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Ursprünge

Astrologie und die Bibel – Astralreligiöse Ursprünge bis hin zur Weihnachtsgeschichte

 

 Einleitung

 

 Sumerisch-Babylonische Astrologie

2.1. Naturreligion

2.2. Omendeutung

2.3. Entstehung der Astrologie

2.4. Himmelsmächte: Istar, Marduk, Ninib.

2.5. Durchdringung der Natur

Systematische Beobachtung

 

 Astrologie in den Biblischen Schriften

3.1. Das Alte Testament

3.2. Römischens Reich

3.3. Jupiter-Saturn-Zyklen

3.4. Der Stern der Magier in Matthäus 2,1-12

 

 

1. Einleitung

 

 

Ich möchte Sie in meinem Vortrag ganz zurück zu den Ursprüngen der Astrologie führen -, zu den ersten nachweisbaren Spuren in der sumerisch-babylonischen Kultur etwa um 3000 v.Chr. – Und ich will dann von diesen Anfängen her auf einige astrologische Spuren in der Bibel, im Alten wie im Neuen Testament eingehen.

 

Zuerst aber noch etwas zur Beurteilung der Astrologie in der Gegenwart, weil diese Ursprünge doch auch ein Licht auf die heutige Astrologie werfen.

 

„Die Astrologie will Religion und Wissenschaft zugleich sein: das bezeichnet ihr Wesen!“ Das hat der Orientalist Franz Boll schon 1926 gesagt -, und diese Feststellung trifft auf die Astrologie der Antike zu -, und: - auch wenn es manche Astrologen anders sehen – sie scheint mir auch auf die Astrologie der Gegenwart zuzutreffen.

 

Diese Position der Astrologie zwischen religiösen und erfahrungswissenschaftlichen Begründungen möchte ich als Hintergrund meines Vortrag im Blick behalten -, auch deshalb, weil dieser Kontext sowohl von Gegnern, wie auch von manchen Vertretern der Astrologie eher ausgeklammert wird.

 

Die heutige Ablehnung der Astrologie – gerade von wissenschaftlicher Seite - trifft nicht unbedingt immer das „Selbstbild“ der Astrologie (Herr Hover hat das vorhin ausgeführt). Das wissenschaftlich begründete „Fremdbild“ geht oft von der (irrtümlichen) Annahme aus, die Astrologie sei im Grund nur eine weiter phantasierte und falsch verstandene „Astronomie“.

 

Ein Vertreter dieser Richtung ist der Philosoph John David North von der Rijksuniversiteit Groningen/Holland.

 Seiner Meinung nach ist es mit der Astrologie so, wie mit der Suche nach dem „Einhorn“ (dem Fabeltier): zwar gibt es reale Hörner -, aber deshalb noch lange keine „Einhörner“. – Ebenso gibt es zwar den realen Einfluss von Sonne und Mond auf die Vegetation, die Jahreszeiten und die Gezeiten, aber deshalb noch lange keinen Einfluss auf die Temperamente, Gefühle, Fähigkeiten der Menschen. 

 

John North fand mehrere astrologische HSS aus dem Mittelalter, die einen Zusammenhang herstellen zwischen: Mond - Gezeiten – Gefühlen: der Mond beeinflusst das Auf und Ab der Gezeiten, und genauso auch das Auf und Ab der Gefühle. – John David North sieht darin eine fälschliche Parallelverschiebung: vom „Auf-und-Ab der Gezeiten“ auf das „Auf und Ab der Gefühle“. – In solche Fehlverschiebungen sei die Wurzel der Astrologie zu suchen. 

 

 

Denkfehler

 

Nun kennen Sie, wenn Sie sich mit der Astrologie auskennen, den Denkfehler: die Astrologie legt nicht physische Einflüsse zugrunde, sondern Analogien zwischen Himmel und Erde. Sie ist keine Wissenschaft im Sinne eines physisch-kausalen Einflusses, wie John David North meint, sondern nutzt das Prinzip des „Anzeigens“, der „Analogie“, das sich schon in den antiken Ursprüngen nachweisen läßt.

 

 

Astrologen gegen Religiöses

 

Aber auch Astrologen halten häufig religiöse Begründungen aus der Astrologie heraus, um den psychologischen, erfahrungswissenschaftlichen Anspruch nicht zu gefährden. (Vielleicht auch, weil es bei uns heute geradezu peinlich ist, „Religiöses“ als Begründung für etwas anzuführen). - Dabei ist aber gerade das Prinzip der Analogie, auf das die Astrologie ja baut, der religiösen Einbettung des Menschen in die Natur und den Kosmos entlehnt -, und kommt ohne dieses wohl auch nicht aus.

 

Wie diese Einbettung ursprünglich aussah -, darüber geben die sumerisch-babylonischen Anfänge Auskunft -, aber auch die astrologischen Rudimente in den Schriften der Bibel.

 

 

2. Sumerisch-Babylonische Astrologie

 

 

Naturreligion

 

In den Anfängen lässt sich die enge Verbindung von Astrologie und Naturreligion sehr deutlich ausmachen. – Sie (die Astrologie) begann mit der natürlichen Beobachtung der Gestirne -, aber sie blieb nicht bei der physischen Natur stehen.

 

Alles war durchdrungen von Leben: alles Sichtbare – Bäume, Steine, Pflanzen, jeder Grashalm, die Gestirne, der ganze Himmelsraum - waren von jenseitigen Kräften, Mächten - Dämonen und Göttern - beseelt. Es gab nichts unter und über der Sonne, was nicht beseelt und belebt war.

 

Das galt nicht nur für die sumerisch-babylonische, sondern für jede andere Kultur auch. - Aus der vergleichenden Religionswissenschaft wissen wir, dass es keine einzige der bekannten Kulturen auf der Erde gab, die kein magisch-mythisches, „animistisches“ Naturverständnis hatte.

