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Luther

Vom ‚Kommen des Kleinen Propheten’ - Martin Luther im Spiegel astrologischer Prognosen.

 

Am 10. November 1483 (nach gregorianischem Kalender) wurde der Reformator Martin Luther unter dem Zeichen des Skorpion geboren. Solange Luther ein unbekannter Mönch war, dazu aus einer einfachen Bergmannsfamilie stammte, gab es keinen Grund, dass sich Astrologen für sein Geburtsdatum interessierten, um ihm das Horoskop zu erstellen.

 

Erst 40 Jahre später, nachdem Luther mit seinen 95 Thesen in der ganzen deutschen Gelehrtenwelt, an den Fürstenhöfen und im Klerus für Unruhe gesorgt hatte und die Reformation geboren war, fiel dem berühmten italienischen Astrologen Luca Gaurico die verdächtige Nähe des Geburtsdatums Luthers zu dem Zeitpunkt einer längst bekannten Planetenkonstellation auf: der „Großen Konjunktion“ des Jahres 1484, die ebenfalls im November - im Zeichen des Skorpion - ihren astrologischen Höhepunkt hatte.

 

 Die Große Konjunktion von 1484

 

„Große Konjunktionen“ waren seit dem 8. und 9. Jh. bekannt. Die arabischen (muslimischen) Astrologen Mas’halla, Al Kindi und Abu Ma’shar hatten diese Lehre entwickelt und sie als Anzeichen großer geschichtlicher, gesellschaftlicher (vor allem religiöser) Umwälzungen gesehen - oft in Begleitung von Naturkatastrophen und Epidemien.

 

Gemeint ist mit einer „Großen Konjunktion“ das Zusammentreffen der beiden äußeren und langsamen Planeten Jupiter und Saturn, das alle 20 Jahre stattfindet, und je nach Besonderheit größere, mittlere oder kleinere Veränderungen in den religiösen und säkularen Herrschaftsverhältnissen anzeigte.

 

Die „Große Konjunktion“ von 1484 fand im Zeichen des Skorpion statt und weil dieses Zeichen in der Astrologie für umwälzende, revolutionäre Ereignisse stand, auch für Epidemien und massenhaftes Sterben, konnte diese geballte Planetenkraft (sechs Planeten standen am 25. November, während einer Sonnenfinsternis, im Skorpion) für Astrologen nur ein Anzeichen für dramatische Veränderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen bedeuten. Vor allem sollte die Ankunft eines „Rebellen“ Aufruhr in die religiöse und weltliche Ordnung bringen.

 

Beginnen wir von vor

 

Den Astrologen der Renaissancezeit waren die Schriften der arabischen Astrologen längst wohlbekannt. Besonders Abu Ma’shars Schrift „De magnis coniunctionibus“ war an den renommierten Universitäten, an Adelshöfen und im Klerus ein Standardwerk. Seit dem 12. Jahrhundert lag sie in lateinischen Übersetzungen vor.

 

In dieser Schrift gibt Abu Ma’shar eine systematische Darstellung der Lehre von den „Großen Konjunktionen“, und daneben auch die ausführliche Schilderung eines ‚kleinen Propheten’, der einmal kommen würde.

 

Er sollte aus einem Land kommen, das unter dem Zeichen des Skorpion steht. Detailliert beschreibt er seine physische Gestalt, seinen Charakter und sein Auftreten. Auch, dass er durch seine neue Lehre viele Völker und Stämme an sich ziehen würde. Aber nichts sagt er über die Art seiner Religion und auch nichts über die Zeit seines Auftretens.

 

Diese allgemeinen Ankündigungen waren also den Gelehrten und Astrologen des 15. Jh.s in ganz Europa bekannt, als sie die „Große Konjunktion“ des Jahres 1484 im Visier hatten. Und alle waren nun auf den ‚kleinen Propheten’ gespannt.

 

Pico della Mirandolas Einwand

 

Wie wir von dem Renaissance-Philosophen Pico della Mirandola (1463-1494) wissen, gab es deshalb schon einige Jahrzehnte vor 1484 viel Aufregung in der Gelehrtenwelt Italiens. Pico selbst polemisierte heftig gegen die Astrologie insgesamt und gegen die Vorankündigung dieses „kleinen, betrügerischen Propheten“, wie es häufig auch hieß.

