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Renaissance

Am 12. April 2010 habe ich meine Inauguraldissertation

zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Rechtswissenschaften (Dr. jur.) durch die Juristische Fakultät der
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover mit dem Thema:

„Die Astrologische Beratung –
eine Herausforderung für das Recht“

eingereicht.

Hier eine Leseprobe:

 

  • 4. Renaissance
  • Eine hoch stehende Astrologie in der Renaissance von 1450 bis 1650 rechtfertigt das Etikett „Blütezeit“.

    Für die Zeit von 1460 bis 1650 weist Röbkes allein 352 astrologisch einschlägige Publikationen nach.

    Nahezu alle Kaiser, Fürsten, Päpste und Bischöfe hatten ihren eigenen Hofastrologen, und an vielen Universitäten war Astrologie universitäres Lehrfach.

    Die Blüte der Astrologie in der Renaissance in einer Arbeit wie dieser darzustellen, ist von vorneherein ausgeschlossen. Ich werde mich daher darauf beschränken, einige mir wichtig erscheinende Highlights zu benennen und verweise im Übrigen auf die einschlägigen Lehrbücher Knappichs, von Stuckrads und Campions, , , , .

    Die von Ptolemaeus kodifizierte Astrologie wurde seit dem 12. und 13. Jahrhundert mit medizinischen Studien verbunden an den Universitäten gelehrt und in die christlichen Zusammenhänge integriert.

     

    Wie Knappich beginne ich mit dem Kardinal Nikolaus Cusanus und Marsilio Ficino (1433 bis 1499), .

    Der berühmteste Gegner der Astrologie in dieser Zeit dürfte wohl Pico della Mirandola (1493 bis 1494) gewesen sein, , .

     

     

     

    Aber der Stern am Himmel der Astrologie und Medizin dieser Zeit war Theophrastus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493 bis 1541), , , . Nördlich der Alpen dürfte Paracelsus die bedeutendste geisteswissenschaftliche Figur dieser Zeit gewesen sein.

    Aber auch in Wittenberg gab es eine Geistesgröße, die Astrologie unterrichtete, nämlich Philipp Melanchthon (1496 bis 1565), , , , .

    Den Reigen dieser Kurzdarstellung beschließt Johannes Kepler (1571 bis 1630), der sich in seinem ganzen Denken und Forschen von platonischen Ideen leiten ließ, , , , , .

    Es wäre reizvoll, an dieser Stelle die Haltung der neu entstandenen protestantischen Kirche und der katholischen Kirche nachzuzeichnen. Angesichts der vielen Einzelheiten und Differenziertheiten im Verhältnis Astrologie und Kirche unterlasse ich dies bewusst und verweise auf die einschlägigen genannten Monographien zur Geschichte der Astrologie.

     

    In der Renaissance fußte das Lehrgebäude der klassischen Astrologie - ein Begriff, der in der Zeit vom 15. bis 17. Jahrhundert häufig gebraucht wurde - im Wesentlichen auf dem Tetrabiblos des Ptolemaeus‘, der in dieser Zeit fast allgemein als oberste Autorität in Astrologenkreisen betrachtet wurde, , , .

    Die meisten Astrologen schrieben ihre eigenen Lehrbücher in Form eines Kommentars oder einer Paraphrase zum Tetrabiblos.

    Es wurden kompliziert werdende astrologische Rechenwerke für all die verschiedenen astrologischen Bedürfnisse angefertigt.

    Berühmt geworden ist das Horoskop Keplers für Wallenstein.

     

    Auch der viel gepriesene und gleichzeitig viel gelästerte Seher und Astrologe Michel Nostradamus (1503 bis 1560) gehört in diesen geschichtlichen Kontext, .

    In dieser Zeit wurde die medizinische Astrologie an vielen Universitäten, besonders Marburg, Wittenberg, Wien, Rostock und Krakau als ordentliches Lehrfach behandelt.

