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Weissagung

Weissagung und Reformation in der Flugschriftenpublizistik

 

Flugschriften als Massenmedium

 

   Die Flugschriftenpublizistik der frühen Neuzeit kann als Beginn der massenmedialen Informationsverbreitung überhaupt bezeichnet werden. Sie steht in unmittelbarer Abhängigkeit mit den sich langsam vorbereitenden und dann sich beschleunigenden Veränderungen der religiösen und politischen Situation in Deutschland zwischen 1500 und 1530. Ich werde mich im folgenden auf diesen Zeitraum beschränken.

 

   Im Zusammenhang mit apokalyptisch-astrologischen Prophezeiungen und im Zusammenhang mit der frühen Reformation induziert die Flugschriftenpublizistik in allen sozialen Ständen eine kollektive geistige Erregung, die – bezüglich der astrologischen Prophezeiungen - Züge einer kollektiven Panik annimmt, und die – bezüglich der Ereignisse um Martin Luther - schließlich auch zum Erfolg der Reformation und vieler damit in Verbindung stehender Neuerungen des gesellschaftlichen Lebens beiträgt. Beide Strömungen sind religionswissenschaftlich ganz unterschiedlicher Provenienz – Luthers Reformation ist ausdrücklich dem jüdisch-christlichen Monotheismus verpflichtet und die astrologischen Geschichtskonstruktionen leiten ihre Weissagungen aus einem polytheistischen Kosmosbild ab – und zeigen als parallel laufende Medienereignisse aber auch viele Überschneidungen und Wechselwirkungen.      

 

   Voranstellen möchte ich eine kurze Charakteristik dessen, welche Art von Literatur sich hinter den „Flugschriften“ verbirgt:

 

   Flugschriften sind ein Ergebnis der Erfindung des Buchdruckes durch Johann Gutenberg um 1440 in Mainz. Von Büchern unterscheiden sie sich äußerlich dadurch, dass sie praktisch und handlich gehalten sind. Es sind mehrseitig gedruckte, aber dennoch kurz abgefasste Schriften, deren Seitenzahl etwa zwischen 3 und 20, manchmal auch mehr, liegt. Ihr Ziel ist es weniger, Wissen weiterzutragen, als vielmehr einem breiten Publikum Meinungen zu vermitteln. Ein zündender Gedanke soll nicht nur einzelne, sondern möglichst viele Menschen ansprechen und vor allem von der Meinung des Autors überzeugen. Entsprechend sind Inhalt und literarische Stilmittel einfach und verständlich gehalten. Ab 1500 setzt sich deshalb auch mehr und mehr die volkssprachlich gehaltene Flugschrift durch. Die Aussagen sind oft schlagwortartig verkürzt und im Tonfall apellativ, fordernd, anklagend, warnend - insgesamt von der Leidenschaft und der propagandistischen Absicht des Autors getragen. Manche Flugschriften – besonders die astrologischen – vermitteln das Anliegen des Autors „schlagbildartig“ durch Titelholzschnitte und weitere Textillustrationen, die auch den Leseunkundigen gelten, und so als Multiplikatoren wirken.

 

   Hans-Joachim Köhler, der sich ausgiebig mit der Erforschung der Flugschriftenkultur befasst hat, definiert sie so: „Eine Flugschrift ist eine aus mehr als einem Blatt bestehende nichtperiodische und nicht gebundene Druckschrift, die sich mit dem Ziel der Agitation (d.h. der Beeinflussung des Handelns) und/oder der Propaganda (d.h. der Beeinflussung der Überzeugung) an die gesamte Öffentlichkeit wendet.“

 

   Die Popularisierung und Mediatisierung religiöser und politischer Anliegen beginnt als ein massenmediales Ereignis um das Jahr 1500, steigert sich in den folgenden Jahren bis 1524 auf einen ersten Höhepunkt und lässt ab 1525 drastisch, wenn auch vorübergehend nach. Konkret heißt das: bis 1517 steigt die Flugschriftenproduktion nur leicht an, zwischen 1517 und 1524 verzehnfacht sie sich und zwischen 1525 und 1527 sinkt sie wieder auf das Niveau von 1519, bleibt dann aber konstant auf der etwa dreifachen Höhe des Ausgangsjahres 1517.

