdegang eines einzelnen Menschen aussagen. Anders gesagt: aus einem einzelnen Horoskop lässt sich – nach Gauquelin – mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bestenfalls eine allgemeine Tendenz zu bestimmten Berufsgruppen erkennen, was im Einzelfall über die Verwirklichung dieser Anlage nichts aussagt.

 

   In dieser Untersuchung fallen viele astrologische Annahmen der Zeitungsastrologie und auch mancher ausführlicherer Horoskopdeutungen unter den Tisch. Für Gauquelin bleibt aber ein Rest Astrologie übrig. Viele Wissenschaftler haben sich in Folge dessen mit dieser Untersuchung befasst. Ein Teil von ihnen hat sie als unzureichend abgelehnt. Andere, wie zum Beispiel der Psychologe Hans Jürgen Eysenck, haben sie aber als zuverlässig anerkannt. Die Diskussion um diese Untersuchung wird unter Wissenschaftlern bis heute geführt und ist nach wie vor offen. Die typische Stimmung unter vielen Wissenschaftlern zu dieser Untersuchung gibt der englische Astronom G.O. Abell wieder: „Ich habe den starken Verdacht, dass sich Gauquelins Resultate letzten Endes als trügerisch erweisen werden. Doch falls sie auch nur zum Teil richtig sein sollten, wäre dies ein gewaltiger Meilenstein in der Feststellung kosmischer Einflüsse auf den Menschen.“

 

   Eine weitere Untersuchung ist im Jahr 1997 von den Biologen Klaus-Peter Endres und Wolfgang Schad veröffentlicht worden. Auch hier ging es darum, nach kleinsten Spuren zu suchen, die einen astrologischen Zusammenhang erkennen lassen könnten. Sie untersuchten keine Horoskope, sondern setzten viel allgemeiner an. Sie wollten herausfinden, ob und wie Organismen, besonders Pflanzen und Meerestiere, auf die verschiedenen Mondphasen reagieren.

 

   Dass der Mond überhaupt einen Einfluss auf die Erde ausübt – zum Beispiel dass er Ebbe und Flut bewirkt – ist unumstritten. Hier ging es aber darum zu prüfen, ob Pflanzen und Tiere die Mondphasen - also Neumond, Vollmond, zunehmenden und abnehmenden Viertelmond - „kennen“ und sich danach richten. Vor allem wollten sie herausfinden, ob sie sich auch dann so verhalten, wenn alle äußeren Faktoren, wie Mondlicht und Ebbe und Flut, ausgeschlossen werden. Es ging also darum herauszufinden, ob es tatsächlich die von der Astrologie angenommenen „geheimnisvollen Kräfte“ zwischen Gestirnen und dem Leben auf der Erde gibt.

 

   Die Resultate aus vielen, teilweise sehr aufwendigen Experimenten, ergaben zwei Gruppen von Organismen. Manche der untersuchten Pflanzen und Tiere ließen in ihrem Wachstum und Verhalten überhaupt keine Rhythmen erkennen, die mit den Mondphasen in Zusammenhang stehen könnten. Viele andere Arten lassen aber doch einen Rhythmus erkennen, der mit den Mondphasen synchron läuft. So reagierten manche Pflanzen und Tiere mit ihrem Wachstums- oder Fortpflanzungsverhalten nur bei Vollmond, andere nur bei Neumond, wieder andere nur bei zunehmenden Viertelmond oder bei abnehmenden Viertelmond.

 

   Es soll an dieser Stelle nicht auf die einzelnen recht komplizierten Experimente eingegangen werden. Die beiden Biologen sind aber überzeugt, genug Material für ein wissenschaftlich sicheres Urteil zusammengetragen zu haben. Demnach kann es als gesichert gelten, dass viele Pflanzen und Tiere eine „innere Uhr“ haben, die unabhängig von äußeren Einflüssen bestimmte Verhaltensweisen diktiert. Diese „innere Uhr“ läuft auffallend parallel zu bestimmten Mondphasen, auch dann, wenn diese Pflanzen und Tiere den Mond „nicht sehen können“, also im Labor über lange Zeit abgeschirmt sind.

 

   Was sagt uns das nun über die Astrologie? Ist die Astrologie – vorausgesetzt die Ergebnisse stimmen - damit bewiesen? Die Ausgangsfrage war, ob es überhaupt nachweislich Spuren von Gestirneinflüssen jenseits der bekannten physischen gibt. Und hier sagen die beiden Biologen: in vielen Fällen gibt es solche Spuren tatsächlich, in anderen Fällen gibt es solche Spuren nicht.

 

   Wenn wir nun die positiven Ergebnisse zugrunde legen, so muss folgendes gesagt werden: dort wo es Anzeichen für einen Einfluss des Mondes gibt, kann nicht wirklich von einer „Einwirkung“ gesprochen werde. Vielmehr zeigen die Beispiele, dass Pflanzen und Tiere sich zeitlich parallel zu den Mondphasen verhalten. Wir können also nur die Aussage treffen, dass zwei Ereignisse analog geschehen. Wissenschaftlich können wir nicht prüfen, ob das Zufall ist, oder ob dahinter geheimnisvolle Kräfte am Wirken sind, die der Wissenschaft bisher verborgen geblieben sind.