 

Dieser „Animismus“ galt auch für alle Ereignisse: Regen, Dürre, Pflanzenwachstum, oder dessen Ausbleiben -, und ebenso für jedes individuelle und soziale Ereignis: die Organisation des Staates, Krieg oder Frieden, das Leben in der Familie, der Bau eines Hauses, Zahnschmerzen –, alles wurde als ein Numen, als ein göttlicher „Wink und Wille“, gesehen -, oder auch als schädliche dämonische Einwirkung.

 

Dieses unsichtbares magische Band, das alles miteinander verknüpfte, wurde in der griechischen Naturphilosophie als „Sympathie“ bezeichnet.

 

Menschen unterschieden sich von der übrigen Natur nur insofern, als sie einen Freiraum hatten: sie konnten umgekehrt auf die geheimnisvollen Kräfte einwirken: dem etwas entgegensetzen, sich schützen, etwas erbitten. – Dazu mußte man diese göttlichen Kräfte kennen ...

 

 

Omendeutung

 

...und dazu diente die Omendeutung (Zeichendeutung) –, das „Lesen in der Natur“, um herausbekommen, was der Götter ‚Wink und Wille’ war.

 

Jede Naturerscheinung konnte ein Omen sein: Wolkenformationen, Gewitter, das Verhalten von Tieren, die Art wie Vögel fliegen, die Organe der Tiere (besonders die Leber), die nächtlichen Träume der Menschen -, und natürlich die Gestirne. – Das alles waren Fingerabdrücke Gottes, die gelesen werden konnten. – Die „Omendeutung“ war also ein sehr komplexes System von Weissagungen aus der Natur.

 

 

Entstehung der Astrologie in Mesopotamien

 

Nun zur Entstehung der Astrologie: Die ersten sumerischen Schriftzeichen waren Piktogramme, also Bilder, wie wir sie auch von den ägyptischen Hieroglyphen kennen. - Aus Piktogrammen entstand etwa ab 3100 v.Chr. die abstrakte Keilschrift, als Strichschrift.

 

Und aus dieser Entstehungsphase (3100-2800) ist auch das älteste Symbol überliefert, das als Grundlage für die Entwicklung der Astrologie gelten kann: es ist die Abbildung eines Sterns - eine sternförmige Anordnung von drei sich kreuzenden Linien ....... - die „Gott“ bedeutet. - Eine dreimalige Anordnung von „Sternen“ bedeutet dann das sichtbare „Gestirn“ oder das „Sternbild“.

 

Nun ist diese synonyme Bedeutung von „Gott“ und „Stern“ ab 3100 v.Chr. noch keine Astrologie, sondern erst einmal Ausdruck einer religiösen Wahrnehmung des Kosmos -, einer „Astralreligion“!

Bis 1800 v.Chr. entsteht erst einmal eine komplette göttliche Himmelsordnung: sämtliche sichtbaren Planeten, Sterne und Sternbilder werden mit ihren göttlichen Namen benannt -, die Eigenschaften und Wirkungen der Götter werden beschrieben -, und das ergibt schließlich ein Bild vom Kosmos, in dem kein Flecken am Himmel und auf der Erde ausgelassen ist. - In jedem Stern und in jedem Grashalm wirkt irgendeine bestimmte, mit Namen bekannte numinose Macht.

 

 

Die Himmelsmächte

 

Dieses „religiöse“ Kosmosbild sieht so aus: Ich nenne im Folgenden nur einige wichtige Gestirngötter, soweit sie auch für die biblischen Schriften wichtig sind.

 

Die drei hellsten Planeten - Sonne, Mond und Venus - werden häufig zusammen dargestellt -, als „heilige Dreiheit“ -, auf s.g. „Kudurru“: Steinen.

 

(Über diesen befindet sich eine weitere kosmische „Dreiheit“, die der Götter Enlil [Sturm], Anu [Himmel] und Ea [unendlicher Ozean], die den Planetenraum als Ekliptikbahn umschließen.)

 

Auf Sonne und Mond verzichte ich, aber auf die Liebes- und Muttergöttin Ischtar möchte ich kurz eingehen. – Ischtar ist neben dem Mondgott die älteste Gottheit im sumerischen Pantheon. – Schon in vorsumerischer Zeit als Innin, in sumerischer als Innana ist sie die „Herrin des Himmels“ und die Göttin des Planeten Venus und wird als solche Ninsianna genannt.

 

Als Abendstern verkörpert sie die Liebe, die sinnliche Liebe, Harmonie, Schönheit und Ausgleich, die gütige und heilende Hilfe, diejenige, die dem Land Frieden bringt: „Ich, Ischtar, bin seit Urzeiten die Heil-Frau für die gesamte Menschheit.“ - Als Morgenstern ist sie aber auch kriegerisch. Und diese Ischtar taucht auch in den biblischen Schriften auf.

 

In babylonischen Hymnen wird sie als „Himmelskönigin“ gepriesen - gekrönt mit dem Sternenhimmel und die Erde unter ihren Füßen. Und diese Himmelskönigin strahlt über Mesopotamien hinaus über den ganzen Orient -, wird als Astarte und Aschera in Phönizien verehrt -, ebenso von Kanaanitern, Moabitern und Philistern.

 

Interessant ist, wie das Alte Testament darauf reagiert: Von vielen Königen des Volkes Israel und Juda wird sie verehrt: Altäre und Bilder gibt es auch im Jerusalemer Tempel. Aber: die Propheten polemisieren sehr heftig gegen diesen Kult der „Himmelskönigin“.

 

Einen positiven Anklang an die „Himmelskönigin“ gibt es in der späteren Weisheitsliteratur des AT. „Die Weisheit“ (Chokma) spricht hier: „Der Herr hat mich schon gehabt am Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her - Von Ewigkeit her bin ich eingesetzt, ehe die Erde war ... da war ich als sein Liebling bei ihm, ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm alle Zeit - ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern ... Wer mich findet, der findet das Leben, wer mich aber verfehlt, zerstört sein Leben.“ 

 

Das Neue Testament hat in der Johannes-Apokalypse die deutlichste Parallele zur babylonischen Himmelskönigin: Am Himmel erscheint „eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füssen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.“ Die christliche Marienverehrung hat dieses Bild dann aufgegriffen.