 

   Während die religiöse – aber auch die weltliche – Literatur des Mittelalters weitgehend lehrhaften und erbaulichen Charakter hatte, sind die Flugschriften das erste wirkliche und wirksame Massenmedium der Informationsgeschichte. Diese erstmalig publizistische Funktion von Literatur – und das massenmediale Zeitalter insgesamt – erhält mit der Erfindung des Buchdruckes durch Johann Gutenberg um 1440 in Mainz die nötige technologische Basis, die Instrumentalisierung der Flugschriften als Mittel einer massenhaften religiösen und politischen Beeinflussung kommt aber erst um 1500 in Gebrauch. Der Buchdruck ändert die Kommunikationsstruktur erst allmählich. Das erste gedruckte Buch ist die 1456 herausgegebene lateinische „Gutenbergbibel“, und dieser folgen bis 1500 weitere 94 lateinische und nur einzelne deutschsprachige Bibeldrucke. Insgesamt erscheinen zwar in diesem Zeitraum immerhin 27.000 Titel, aber mehr als 70% nach wie vor in lateinischer Sprache. Auch das gedruckte Buch bleibt einem elitären Spezialistentum vorbehalten.

 

   Die Flugschriften sind das Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen neuen drucktechnischen Möglichkeiten und einer religiösen wie politischen Endzeit- und Umbruchsstimmung. Die schnelle, Massen stimulierende und Veränderungen induzierende Informationsverbreitung realisiert sich erst mit den zeitgeschichtlichen Ereignissen.

 

   Ein einziger Titel konnte mittels der neuen Drucktechnik in kurzer Zeit eine Auflagenhöhe von mehreren tausend Exemplaren erreichen. Die Auflagenhöhe eines Flugschriftentitels lag im Schnitt bei etwa 1000 Exemplaren. Die „Bestseller“ - wie Luthers Schriften oder manche astrologischen Prognostiken – erreichten pro Auflage 3000 oder 4000 Exemplare.

   Adressaten waren zuerst das lesekundige, entsprechend gebildete, städtische Publikum, Humanistenkreise, Bürger und Adel. Publizistisch ist diese Flugschriftenkultur aber nur in einem eingeschränkten Sinne: im 16. Jahrhundert sind nur etwa 30% der Stadtbevölkerung lesekundig. Dafür wirken aber noch andere Multiplikatoren, die auch eine des Lesens unkundige Mehrheit in den Kommunikationsprozess einbeziehen. Kommunikation war im 16. Jahrhundert – trotz des Buchdruckes - immer noch vor allem ein mündlicher Prozess. Als Multiplikatoren besonders der reformatorischen Flugschriften wirken die öffentliche Bekanntmachung von der Kanzel, vom Rathaus, auf dem Markt und das Vorlesen und Diskutieren in Bürgerhäusern. Was die astrologischen Flugschriften betrifft, so konnte durch Titelholzschnitte und Textillustrationen, besonders auch durch das Katastrophenstimmung schwängernde Gerücht der Kreis der Rezipienten erweitert werden.

 

   Der im Kontext heutiger Kommunikationsprozesse scheinbar banale Wandel von der unikalen Handschrift zum gedruckten Buch und dann zu den gedruckten Massenauflagen der Flugschriften bewirkt nicht nur eine Quantifizierung der Informationsvermittlung, sondern auch einen qualitativen Funktionswandel von Literatur und von öffentlicher Kommunikation überhaupt.

 

   Wie dieser Funktionswandel von Literatur zu verstehen ist, wird im vergleichenden Blick auf die Funktion des mittelalterlichen Schreibens und Lesens deutlich.

   Man könnte diesen Funktionswandel kurz so beschreiben: die mittelalterliche Literatur – ich beziehe mich hier primär auf die religiöse – dient der Verinnerlichung ihrer transportierten Ideen; sie dient der geistigen und geistlichen Bereicherung. Anders die Flugschriften: Sie zielen als Massenmedium auf die Veräußerlichung ihrer Ideen zum Zwecke der Kritik an und der Änderung der bestehenden religiösen und politischen Verhältnisse.