 

   Wir erinnern uns an die mesopotamische Omendeutung der Bibliothek des Königs Assurbanipal. Dort hatten die Astrologen – längst nicht so wissenschaftlich, aber prinzipiell sehr ähnlich – durch Jahrhunderte lange Erfahrungen ebenfalls ein analoges Verhältnis zwischen den wandelnden „Gestirngöttern“ und vielen Ereignisse auf der Erde festgestellt. Ob das wirklich immer stimmte, können wir heute nicht mehr prüfen. Aber die Astrologen gingen davon aus, dass sich diese Erfahrungen machen ließen. Sie nahmen dabei – wie oben beschrieben wurde - ebenfalls eine Analogie zwischen den Erscheinungen am Himmel und auf der Erde an. Vielleicht wussten oder ahnten sie etwas von diesem analogen Verhalten, das heute mit exakten wissenschaftlichen Mitteln und viel präziser in bestimmten Fällen erschlossen werden kann.  

 

   Für die Horoskopdeutung trägt diese Untersuchung aber nicht sehr viel aus. Denn der Nachweis von Analogien zwischen Mondphasen und dem Verhalten von Organismen lässt sich nur für einen Teil, und dazu noch in unterschiedlichen Spezialfällen erbringen. Festzuhalten bleibt, dass in der Zukunft durchaus der Nachweis analoger Ereignisse zwischen dem Lauf der Gestirne und Ereignissen auf der Erde erbracht werden könnte. Das heißt: die Grundlagen der Astrologie können nicht von vornherein als „Unsinn“ bezeichnet werden. Allerdings wird sich die Horoskop-Deutung, wie sie die praktische Astrologie betreibt, kaum experimentell beweisen lassen. Hier bleibt die Frage nach der Wahrheit der Astrologie wohl auch in Zukunft eine Sache der persönlichen Erfahrung und Entscheidung - so wie das für jede religiöse Lehre gilt.    

 

 

 

Astrologie in anderen Kulturen

 

   Wir haben bisher nur einen Blick in die Astrologie der europäischen Geschichte geworfen. Astrologie gibt es aber auch in den meisten anderen Kulturen und in allen großen Religionen. Bei uns bekannt geworden ist vor allem die chinesische Astrologie. Aber auch indianische, indische und keltische Astrologie haben bei uns eine gewisse Verbreitung gefunden.

 

   Alle diese Astrologien haben vieles gemeinsam: die Gestirne und die Natur auf der Erde sind mit Göttern, Dämonen und Geistern erfüllt. Kein Gegenstand, der nicht einen Geist beherbergen könnte oder von dem nicht magische Kräfte ausgehen könnten. Und so sind auch die Gestirne, vor allem Sonne und Mond, die Wohnsitze mächtiger Götter. Gleichzeitig ist allen Völkern die astronomische Beobachtung der Bewegungen der Gestirne, besonders das eigentümliche Verhalten von Sonne und Mond vertraut. Und aus diesen Beobachtungen entwickeln die Völker ihre Kalender und Zeiteinteilungen. Der Umlauf der Sonne, die Zeitspanne zwischen einem und dem nächsten Vollmond, auch die regelmäßigen Bewegungen der anderen Planeten oder zum Beispiel die Drehung des Sternbildes des „Großen Wagens“ um den Polarstern herum – alles das ist den Menschen aller Kulturen nicht entgangen. Und so haben sie diesen Rhythmen folgend ihre Lebenszeit eingeteilt, ihre Feste gefeiert und ihren Alltag geregelt. Alle Völker fühlten sich in einem ständigen Kontakt und Austausch mit Geistern und Göttern, wobei die Götter des Himmels als ganz besonders mächtig galten.

 

   Wir wollen an dieser Stelle nicht die einzelnen astrologischen Systeme aufschlüsseln. Es lässt sich aber eines feststellen: Alle verschiedenen Astrologien setzen einen ähnlichen naturreligiösen Glauben voraus. Und gleichzeitig beobachten die Menschen den Himmel wissenschaftlich und ordnen daraus den Himmelsraum und den Verlauf des Jahres mit seinen Festen und Ereignissen. Alle Astrologien wollen also „Religion und Wissenschaft zugleich sein“, wie eingangs von der europäischen Astrologie gesagt worden ist.

 

   Und noch etwas fällt auf. Die chinesische Astrologie ist etwa zur gleichen Zeit entstanden wie die mesopotamische und die ägyptische, nämlich um 2700 v.Chr. Auch sie kennt eine Zwölfteilung des Tierkreises, allerdings mit anderen „Tieren“. Gibt es vielleicht eine historische Verbindung zwischen chinesischer und mesopotamischer Astrologie? Genau wissen wir das nicht. Auszuschließen ist ein mesopotamischer Einfluss nicht.