 

 

Marduk

 

Soviel zu Ischtar-Venus und der Himmelskönigin. – In Babylonischer Zeit wichtiger – überhaupt der wichtigste Gott in dieser Zeit – ist Marduk-Jupiter. - Er repräsentiert das Königtum schlechthin, als höchster Gott auch das Priestertum, die religiöse und gerechte Organisation der Gesellschaft, Güte und Weisheit.

 

Die Schöpfungsmythen des Enuma Elisch (1500 v.Chr.) berichten von einem vorzeitlichen Kampf einer alten, dunklen Göttergeneration gegen eine junge, helle, dynamische unter Führung des Marduk. Der besiegt schließlich die alten Götter und wird so zum Götterführer gekürt.

 

Er veranlasst auch die Erschaffung der Menschen „aus Lehm“: „Laßt uns die Menschheit schaffen!“ respondieren ihm die Götter. - Im biblischen Schöpfungsbericht steht ebenfalls der Plural: „..lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei...!“.

 

Auch gegen diesen Schöpfergott Marduk wird im AT heftig polemisiert: Jesaja und Jeremia bezeichnen ihn als Bel und Merodach, als „Götzenbild“, das zerbrechen wird und Babylon nicht vor dem Untergang bewahren kann. „Baal“, der von den Propheten des AT besonders häufig bekämpft wird, ist ebenfalls eine Umformung des Marduk – auch er ist dem Planeten Jupiter zugeordnet.

 

 

Saturn

 

Der letzte in der Reihe der sieben Planetengötter ist Ninib oder Ninurta (semitisch: Kaimanu). Sein Planet ist der Saturn -, ein alter, müdegewordener Gott, dem ein längst vergangenes „Goldenes Zeitalter“ zugesprochen wird. – Er steht für Beständigkeit, auch für Strenge -, für die schwere Feldarbeit -, und für die Reife, die über lange Zeit durch Mühsal erlangt wird. – Und: er steht auch für die Verheißung eines künftigen „Goldenen Zeitalters.“

 

 

Nabu und Nergal

 

Nabu ist mit seiner Gefährtin Nisaba/Taschmetu das Götterpaar des Planeten Merkur: als Götterbote mit Stift und Tafel notiert er die Taten der Menschen -, hat den Menschen Schrift, Zahlen und Wissenschaft gebracht. Seine Gefährtin bringt den Menschen die Astrologie und die mantischen Künste. – Nabu reinigt die von Zauber verunreinigten Menschen -, er wacht über heilige Rituale und konzentriert die numinose Macht in den Tempeln.

 

Nergal gehört zum Planeten Mars, er ist Herr der Waffen, des Todesschicksals, der Zerstörung, der Aggression und Rache.

Planeten-Entsprechungen

  

Soweit die wichtigsten Götter mit ihren Planeten. - Dem „Animismus“ in der ganzen Natur entsprach es nun, dass Götter und Dämonen als ein „windartiger Hauch“ beschrieben wurden und überall erscheinen konnten.

 

Sie durchdrangen mit ihrer Kraft jeden Gegenstand. - Jeder Planeten-Gott hatte in der Natur ihm verwandte Gegenstände, in denen seine Kraft besonders wirkte: der Feuerstein ist mit der Kraft des Nergal-Mars durchdrungen, in der Getreideähre wirkt die Kraft der Ischtar-Venus, Könige und Priester sind von Marduk-Jupiter durchdrungen, in den Schreibgeräten, in der Schrift und Wissenschaft wirkt Nabu-Merkur usw.

 

Man kann diese Aufzählung noch mit den Dämonen fortführen, die ständig zu intervenieren versuchen, die Menschen vom Opferdienst und guten Werken abhalten -, die aber auch vom Himmel abstammen und in einem großen Fäkalienakt vom Himmel „ausgelaicht“ worden sind: sie schlüpfen wie Würmer und Schlangen durch Fenster und Türen, sie lauern auf Strassen, schnappen nach den Menschen, bringen Seuchen und Tod; es gibt den Fieber- und Zahnweh-Dämon.

 

Astrologie heißt dann: wird ein Mensch geboren, durchdringen die Kräfte der Gestirngötter (oder auch Dämonen) das neugeborene Kind zum Zeitpunkt der Geburt oder der Empfängnis -, und je nachdem wo die Planeten am Himmel stehen – im Aufgang, im Zenith, dominant oder geschwächt - imprägnieren sie die Veranlagungen und die Richtung, wozu ein Mensch geboren ist. – Das älteste uns überlieferte Horoskop von der Geburt eines Menschen stammt aus dem Jahr 410 v.Chr.

 

Soweit zum religiösen Hintergrund der Astrologie, nun zum erfahrungswissenschaftlichen Teil.

 

Von der Astralreligion zur Astrologie

 

Nun geht die Astrologie seit jeher davon aus, dass sie auf Erfahrung beruht. Und dieser Auffassung waren die Sumerer und Babylonier auch schon. Etwa ab 2000 v.Chr. gibt es eine regelrecht empirische und systematische Forschungsarbeit.

 

Aus der Astralreligion wird jetzt durch ergänzende wissenschaftliche Beobachtung die Astrologie. Aber das ist nicht wissenschaftlicher Selbstzweck, sondern Arbeit der Priester, die von den Tempeltürmen aus – den „Zikkurat“ (=Gottesbergen) göttlichen Gestirne beobachten. 