    Die Darstellung der Astrologie der Renaissance in den einzelnen Ländern füllt ganze Bibliotheken.

     

     Knappich aaO S.185

     Röbkes, Marion; Bossom, Andrew (2006): Nova bibliotheca astrologica. Tübingen: Astronova (Astronova Sonderausgabe) S.1ff

     Reichel, Ute (1996): Von Gestirnumbläuften, Talismanen und der Kunst Alchymia. Die Rolle der Astrologen an den deutschen Fürstenhöfen des 16. Jahrhunderts. Darmstadt: Diss.-Druck. S.5

     Campion, Nicholas (2009): A History of Western Astrology - Volume II. The medieval and modern worlds. 1. publ. London: Continuum. S.84

     Knappich, Wilhelm (1988): Geschichte der Astrologie. 2., erg.Aufl. / mit einer Vorbemerkung zur Neuaufl und Erg. der Bibliogr. von Bernward Thiel. Frankfurt am Main: Klostermann.

     Stuckrad, Kocku von (2000): Das Ringen um die Astrologie. Jüdische und christliche Beiträge zum antiken Zeitverständnis. Univ., Diss.-Bremen, 1999. Berlin: de Gruyter (Religionsgeschichtliche Versuche und Vorarbeiten, 49).

     Stuckrad, Kocku von (2003): Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München: Beck.

     Campion, Nicholas (2008): A History of Western Astrology - Volume I. The ancient and classical worlds. 1. publ. London: Continuum.

     Campion, Nicholas (2009): A History of Western Astrology - Volume II. The medieval and modern worlds. 1. publ. London: Continuum.

     Tarnas, Richard; Sohns, Eckhard E. (1999): Idee und Leidenschaft. Die Wege des westlichen Denkens. München: Dt. Taschenbuch-Verl. S.242

     Knappich aaO S.186

     Becker-Baumann, Annegret (2008): Cusanus – Philosoph, Kirchenfürst und ein Freund der Astrologie. In: Schendel, Volker H. (Hg.): Apokryphen der Astrologie. Tübingen: Astronova, S. 182–184.

     Knappich aaO S.187

     Grafton, Anthony; Knecht, Peter (1999): Cardanos Kosmos. Die Welten und Werke eines Renaissance-Astrologen. Berlin: Berlin-Verl. S.23 - Grafton schreibt: „Auf höchstem Niveau kam antiken wie frühmodernen Astrologen eine ganz ähnliche Funktion zu wie im 20. Jahrhundert den Volkswirtschaftlern. Wie diese versuchte der Astrologe, chaotische Phänomene des täglichen Lebens in eine Ordnung zu zwingen, indem er sie in streng definierte quantifizierende Modelle einband.“

     Knappich aaO S.190

     Campion aaO S.101

     Stuckrad, Kocku von (2003): Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München: Beck. S.217

     Knappich aaO S.191 ;  s.a. Mertz, Bernd A. (1993): Paracelsus und seine Astrologie. "im Menschen nämlich sind Sonne und Mond und alle Planeten". Wettswil: Ed. Astrodata.; Paracelsus; Werner, Helmut (1989): Mikrokosmos und Makrokosmos. Okkulte Schriften. München: Diederichs.

     Grafton aaO S.28

     Campion, Nicholas (2009): A History of Western Astrology - Volume II. The medieval and modern worlds. 1. publ. London: Continuum. S.116f

     Stuckrad, Kocku von (2003): Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München: Beck. S.225