 

Er schrieb im Jahr 1494 - zehn Jahre nach der Konjunktion: „wie oft haben uns Gelehrte aus jener ‚Großen Konjunktion’ das Kommen des ‚Betrügerischen Propheten’ angekündigt? Jetzt vor 10 Jahren war die Konjunktion und nichts ist passiert.“

 

Voller Hohn und Spott führt er dann zwei Beispiele früherer Voraussagen an, die nicht eintrafen.

 

Aber Pico hatte auch persönliche Gründe gegen die Astrologie zu sein: drei Astrologen hatten ihm den Tod vor Vollendung seines 33. Lebensjahres vorausgesagt. Er starb knapp 32jährig, kurz nach Vollendung seiner antiastrologischen Streitschrift. - Self-fulfilling prophecy oder nicht: der anerkannteste Kritiker der Astrologie war tot, wie es von Astrologen prophezeit worden war. Und das machte schnell vergessen, dass sich die Astrologen mit dem „kleinen Propheten“ vorerst geirrt hatten.

 

Vor diesem Hintergrund konnte nun auch die Prognose vom ‚kleinen Propheten’ umgedeutet werden, ohne dass die Glaubwürdigkeit der Astrologie darunter litt.

 

Paulus von Middelburgs Ankündigung und Beschreibung des ‚Kleinen Propheten’

 

Unter den italienischen Astrologen war der bedeutendste Verfechter des ‚kleinen Propheten’ Paulus von Middelburg, ursprünglich ein holländischer Geistlicher, Professor der Mathematik in Padua und später Bischof von Fossombrone.

 

Auch ihm entging nicht, dass 1484 kein Prophet erschien. Aber er hatte dafür eine astrologische Erklärung: Demnach sollte sich die Wirkung der „Großen Konjunktion“ von 1484 auf 20 Jahre erstrecken, was er mit dem Charakter des Zeichens Skorpion und nachfolgenden Eklipsen erklärte.

 

Middelburg veröffentlichte diese, Kaiser Maximilian gewidmete, gestreckte Prognose im Oktober 1484, kurz vor dem Höhepunkt der Konjunktion.

 

Neben allgemein schädlichen Wirkungen für die Völker Europas (u.a. erklärte er die Syphilis als Folge der Skorpion-Wirkung) enthält sie eine Fülle von Details zur Person des kommenden „kleinen Propheten“, wobei er Astrologisches mit biblischen Elementen vermischt:

 

Demnach sollte der Prophet 1503 - 19 Jahre nach der „Großen Konjunktion“ - geboren werden, 19 Jahre in seinem Heimatland wirken, und dann - weil nach dem Neuen Testament ein „Prophet im eigenen Land nichts gilt“ - sein Land verlassen.

 

Und nun kommt eine Personenbeschreibung, die Middelburg von Abu Ma’shar übernahm: Er wird unter dem Einfluss des Skorpion einen „hässlichen Leib“ haben, „schwarze und braune Flecken an der rechten Seite, am Schoß und an den Füßen“. - Seine Haare sollen „rötlich sein und glitzern (wie der Mars)“, seine Kleidung „weiß wie die der Mönche“ (das zeigen Mond und Jupiter).

 

Und er wird einen „vortrefflichen Verstand“ haben, „vortrefflich und auf wunderbare Weise“ die Heilige Schrift auslegen, neue „Ceremonien“ in der Kirche einführen, „Zeichen und Wunder tun“. Die bösen Geister werden fliehen und die vom Teufel Besessenen werden allein durch sein Erscheinen errettet.

 

Aber: er wird selbst nicht tun, was er anderen Menschen zu tun rät und er wird oft „heucheln und lügen“. Wie ein Skorpion wird er sein Gift oft ausgießen. - Und schließlich wird er die „Ursache eines großen Blutvergießens“ sein.

 

Middelburg zeichnet den „Kleinen Propheten“ also als eine ambivalente Gestalt, denn „kleine Propheten“ sind - wie er erklärt - manchmal falsche (wie Mohammed), manchmal wahre (wie Franziskus und Dominikus).

 

Am Schluss der Passage überwiegt die Skepsis: „Obwohl dieser Prophet viele Zeichen und Wunder tut, soll man ihm nicht anhängen“, warnt er, denn schon im Neuen Testament warnt auch Jesus vor falschen Propheten.