 

Über diese empirische Forschungsarbeit gibt ein Fund Auskunft, eine Tontafel-Bibliothek des Königs Assurbanipal aus Ninive (669-626 v.Chr.). – Unter den 25 000 Tontafeln gibt es eine astrologische Abteilung, die „Enuma Anu Enlil“-Sammlung. Die einzelnen Voraussagen sind kurz und knapp, beginnen mit einer astronomischen Beobachtung und schließen mit einer kurzen Deutung, die auf vorangegangenen Erfahrungen beruht. Manchmal folgt noch ein Ratschlag an den König.

 

Ein Beispiel: „Im 9. Monat am 15. Tag verschwand Venus (Ninsianna) im Westen. Drei Tage blieb sie weg. Dann am 18. des Monats wurde sie im Osten sichtbar. - Quellen werden sich öffnen, und Adad (der Wettergott) schickt seinen Regen und Ea (der Meeresgott) seine Fluten. – Botschaften der Versöhnung werden von König zu König gesandt.“ Wenn Sie sich an die Attribute der Ischtar-Venus erinnern, dann sind hier Fruchtbarkeit und Friede als Deutungsmotive angesprochen.

 

In der Folge dieser Tafel gibt es dann noch viele Abschriften aus späteren Zeiten -, und jedes Mal sind sie durch Bestätigung ergänzt: „...und so geschah es auch“, oder durch Korrektur ergänzt. - Immer wieder wurden frühere Beobachtungen mit neuen verglichen und dann Schlüsse daraus gezogen. Dieses System ist über 1300 Jahre lang so praktiziert und aufgezeichnet worden -, etwa von 2000 bis in das 7. Jh. v.Chr.

 

Der Assyrologe Carl Bezold hat einen großen Teil dieser Omen-Tafeln übersetzt -, und er hat diese empirisch-systematische Beobachtung so beschrieben: „Sooft am Himmel dem Subjekt S das Prädikat P zukommt, kommt auch auf der Erde dem Subjekt s das Prädikat p zu.“

 

Bis etwa 500 v.Chr. werden die Berechnungen der Planeten sehr präzise. Alle Planetenstände lassen sich jetzt auch im voraus sehr genau berechnen: das Zusammentreffen zweier Planeten (die Konjunktionen, die Aspekte sind seit etwa 680 v.Chr. bekannt) -, ihre Auf- und Untergänge -, ihr Durchgang durch den Zenith, die Rückläufigkeit.

 

Und dafür gab es – wie heute auch – Planetentafeln, die alle mit den Positionen des wichtigsten Planeten - des Marduk-Jupiter - begannen, dem „königlich-priesterlichen“ Planeten.

 

Die Astrologie ist jetzt „...Religion und Wissenschaft zugleich...“, wie ich oben Franz Boll zitiert habe, und: sie verbreitet sich als solche im ganzen Mittelmeerraum.

 

Ausbreitung der Astrologie im griechischen und römischen Raum

 

Die Planetengötter werden den jeweiligen Sprachen angepasst -, bekommen griechische, dann die heute gebräuchlichen römischen Namen -, aber Ihre Eigenschaften blieben weitgehend erhalten.

 

Bis in die Gegenwart hat sich daran prinzipiell nichts geändert -, nur dass nicht mehr von „Göttern“ geredet wird -, sondern abstrakte Begriffe gebraucht werden. – Nach Thomas Ring, dem „Martin Luther“ der modernen Astrologie, sind die alten Planetengötter jetzt „Prinzipien des organischen Seins“, oder: „Äußerungen innewohnender Kräfte des Lebendigen“ oder: „Ganzheitskräfte, allem Lebendigen gemeinsam“, was dem heutigen Denken sicher angemessen ist, aber letztlich doch nichts anderes meint als so etwas wie „Planetengötter“. 

 

 

3. Astrologie und Bibel

 

Altes Testament

 

Machen wir einen Sprung in das Alte Testament. – Der Auf die Abwehr der babylonischen Götter durch die Propheten des AT hatte ich schon hingewiesen.

 

Ischtar-Astarte-Aschera (Himmelskönigin) hatte ich genannt. Marduk – Bel/Merodach – Baal auch. Der Gott Sikkuth (Ninurta) und sein Stern Kiun (Kaimanu–Saturn) – wäre u.a. zu ergänzen, sowie die häufige Erwähnung des „Heeres des Himmels“ –, also der Sternengötter insgesamt –, denen die Israeliten – allen voran ihre Könige – immer wieder Altäre bauen.

 

 

Verbotene Astrologie im AT

 

Diese Abwehr steht vorrangig unter dem Verdikt von Dtn 4,19: „Hebe nicht Deine Augen auf gen Himmel, dass du die Sonne siehst und das ganze Heer des Himmels, und fällst ab und betest sie an und dienst ihnen. Denn der Herr, dein Gott, hat sie zugewiesen allen anderen Völkern…“. (positive Konnotation).

 

Und in diesem Verbot enthalten ist auch alle Omendeutung: „…dass nicht jemand seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lasse oder Wahrsagerei, Hellseherei, geheime Künste oder Zauberei treibe, oder Geisterbeschwörungen oder Zeichendeuterei vornehme, oder die Toten befrage.“  

 

Diese Verbote stammen wahrscheinlich alle aus der Zeit der josianischen Kultreform 622 v.Chr. – also einer recht späten Zeit, in der Israel schon 400 Jahre Geschichte als Staat mit einem König an der Spitze hinter sich hatte. Diese 400 Jahre waren zu einem großen Teil geprägt von einer ständig wiederholten Hinwendung zu den Astralkulten. Das beginnt bereits mit dem König Salomo und folgt dann dem Muster: Könige fallen den Astralkulten zu – ein Prophet steht auf und staucht ihn zusammen – der König bekehrt sich und der nächste schon fällt wieder ab. Schließlich ist das babylonische Exil (597-539) – als „Strafgericht“ - dann die Folge dieses wiederholten Abfalls.

 

Soweit zu diesem generellen Verbot, das für die religiöse Identität Israels steht und für seinen ausschließlichen Bezug auf den einen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Schöpfer der Welt.