 

   Wir wissen aber: die indische Astrologie ist nachweislich von der mesopotamischen Astrologie beeinflusst worden. Sie hat nicht nur die Zwölfteilung des Tierkreises, sondern auch deren Bezeichnungen übernommen. Das lässt sich durch den regen Handel zwischen Mesopotamien und Indien leicht erklären.

 

   Am meisten erstaunt es aber, dass auch die amerikanischen Inkas, lange bevor Kolumbus diesen Kontinent erreichte, den zwölfteiligen Tierkreis kannten. Ebenso hatten die Azteken und Mayas in Mittelamerika eine Astrologie entwickelt, die der ägyptischen Astrologie frappierend ähnlich ist. Wie aber konnte die ägyptische Astrologie über den atlantischen Ozean gelangt sein? Oder ist die indianische Astrologie ganz unabhängig zu dieser erstaunlichen Ähnlichkeit gekommen? Vielleicht hat der Forscher Thor Heyerdahl recht, der mit einem Papyrus-Boot von Ägypten aus über den Atlantik segelte, um nachzuweisen, dass die ägyptischen Pyramidenbauer lange vor Kolumbus nach Amerika kamen, und dort die indianische Kultur begründeten oder zumindest beeinflussten. Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: alle großen Kulturen und Religionen waren und sind eng mit der Astrologie verknüpft. 

 

 

Astrologie und Christentum

 

   Kehren wir noch einmal zur europäischen Astrologie zurück. Denn hier steht die Astrologie seit 2000 Jahren in enger Wechselbeziehung mit dem Christentum. Wie verhalten sich nun beide zueinander, wenn das Christentum den einen Gott verkündet, der die Welt einschließlich der Gestirne geschaffen hat, und die Astrologie die Gestirne und die Natur voller magischer Götter und Kräfte sieht?

 

 

Geschichte

 

   Die „Heilige Schrift“ der Christen, die Bibel, spricht die Astrologie an einigen Stellen indirekt an, ohne sie allerdings eindeutig zu befürworten. Vielen ist sicher der „Stern von Bethlehem“ bekannt, von dem im Evangelium des Matthäus berichtet wird (Mt 2). Dort wird von drei „Magiern aus dem Osten“ berichtet, die einen besonderen Stern gesehen haben. Diesen Stern verstanden die Magier als ein Zeichen, das die Geburt eines neuen „Königs der Juden“ anzeigt. Nun suchten sie in Jerusalem den neuen König und fanden ihn schließlich im Jesuskind. Wenn diese Überlieferung historisch wahr ist, so handelt es sich bei den Magiern sehr wahrscheinlich um astrologiekundige Priester aus dem persischen Raum. Denn diese waren zur Zeit Jesu im ganzen römischen Reich bekannt. Aber auch wenn sie nicht wahr ist, so wussten die Verfasser des Matthäusevangeliums doch um die „Magier aus dem Osten“ und bauten sie in die Geburtsgeschichte um Jesus ein.

 

   Der christliche Theologe Tertullian (ca. 160 – 220 n.Chr.) vertrat wegen dieser Überlieferung die Meinung, die Astrologie und die Magie hätten bis zur Geburt Jesu in Bethlehem Gültigkeit gehabt. Nun aber, da Gott sich in der Person Jesu gezeigt habe, sei die Astrologie überflüssig geworden. Mit der Huldigung der drei Magier an das Jesuskind – so Tertullian - sei es nicht mehr nötig, die Gestirngötter zu verehren oder zu befragen.

 

   Insgesamt war die Astrologie in den Anfängen des Christentums aber sehr umstritten. Ein großer Teil der frühen Christen lehnte die Astrologie ab. Viele, wie zum Beispiel Aurelius Augustinus (354 – 430 n.Chr.), sahen in den Gestirnen fremde Götter oder Engel, die von Gott abgefallen waren. Andere kritisierten die viel zu unsichere Horoskop-Deutung. Meistens aber wurde die Astrologie abgelehnt, weil sie zu den nichtchristlichen, „heidnischen“, Religionen und deren Gebräuchen gerechnet wurde und die „neue“ Religion, das Christentum, dieser Astrologie nicht mehr bedurfte.

  

   Aber es gab auch eine durchaus positive Einstellung zur Astrologie. Diese hatte weniger mit der Horoskopdeutung zu tun als vielmehr mit der astrologischen Symbolik und Bilderwelt. Viele astrologische Symbole waren schon in manchen Strömungen des Judentums üblich und flossen ganz selbstverständlich in das Christentum ein. In der Schrift „Die Offenbarung des Johannes“ - sie befindet sich an letzter Stelle in der Bibel -  finden sich die meisten astrologischen Symbole. So kommen an ganz zentralen Stellen die astrologisch wichtigen Zahlen vier, sieben und zwölf vor. Gleich im ersten Kapitel ist von sieben Sternen die Rede, die als sieben Engel dargestellt werden (Apk.1,20). Die Siebenzahl der Sterne bezog sich in der Antike auf die sieben bekannten Planeten: Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn. Im Kapitel 12 ist von einer Frau die Rede, die am Himmel erscheint, bekleidet mit der Sonne, unter ihren Füßen der Mond und auf ihrem Kopf eine Krone mit zwölf Sternen. Sie erinnert bis in die Details sehr an die mesopotamische Ischtar (Venus). Wissenschaftler sind sich heute einig, dass der Verfasser dieser Schrift die Astrologie sehr gut gekannt haben muss.