 

Johann Lichtenbergers deutsche Prognose

 

Das etwa ist im Querschnitt das Profil des ‚kleinen Propheten’ nach Middelburg. - Johann Lichtenberger (1440-1503) - ein deutscher Pfarrer aus der Pfalz und Astrologe am Hof Kaiser Friedrichs III. - kannte Middelburgs Schrift, verfasste nun aber eine eigene Prognose. Die erste lateinische Ausgabe erschien 1488 in Heidelberg, die erste deutsche Übersetzung 1492 in Mainz.

 

Lichtenberger schlug den geschichtlichen Bogen weiter als Middelburg: Seine Deutung der Konjunktion von 1484 stellte er in die Reihe jüdisch-christliche „Endzeit“-Vorstellungen, gespickt auch mit nichtchristliche Prophetien. - In Zitaten verweist er kreuz und quer auf Joachim von Fiore, Brigitte von Schweden, Franziskus, Merlin, die Sibyllinischen Orakel.

 

Demnach ist folgendes zu erwarten: die Kirche wird schwere Stürme erleben, Fürsten und Kaiser werden sich bekämpfen, dem einfachen Volk droht das Leben auf Erden zur Hölle zu werden (durch Krieg, Krankheiten, Naturkatastrophen und Unmoral). - Und mittendrin wird der ‚Kleine Prophet’ auftreten, wie Middelburg es schon beschrieben hatte.

 

Danach aber wird die „Endzeit“ kommen, der „Antichrist mit seiner Sekte“ wird auftreten, bevor das Zeitalter des Friedens folgt.

 

Lichtenberger ist - im Unterschied zu Middelburg - nicht der Typ eines akademischen Gelehrten: seine ganze Schrift ist eine recht unsystematische Kompilation verschiedener Quellen mit nur wenigen eigenen Gedanken. Die gesamte Passage über den „kleinen Propheten“ ist wörtlich von Middelburg abgeschrieben.

 

Middelburg hat darauf 1492 böse reagiert und Lichtenberger des Plagiats beschuldigt - allerdings ohne Konsequenzen und (wahrscheinlich) ohne Antwort Lichtenbergers.

 

Aber Lichtenberger hat öffentlichen Erfolg, nicht Middelburg! Denn er schreibt nicht nur Latein, sondern auch in den Volkssprachen deutsch und italienisch. - Und: er spricht Gefühle an! Er ergänzt die Texte mit vielen Bildern (Holzschnitten). Insgesamt 45 Bilder sind es, die die einzelnen Voraussagen veranschaulichen.

 

Der ‚Kleine Prophet’ als massenmediales Ereignis

 

Die öffentliche Wirkung ist enorm: allein bis 1530 - in den Jahren der heftigsten Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern Luthers und seinen römisch-katholischen Gegnern gab es 32 Auflagen.

Und noch etwas trug zur Popularisierung seiner Schrift bei: die Einführung des Buchdruckes durch Johann Gutenberg 1440 ermöglichte es, neben Büchern auch kleinere Schriften in Massenauflagen herauszugeben. Seit 1499 setzt sich in Deutschland der Druck von solchen „Flugschriften“ durch: in wenigen Stunden konnte eine Auflagenhöhe von mehreren tausend Exemplaren erreicht werden (der Durchschnitt lag bei 1.000 Exemplaren pro Auflage. Luthers reformatorische Kampfschriften wurden mit 3.000 - 4.000 Exemplaren Bestseller.).

 

Lichtenbergers Prognose wurde so - als Flugschrift mit mehreren 10.000 Exemplaren und mit vielen Bildern versehen - zum massenmedialen Ereignis.

 

Beteiligt an dieser massenmedial geschürten Stimmung waren noch weitere astrologische Flugschriften, die von vielen Astrologen (u.a. Johann Carion) in ganz Europa für das Jahr 1524/25 eine große „Sintflut“ ankündigten, auch als Folge einer „Großen Konjunktion“, der vom Februar 1524 im Zeichen der Fische.