 

   Ab dem 6. Jahrhundert n.Chr. bis zur Erfindung des Buchdruckes sind es vor allem die Mönchsorden, die in den Scriptorien ihrer Klöster sich der Pflege der religiösen und wissenschaftlichen Schriften annehmen. Im frühen 13. Jahrhundert kommen Universitäten mit ihren professionellen Lohnschreibern und städtischen Schreibwerkstätten hinzu. Für beide Träger der Buchkultur liegt die Bedeutung des Lesens und Schreibens in einem jeweils verschieden anwendungsbezogenen Geschichtsbewusstsein.

 

   Die handschriftliche Literatur des Mittelalters ist funktional vor allem Träger von religiösen, literarischen und wissenschaftlichen Überlieferungen zum Zwecke der Erinnerung. Sie ist – im Sinne Jan Assmanns – „erinnerte“, und damit „verinnerlichte Vergangenheit“. Das Wachhalten des Vergangenen überbrückt die Distanz zu den Anfängen der religiösen Ideen. Es ist deshalb vor allem ein Wachhalten des Gedächtnisses an Ursprünge, ein ätiologisches Bewusstsein.

 

   Unter den religiösen Handschriften des Mittelalters ist es vorrangig die Bibel, dann sind es auch antike und frühchristliche Autoren, deren Werke abgeschrieben und ergänzt werden und im klösterlichen Leben – in der Meditation und Liturgie - Anwendung finden. Sie halten das Gedächtnis an den Ursprung christlicher Ideen wach. Im (Ab-)Schreiben und Lesen wird der Ursprung, der als göttliche Offenbarung nur dort rein und authentisch ist, in die Gegenwart transplantiert und in der mönchischen Praxis weiter am Leben gehalten.

 

   Dieser der Erinnerung vorbehaltene Kommunikationsprozess, zu dem auch die aufwendige Anfertigung der Schreibmaterialen, der Pergamente usw. gehörte, bleibt als Kommunikationsprozess exklusiv, einzelnen eingeweihten Interessenten vorbehalten. Die Öffentlichkeit ist an diesem Prozess kaum beteiligt.

   Progressivität gibt es in dieser schriftlichen Gedächtnis- und Bewahrungskultur nur insofern, als der Abstand vom Ursprung zeitlich immer größer wird. Auch die eschatologische und apokalyptische Literatur macht nur deshalb revolutionäre Ereignisse in der Zukunft aus, weil diese den Kreis der Geschichte schließen und in den Ursprung zurückführen.

 

   Auch die handschriftlich verfasste wissenschaftliche Literatur, die besonders im Zuge der Gründung der Universitäten zu Beginn des 13. Jahrhunderts die reine klösterliche Literatur ablöst und ein gewisses Interesse in der höfischen und städtischen Kultur findet, transportiert über das (Ab-)Schreiben und Lesen ein Wissen nur in der Rückversicherung mit der religiösen Überlieferung und den Vorgaben und Methoden antiker Autoren. Diese wissenschaftliche Literatur ist zwar nicht in dem Maße Geschichtsbewusstsein wie die religiöse Literatur. Sie kennt auch schon den Verkauf von Büchern - und damit verbunden auch den Berufsstand der Lohnschreiber – sie bleibt aber mit ihren anwendungsbezogenen Erkenntnissen bis in die frühe Neuzeit im Strom der religiösen Erinnerungs- und Dokumentationsliteratur.

 

   Die religiöse und die wissenschaftliche Buchkultur des Mittelalters haben dies gemeinsam: Beide zielen nicht auf Öffentlichkeit, sondern auf den eingeweihten und wissenden Spezialisten. Beide legen den Akzent auf die Vermittlung von Inhalt und Wissen, nicht auf persönliche Meinungen und die Kunst der Überredung. Autoren wie Rezipienten stehen im Hintergrund und definieren sich ganz über den zu transportierenden Kommunikationsinhalt.

 

   Anders die Flugschriften. Deren Autoren suchen die Öffentlichkeit, um auf diese Einfluss zu nehmen. Sie nutzen die Volksmentalität und berücksichtigen die Disposition der breiten Leserschaft. Autoren, Produzenten und Leserschaft modifizieren treten in einen Kommunikationsprozess ein, der den Kommunikationsinhalt jeweils modifiziert.