 

   Überliefert ist uns auch, dass in frühkirchlicher Zeit die zwölf Jünger Jesu manchmal mit den zwölf Tierkreiszeichen identifiziert worden sind. Spuren davon finden wir noch in dem Gemälde „Abendmahl“ von Leonardo da Vinci, das zwischen 1495 und 1498 entstanden ist. Die Zwölf Apostel werden hier mit charakteristischen Merkmalen und Gesten der zwölf Tierkreiszeichen dargestellt.     

 

   Die frühe christliche Kirche hat sich offiziell aber immer wieder gegen die Astrologie gewehrt. Häufig wurden Verbote ausgesprochen, Astrologie zu treiben und selbst manche Bischöfe wurden der Astrologie wegen verfolgt.

 

   Im Mittelalter änderte sich diese Einstellung. Jetzt galt die Astrologie als Wissenschaft, die gleichzeitig mit Astronomie, Mathematik und Medizin an allen europäischen Universitäten gelehrt wurde. Fürsten und Kaiser, ja selbst Päpste beschäftigten sich mit der Astrologie oder stellten Astrologen in ihre Dienste. Große christliche Theologinnen und Theologen, wie Hildegard von Bingen (gest. 1179), Meister Eckhard (1260 – 1327) oder der Franziskaner Roger Bacon (1214 – 1294), nahmen die Astrologie in ihre Lehren auf. Am deutlichsten hat Thomas von Aquin (1225 – 1274) das Verhältnis von Christentum und Astrologie erläutert. Demnach wirken die Gestirne auf die physische Beschaffenheit der Menschen und auf die sinnlichen Neigungen. Ob physische Leidenschaften oder berufliche Neigungen – jede weltliche Bindung ist durch die Gestirne bestimmt. Allerdings hat jeder Mensch auch die Möglichkeit, sich der Gestirneinflüsse zu entziehen. Je mehr er die sinnlichen Neigungen überwindet, von seiner Vernunft Gebrauch macht und sich Gott zuwendet, desto besser ist er in der Lage, die Leidenschaften, und damit den Einfluss der Gestirne, zu beherrschen. Der überwiegenden Mehrheit der Menschen traute Thomas das nicht zu. Ereignisse wie z.B. Kriege waren für Thomas dafür Beweis genug.

 

   Daraus ergab sich eine prinzipielle Haltung der Kirche gegenüber der Astrologie. Solange Astrologen für einzelne Menschen Horoskope erstellten und ihnen darin ein festgelegtes Schicksal voraussagen wollten, war die Astrologie unerlaubt und wurde als heidnischer Glaube bekämpft. Hier standen die Gestirnmächte eindeutig gegen den christlichen Schöpfergott und gegen die freie Entscheidung des Menschen für diesen Gott. Solange aber eine „natürliche“ Astrologie betrieben wurde, die zum Beispiel in der Medizin Anwendung fand, war sie erlaubt.

 

   Die Renaissance brachte im 15. und 16. Jahrhundert der Astrologie noch einmal einen enormen Aufschwung. Das lag daran, dass das Interesse an Wissenschaft und Kunst, besonders auch an der Antike zunahm. Papst Leo X. schätzte die Astrologie so sehr, dass er im Jahre 1520 an der päpstlichen Universität einen Lehrstuhl für Astrologie einrichtete. Auch protestantische Theologen, wie Philipp Melanchthon (1496 – 1565) betrieben eifrig die Astrologie. Aber trotz dieser großen Sympathie auf römisch-katholischer wie auf protestantischer Seite, gab es auch Kritiker. Und diese Kritik unterschied sich kaum von der aus frühchristlicher Zeit. Vor allem Martin Luther (1483 – 1546) sah in dem Glauben an die Gestirnmächte eine Gefahr. Luther wollte neben dem einen Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, keine andere Macht akzeptieren. Dazu kamen einige astrologische Prognosen, die nicht eintrafen, und so hatte Luther manche spöttische Bemerkung über die Astrologie geäußert.

 

   So ganz sicher war sich Luther aber manchmal doch nicht. Denn für eine sehr ausführliche und religionspolitisch wichtige Prognose des Astrologen Johann Lichtenberger schrieb er 1527 ein ausführliches Vorwort. Darin sagte er, dass die Gestirne zwar nichts bewirken würden, aber doch Ereignisse anzeigen können.

