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Kepler

Johannes Kepler und die Astrologie

s.a.:

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Kepler, Johannes; Hamel, Jürgen (2004): Tertius interveniens. Warnung an etliche Gegner der Astrologie, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten.
1. Aufl. Frankfurt am Main: Deutsch-Verlag (Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften, 295).

Jürgen Hamel schreibt in dem einführenden Kapitel „Johannes Kepler – Leben und Werk“ S.10:

 

„Der astrologische Gedanke in Keplers Werk:

Über Keplers Stellung zur Astrologie ist viel gestritten worden. War er ein Gegner der Astrologie, war er ein Astrologe? Keplers Forschung war bestimmt von der Suche nach harmonischen Strukturen im Weltbau, dies eingebettet in die Vorstellung von der Welt als Produkt eines göttlichen Wesens, das die Welt nur in einer geordneten Weise erschaffen haben kann. Ein erstes Resultat seiner Suche nach diesen harmonischen Strukturen legte er in seinem wissenschaftlichen Erstlingswerk, dem „Mysterium Cosmographicum“, vor. Mit Hilfe der fünf regelmäßigen Polyeder („platonische Körper“) entwickelte er die Struktur des Planetensystems auf heliozentrischer Basis – das Weltsystem des Copernicus‘ hatte er schon in seinen Studien in Tübingen bei Michael Mästlin kennen gelernt. Und diese Suche sollte für Keplers Forschen bestimmend bleiben. Sie führte Kepler schließlich zu seinen Gesetzen der Planetenbewegung und bestimmte sein Bild der Astrologie. Während seines ganzen Lebens beschäftigte sich Kepler mit der Verbindung zwischen den Himmelskörpern und der Erde, besonders den Menschen, mit der Astrologie. Die damit verbundenen Fragen durchziehen seine wichtigsten Werke, auch die, bei denen wir es, beeinträchtigt vom Bild der heutigen Astrologie, nicht vermuten würden.“

 

Im nächsten Kapitel „Kepler und die Astrologie – „Tertius interveniens““ schreibt Hamel:

 

„Was in den Kalendern, die Kepler verfasst hatte, nur stets eine Nebenbemerkung sein konnte, fasste Kepler erstmals in der kleinen lateinischen Schrift „De fundamentis Astrologiae certioribus […] cum prognosi physica anni […]“ 1602 zusammen. Kepler hatte Gelegenheit, sich im Zusammenhang mit seinen Kalenderarbeiten mit den Grundlagen der Astrologie intensiv zu beschäftigen und fasste seine damaligen Ansichten in 75 Thesen zusammen. Diese liegen ganz in der Entwicklung, die Kepler später 1610 im „Tertius interveniens“ ausführlich zeigt. Nach der äußeren Form handelt es sich hierbei um eine Auseinandersetzung mit zwei Arbeiten zur Astrologie: des für die Astronomie nicht unbedeutenden Heliaeus Röslin (1545 bis 1616), Leibarzt des Pfalzgrafen von Pfalz-Veldenz und des Grafen von Hanau-Lichtenberg, mit Kepler persönlich gut bekannt und von diesem geschätzt sowie Philipp Feselius, der in seiner kurz zuvor erschienenen Arbeit „Gründtlicher Discurs von der Astrologia Judiciaria“, Straßburg 1609 eine Ablehnung der Astrologie vorlegte, die ob ihrer teilweisen Kurzschlüssigkeit Keplers Kritik erregte.