  

   In der Forschung zur Bedeutung der Flugschriften in der frühen Reformationszeit ist es weitgehend Konsens, dass „ohne Flugschriften keine Reformation stattgefunden hätte“. Vielleicht könnte man mit Doris Fouquet-Plümacher etwas vorsichtiger sagen: „Die große geistige Erregung, die Luther in Deutschland auslöste, wurde in ihrem Ausmaß nur durch das neue Medium ermöglicht.“ 

   Wenn wir das voraussetzen, ist die Reformation die erste Ketzerbewegung in der römisch-katholischen Kirchengeschichte, die sich – eben weil sie ein Massenmedium zur Verfügung hatte – erfolgreich und dauerhaft durchsetzen konnte.

 

   Ebenso, wie es ohne Flugschriften nicht den Erfolg der Reformation gegeben hätte, kann auch gesagt werden: ohne Flugschriften hätten Astrologie und Mantik in Verbindung mit biblischer und mittelalterlicher Prophetie nicht den massiven Einfluss auf die Stimmung im Volk und auf die konkreten politischen und religiösen Ereignisse um die Reformation gehabt, wie es besonders im Zuge der „Sintflutprognose“ für das Jahr 1524 der Fall war. Diese astrologischen Flugschriften kamen als „Prognosticon“ oder „Practica“, auch als „Almanach“ oder „Calender“ in Umlauf.

 

Astrologische Weissagungen

 

   Während Luthers Reformation das Kernstück der geistigen Umbrüche zwischen 1517 und 1530 ist, laufen parallel dazu auch die astrologischen Geschichtskonstruktionen und Weissagungen als publizistisches Ereignis ab. Was die „Sintflutprognose“ betrifft, erhitzt sie europaweit in wahrscheinlich größerem Maße die Gemüter aller Volksschichten und Stände als die frühe Reformation. Diese astrologischen Weissagungen bereiten mit ihren Visionen von Endzeitkatastrophen, Aufruhr und dem Kommen eines revolutionären Geistlichen die folgenden religiösen und politischen Umwälzungen auf der Ebene des Kommunikationsprozesses mit vor und begleiten diese auch noch in den Jahrzehnten nach 1530. Sie führen aber kein isoliertes Eigenleben, sondern sind in die Prophetie und Apokalyptik der jüdischen und christlichen Tradition fest eingebunden.

 

   Ich möchte nun die Interdependenz von Flugschriftenpublizistik und den Ereignissen dieser Zeit von den astrologisch-apokalyptischen Prognosen her skizzieren.

 

   Es sind vor allem zwei Weissagungen, die bereits lange vor Luthers öffentlicher Wirksamkeit für die Jahre 1484 und 1524 umwälzende Ereignisse prognostizieren und an den „Hohen Schulen Europas“, an den Adelshöfen und im Klerus gelehrte Dispute und im Volk Reaktionen von kollektiver Furcht und Panik hervorrufen.

 

   Die Spuren führen historisch sehr weit zurück und lassen sich bis zu den arabischen Astrologen Masa’halla im 8. Jahrhundert n.Chr., Al Kindi und dessen Schüler Abu Ma’shar im 9. Jahrhundert n.Chr. und ihren astrologischen Geschichtskonstruktionen zurückverfolgen. Diese arabischen Astrologen haben als erste das Spiel der Planeten als Spiegel großer religiöser und politischer Ereignisse konkret definiert. Sie bezogen sich dabei auf Judentum, Christentum und Islam, auf deren Entstehungsgeschichte und auf künftige Entwicklungen und Ereignisse, die bis in die Zeit um 1800 reichen. Die beiden für die Reformationszeit relevanten Prognosen fügen sich also in den äußeren astrologisch ausgedeuteten Geschichtsrahmen von 900 n.Chr. bis 1800 n.Chr. ein.

 

   Astronomisch knüpft diese Astrologie an die „Großen Konjunktionen“ an, das heißt an das alle 20 Jahre stattfindende Zusammentreffen der langsamen Planeten Jupiter und Saturn.   Für die Ausdeutung einer Prognose ist es von großer Bedeutung, in welchem Tierkreiszeichen die Konjunktion stattfindet und wie sich die fünf anderen Planeten im Tierkreis verteilen. Diese Konjunktionen werden dann von den gelehrten Astrologen als Anzeichen für besondere Ereignisse und Einschnitte im religiösen und politischen Leben gesehen.