 

   Es spricht für die große Verbreitung der Astrologie in den beiden großen Konfessionen, dass Luthers Horoskop zu einem heftigen Streit zwischen protestantischen und römisch-katholischen Astrologen führte. Anlass dafür war seine unsichere Geburtszeit. 

 

 

Gegenwart

  

   Wir erinnern uns daran, dass die Astrologie im Zusammenhang mit Esoterik und Psychologie im 20. Jahrhundert wieder auftauchte. Und wie andere esoterische Gedanken auch, so fand die Astrologie bald innerhalb der christlichen Kirchen wieder Anhänger. Es stellt sich also die Frage, wie sich das Verhältnis heute zueinander darstellt.

 

   Wir wissen nun, dass die Astrologie an viele Gestirngötter oder verborgene „Kräfte“ glaubt. Diese wirken alle im Kosmos. Die Astrologie hat von ihren Begründungen her keine Schwierigkeiten, einen Schöpfergott anzuerkennen, der diesen Kosmos geschaffen hat, wie es ja im christlichen Glauben der Fall ist.

 

   Umgekehrt ist es nicht ganz so einfach. Die Geschichte des Christentums hat gezeigt, wie schwierig oder unmöglich es war, Naturreligionen, Magie und „fremde“ Götter anzuerkennen. Der sogenannte „Katechismus der Katholischen Kirche“ von 1993 schreibt dazu folgendes: „Sämtliche Formen der Wahrsagerei sind zu verwerfen ... Hinter Horoskopen, Astrologie, Handlesen, Hellseherei und dem Befragen eines Mediums verbirgt sich der Wille zur Macht über die Zeit, die Geschichte und letztlich über die Menschen sowie der Wunsch sich die geheimen Mächte geneigt zu machen. Dies widerspricht der mit liebender Ehrfurcht erfüllten Hochachtung, die wir allein Gott schulden.“ Die Astrologie taucht hier also im Zusammenhang mit Divinationen, mit Wahrsagerei aller Art auf. Sie wird hier nicht als Unsinn oder Aberglaube bezeichnet. Im Gegenteil – die verschiedenen Formen der Wahrsagerei wenden seich an „geheime Mächte“, die als wirklich gelten. Das bewusste Nutzen dieser Mächte bezeichnet der Katechismus als schädlich und im Widerspruch mit dem christlichen Glauben. Die Hauptaussage ist hier, dass Wahrsagen der Versuch ist, für sich selbst Macht zu gewinnen gegen den Gott des christlichen Glaubens.

 

   Nun gibt es erstaunlicherweise dennoch christliche Theologen, die die Astrologie offiziell vertreten. Einer der bekanntesten ist der Benediktinerpater Gerhard Voss, der sehr bedauert, dass es diesen Artikel zur Astrologie im Katechismus gibt. In seinem Buch „Astrologie christlich“ erklärt er seinen Standpunkt.

 

   Gerhard Voss vertritt die Ansicht, dass die Astrologie nicht zu den magischen Praktiken gehört und mit kritischem Verstand genutzt werden kann. Im übrigen glaubt er, dass die Kirche von heute auf viele Menschen nicht mehr anziehend wirkt, weil ihr eine engere Beziehung zum Kosmos und zur Natur fehlt. Er sagt: „Die Ausgrenzung der astrologischen Weisheit aus der Kirche ist bezeichnend für den Verlust der kosmischen Dimension kirchlichen Lebens in Theologie, Liturgie und Verkündigung.“ Pater Voss glaubt, dass manches Esoterische, wie die Astrologie, auch in die christliche Theologie gehört. Er steht damit nicht allein. Immerhin hat er durch die Veröffentlichung seines Buches den Artikel „Astrologie“ im wichtigsten deutschsprachigen theologischen Lexikon der römisch-katholischen Kirche, dem Lexikon für Theologie und Kirche, verfasst. Dazu ebenfalls den Artikel „Astrologie“ im Lexikon der Religionen.

 

   Trotz seines Votums für die Astrologie stellt auch Gerhard Voss Bedingungen an die Astrologie. Erstens hat der christliche Glaube absoluten Vorrang vor jeder Astrologie. Zweitens sollte das Horoskop nicht als Mittel zur Prognose genutzt werden, denn genaue Voraussagen kann und soll die Astrologie nicht leisten. Vor allem versteht er, wie die psychologische Astrologie, das Horoskop als Spiegelbild der menschlichen Seele. Praktisch sieht er Möglichkeiten, das Horoskop als Meditationsbild einzusetzen, als Schlüssel zu meditativen Erfahrungen.

 

   Es zeigt sich also, dass innerhalb der römisch-katholischen Kirche die Meinungen über die Astrologie durchaus auseinandergehen. Viele Theologen, wie zum Beispiel der bekannte Kirchenkritiker Eugen Drewermann, halten die Astrologie auch für schlichten Aberglauben und lehnen deshalb jede Beschäftigung mit ihr ab. So bewegen sich die Meinungen zur Astrologie zwischen spöttischer Ablehnung, ernster Warnung vor ihren Gefahren und ernster Beschäftigung mit ihr. Unterschiedlicher können Meinungen zu diesem Thema kaum sein.