Erlaubte Astrologie im AT

 

Daneben gibt es aber auch einzelne Hinweise auf eine positive Haltung -, dann nämlich, wenn die Alleinherrschaft des Gottes Israels nicht in Frage stand:

 

Im Deborah-Lied heißt es (als Israel gegen die Kanaaniter in den Krieg zog): „Da zog herab, was übrig war von den Herrlichen im Volk (Israel) - der Herr zog mit mir herab unter den Helden … und vom Himmel her kämpften die Sterne, von ihren Bahnen stritten sie gegen Sisera, den Heerführer der Kanaaniter“.

 

Gleiches gilt für die Omendeutung. Im Buch Exodus wird angewiesen, dass die Priester das Losorakel „Urim“ und „Tummim“ (Licht und Recht) aufbewahren („am Herzen tragen“) und nutzen sollen, um Gottes Willen zu erfragen.

 

Ein Beispiel für die Benutzung des Losorakels: als der König Saul gegen die Philister zieht und nicht weiß, wie er es anfangen soll und schier verzagen möchte, er aber „…die Geisterbeschwörer und Zeichendeuter aus dem Land vertrieben hatte … befragte er den Herrn; aber der Herr antwortete ihm nicht, weder durch Träume noch durch das Los (Urim und Tummim).“ In diesem Fall schweigt Gott, und deshalb sucht Saul eine Totenbeschwörerin auf, die es also trotz Vertreibung im Land noch gibt, und die schließlich auf seinen Wunsch den Geist des Propheten Samuel aus dem Totenreich heraufbeschwört.

 

Zu den positiv konnotierten Anspielungen gehören auch Zahlen, die in der Astrologie wie auch in der jüdischen Religion wichtig sind: die sieben Tage der Schöpfung -, die zwölf Stämme Israels -, Josephs Traum, in dem sich Sonne, Mond und 11 Sterne – seine 11 Brüder - vor ihm verneigen.

 

Ich möchte aber nicht weiter darauf eingehen, sondern nur noch auf eine besondere Erzählung im Alten Testament hinweisen, weil sie mit dem „Weihnachtsstern“ zu tun hat.

 

 

‚Der Stern’ im Alten Testament

 

In die Gründungszeit Israels fällt die Bileam-Erzählung (Num 22-24). – Dort wird berichtet, wie Bileam aus Pethor am Euphrat, also ein babylonischer Wahrsager und Magier, von den Moabitern beauftragt wird, das Volk Israel zu verfluchen, das sich ausbreitet „wie ein Rind, das Gras auf dem Feld abfrisst“. – Aber aus diesem Fluch wird nichts -, Bileam kommt gegen den Gott Israels nicht an -, und aus dem erwarteten Fluch wird ein Segen:

 

Bileam prophezeit: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt – ich schaue ihn, aber nicht von nahem. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen (LXX: ... und ein Mensch wird aus Israel erstehen), und er wird zerschmettern die Schläfen der Moabiter und den Scheitel aller Söhne Seths.“

 

Diese Prophezeiung ist der Hintergrund für manche Könige und Führer in Israel, sich als der erwartete „Stern“ zu verstehen und die eigene Herrschaft dadurch zu legitimieren.

 

So zum Beispiel für Alexander Jannai: ein Hasmonäer und König in Judaea von 103 – 76 v.Chr. Während seiner Herrschaft ließ er Münzen prägen, auf denen der s.g. „Stern der Hasmonäer“ zu sehen war -, mit der Inschrift: „der Hohepriester und der König Jonathan“. Jannai verstand sich offensichtlich in der Tradition der Bileam-Verheißung.

 

Einen weiteren „Sternensohn“ gab es in der Person des Bar Kochba, des Anführers des Aufstandes der Juden gegen die Römer 132-135 n.Chr. Wieder geben Münzprägungen mit einem Stern und dem Hinweis auf einen „Sternensohn“ Auskunft.

 

Interessant ist dabei folgende Parallele: sowohl im Geburtsjahr Alexander Jannais 126 v.Chr., als auch während des Bar Kochba-Aufstandes 134 n.Chr. wurde in Babylonien jeweils eine Jupiter-Saturn-Konjunktion in den Fischen beobachtet, die im ganzen römischen Reich bekannt gewesen sein dürfte.

 

Sicher ist es nicht -, aber gut möglich, dass sich beide nicht nur in der Tradition der Bileam-Erzählung, sondern auch in Anlehnung an die Jupiter-Saturn-Konjunktion zum „Führer Israels“ stilisiert haben.

 

Wie dem auch sei: Es gibt eine lange jüdische Tradition, die die Verheißung eines Sterns mit einer besonderen „Königswürde“ verbindet.

 

 

Fazit AT

 

Das Verhältnis des Alten Testaments zur Astrologie ist zwiespältig. In den astrologiefreundlichen Anspielungen ist aber eine klare Hierarchie zu erkennen: fremde Astralkulte werden abgelehnt -, der jüdische Monotheismus hat absoluten Vorrang - der Gott Israels ist Schöpfer auch der Himmelsmächte.

 

Nebenbei bemerkt: auch Horoskope sind in späterer Zeit innerhalb eines streng gläubigen Judentums geläufig. Das haben die Qumran- und Genizah-Funde belegt. Die Qumranfunde enthalten einzelne astrologisch-physiognomische Texte, der Kairoer Genizah auch ein persönliches Horoskop.

 

Römisches Reich

 

Im übrigen Mittelmeerraum – außerhalb Judaeas - ist etwa ab 200 v.Chr. die Astralreligion wie auch die Astrologie inflationär verbreitet (neben der ganz eigenständigen ägyptischen Astrologie), sowohl in volkstümlicher Ausprägung, wie auch in gehobener, zum Teil wissenschaftlicher Ausformung.