 

   Die „Große Konjunktion“ der Sintflutprognose war für den Februar des Jahres 1524 berechnet worden und versammelte alle sieben Planeten im Zeichen der Fische. Die Diskussion um dieses Ereignis fällt damit in die Zeit der um 1500 beginnenden Flugschriftenpublizistik. Die Prognose vom „Kleinen Propheten“ ist historisch älter und war ursprünglich auf die „Große Konjunktion“ vom November des Jahres 1484 gemünzt.

 

 

Die Große Konjunktion von 1524

 

   Publizistisch und inhaltlich ist die später so genannte „Sintflutprognose“ für das Jahr 1524 bedeutender, weil die hier astrologisch angekündigte Erneuerung umfassender ist und alle Bereiche des sozialen Lebens und der Natur in allen Ländern der Erde betreffen soll.

   Als massenmediales Ereignis beginnt die Geschichte der „Sintflutprognose“ im Jahr 1499, als die beiden deutschen Astrologen Jakob Pflaum und Johann Stöffler,  Mathematikprofessor in Tübingen und Lehrer Philipp Melanchthons, in Ulm ihre „Ephemeriden“ in den Druck geben. In diesen Ephemeriden prognostiziert Stöffler, dass im Februar 1524 eine Große Konjunktion mit allen Planeten im Zeichen der Fische stattfinden wird, „die fast dem gesamten Erdkreis, den Klimazonen, Reichen, Ländern, Städten und Ständen, den vernunftlosen Wesen, den Tieren des Meeres und allen auf Erden Geborenen eine unzweifelhafte Verkehrung (mutatio), Änderung (variatio) und Wandlung (alteratio) anzeigen, wie wir sie fürwahr seit vielen Jahren weder von den Geschichtsschreibern noch auch von den Vorfahren jemals gehört haben.

 

   Damit war eine Lawine losgetreten, die erst ganz allmählich anrollt. Die Erregung hält sich zuerst in Grenzen – Katastrophenstimmung ist noch nicht herauszulesen, von einer „Sintflut“ ist noch keine Rede. Die lateinischen Begriffe „mutatio“, „variatio“ und „alteratio“ sind noch ohne katastrophenträchtige oder revolutionäre Härte, die vorausgesagten „Wandlungen“ und „Änderungen“ lassen eher eine reformerische Entwicklung vermuten – sie sind allgemein, sie treffen kein bestimmtes Land, keine bestimmte religiöse oder politische Partei - und v.a.: die Prognose ist insgesamt lateinisch abgefasst, wird also nur gelehrt-akademisch, in Kenntnis der Himmelsgloben, der hermetischen Prinzipien und der gültigen Naturlehren diskutiert – hier aber auch gründlich, denn Neudrucke erscheinen 1506, 1507, 1513, 1518 und 1521.

 

   Das ändert sich – zuerst noch auf akademischem Niveau bleibend - mit dem unter anderem von Philipp Melanchthon und Joachim I. Kurfürst von Brandenburg ob seiner Kunst hochgeschätzten italienischen Astrologen Lucas Gauricus. Unter Verweis auf Johann Stöfflers Prognose dramatisiert und konkretisiert er die Voraussagen und bringt in seinem „Prognosticon 1503-1535“ die beiden Hauptthemen ins Spiel, die die ganze folgende Debatte bestimmen sollten: er prophezeite Naturkatastrophen ungeheuren Ausmaßes: Überschwemmungen, Hagel, Blitz und Donner. Wahrscheinlich ist er der erste, der eine reale „Sintflut“, abgeleitet aus dem „wässrigen“ Zeichen der Fische, ins Spiel bringt. Und: er kündigt die Ankunft eines „magnus pseudo propheta“, eines großen falschen Propheten an, der aus dem Osten kommen, und die religiöse wie weltliche Ordnung durcheinander bringen soll.

 

   Gauricus inszeniert das zum Horror gewendete Szenario Stöfflers auch auf der europäischen Bühne der großen Politik: im Jahre 1512 sendet er dem Reichstag zu Trier seine Ankündigung von Naturkatastrophen und bedrohlichen Umwälzungen im religiösen und politischen Leben.

