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Stuckrad

Staatsastrologie - (gestern und heute)

Aus: Geo Magazin Nr. 05/011

Internet-Stand: 16.01.2010

http://www.geo.de/GEO/kultur/gesellschaft/411.html?p=3&q=Kommunikation

 

„Astrologie: Wie Sterndeuter die Welt mitregieren

Um ihre Macht zu sichern, nahmen Herrscher zu allen Zeiten die Hilfe von Sterndeutern in Anspruch, denen sie zutrauten, in die Zukunft blicken zu können. Oft hatten sie allerdings auch panische Angst vor dem Eintreffen der Vorhersagen - und misstrauten Astrologen zutiefst. Eine der blutigsten und gleichwohl eindrucksvollsten Anekdoten in dieser Hinsicht betrifft den römischen Kaiser Domitian (51-96 n.Chr.).

Verärgert über die Prophezeiung eines frühen gewaltsamen Todes, wollte sich der sternengläubige Domitian an der Zunft der Sterndeuter rächen. Er erbat vom Astrologen Askletarion eine Vorhersage über dessen eigenes Ende. Der Befragte entgegnete, er werde von Hunden zerrissen werden. Um die Prophezeiung zu widerlegen, ließ Domitian Askletarion auf der Stelle enthaupten und befahl, ihn zu verbrennen. Die eine Legende berichtet von einem Windstoß, der den Scheiterhaufen löschte, die andere von einem Gewitter - auf jeden Fall war es letztlich tatsächlich ein Rudel wilder Hunde, das sich auf den Körper des Astrologen stürzte.

Den Tag seines angekündigten Todes verbrachte Domitian verängstigt. Als man ihm versicherte, die kritische fünfte Stunde sei vorbei, beschloss er erleichtert ein Bad zu nehmen - und wurde dort von Verschwörern erdolcht.

 

Christentum und Astrologie:

Es gab sogar einen Papst, der Sterndeuter war

Das Christentum hat sich jahrhundertelang mit der Astrologie arrangiert. Zwar hatte schon Augustinus (354-430) die "trügerischen Prophezeiungen der Sterndeuter und ihre gottlosen Albernheiten" gegeißelt. Doch diese Meinung setzte sich bei seinen Glaubens-Genossen nicht durch. Selbst der berühmte mittelalterliche Kirchenlehrer Thomas von Aquin hielt "die Wahrsagung aus den Sternen" im Fall von Finsternissen, Seuchen und Katastrophen für verdienstvoll. Er glaubte: "Der Weise beherrscht die Sterne."

Selbst unter Päpsten gab es viele, die den Glauben an die Sterne mit dem Katholizismus verbanden. Eine wahre "Star"-Karriere machte zum Beispiel der Astronom und Astrologe Gerbert, der 999 als Sylvester II. selbst zum Papst gewählt wurde. Und noch im 16. Jahrhundert ließen sich die Päpste Leo X., Clemens VI. und Paul III. astrologisch beraten.

 

Tyrkreis statt Tierkreis? Astrologie im Dritten Reich und im Zweiten Weltkrieg

Ideologen des Nationalsozialismus hielten die Astrologie für gefährlich und brandmarkten sie kurzerhand als "jüdische Erfindung". Völkische Astrologen entgegneten beleidigt, ihre Kunst sei "urgermanisches Sternweistum" und verwandelten den aus dem Orient stammenden Tierkreis kurzerhand in einen nordisch klingenden "Tyrkreis".