     Knappich aaO S.191

     Knappich aaO S.192

     Brosseder, Claudia (2004): Im Bann der Sterne. Caspar Peucer, Philipp Melanchthon und andere Wittenberger Astrologen. Univ., Diss.--München, 2002. Berlin: Akad.-Verl. S.13 - Brosseder schreibt: „Tatsächlich ließ die Astrologie Melanchthon seit den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts nicht mehr aus ihrem Bann. Wie stark sie ihn faszinierte, zeigt sich etwa daran, dass er und sein italienischer Kollege Luca Gaurico in jenen Jahren den großen Martin Luther mit Hilfe ihrer Horoskopanalyse ins rechte Licht rücken wollten. Etliche Jahre zuvor hatte Melanchthon das astrologische Handwerkszeug bei seinem Tübinger Lehrer Johannes Stöffler (1452 bis 1531) erlernt. […] In den folgenden Jahren durchzieht seine Begeisterung für die Astrologie viele seiner Publikationen. So konzipierte Melanchthon zahlreiche Reden, die direkt und indirekt die Astrologie loben; er verfasst naturphilosophische Traktate, die der Sternenkunst eine noch größere Resonanz bei den Gelehrten verschaffte, als sie ohnehin schon hatte. Sie bereiteten der wissenschaftlichen Astrologie offenbar einen fruchtbaren Boden, dass Jahrhunderte später der Eindruck entstehen konnte, hier an der Elbe gäbe es einen sog. Melanchthon-Zirkel.“

     Grafton aaO S.143

     Campion aaO S.113ff

     Stuckrad aaO S.247

     Knappich aaO S.195

     Strauss, Heinz-Artur (1981): Die Astrologie des Johannes Kepler. Eine Ausw. aus seinen Schriften. Fellbach: Bonz. S.13 – Strauss schreibt: „Es sind von autoritativer Seite allzu viel entschiedene und folgenreiche Worte über die Astrologie Keplers gesprochen worden, als dass es möglich wäre, sich ohne Berücksichtigung der geltenden Meinungen unbefangen dem strittigen Thema zu nähern. All diese Meinungen sind im Grunde Einwendungen, die ihren Ursprung aus der strikten Negation einer Möglichkeit des astrologischen Phänomens nehmen. Dies musste folgerichtig entweder zur Verwerfung der ganzen Geistesseite Keplers, die sich zu den astrologischen „Wahnideen“ bejahend stellte, führen oder, wenn irgend möglich zum Nachweis, dass eine Bejahung von Seiten Keplers überhaupt nicht oder in keiner redenswerten Weise stattgefunden habe. […] Am häufigsten findet sich der Einwurf, Kepler sei auf den Erwerb seines Unterhaltes durch das astrologische Prophezeien angewiesen gewesen. Ferner soll er durch seine Ämter genötigt und also lebenslänglich zum astrologischen Frondienst verdammt gewesen sein. Es bleibt ein Verdienst von Norbert Herz […], der den Beweis lieferte, dass Kepler einen gewissen Teil der Astrologie – und zwar den wesentlichsten – sein ganzes Leben hindurch beibehielt; dass er ferner aus dieser Beibehaltung keinen Hehl machte und dass er endlich, wo er wirklich unter Zwang und unter dem Druck pekundärer Verhältnisse handelte – was beides durchaus nicht immer der Fall war – sich stets die Freiheit seiner Rede wahrte.“

     Kepler, Johannes; Hamel, Jürgen (2004): Tertius interveniens. Warnung an etliche Gegner der Astrologie, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Deutsch (Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften, 295). S.14 – Hamel schreibt in seiner Einleitung: „Kepler akzeptiert die Kritik an der Astrologie […], doch mahnt er angesichts der vielen berechtigten Kritikpunkte, nicht auch die bewahrenswerten Bestandteile der astrologischen Lehren, die Goldkörner, abzulehnen, eben nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten.“ – s.a. das ausführliche Zitat im Anhang 4

     Yates, Frances Amelia; Zahn, Eva (1975): Aufklärung im Zeichen des Rosenkreuzes. Stuttgart: Klett. S.232 – Yates schreibt: „Kepler war noch tief in hermetische Einflüsse verstrickt, behauptete aber trotzdem 1619 in seinem Werk „Harmonices Mundi“, dass er seine astronomische Schrift nur als Mathematiker verfasst habe und keineswegs als Hermetiker.“