 

   Das beeindruckt und ängstigt den Reichstag so sehr, dass Ludwig der V. Kurfürst der Pfalz die Astrologen Johann Stöffler – Autor der ersten milderen Prophezeiung - und Johann Virdung von Hassfurt mit Gegengutachten beauftragt. Stöffler wehrt sich - hier und später noch häufig - er habe niemals eine „Wasserflut“ vorausgesagt (was auch stimmt!) – und Virdung verweist auf Genesis 9, 11, da hat Gott Noah versprochen, dass er hinfort keine Sintflut mehr senden werde, um die Erde zu verderben.

 

   Der Astrologe Gauricus scheint damit - von anderen Astrologen - der Übertreibung überführt – und man wittert in der Präzisierung und Schärfe der an den deutschen Reichstag gesandten Prognose eine heimliche politische Einflußnahme gegen den Kaiser Maximilian und die Habsburger, der sich außenpolitisch im Konflikt mit Frankreich befindet.

 

   Gewollt oder ungewollt hat Gauricus die Politisierung und die Internationalisierung der Prognose für 1524 inszeniert und sie zur politischen und natürlichen „Sintflut“ stilisiert – sie wird dank seiner Intervention und der nun folgenden Flugschriftenflut zum „ersten europäischen Medienereignis“.

 

   Je näher das Ereignis rückt, desto größer wird der Umfang der Flugschriften und desto erregter die Stimmung. Gauricus findet unter italienischen und deutschen Astrologen viele Parteigänger und Nachahmer, die über Flugschriften und Einzelblattdrucke in das Schreckensszenario mit einstimmen. Sie machen – wie der italienische Astrologe Tommaso Giannotti - eine „ganz ungeheure Sintflut“ (ingentissimum diluvium) aus. Die Prognosticatio des berühmten deutschen Astrologen Johann Carion kündigt auf dem Titelblatt eine „Große Wässerung und andere erschrockenliche würchungen“ an.

 

   Die Gegner solcher Furcht und Panik induzierenden Voraussagen, ebenfalls Astrologen, versuchten zu beschwichtigen. Neben Stöffler und Virdung ist es z.B. Agostino Nifo da Sessa, dessen Flugschrift in ganz Italien Verbreitung findet und der astrologisch gegen die Deutung einer „allgemeinen Sintflut“ (diluvium universale) argumentiert. Er gestand schlimmstenfalls lokale Überschwemmungen in fernen Ländern zu. Der Neapolitaner Johannes Elysius wollte in seiner Schrift: „Wahrhaftigste Befreiung von der Sintflutfurcht“ der realen Wasserflut eine spirituelle Deutung entgegensetzen: er prognostizierte mit der erwarteten Konjunktion eine „geistige Erneuerung der Christenheit“.

 

   Die heiße Phase der Schriftenproduktion und der Debatte liegt zwischen den Jahren 1519 und 1525. Bis 1523 verfassen mehr als 60 Autoren über 160 Flugschriften - bei einer durchschnittlichen Auflagenhöhe von etwa 1000 Exemplaren also mindestens 160 000 Exemplare –, teils im Auftrag, teils in gelehrter Kontroverse, teils auch in belehrender und warnender Absicht vertikal ans Volk gerichtet. Die Widmungen zeigen, dass Päpste, Kardinäle und Bischöfe, Kaiser, Könige und Fürsten – beteiligt sind. Viele Flugschriften sind Karl V. und den Päpsten Julius II, Leo X., Hadrian IV und Clemens VII. gewidmet. Die Flut der Flugschriften breitet sich von Italien ausgehend über Süddeutschland, Österreich, Schweiz, Norddeutschland, Flandern, Frankreich, und weiter nach Spanien, England und Polen aus.

 

   Der Wiener Hofastrologe und Kalenderreformer Georg Tannstetter erkennt das Problem der zunehmenden Katastrophenfurcht in allen Schichten des Volkes als ein publizistisches. „Ein groß Geschrey ist erschollen“ schreibt er 1523. „Denn dieses jahr hat man etliche Zettel und Büchlein umgeführt, die ich nicht für eines gelehrten Manns rechtschaffene Arbeit erachte.“ Die Flugschriften und Einzelblattdrucke sind es, die mit ihren suggerierenden Bildern einen echten, gelehrten astrologischen Disput über das Spiel der Planeten im Februar 1524 kontaminieren.