In den ersten Jahren nach der Machtübernahme der Nazis gab es kein einheitliches Vorgehen in Sachen Sterndeutung. Offiziell fiel Astrologie unter das "Wahrsagereigesetz" und stand unter Strafe. Astrologen wurden eingesperrt; seriöse astrologische Literatur und Fachzeitschriften wie die "Astrologische Rundschau" wurden eingestellt. Doch es gab Ausnahmen. Denn einflussreiche Nazi-Größen wie Heinrich Himmler und Rudolf Hess waren begeisterte Anhänger der Astrologie.2

Eine besondere Rolle spielte im Dritten Reich der Schweizer Astrologe Karl Ernst Krafft3, der ein begeisterter Hitler-Anhänger war. Am 2. November 1939 schrieb er an einen Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes, das Leben des Führers sei zwischen dem 7. und 10. November in Gefahr. Der Brief wurde nicht ernst genommen und nicht weitergeleitet - als am 8. November 1939 eine Bombe im Münchener Bürgerbräukeller explodierte, den Hitler kurz zuvor verlassen hatte.

Krafft wurde verhaftet und verhört - man verdächtigte ihn, von dem Anschlag gewusst zu haben. Stattdessen überzeugte der Schweizer die Gestapo von seiner Ansicht, dass Vorhersagen schicksalhafter Ereignisse möglich - und für die nationalsozialistische Sache nützlich seien.

1940 überredete Goebbels den Astrologen, aus der Schweiz nach Berlin überzusiedeln4 und braune Propaganda gegen die Alliierten zu liefern: Unter anderem durchforstete Krafft die Vorhersagen des Nostradamus und legte in einer Broschüre dar, dass der berühmte Seher den Zusammenbruch Englands prophezeit habe. 5

 

Internet-Stand 16.01.2010:

http://www.geo.de/GEO/kultur/gesellschaft/411.html?p=3&q=Kommunikation

Auch die Gegenseite setzte im Zweiten Weltkrieg bei Propaganda und Wehrkraftzersetzung auf astrologische Hilfe. Der englische Geheimdienst beauftragte den Astrologen Louis de Wohl. Er ließ zum Beispiel eine Ausgabe der deutschsprachigen Astrologie-Zeitschrift "Zenit" fälschen und nach Deutschland schmuggeln: In der um drei Monate rückdatierten Ausgabe fanden sich unheilvolle "Prognosen" über deutsche U-Boote, die zwischenzeitlich versenkt worden waren.

1941 jedoch wurden die Astrologen den Nazis plötzlich suspekt. Man nahm sie in "Schutzhaft" oder sperrte sie in Konzentrationslager6. Anlass war die Heß-Affäre: Dass der Stellvertreter Hitlers eigenmächtig nach England geflogen war, legten seine Gegner dem Einfluss von Hypnotiseuren, Okkultisten und Astrologen zur Last. Auch der "Hof-Astrologe" Karl Ernst Krafft wurde verhaftet; er verbrachte die folgenden Jahre im Gefängnis und starb im Januar 1945 beim Transport nach Buchenwald.

 

Ronald Reagan und Francois Mitterand – zwei Präsidenten mit astrologischen Beraterinnen (Quigley, Joan (1990): "What does Joan say?". My seven years as White House astrologer to Nancy and Ronald Reagan. New York, NY: Carol Publ. Group.

Quigley aaO S.122ff

)

Zwei Astrologinnen haben in der jüngsten Vergangenheit Einfluss auf westliche Politik gehabt. Joan Quigley rühmt sich in ihrem Buch "What does Joan say?"7 als "Weiße Haus-Astrologin" in der Reagan-Ära wichtige Weichen gestellt zu haben. So machte sie dem Anti-Kommunisten Ronald Reagan beispielsweise die Annäherung an Michail Gorbatschow per Horoskop-Vergleich schmackhaft8. Sie errechnete unter anderem, dass der Planet Merkur bei Gorbatschows Geburt im Wassermann stand - ideal für Kommunikation, denn der Wassermann war Reagans Sternzeichen.