 

   Ein ähnliches Bild bietet sich auch in den evangelischen Kirchen. Ein ausdrückliches Verbot der Astrologie gibt es hier nicht. Aber die Skepsis überwiegt bei den meisten Theologen doch. Viele halten die Astrologie – wie Eugen Drewermann – für Aberglauben. Manche sehen darin ein Mittel, sich über Gott zu erheben, und zu diesem Zweck andere „Götter“ zu gebrauchen. Einzelne evangelische Theologen verteidigen aber auch die Astrologie, so zum Beispiel Christoph Schubert-Weller in seinem Buch „Spricht Gott durch die Sterne?“. Das Meinungsbild zur Astrologie zeigt in den evangelischen Kirchen eine ähnliche Bandbreite wie in der römisch-katholischen Kirche, oder auch wie zu Luthers Zeit: zwischen Spott, ernster Ablehnung oder Warnung, sowie ernster Akzeptanz bis zu ernstem Gebrauch bewegt sich die Diskussion und erregt die Gemüter.      

 

 

Wo steht die Astrologie heute?

  

   In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm die Astrologie in Deutschland und in der Schweiz, aber auch in anderen europäischen Ländern und in Nordamerika, einen großen Aufschwung. In Deutschland wurde am 16. Oktober 1947 zu astrologisch berechneter Zeit um 10.06 Uhr der Deutsche Astrologen-Verband (DAV) als Berufsverband gegründet. Im Jahre 1950 hatte er etwa 100 Mitglieder und bis heute ist diese Zahl auf über 600 Berufsastrologen gewachsen. Neben diesem Berufsverband entstanden viele selbstständige Astrologie-Schulen, die Seminarprogramme zur Ausbildung zum Berufastrologe anbieten, Kongresse organisieren, Zeitschriften herausgeben und Forschungen betreiben.

 

   Gleichgültig wie wir zur Astrologie stehen, sie ist da und sie erfreut sich sowohl in ihrer populären wie in ihrer ernsten Variante wachsender Beliebtheit. Wenn wir ihren Platz in den Religionen und religiösen Strömungen der Gegenwart suchen, so finden wir sie in den traditionellen Religionen, Hinduismus und im Buddhismus, im Islam wie im Christentum. Vor allem aber begegnet sie uns heute im Bereich der Esoterik.

 

   Mit der Esoterik ist es aber nicht ganz so einfach wie mit traditionellen Religionen, die wir klar beschreiben können. Die Bezeichnung „Esoterik“ umschreibt heute einen Bereich, oder besser: ein Lebensgefühl, in das ganz verschiedene Lehren aus verschiedenen Religionen unverbindlich zusammenfügt werden. Kaum ein Insider oder Outsider weiß ganz genau, was zur Esoterik alles dazu gehört und was nicht. Wir können nur ungefähr angeben, dass Meditation und Psychologie, der Glaube an Karma und Reinkarnation, Magie, Astrologie und Jenseitsglaube, sowie Gesundheit und Ökologie dazugehören können.

 

   Eigentlich kommt das Wort „Esoterik“ aus der griechischen Antike und meint Lehren, die nur in einem inneren Kreis von wenigen Eingeweihte weitergegeben wurden und die nach außen geheim gehalten werden mussten. Der Sinn der Geheimhaltung lag darin, dass diese Lehren vor Verfälschungen geschützt und in ihrer ursprünglichen Form bewahrt werden sollten. Die heutige Esoterik ist eine sehr breite und vielfältige religiöse Bewegung, die eigentlich das Gegenteil praktiziert. In der Öffentlichkeit ist sie mit Kursangeboten, Zeitschriften und einer kaum überschaubaren Vielzahl von Sachbüchern sehr präsent.

 

   Die Esoterik unterscheidet sich insofern von traditionellen Religionen, als es keinen verbindlichen Glauben gibt. Keine Instanz entscheidet über „richtig“ oder „falsch“. Das gibt einerseits allen Anhängern ein Höchstmaß an Freiheit in der Wahl der Lehren und Praktiken. Andererseits gibt es aber auch keinen Schutz vor allzu vereinfachten Interpretationen. Manche populäre Spielarten der Astrologie sind ein Beispiel dafür, wie aus einer sehr differenzierten Lehre vereinfachte Schlüsse gezogen werden können.

 

  Wenn wir die Astrologie dem nur sehr unscharf definierten und kaum organisierten Bereich der Esoterik zurechnen, so können wir feststellen, dass diese moderne Astrologie über den Berufsverband und über die selbstständigen Schulen erstaunlich gut organisiert ist. Im Unterschied zu den vielen fragmentierten esoterischen Lehren legen der Berufsverband der Astrologen und die meisten Astrologie-Schulen besonderen Wert darauf, an die traditionelle „Klassische Astrologie“ der europäischen Religionsgeschichte anzuknüpfen. Die heutige Astrologie versteht sich also ganz bewusst als Fortführung ihrer Jahrtausende alten Geschichte.