 

Z.B. verheißt der römische Dichter Vergil im Jahr 40 v.Chr. ein „Neues Zeitalter“ in Verbindung mit Gestirngöttern: in der 4. Ekloge seiner Bucolica (Hirtengedichte) schreibt er:

 

„Schon kehrt die Jungfrau zurück, Saturns Regierung kehrt wieder – schon wird ein neuer Sproß entsandt aus himmlischen Höhen ... Er macht ein Ende der eisernen Zeit; eine goldene Menschheit wird die Erde dann füllen ... Er wird beherrschen die Welt, die des Vaters Tugend befriedet.“ Das wurde später auf den Kaiser Augustus bezogen, im Mittelalter aber als heidnische Ankündigung der Geburt Jesu.

 

„Saturn kehrt zurück!“ – Herrscher des alten und künftigen „Goldenen Zeitalters“! Heilserwartungen in der Verbindung mit Jupiter und Saturn sind also um die Zeitenwende im ganzen römischen Reich bekannt.

 

 

Jupiter-Saturn-Zyklen

 

Ich nähere mich jetzt langsam dem „Weihnachtsstern“ und muß deshalb noch etwas zur Bedeutung des Marduk-Jupiter in Verbindung mit Ninib-Saturn sagen.

 

Die Zusammenkünfte von Jupiter und Saturn wurden schon seit 500 v.Chr. beobachtet -, nicht nur in Mesopotamien -, auch in Indien und China. - Diese „Großen Konjunktionen“ galten immer als Anzeichen besonderer Zeitumstände.

 

Und welche Bedeutung Jupiter als prinzipiell herausragender Planet hatte, wird aus einem Omentext aus dem 7.Jh. v.Chr. deutlich: „Steht Jupiter vor dem Mond, so wird ein großer König sterben, steht er hinter dem Mond, gibt es Feindseligkeiten im eigenen Land. Steht er am rechten Horn des Mondes, so wird der König von Akkad (Babylonien) sterben, steht er am linken Horn, so wird der König von Amurru sterben.“ (das beträfe den König von Assyrien, Israel oder Juda).

 

Jupiter bezeichnet also die Königsherrschaft -, in Verbindung mit dem Mond die Veränderung der Königsherrschaft mit Ortsangabe.

 

Der Saturn war der Planet des vergangenen und des künftigen „Goldenen Zeitalters“. Deshalb hatte die Zusammenkunft des Jupiter mit Saturn auch epochalen Charakter. – Die beiden Planeten kommen alle 20 Jahre zusammen -, haben astrologisch aber nur unter besonderen, zusätzlichen Bedingungen große Bedeutung -, z.B. wenn die Konjunktion in einem Jahr dreimal hintereinander stattfindet (was im Schnitt etwa alle 200 Jahre stattfindet).

 

 

Was hat es mit dem „Weihnachtsstern“ in Matthäus 2,1-12 auf sich?

 

Was hat es nun mit dem „Weihnachtsstern“ in Mt 2, 1-12 auf sich, wenn man ihn ganz unromantisch, historisch betrachtet?

 

Nimmt man alles zusammen – die Bileam-Prophezeiung mit dem „Stern aus Jakob“ (die damit begründete Herrschafts-Legitimation jüdischer Könige) -, die allgemeine Erwartung eines „Neuen Zeitalters“ im ganzen römischen Reich -, die herausragende Stellung der „babylonischen Astralreligion und Astrologie“ -, dann ist es nicht erstaunlich, dass Herodes der Große zu Tode erschrocken ist, als drei „Magier aus dem Osten“ nach Jerusalem kommen und nach dem neugeborenen König forschen.

 

Über diesen „Stern der Magier aus dem Osten“ – wie es wörtlich heißt - im Matthäus-Evangelium ist viel gerätselt und geforscht worden. Wenn man einmal von einem wortgetreuen christlichen Glauben absieht, der diesen Stern als extraordinären „Wunderstern“ sieht, dann ist die Frage, was an diesem „Stern“ historisch dran ist.

 

 

Leugnung der Historizität des Weihnachtssterns

 

Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde - auch von Theologen - oft behauptet, dass nichts dran sei. – Das ging in dieser Zeit mit dem Bestreben einher, das Neue Testament insgesamt zu „entzaubern“, zu rationalisieren.

 

Albrecht Dietrich war so einer: er hatte 1902 die These aufgestellt, die Erfindung des „Weihnachtsstern“ sei wahrscheinlich nur ein Reflex auf einen – historisch als sicher überlieferten - Besuch einer Delegation von Magiern aus dem Osten beim römischen Kaiser Nero 66 n.Chr. unter Führung des armenischen Königs „Tiridates“:

 

Sein Argument bezieht sich auf die Ähnlichkeit der Berichte: der Besuch aus dem Osten -, es waren Magier -, sie brachten dem Kaiser und Weltenherrscher Geschenke mit -, und der Besuch fand anlässlich einer Jupiter-Mars-Konjunktion statt.

 

Das alles spricht dafür – so Dietrich -, dass der Verfasser des Mt-Evangeliums Jesus durch nachträgliche Injektion – also durch Fälschung - die Königswürde und Weltherrschaft verleihen wollte.

 

So richtig überzeugt das nicht -, aber die zweite Theorie von Raymond Brown, die die Historizität auch leugnet - ist nicht viel besser: demnach ist der Matthäus-Bericht nur eine Anbindung an die Bileam-Prophezeiung -, ebenfalls nachträglich erfunden und eingeschoben -, um Jesus zum verheißenen „Stern aus Jakob“ zu erklären. 

 

 

Behauptung der Historizität des Weihnachtssterns

 

Alle anderen Theorien unterstellen, dass dieser Mathäus-Bericht - mindestens im Kern - eine historische Begebenheit widerspiegelt -, und das finde ich viel überzeugender, nicht nur weil bald Weihnachten ist. - Von daher stellt sich nicht die Frage ob es diesen Stern gegeben hat, sondern was es für einer war.