 

Die neueste und überraschendste Enthüllung betraf den Sozialisten Francois Mitterrand. Der französische Präsident konsultierte in den sieben Jahren vor seinem Tod 1996 häufig die bekannte Schweizer Astrologin Elisabeth Teissier, meist im Elysee-Palast. Die Veröffentlichung der Tonband-Protokolle in Teissiers Buch "Sous le signe de Mitterrand" ("Im Zeichen von Mitterrand") sorgte im letzten Jahr in Frankreich für Furore. So wählte der Präsident für das Referendum über den Vertrag von Maastricht das Datum aus, das ihm seine Astro-Beraterin vorgeschlagen hatte. Außerdem stand er während des Golfkriegs in regelmäßiger Telefon-Verbindung mit ihr. Unter anderem interpretierte Teissier ihrem "eminenten Skorpion" das Horoskop von Saddam Hussein: "Bei ihm ist die Sonne im Stier, wie bei Hitler, bei Salazar ... Und dann hat er eine Konstellation, die ähnlich der ist von Nero, das Ganze ist also ein ziemlich explosiver Cocktail..."

Am 1. Februar 1991 fragte der Präsident die Astrologin: "Ich muss intervenieren, was ist Ihrer Meinung nach der günstigste Tag?" Sie rief am 2. Februar zurück und nannte den 14. als "Moment der guten Beziehungen ... sowohl für das private wie das öffentliche Leben." Daraufhin geriet das Gespräch auf ein koketteres Gleis. Mitterrand antwortete: "Ach, mit solchen Aussichten - wie schade, wenn man 74 Jahre alt ist."

Quellen: Wilhelm Knappich: Geschichte der Astrologie;

Derek und Julia Parker: Astrologie. Ursprung, Geschichte, Symbolik, München, 1988;

Ralph Tegtmeier: Sternenglaube, Sternenzauber“.9

 

24. Juni 2000:

Elizabeth Teissier veröffentlichte astrologische Beratungsgespräche mit F. Mitterrand

Wie dpa am 24. Juni 2000 meldete, veröffentliche Elizabeth Teissier Aufnahmen von astrologischen Beratungsgesprächen mit Frankreichs früherem Präsidenten Francois Mitterrand. Sie begründete ihren Schritt damit, daß sie "die rein professionellen Beziehungen" zwischen Mitterrand und ihr damit dokumentieren wolle und auch "die Bedeutung der Astrologie auf die Politik aufzeigen".

Der Sender "France Info" sendete am 24. 6. 2000 Ausschnitte aus Gesprächen, die zwischen 1990 und 1995 stattgefunden haben. Mitterands Stimme war im Radio im Zusammenhang mit dem Golfkrieg mit der Frage zu hören: "Ich muß eingreifen. Welcher Tag ist der beste?" Die Sitzungen sollen in der Regel direkt im Amtssitz des Präsidenten, dem Elysee-Palast, stattgefunden haben.

http://www.astrologiezentrum.de/aktuelles/nachrichten/nachricht5.html

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Internet-Stand 16.01.2010:

http://www.geo.de/GEO/kultur/gesellschaft/411.html?p=3&q=Kommunikation

S.1

2 Wegener, Franz (2004): Heinrich Himmler. Deutscher Spiritismus, französischer Okkultismus und der Reichsführer SS. Gladbeck: KFVR (Politische Religion des Nationalsozialismus Der Äther, 4). S.114

3 Knappich, Wilhelm (1988): Geschichte der Astrologie. 2., erg.Aufl. / mit einer Vorbemerkung zur Neuaufl und Erg. der Bibliogr. von Bernward Thiel. Frankfurt am Main: Klostermann. S.356

4 Stuckrad, Kocku von (2003): Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München: Beck. S.333

5 Internet-Stand 16.01.2010:

http://www.geo.de/GEO/kultur/gesellschaft/411.html?p=3&q=Kommunikation S.2

6 Knappich aaO S.356

7 Quigley, Joan (1990): "What does Joan say?". My seven years as White House astrologer to Nancy and Ronald Reagan. New York, NY: Carol Publ. Group.

8 Quigley aaO S.122ff

9 aaO S.3

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