In dieser Arbeit fasst Kepler sein Bild der Astrologie zusammen, das im eigentlichen Sinne ein naturphilosophisches Programm ist, wie es der durchaus vom Neuplatonismus und Pantheismus, der Lehre einer Allbelebtheit der Natur, beeinflussten Philosophie seiner Zeit entsprach. Die von ihm zur Grunde gelegte Teilung der Astrologie in die natürliche und die judiciarische, also die voraussagende war nicht neu. Neu war jedoch Keplers konsequente Reduzierung der Astrologie auf die Aspektenlehre und den davon gebildeten Ableitungen, während er wichtige andere Bestandteile der Astrologie seiner (und unserer!) Zeit strikt und in einer vielfach sprachlich sehr schönen Form zurückwies […] Er akzeptiert die Kritik an der Astrologie in weiten Teilen, doch mahnt er, angesichts der vielen berechtigten Kritikpunkte, nicht auch die bewahrenswerten Bestandteile astrologischer Lehren, die Goldkörner, abzulehnen, eben nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. Und diese Verteidigung der Astrologie, in dem von ihm entwickelten Sinne, ist dann eine dreifache, ist philosophisch, theologisch und ethisch.“

 

Johannes Kepler in „Tertius interveniens“ S.48 aaO (in milder Modernisierung des Textes):

 

„Tertius interveniens. Das ist: Warnung an D. Philippum Feselium und etlichen mehr Philosophos, Mediocos und Theologos, dass sie bey Verwerffung der Astrologiae nicht das Kindt mit dem Bad außschütten – […]“

 

S.55 aaO:

 

„und also zu Lob Gottes des Schöpfers, zu welchem der Mensch erschaffen, bei der studierenden Jugend neben der Astronomia auch die Astrologia, wiewohl sie übel befleckt und nicht ohne gebrechliche Gedanken exerziert werden mag, nicht unvernünftiglich geduldet […] werde.“

S.57 aaO:

 

„eigentliches fürhaben dieser Schrift: dass nämlich in der Astrologia viel großer Geheimnissen der Natur verborgen liegen. Soll also, wie anfangs gemeldet worden, niemand für ungläublich halten, dass aus der astrologischen Narrheit und Gottlosigkeit nicht auch eine nützliche Witz und Heiligtum, aus einem unsauberen Schleim nicht auch ein Schnecken, Müschle, Austern oder Aal zum Essen dienstlich, aus dem großen Haufen Raupengeschmeiß nicht auch ein Seidenspinner und endlich aus einem übelriechenden Mist nicht auch etwas von einer emsigen Henne ein gutes Körnlein, ja eine Perle oder Goldkorn herfür gescharrt und gefunden werden könnte.

Wie nun ich hier vor solcher köstlicher Perlen und Körnlein etliche, als nämlich in meinem fundamentis Astrologiae certioribus, Item in libro de stella Serpentarii, aus der Astrologia herfür gelegt, und die Liebhaber natürlicher Geheimnisse solche zu besehen, zu erkennen und zu verschlucken her zu gelockert: also hab ich mir das selbige auch in diesem Traktätlein zu tun, und hierüber mich wider etliche Theologos, Mediocos und Philosophos, welche den Mist miteinander allzu frühe ausführen, und ins Wasser schütten wollen, in einen Kampf eingelassen, fürgenommen, nicht zweifelnd, wann sie mein nützliches Unterfangen und was ich aus der Astrologia Gutes aufzuklauben vorhabe, verspüren, sie mich und andere hieran nicht hindern, sondern mit der Astrologia füraus bescheidener verfahren werden.

Dann das solche bisher der Naturkündigung zu nahe kommen und das Kindt mit dem Bade ausschütten wollen, ist die meinste Schuld an den Astrologis selbst gewesen, welche nicht allein mit übermächtigen schändlichen Missbräuchen, die darunter verborgene heilsame Wissenschaft verdächtig gemacht und beschrien: sondern auch von dem Guten, darum ich mich annehme, selber wenig gewusst, das Kindt meinsten Teils selber nicht gekennet, sondern nur in dem unsauberen Bad umgespület haben.“

 

(Kepler setzt sich dann im Einzelnen mit der Gegnerschrift von Feselius zur Astrologie auseinander.)