 

Zum Beispiel ist vermutet worden, es handele sich um einen Kometen. - Auf alten und neuen Darstellungen ist der Stern ja auch mit einem Schweif zu sehen. – Das geht auf Origenes zurück, der schon im 3. Jh n.Chr. erklärte, es handle sich um einen jener neuen Sterne, „die von den Griechen Haarsterne (Kometen) genannt werden.“ - Das hat sich bis heute in der Darstellung gehalten, scheitert aber als ernstzunehmende These daran, dass Kometen seit der Antike bis in die Neuzeit ausnahmslos als Unheilkünder gedeutet wurden.

 

Und dann gibt es noch die Jupiter-Saturn-Konjunktion im Jahre 7 v.Chr. - Bereits Johannes Kepler hatte diese dreimal in den Fischen stattfindende „Große Konjunktion“ genau berechnet und seine These 1614 in seiner Schrift „De Anno Natali Christi“ vertreten.

 

Er hielt die Konjunktion aber nicht für den Weihnachtsstern selbst, sondern nur für ein Anzeichen der Geburt Jesu. Der Stern der Magier sei eine außergewöhnliche Nova – eine Sternenexplosion - gewesen.

Von einer solchen ist aber bisher nirgendwo eine Spur gefunden worden, obwohl es anzunehmen wäre, dass bei der akribischen Beobachtung zwischen Mesopotamien und China irgendwann einmal ein Hinweis gefunden worden wäre.

 

Aber warum sollte nicht diese Konjunktion der „Stern“ gewesen sein? – Denn inzwischen wissen wir aus anderen Quellen, das Jesu tatsächlich im Jahre 7v.Chr. geboren wurde -, denn: 4 v.Chr. starb Herodes –, und: wir wissen auch, dass der Keiser Augustus im Jahre 8 v.Chr. die in der Bibel erwähnte Volkszählung angeordnet hatte. Bis das in Palästina angekommen war, mag ein Jahr vergangen sein -, und so spricht manches für das Jahr 7 als Geburtsjahr.

 

 

Omentafel (VAT 290 und 1836)

 

Keplers entdeckte Jupiter-Saturn-Konjunktion blieb vage Theorie wie alle anderen auch, bis dann im Zuge der Erforschung der babylonischen Omentafeln die Indizienkette etwas länger wurde. Es fand sich nämlich eine Omentafel aus dem Jahre 7 v.Chr., die diese Jupiter-Saturn-Konjunktion tatsächlich genau beschreibt.

 

Auf der Tafel steht, dass Astrologen den Aufgang des Jupiter für den 15. März des Jahres 7 v.Chr. auf 11° Fische vorausberechnet hatten -, den Aufgang des Saturn am 4. April auf 19° Fische. - Dann gibt die Tafel über den Stillstand der Planeten am 20. und 27. Juli Auskunft.  ---  Das war astrologisch gesehen zwar außergewöhnlich, aber noch nicht so ganz sensationell.

 

Sensationell waren dann aber die Angaben für den 15. September –, denn nun gingen Jupiter und Saturn am Abend gemeinsam auf - mit nur einem Grad Abstand.

 

Und die Begleitumstände mussten im Rahmen der Astralreligion auf etwas sehr Außergewöhnliches schließen lassen: Marduk-Jupiter - als Gestirn des höchsten Gottes zeigte sich im Aufgang in seiner größten Helligkeit (bedingt durch die Sonnennähe). - Saturn etwas matt (infolge der Ringstellung aus der Erdperspektive), aber nur ein Grad von Jupiter entfernt.

 

Die Omentafel gibt dann ein weiteres Datum an: den zweiten, fast gleichzeitige Stillstand beider Planeten am 12. und 13. November mitten in den Fischen mit nur drei Bogenminuten Abstand -, also noch näher beieinander stehend. – Und die Tontafel verzeichnet schließlich auch noch den heliakischen Untergang im März des folgenden Jahres 06. v.Chr.

 

Soweit die Omentafel. – Und nun zum Text, zum Wortlaut, im Neuen Testament in Mt 2,1-12:

 

 

Matthäus 2,1-12

 

Einige Indizien sprechen dafür, dass sich der Text in Mt 2 auf die Angaben der Omentafel bezieht. Dazu muss man aber sehr genau auf die richtige Übersetzung achten: In Vers 2 heißt es: „Und siehe, Magier aus dem Osten kamen nach Jerusalem („aus dem Morgenland“ – übersetzt Luther) und fragten: ‚wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Aufgang und sind gekommen ihn anzubeten.’“

 

Luther übersetzt hier fälschlich ྻྒ࿠ྌ྘࿠ྟྒྟྌྑྔ྘࿠geographisch „im Morgenland“. Mit Artikel und im Singular࿠hat das Wort aber astronomische Bedeutung und heißt: „...in seinem (heliakischen) Aufgang“. Ohne Artikel und im Plural: ྟྐྉ࿠ྟྒྟྌྑྔྉྒ heißt es geographisch „im Osten“. (keine Ente von Astrologen)

 

Dann heißt es weiter in Vers 3-6: Herodes „erschrak“ und befragte nun die jüdischen Gelehrten, wo der Messias („der Christus“ ྑ࿠ྜྷྎྗྍྌྑྍ࿗ geboren werden soll࿠࿓࿔ und sie antworten ihm: „in Bethlehem“ (Micha 5,1).࿠

 

In Vers 7 ruft Herodes nun noch einmal heimlich die Magier zu sich und erfragte „...die Zeit des erschienenen Sternes“. (Luther: „...wann dieser Stern erschienen sei.“, aber: ྌྑྒ࿠ྜྷྎྑྒྑྒ࿠ྌྑྋ࿠ྚྟྗྒྑྒྷྛྒྑྋ࿠ྟྍྌྛྎྑྍ). – Das heißt wörtlich: Herodes fragt nach dem Zeitraum, nicht nach dem Zeitpunkt.

