BuiltWithNOF
Pluto

 

 

Am Tag als Planet Pluto starb

 

 

Eigentlich hatte dieser Morgen so vielversprechend begonnen. Ich bin zeitig aus dem Bett gekommen und mein Chef war heute auf einer Dienstreise. Es hätten also ganz entspannte acht Stunden im Büro werden können. Gelassen setzte ich die Kaffeemaschine in Gang, rasierte mich zwischendurch, holte die Zeitung aus dem Briefkasten und toastete die Brötchen. Im Hintergrund lief das Radio und ich führte gerade erwartungsvoll die Kaffeetasse an die Lippen, da ertönte die Neuigkeit aus dem Lautsprecher: „Der Planet Pluto ist seit gestern nicht mehr .......“ Diese Nachricht traf mich wie ein Blitz! Reflexartig griff ich nach der Zeitung – auch hier war Pluto in der Hauptschlagzeile auf der Titelseite. Mein Herzschlag beschleunigte sich, in meiner Bauchhöhle machte sich ein äußerst unangenehmes Gefühl bemerkbar. Dann durchzuckte mich ein Gedanke: „Terroristen! Al-Kaida! Erst das World Trade Center, dann die Attentate in Spanien und London und jetzt Pluto!“ Ein Anschlag islamistischer Terroristen gegen die älteste Symbolsprache des Westens. Das musste es sein, denn kollektives Schicksal und Gewalttaten entsprachen doch exakt der Symbolik Plutos.

 

Unverzüglich setzte ich meinen Computer in Gang, um die Konstellationen des Tages näher anzuschauen. Ich starrte auf den Bildschirm, während der Rechner hochgefahren wurde. Endlich blitze das Tageshoroskop auf. Meine Augen flogen über das Horoskop, aber was war das? Ich hatte ein Horoskop in der mir vertrauten Grafik vor mir. Wo aber war Pluto in der Abbildung? Schnell klickte ich zu meinem Radixhoroskop und erneut ergriff mich ein Schrecken, ich spürte regelrecht, wie meine Gesichtsfarbe ausbleichte. „Mein Pluto“ war ebenfalls weg. Ich sank verstört in meinen Sessel. Was hatte das alles zu bedeuten? Augenblicklich wühlte ich in den Papieren auf meinem Schreibtisch und suchte meine Horoskopmappe. Wo war mein Solar? Meine Transitliste? Mein Composit? Meine Karmaanlyse? Nervös und hastig blätterte ich in den Papieren, doch das Ergebnis war auch hier wiederum immer dasselbe. Kein Pluto mehr! „Ok,“ dachte ich bei mir, „tief durchatmen und ganz ruhig bleiben.“ Pluto, der immer in der ersten Reihe mitwirkte, wenn ich eine Krise hatte, dem ich alle Abgründe meines Lebens verdankte und der mir immer ein guter Freund war, wen ich etwas auf den Tod nicht ausstehen konnte – dieser Pluto sollte entfernt worden sein?

 

Nach und nach beruhigten sich meine Gedanken und mein Unmut richtete sich immer mehr gegen Pluto. Warum musste er jetzt verschwinden? Warum nicht schon vor 91/2 Jahren? Damals stand er in einer Opposition zu meiner Radix-Venus und nach einem mehr als schwierigen Jahr voller Machtkämpfe endete meine Beziehung in einer Scheidung. Das wäre mir wohl alles erspart geblieben, wenn Pluto schon eher verschwunden wäre. Richtig ärgerlich wurde ich als mir einfiel, dass ich gerade jetzt einen guten Transit von Pluto zum 6. Haus erwartete. Die Transformation meiner beruflichen Situation stand bevor, ein Spiegelpunkt zu Jupiter schien dies alles zu bestätigen und in meiner Abteilung fand schon seit einigen Wochen das große Stühlerücken statt. Es war also eine Beförderung zu erwarten und ich hatte schon alles unternommen, um mich eindeutig hinter meine Vorgesetzten zu stellen. Aber das konnte ich ja nun abschreiben, nachdem Pluto sich auf so kompromisslose Art und Weise verabschiedet hat. Irgendwie passte es aber auch wieder zu ihm, er liebt bekanntlich Extremsituationen und dies war eine solche: Erst machte er sich zwanghaft unentbehrlich und jetzt lässt er mich ohnmächtig zurück.