   Besonders erzürnt ihn, dass „ein Gedicht unter meinem Namen vom Untergang der Stadt Wien ausgegeben.“ Er hatte sich in seiner Prognostik von 1519 gerade solcher Aussagen bewusst enthalten, um „das forchtsame Volck“ nicht zu beunruhigen. Denn was die Konjunktion “bedeute, gehört nicht öffentlich, sondern höher zu disputiern.“

 

   Solche Warnungen fruchten nichts mehr. Die publizistisch erwirkte Katastrophenstimmung ist nicht mehr aufzuhalten. Alle Schichten und Stände sind davon ergriffen – von den Kanzeln wird die Sintflut als Strafgericht Gottes gepredigt. Wie tief die Katastrophenfurcht im Bewusstsein der Zeitgenossen sitzt, zeigen drei Zeichnungen Leonardo da Vincis aus dem Jahr 1514, die – von Gauricus’ „Prognosticon 1503-35“ angeregt – direkt auf die Sintflut Bezug nehmen und jeweils ein apokalyptisches Szenario zeigen. - Albrecht Dürer berichtet von einem nächtlichen „Traumgesicht“, das er noch um die Pfingstzeit des Jahres 1525 hatte: ungeheure Wassermassen stürzen zur Erde – mit solcher Gewalt und Grausamkeit, dass er davon zitternd erwacht. Er hat diese Vision in einem Aquarell festgehalten und mit einem kurzen Bericht versehen. Am Ende steht die verzweifelte Bitte: „Gott wende alle Ding zum Besten.“

 

   Vielen Astrologen sind die Folgen der Medieninszenierung nicht geheuer - und selbst Gauricus, der erste der Katastrophen-Prognostiker, will kurz vor Ablauf der Frist 1524 die Stimmung noch mit einer „Trostschrift“ entschärfen.

 

   In Italien bauen sie im November 1523 bereits Archen - der Adel zieht sich „zur Jagd“ oder „zur Landwirtschaft“ - wie es offiziell heißt - in die Berge zurück. Große Scharen des Volkes bereiten sich auf die Flucht in die Apuanischen Alpen vor.

 

   In Deutschland kulminiert die Stimmung schon seit 1520: auch hier spricht man davon, Archen zu bauen. Die einen wollen die Küstenstädte verlassen, andere lösen ihren Hausstand auf, kommen ihren Pflichten nicht mehr nach, wollen nicht mehr heiraten und nicht mehr die Felder bestellen.

 

   Und dann das Jahr 1524! – Keine „ganz ungeheure Sintflut“! Statt dessen eine bisher nie da gewesene Flut von Druckerzeugnissen. War es also nichts mit den Prophezeiungen und der weissagenden Astrologie insgesamt? Und die sich daran anschließende Frage hinsichtlich der hier gestellten publizistischen Problematik: war es das erste gesamteuropäische Ereignis, dass ausschließlich in den Medien stattfand?

 

   Nicht ganz! Denn die „Sintflut“ war nur ein Teil – und zudem ein unter Astrologen umstrittener - im Kanon der Flugschriftenpublizistik und der Ereignisse um 1524. Die, wenn auch hinter der Sintflut zurückstehend, so doch ebenfalls prophezeiten politischen und religiösen Unruhen und Wandlungen waren greifbar. Fand auch keine „Sintflut“ statt, so doch der von manchen Astrologen prophezeite Aufstand „der Pauern und des gemeinen volcks von vielen orten“ gegen die „Herrschaft geistlicher und weltlicher stende“ – wie es von Johann Copp 1522 und Leonard Reynmann 1523 prophezeit worden war.

 

 

Die Große Konjunktion von 1484

 

   Zu den Aufzählungen bevorstehender Ereignisse für das Jahr 1524 gehörte auch die Ankündigung von Änderungen im religiösen Leben. Konkret gab es in den umlaufenden Flugschriften und Gerüchten auch den Hinweis auf einen „kleinen Propheten“, der kommen und die „Gesetze und Zeremonien der Kirche“ ändern sollte. Diese Prophezeiung war in viele „Sintflut“-Prognosen eingebaut – ursprünglich liegt dem aber eine ganz eigenständige und ältere Rezeptionsgeschichte zugrunde.