 

Strauss, Heinz-Artur (1981): Die Astrologie des Johannes Kepler. Eine Ausw. aus seinen Schriften. Fellbach: Bonz. S.13 – Strauss schreibt: „Es sind von autoritativer Seite allzu viel entschiedene und folgenreiche Worte über die Astrologie Keplers gesprochen worden, als dass es möglich wäre, sich ohne Berücksichtigung der geltenden Meinungen unbefangen dem strittigen Thema zu nähern. All diese Meinungen sind im Grunde Einwendungen, die ihren Ursprung aus der strikten Negation einer Möglichkeit des astrologischen Phänomens nehmen. Dies musste folgerichtig entweder zur Verwerfung der ganzen Geistesseite Keplers, die sich zu den astrologischen „Wahnideen“ bejahend stellte, führen oder, wenn irgend möglich zum Nachweis, dass eine Bejahung von Seiten Keplers überhaupt nicht oder in keiner redenswerten Weise stattgefunden habe. […] Am häufigsten findet sich der Einwurf, Kepler sei auf den Erwerb seines Unterhaltes durch das astrologische Prophezeien angewiesen gewesen. Ferner soll er durch seine Ämter genötigt und also lebenslänglich zum astrologischen Frondienst verdammt gewesen sein. Es bleibt ein Verdienst von Norbert Herz […], der den Beweis lieferte, dass Kepler einen gewissen Teil der Astrologie – und zwar den wesentlichsten – sein ganzes Leben hindurch beibehielt; dass er ferner aus dieser Beibehaltung keinen Hehl machte und dass er endlich, wo er wirklich unter Zwang und unter dem Druck pekundärer Verhältnisse handelte – was beides durchaus nicht immer der Fall war – sich stets die Freiheit seiner Rede wahrte.“

 

 

Yates, Frances Amelia; Zahn, Eva (1975): Aufklärung im Zeichen des Rosenkreuzes. Stuttgart: Klett. S.232 – Yates schreibt: „Kepler war noch tief in hermetische Einflüsse verstrickt, behauptete aber trotzdem 1619 in seinem Werk „Harmonices Mundi“, dass er seine astronomische Schrift nur als Mathematiker verfasst habe und keineswegs als Hermetiker.“

 

 

Brosseder aaO S.300. – Brosseder schreibt: „Viele Historiker, die sich eingehend mit Johannes Keplers ambivalentem Verhältnis zur Astrologie beschäftigten, haben aufgezeigt, wie Keplers kosmologische Vorstellungen in seinem „Mysterium Cosmographicum“ (1596) und in seiner „Hamonices Mundi“ (1619) von astrologischen Annahmen durchdrungen sind. So haben sie Keplers anfängliche Unentschiedenheit gegenüber der judicialen Astrologie erforscht, und darauf verwiesen, wie er mehrere Horoskope für so berühmte Klienten wie die Habsburger, für Wallenstein und etliche andere erstellt hatte. Drei Schriften verfasste Kepler, in denen er sich zur Astrologie ausführlich äußerte: Seine Schrift „De fundamentis Astrologiae certioribus“ (1601), „De Stella nova“ (1606) und nachdem er sein astronomisches Hauptwerk „Astronomia nova aitio logetos“ (1609) publiziert hatte, sein „Tertius interveniens“ (1609). Bis in der Jahr 1606 hinein schrieb er Briefe, in denen er sich einmal für, ein andern mal gegen die judiciale Astrologie aussprach […] Als Kepler 1609 seine wichtigste Schrift, den „Tertius interveniens“, verfasste, hatte er erkannt, dass sich die Vorstellungen der Wittenberger zur Astrologie, um die herum von Zeit zu Zeit dunkle Wolken einer astrologischen Streitkultur zusammenbrauten, heillos verfahren hatten – ohne jemals ein zufriedenstellendes Ergebnis in Fragen der Verlässlichkeit oder der Rechtmäßigkeit der Astrologie zu erlangen. […] In dieser Debatte beschritt Kepler einen neuen Weg, um das zu verteidigen, was in seinen Augen an der Astrologie bedenkenswert war. Er stellte eine abgespeckte Version der Astrologie vor, in der er das Licht und die Planetenaspekte analysierte, um damit die Inklinationen vorhersehen und analysieren zu können. Damit wollte er die Astrologie retten.“

 

 

 

 

 

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