 

Nach all diesem beschloss ich, heute nicht zur Arbeit zu gehen. Das musste auch meine Firma verstehen. Ich hatte eine schwere Krise, schließlich musste ich einen immensen Verlust verarbeiten. Außerdem sollte ich sowieso zum Arzt, um mir die Ergebnisse meiner letzten Untersuchung abzuholen. Wegen starken Schmerzen im Unterleib und dem Verdacht auf eine Dickdarmentzündung war ich vor kurzem in die Sprechstunde gegangen. Kaum war ich wieder in das Sprechzimmer eingetreten, bemerkte ich die Verwirrung meines Arztes. Nach einigem Stirnrunzeln ließ er mich schließlich wissen, dass das Papier mit seinen Aufzeichnungen sowie mit dem Befund leer seinen, ebenso sei von meiner letzten Konsultation nichts mehr in der Patientenkarte zu finden. Pluto ade, nichts tut mehr weh! Vielleicht ist es ja ganz gut, dass wir ihn endlich loshaben, dachte ich insgeheim. Zur Unterstützung meines Sexuallebens war er ja immer wieder ganz brauchbar, zur Not konnte ich ihn in diesem Zusammenhang jedoch immer noch durch eine stärkere Betonung des Mars ersetzen. Aber ansonsten – seien wir einmal ehrlich – bescherte er mir doch hauptsächlich nur Krisen und machte mich hilflos.

 

Zwischenzeitlich etwas gefasster griff ich zum Telefon und rief meine Astrologin an, um mich zu erkundigen, wie das bei mir denn nun ohne Pluto weitergehen würde. Sie erklärte mir verständnisvoll und mit viel Einfühlungsvermögen, dass ich mich nicht zu sehr auf diesen einen Planeten kaprizieren möge, schließlich habe das große Universum auch noch andere Kräfte und Aufgaben für uns Menschen bereit. Im Übrigen habe Sie auf meine Frage ein Stundenhoroskop erstellt und da sie nach William Lilly arbeite, der nur die alten Herrscher kannte, komme sie durchaus auch ohne Pluto zurecht.

 

In diesem Moment heulte eine laute Gitarre auf und ein Sänger mit herber Stimme wiederholte den Refrain „Born under a Bad Sign“ – ich schnellte in die Höhe und suchte benommen den Radiowecker, um die Lautstärke zu reduzieren. „Wie wahr,“ dachte ich und war schon hellwach. Ein quäkender Werbespot pries ein Waschmittel an und machte mir deutlich, wo ich war. Jetzt hörte ich den Nachrichtensprecher: „Am gestrigen Abend gegen 17:30 Uhr hat die IAU, nachdem nur noch eine kleiner Teil der Delegierten anwesend war, bei ihrer Jahresversammlung in Prag beschlossen, dass Pluto der Status eines Planeten aberkannt wird. Dies überraschte die Weltöffentlichkeit umso mehr, als man ursprünglich davon ausging, dass drei neue Objekte zu Planeten befördert werden sollten. An der Tatsache, dass Pluto weiterhin in einer Bahn um die Sonne kreist, ändert sich durch diesen Beschluss nichts. Von staatlichen Stellen wurde darauf hingewiesen, dass von dieser Entscheidung der IAU keine Gefährdung für die Bevölkerung ausgehen wird. Lediglich die Gesellschaft Wut und Polemik (GWUP) erklärte in einer Pressemitteilung, man müsse aufgrund der Degradierung Plutos die Astrologen jetzt noch mehr diskreditieren.“ Nach den Nachrichten ertönte zu den Klängen von Countrymusic der Song „It’s Always the Same Old Story.“ Draußen ging die Sonne auf und alles deutete darauf hin, dass dies doch ein vielversprechender Tag werden würde.

 

 

 

 

[Archiv der SAE] [A] [B] [C] [D] [E] [F] [G] [H] [I] [J] [K] [L] [M] [N] [O] [P] [Q] [R] [S] [Stuckrad] [Schendel Diss.] [Schendel] [Stiehle] [Dr.Schoener] [T] [U] [V] [W] [X] [Y] [Z]