 

Das ist insofern von Bedeutung, als es dann in Vers 16 heißt: „und Herodes ließ alle männlichen Kinder von zwei Jahren und darunter in Bethlehem und der Umgebung töten, entsprechend der Zeit, die er von den Magiern genau erfragt hatte.“ – Wenn das, was die Magier gesehen haben, mit der Omentafel übereinstimmt, dann lag der erste Aufgang von Jupiter und Saturn in den Fischen ein dreiviertel Jahr zurück. – Wenn nun der erwartete „König“ in diesem Zeitraum geboren sein soll, dann erklärt das, weshalb Herodes etwas später alle männlichen Kinder bis zu zwei Jahren töten läßt.

 

Dann heißt es weiter bei Matthäus: die Magier gingen weiter nach Bethlehem „...und siehe, der Stern, den sie im Aufgang gesehen hatten, zog vor ihnen her bis er gehend zum Stillstand gebracht wurde, oben darüber, wo das Kind war.“

 

Das ist eine Schwachstelle, die nicht unbedingt für die Jupiter-Saturn-Konjunktion spricht. - Es ist etwas rätselhaft, wie diese Konjunktion „vorweg gehen“ soll, um dann über einem einzelnen Haus zum Stillstand zu kommen. Dafür gibt astronomisch keine Erklärung.

 

Aber auszuschließen ist zumindest nicht, dass der fast gleichzeitig stattfindende „Stillstand“ der Planeten nach ihrer Rückläufigkeit am 12. und 13. November gemeint ist, kurz vor ihrer dritten Konjunktion am 03. Dezember. Aber: „über dem Kind“ bleibt ein Rätsel.

 

Aber auch dafür gibt es – nicht sehr überzeugende – Lösungsversuche: so von Ferrari d’Occhieppo, der meint, es handle sich um das Zodiakallicht, das sich durch diffuse Reflexion des Sonnenlichtes durch Staubpartikel ergibt und in südlichen Ländern zu sehen ist. Das kann Lichtkegel von großer Genauigkeit ergeben.

 

Aber ein bisschen hergeholt klingt das schon! Es bleibt eine Schwachstelle -, und hier ist vielleicht die Lücke -, das stärkste Argument -, für einen nicht erklärbaren „Wunderstern“.

 

 

Was bleibt?

 

Babylonische Astrologen haben die Konjunktion beobachtet -, das ist belegt -, und sie mussten im Rahmen ihrer Astralreligion – mit der überragenden Bedeutung des Marduk und der Bedeutung des Ninib-Saturn – auf eine außergewöhnliche „Königswürde“ hienieden auf Erden schließen. (Denn: was „droben“ geschieht – geschieht analog auch „auf Erden“)

 

Auf Jerusalem hätten sie kommen können, was nicht direkt belegt ist, durch die geographische Astrologie aber naheliegt: „Saturn“ ist in dieser Zeit der Stern des Volkes der Juden. – Das Zeichen der Fische, in dem die Konjunktion stattfand, bezeichnete nach Marcus Manilius einen geographischen Raum, der sich von den Parthern, über Euphrat und Tigris bis zum „Roten Meer“ erstreckte. Palästina lag genau in der Mitte.

 

Diese astrologisch-religiöse Deutung aus babylonischer Sicht könnte hinter dem Matthäus-Bericht stehen -, und dann in die jüdische Messiaserwartung eingeflossen sein.

 

Beiden Erwartungen liegen religiöse Motive zugrunde, wenn auch ganz unterschiedlicher Herkunft. (Wobei sie so ganz unterschiedlich nicht sind -, denn „Marduk“ als höchster Gott ist auch der Schöpfer der irdischen Welt -, auch mit den vorhin genannten sehr ähnlichen Formulierungen bei der Erschaffung der Menschen).

 

Und noch eines zum Verhältnis jüdisch-christlicher Glaube und Astralreligion: die babylonische Astralreligion ist polytheistisch -, kennt viele Götter als „Astralgötter“. – Der jüdische Glaube ist monotheistisch. – Beides scheint schlecht zusammenzupassen. Aber von jüdischen wie christlichen Astrologen (Ibn Esra, Thomas von Aquin, Melanchthon) wird die Astrologie in den Monotheismus – in die Schöpfung – eingebaut. – Luther hatte demnach nicht recht, wenn er in der Astrologie andere, konkurrierende Götter witterte.

 

 

Neues Testament und Astrologie

 

Das Neue Testament insgesamt äußert sich zur Astrologie ebenso spärlich und ambivalent wie das Alte Testament. Paulus erwähnt sie kaum direkt -, deutet sie an manchen Stellen polemisch abwehrend an: „Ihr haltet Tage und Monate und Feste und Jahre. Ich fürchte für euch, dass ich vielleicht umsonst an euch gearbeitet habe.“ - Aber vielleicht lässt er in seinen kosmologischen Hinweisen im Epheser- und Kolosserbrief dann doch auch astrologische Optionen offen – wenn Gott „uns das Geheimnis seines Willens kundgetan hat: ... dass alle Dinge in Christus als dem Haupt zusammengefasst würden, was in den Himmeln und was auf der Erde ist.“

 

Anders die Johannes-Apokalypse. Von allen Schriften der Bibel enthält sie die meisten astrologischen Symbole. Ich möchte hier nicht weiter darauf eingehen, empfehle hier nur die Lektüre. – Abschließend möchte ich noch auf ein anderes Zodiakalschema im Neuen Testament verweisen: die Darstellung der vier Evangelisten in den Gestalten der vier „festen“ Tierkreiszeichen:

 

Matthäus als „Wassermann“, Markus als „Löwe“, Lukas als „Stier“ und Johannes als „Adler“, der in der babylonischen Mythologie der Schlange zugeordnet ist, die später zum „Skorpion“ wurde.

 

Interessantes finden Sie sicher, wenn Sie einmal zu Hause in einer stillen Stunde prüfen, ob Sie in den Evangelien die charakteristischen Merkmale des jeweils zugeordneten Tierkreiszeichens finden. – Ich glaube, sie finden.   

 

 

 

 

 

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