 

 

Ist die Astrologie wahr?

 

   Es sei vorweg gesagt: die Religionswissenschaft fragt nicht, ob eine Religion oder eine religiöse Vorstellung wahr ist oder nicht. Wir können nur feststellen, dass es Menschen gibt, die über bestimmte religiöse Erfahrungen und Vorstellungen berichten. Auf die Astrologie trifft es insofern zu, als sie neben ihren religiösen Implikationen auch eine wissenschaftliche Seite beansprucht, und damit auch wissenschaftliche Urteile erfahren kann. Auf beide Aspekte soll nun abschließend noch kurz eingegangen werden.

  

   In der heutigen Zeit wird die Existenzberechtigung der Astrologie oftmals deshalb in Frage gestellt, weil sie als falsch verstandene Wissenschaft, als abergläubig gedeutete Astronomie gesehen wird. Würde das die Astrologie uneingeschränkt zutreffen, so wäre eine prinzipielle Ablehnung religionswissenschaftlich legitim, nämlich solange, wie die Astrologie keine sicheren empirischen und theoretischen Beweise vorbringen kann.

 

   Wir haben aber gesehen, wie sehr sie mit religiösen Vorstellungen verbunden ist, und deshalb sollten wir sie auch in einem religiösen Zusammenhang sehen. Das naturreligiöse Bild vom Kosmos, das die Astrologie vermittelt, die geheimnisvollen Verbindungen zwischen Gestirnen und Menschen, können wir mit bisherigen wissenschaftlichen Methoden genauso wenig klären, wie die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod und ein Fegefeuer, oder ob es Karma und Wiedergeburt gibt. Wenn der Kosmos von der Astrologie als lebendiger Organismus gesehen wird, so ist dies eine religiöse Vorstellung, wie wir sie aus Naturreligionen kennen und als solche respektieren.

 

   Aber die Astrologie erhebt auch den Anspruch, durch Erfahrung belegbar zu sein. Dazu können wir nur feststellen, dass die wissenschaftlich-empirischen Anhaltspunkte, die für die Astrologie sprechen, sowie die geäußerten persönlichen Erfahrungen, in der Wissenschaft umstritten sind. Ein sicheres religionswissenschaftliches Urteil lässt sich von dieser Seite in absehbarer Zeit kaum erwarten.

 

   Wir sollten also besser so verfahren, dass wir die Astrologie nicht nach ihrer „Wahrheit“ befragen. Statt dessen könnten wir uns die praktische Anwendung der Astrologie ansehen und von dort her eine praktikable Antwort suchen. 

 

   Die moderne Astrologie lässt sich ganz grob in eine populäre und eine ernsthaft betriebene unterteilen. Es muss aber dazu gesagt werden, dass die Grenze zwischen beiden kaum zu bestimmen ist. Sehr viele Astrologie-Angebote bewegen sich zwischen diesen beiden in einer Grauzone, die hinsichtlich ihrer ernstgemeinten Begründungen schwer zu bestimmen ist. Die beiden Außenpositionen lassen sich aber gut bestimmen.

 

   Die gegenwärtig am meisten verbreitete Form ist die populäre Astrologie, die sich sowohl in normalen Tageszeitungen als auch in speziellen esoterischen Zeitschriften präsentiert. Diese widerspricht der konkreten Erfahrung oftmals so deutlich, dass ihr jede ernste Begründung abgesprochen werden muss. Hier kann jeder selbst überprüfen, wie oft Charakterbeschreibungen und Prognosen wirklich zutreffen oder nicht, oder wie allgemein solche Aussagen sind, so dass sie fast immer zutreffen. Es ist auffällig, dass diese populäre Astrologie kaum an einer ernsthaften Erklärung oder Prüfung - sei sie religiös oder empirisch - interessiert ist.

 

   Auf der anderen Seite gibt es eine ernsthaft betriebene Astrologie, die sich hauptsächlich praktisch-diagnostisch versteht. In dieser Weise wird sie heute in manchen Formen der psychologischen Beratung und der alternativen Medizin angewandt. Hinsichtlich ihrer Wirkungen kann sie wohl nur von den jeweils Beteiligten beurteilt werden. Vertreter dieser Astrologie betonen immer wieder, dass ein Horoskop nie wirklich voraussagen kann, was einem Menschen passieren wird, sondern dass es nur spiegelbildlich über Anlagen Auskunft gibt. Einerseits baut diese ernsthafte Astrologie auf teilweise sehr anspruchsvolle empirische Studien, deren Ergebnisse aber dennoch wissenschaftlich umstritten bleiben. Das Gestehen die Vertreter dieser Richtung auch ein und so stützen sie ihre Position darauf, dass sie durch persönliche Erfahrung genügend belegt sei, um sie sinnvoll anwenden zu können.