     Stuckrad aaO S.255ff

     Brosseder aaO S.300. – Brosseder schreibt: „Viele Historiker, die sich eingehend mit Johannes Keplers ambivalentem Verhältnis zur Astrologie beschäftigten, haben aufgezeigt, wie Keplers kosmologische Vorstellungen in seinem „Mysterium Cosmographicum“ (1596) und in seiner „Harmonices Mundi“ (1619) von astrologischen Annahmen durchdrungen sind. So haben sie Keplers anfängliche Unentschiedenheit gegenüber der judicialen Astrologie erforscht, und darauf verwiesen, wie er mehrere Horoskope für so berühmte Klienten wie die Habsburger, für Wallenstein und etliche andere erstellt hatte. Drei Schriften verfasste Kepler, in denen er sich zur Astrologie ausführlich äußerte: Seine Schrift „De fundamentis Astrologiae certioribus“ (1601), „De Stella nova“ (1606) und nachdem er sein astronomisches Hauptwerk „Astronomia nova aitiologetos“ (1609) publiziert hatte, sein „Tertius interveniens“ (1609). Bis in das Jahr 1606 hinein schrieb er Briefe, in denen er sich einmal für, ein andermal gegen die judiciale Astrologie aussprach […] Als Kepler 1609 seine wichtigste Schrift, den „Tertius interveniens“, verfasste, hatte er erkannt, dass sich die Vorstellungen der Wittenberger zur Astrologie, um die herum sich von Zeit zu Zeit dunkle Wolken einer astrologischen Streitkultur zusammenbrauten, heillos verfahren hatten – ohne jemals ein zufriedenstellendes Ergebnis in Fragen der Verlässlichkeit oder der Rechtmäßigkeit der Astrologie zu erlangen. […] In dieser Debatte beschritt Kepler einen neuen Weg, um das zu verteidigen, was in seinen Augen an der Astrologie bedenkenswert war. Er stellte eine abgespeckte Version der Astrologie vor, in der er das Licht und die Planetenaspekte analysierte, um damit die Inklinationen vorhersehen und analysieren zu können. Damit wollte er die Astrologie retten.“

     s.a. Anhang 7

     Knappich aaO S.214

     Knappich aaO S.214

     Garin, Eugenio (1997): Astrologie in der Renaissance. Frankfurt/Main, New York: Campus-Verl. S.143 (Anm. 24)

     Stuckrad, Kocku von (2003): Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München: Beck. S.227

     Campion, Nicholas (2009): A History of Western Astrology - Volume II. The medieval and modern worlds. 1. publ. London: Continuum. S.103ff

     Knappich aaO S.214

     Knappich aaO S.216

     Knappich aaO S.247

     Knappich aaO S.219; Stuckrad aaO S.233

     Campion aaO S.154

     Knappich aaO S.222

     Knappich aaO S.225ff

     Knappich aaO S.264

     Knappich aaO S.264

     Knappich aaO S.264

     Stuckrad aaO S.264

     Campion aaO S.163ff

     Knappich aaO S.265

     Knappich aaO S.265

     

     

     

    Aber schon 30 Jahre nach Keplers Tod wird ein deutlicher Niedergang der
    Astrologie feststellbar.

    Nur an wenigen deutschen Universitäten wurde nach 1670 die Astrologie noch offiziell als Lehrfach behandelt.

     

    Die Ursachen sind in verschiedenen Bereichen zu suchen. Zunächst waren es die Schrecken des 30jährigen Krieges, , .

    Eine weitere Ursache des Niedergangs der Astrologie in dieser Zeit liegt in der neuerdings deutlich ausgeprägten Gegnerhaltung der katholischen Kirche in der Gegenreformation.

    Und die dritte entscheidende Ursache ist dann der rapide Fortschritt der Naturforschung und der sich entwickelnden neuen wissenschaftlichen Philosophie dieser Zeit.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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