 

Diese beiden Prophezeiungen (die Flut für das Jahr 1524 und der ‚kleine Prophet’ als Ergebnis der Konjunktion von 1484) flossen nun als gemeinsamer Strom - trafen die Stimmung der reformwilligen humanistischen Kreise, über reformatorische Prediger als Multiplikatoren auch die Stimmung des einfachen Volkes. Aber sie schufen und steigerten auch apokalyptische Ängste.

 

Aber wo war nun der „kleine Prophet“?

 

Martin Luther

 

Luthers Thesenanschlag 1517, sein trotziges Bekenntnis in Worms 1521, die drohende konfessionelle Spaltung Deutschlands, im Hintergrund der Bauernkrieg 1524/25: Luther empfahl sich vorzüglich für diese Rolle. Er musste im Urteil der astrologisch gebildeten Öffentlichkeit dieser „kleine Prophet“ sein.

 

Unwichtig war jetzt, das der Prophet 1503 geboren werden sollte - aber man erinnerte sich daran, dass er ursprünglich 1484 erwartet war.

 

Luther war 1483 geboren - behauptete er selbst. - Aber stimmte das? - Belegen ließ es sich nicht. - Vielleicht war er doch im Herbst 1484 geboren? Verführerisch war es für seine Gegner, wie auch für seine Anhänger, das Geburtsjahr identisch mit der „Großen Konjunktion“ zu sehen.

 

Und weil es keine sicheren Urkunden gab, errechnete als erster der römisch-katholische Astrologe (und entschiedene Gegner Luthers) Luca Gaurico durch „Rektifikation“ das „wahre“ Geburtsdatum: durch mehrere Ereignisse aus Luthers bekannter Biographie wurde astrologisch auf die Geburtszeit geschlossen (ein Verfahren, dass auch in der heutigen Astrologie noch in Gebrauch ist).

 

Gaurico kam auf den 22. Oktober 1484, und als Geburtszeit schlug er 1.10 Uhr vor. - Warum? Weil dann mit dem harten und niederdrückenden Ascendenten Steinbock und dem Mars im Widder und im 3. Haus (der Beredsamkeit), sowie der „Großen Konjunktion“ im 9. Haus (im Haus der Religion) der ganze aggressive, anmaßende und Irrlehren verbreitende Charakter Luthers besonders markant zum Vorschein kam.  

 

Luthers Freunde, die sich mit der Astrologie befassten - Philipp Melanchthon, Johann Carion, der Wittenberger Mathematiker Erasmus Reinhold und der Arzt Johann Pfeyl - waren von Gauricos 22. Oktober 1484 ebenfalls überzeugt - nicht aber von der Geburtszeit.

 

Sie sahen Luther menschenfreundlicher, positiver, und deshalb vermuteten Melanchthon und Carion 9.00 Uhr; Pfeyl 3.22 Uhr. In beiden Fällen kommt Luther besser weg, aber die Horoskope haben den Vermerk „coniecturalis“ (Vermutung).

 

Unverkennbar sollte Luther über die Geburtszeit zum entweder „demagogisch-falschen“ oder „heroisch-wahren“ Propheten der römisch-katholischen Christenheit stilisiert werden.   

 

Phillip Melanchthon (Luthers Freund und Mitstreiter, aber - anders als Luther - ganz aktiver und überzeugter Astrologe) holte sich schließlich Auskunft bei Luthers Mutter Margarethe. Und dabei kam heraus: der Tag der Geburt war eindeutig der 10. November (und nicht der 22. Oktober), denn vom „Martinstag“ hatte Luther seinen Vornamen.

 

Die Stunde schien ihr auch sicher zu sein („gegen Mitternacht“). Das Jahr hingegen blieb weiter unklar. Und alle Astrologen blieben von 1484 überzeugt. Aber viele Jahre später trug Melanchthon dann doch das Jahr 1483 in das Dekanatsbuch und in die Biographie ein.   

 

 

Luthers Reaktion

 

Wie reagierte nun Luther selbst auf Lichtenbergers ‚kleinen Propheten’? Ihm war die Flugschrift natürlich bekannt und er wusste um die Gefahr, die von den Texten und Bildern ausging. - Und manches daran überzeugte ihn auch.

 

Er sah keinen Anlaß, diese astrologische Voraussage rundheraus abzulehnen. Im Gegenteil: Luther selbst veranlasste 1527 (mitten in den Turbulenzen der Reformationszeit) eine weitere deutschsprachige Ausgabe, versehen mit einem eigenen, ausführlichen und erstaunlich astrologie- und weissagungsfreundlichen Vorwort.