 

   Man kann also sagen, dass diese ernsthafte Astrologie sich um eine Synthese zwischen „Wissenschaft“, „persönlicher Erfahrung“ und „Religion“ bemüht, was es für Wissenschaftler mit strengen Maßstäben allerdings schwer macht, die Astrologie auch als Wissenschaft anzuerkennen. Es bleibt aber festzustellen, dass die Astrologie da ist und praktiziert wird. An manchen Universitäten in Südamerika, in Asien und Afrika (zum Beispiel in Kairo) und auch an der Universität Riga in Lettland wird Astrologie gelehrt. Das liegt sicher auch daran, dass ihre Bedeutung in der Geschichte der Religionen, auch in der Geschichte des Christentums, erst wieder neu entdeckt wird. Neben der oft kritisierten praktischen Anwendung ist ihre religionsgeschichtliche Bedeutung sicher groß genug, um sich mit ihr auch religionswissenschaftlich zu beschäftigen. Dazu sei noch einmal der Altphilologe Franz Boll zitiert, der sich zur geschichtlichen Bedeutung der Astrologie so äußert: „Es ist das Bedeutsamste an der Geschichte der Astrologie, dass sie die Völkerverbindungen in einer Klarheit und Unabweisbarkeit zeigt, wie sie sonst kaum irgendwo anders bloßzulegen sind. Vielleicht in ihr allein haben sich Ost und West, Christen, Mohammedaner und Buddhisten mühelos verstanden.“

 

 

Weiterführende Literatur:

 

Baily, Alice Ann: Esoteric Astrology, New York 1951.

Bezold, Carl: Astronomie, Himmelsschau und Astrallehre bei den Babyloniern, Heidelberg 1911.

Boll, Franz: Sternglaube und Sterndeutung – Die Geschichte und das Wesen der Astrologie, Leipzig 1931.

Endres, Klaus-Peter/Schad, Wolfgang: Biologie des Mondes – Mondperiodik und Lebensrhythmen, Leipzig 1997.

Eysenck, Hans Jürgen/Nias, David: Astrology – Science or Superstition?, London 1982, dt.: Astrologie – Wissenschaft oder Aberglaube?, München 1984.

Gauquelin, Michel: Cosmic Influences on Human Behavior, London 1976, dt.: Kosmische Einflüsse auf menschliches Verhalten, Freiburg/Br. 1983.

Gundel, Wilhelm/Gundel, Hans Georg: Astrologumena – Die astrologische Literatur in der Antike und ihre Geschichte, Wiesbaden 1966.

Haack, Friedrich-Wilhelm: Astrologie, München 51988.

Jastrow, Morris: Die Religionn Babyloniens und Assyriens Bd. II, Gießen 1912.

Kepler, Johannes: Weltharmonik, hrg. v. Max Caspar, München 1939.

Kepler, Johannes: Warnung an die Gegner der Astrologie – Tertius Interveniens, hrg. v. Fritz Krafft, München 1971.

Klöckler, Herbert v.: Astrologie als Erfahrungswissenschaft, Leipzig 1927.

Knappich, Wilhelm: Geschichte der Astrologie, Frankfurt/M. 21988.

Manilius, Marcus: Astronomica – Astrologie, übs. u. hrg. v. Wolfgang Fels, Universal-Bibliothek Reclam 8634, Stuttgart 1990.

Mertz, Bernd A.: Die Lichter des Himmels geben Zeichen – Astrologie und Christentum, Bern 1990.

Ptolemäus, Claudius: Tetrabiblos, Nachdruck der Ausgabe aus dem Jahre 1553, Berlin 1923.

Nachdruck der Ausgabe von 1923, Mössingen 1995.

Riemann, Fritz: Lebenshilfe Astrologie – Gedanken und Erfahrungen, München 91986.

Ring, Thomas: Astrologische Menschenkunde, Freiburg/Br. Bd. I 61990.

Schubert-Weller, Christoph: Spricht Gott durch die Sterne? – Astrologie, Gesellschaft und christlicher Glaube, München 1993.

Thomas de Aquino: Opera omnia XXII, questiones disputatae de veritate Bd. I, Rom 1975.

Voss, Gerhard: Astrologie – christlich, Regensburg 21990.

 

Nachschlagewerke und Zeitschriften:

 

Astrologie Heute: Zeitschrift für Astrologie, Psychologie und Esoterik, hrg. v. Claude Weiss, Zürich, seit 1986.

Francis Santoni: The complete Ephemerides 2000-2050, Paris 1995.

Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe Bd. II, Stuttgart 1990.

Katechismus der Katholischen Kirche, Oldenbourg 1993.

Lexikon der Astronomie Bd. I, hrg. v. Peter Moore, Stuttgart 1989.

Lexikon des Geheimwissens, hrg. v. Horst E. Miers, München 1993.

Lexikon der Religionen, hrg. v. Hans Waldenfels, Freiburg/Br. 31996.

 

 

 

 

 

 

 

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