 

Er schreibt: „den Grund von Lichtenbergers Sternenkunst halte ich für richtig ... die Zeichen am Himmel lügen gewiss nicht.“ - Zwar sei es eine ungenaue Kunst, die oft fehl geht, „aber dennoch hat der Lichtenberger viele Dinge gut getroffen, mehr mit den Bildern und Figuren, als mit den Worten.“

 

Luther war also zumindest von der Tendenz der Voraussagen überzeugt, und so schien es ihm auch geraten, sich mit dem „kleinen Propheten“ zu identifizieren - trotz des kleinen Teufels im Nacken.

 

 

D. Justus Jonas

 

Ein Kollege Luthers in Wittenberg, D. Justus Jonas, soll gefragt haben, warum er (Luther) Lichtenbergers Schrift neu herausgeben wolle und so positiv bewerte, wo dem ‚kleinen Propheten’ doch der Teufel im Nacken sitzt.

 

Darauf soll Luther geantwortet haben: „Der Lichtenberger hat es sehr gut getroffen. Der Teufel sitzt mir ja nicht im Herzen, er sitzt mir im Nacken durch Papst, Kaiser und viele Potentaten (Fürsten). In meinem Herzen wohnt nur Jesus.“

 

Luther, sonst nicht verlegen im Missachten aller nichtchristlichen Praktiken und Kulte: hier kann er sich nicht entziehen - teils, weil er von der astrologischen Voraussage wohl selbst überzeugt war, teils weil ihn die breite Diskussion in der Öffentlichkeit dazu nötigte.

 

Und so stellt er sich mit seinem reformatorischen, exklusiv-christlichem Anliegen in die Perspektive arabisch-astrologischer Geschichtsdeutung.

 

 

Die Zeit nach Luther

 

Und die Zeit nach Luther: Als fast 100 Jahre später der 30jährige Krieg ausbrach und sich zu bestätigen schien, dass der „‚kleinen Prophet’ Ursache eines großen Blutvergießens“ sein würde, gab es erneut sechs neue Auflagen von Lichtenbergers Flugschrift. - Weitere folgten kurz nach der französischen Revolution (1793 und 1810).

 

Und 1864 schrieb der katholische Theologe Johann Friedrich vorwurfsvoll, die Astrologen des 15. und 16. Jh.s seien „Prediger der Reformation“ und „Urheber der Bauernkriege“ gewesen.

 

Das stimmt so sicher nicht, denn Middelburg und Lichtenberger, die Protagonisten unter den Astrologen der Reformationszeit, blieben zeitlebens dem römisch-katholischen Glauben treu. Sie sahen in den erwarteten Veränderungen eher Niedergang als Reform.

 

Aber sicher stimmt, dass sich die Anhänger der Reformation - und Luther selbst - von der Woge der astrologischen Voraussagen tragen ließen, und dass sie die Voraussagen - positiv umgedeutet - quasi als eine kosmische Beglaubigung für ihre Anliegen sahen.

 

Die astrologische Geschichtsdeutung begleitete das christliche Europa durch die Reformation bis in das 19. Jh. Die „Große Konjunktion“ von 1484 war nur ein Schritt in der astrologisch markierten jüdisch-christlichen „Endzeit“, denn ein großer Zyklus „Großer Konjunktionen“ sollte erst 1789 enden, „wenn der Saturn 10 Umläufe im Tierkreis durchlaufen haben wird und die achte Sphäre stillstehen wird“ So hatte es der Pariser Kardinal Pierre d’Ailly schon vor der Reformation (im Jahre 1414) berechnet und vorausgesagt, dass dann der „Antichrist“ mit seiner „verdammungswürdigen Sekte“ auftreten werde.

 

Oft ist dies von Astrologen als Voraussage der französischen Revolution verstanden worden. Auch Carl Gustav Jung ist der Frage nachgegangen, was die französische Revolution mit ihren Folgen für die westliche Gesellschaft (Säkularisierung, Industrialisierung) mit dem erwarteten „Antichristen“ zu tun hatte und hat. - Aber das ist ein anderes Kapitel.

 

 

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