   Der arabische Astrologe Mas’halla soll bereits im 8. Jahrhundert n.Chr. das Kommen eines „Kleinen Propheten aus dem Norden“ vorausgesagt haben, der „viele Stämme und Völker“ an sich ziehen sollte. Rund 100 Jahre später hat der ebenfalls arabische Astrologe Abu Ma’shar Angaben gemacht, an welchen Zeichen kommende Propheten zu erkennen seien, wann und wo sie geboren werden sollen.

   Wie Pico della Mirandola bemerkt, wird die Ankündigung eines „kleinen Propheten“ besonders im Italien des „Cinquecento“ ausführlich diskutiert. Bis 1517 ist sie aber eine Angelegenheit rein gelehrter Dispute. Als mediales Ereignis fließt sie zuerst in die Flugschriften der „Sintflutprognose“ ein, läuft dann aber auch als eigenständige Diskussion parallel zur Sintflutdebatte.

 

   Als im November 1484 zuerst kein Prophet auftrat, verfasste der Paduaer Professor für Mathematik und Astrologie Paulus von Middelburg - ein von Herkunft holländischer Geistlicher – noch im gleichen Jahr ein ausführliches „Prognosticon“ in wortgetreuer Anlehnung an Abu Ma’shar über Geburt, Ort, Wirkungszeit, Aussehen und Eigenschaften des erwarteten Propheten.

 

   Von Italien kommend erreichte die Prognose auch den deutschsprachigen Raum. Der Astrologe Johann Lichtenberger hatte sie als lateinische Flugschrift fast wörtlich von Middelburg übernommen und 1488 in Heidelberg das erste Mal herausgegeben - was übrigens zum ersten bekannten Plagiatsvorwurf in der Geschichte des Buchdruckes führte. In dieser „Prognosticatio“ waren auch sehr aufschlussreiche und massenwirksame Illustrationen enthalten. Lichtenbergers Ausgabe war schließlich die Basis für dieses - neben der Sintflutprognose parallel laufende und mit ihr verknüpfte - zweite massenmediale Ereignis. Bis 1528 wurde sie noch häufig in lateinischen und deutschen Ausgaben (deutsch erstmals 1490) herausgegeben, und selbst Luther konnte sich ihrer publizistischen Wirkung nicht entziehen. Im Jahr 1527 veranlasste er die Wittenberger Ausgabe und schrieb dazu selbst ein Vorwort, in dem er sich - bei allen theologischen Vorbehalten - mit dem verkündeten „Kleinen Propheten“ identifizierte.

 

   Dass diese Prognose – ursprünglich auf das Jahr 1484 gemünzt – überhaupt erst nach 1500 als publizistisches Ereignis wirkte, war durch Middelburg veranlasst und von Lichtenberger übernommen worden. Das Ausbleiben des „Kleinen Propheten“ im November 1484 hatte er damit erklärt, dass die Wirkungen einer „großen Konjunktion“ sich bis zur nächsten Konjunktion – also 20 Jahre lang – erstrecken würden.

  

   Im Prognosticon des Johann Lichtenberger finden wir folgende signifikante Merkmale des „Kleinen Propheten“: Er sollte 1503 – wie schon in der Ankündigung für 1484 - unter dem Zeichen des Skorpion, also im Oktober-November, geboren werden; er sollte 19 Jahre wirken, um seine Heimat dann verlassen zu müssen, weil - in Anlehnung an das Neue Testament - Propheten im eigenen Land nichts gelten. Zudem würde er auch durch besondere charakterliche und körperliche Merkmale auffallen, die schon Abu Ma’shar genannt hatte, die aber erkennbar der klassischen Charakteristik des Zeichens Skorpion entlehnt sind:  

   Demnach sollte der revolutionäre Prophet eine hässliche Gestalt, schwarze und braune Flecken am Körper – an der Hüfte, an der rechten Seite und am Schoß - haben. Er sollte einen trefflichen Verstand und sehr große Weisheit haben, trefflich und wunderlich in der Auslegung der Schrift sein und Veränderungen in den Gesetzen und Zeremonien der Kirche bringen. Er würde Zeichen und Wunder tun und: nicht durch die Kraft seiner Worte, sondern allein, dass er sich sehen lasse, würde er vom Teufel Besessene erretten. Aber: er sollte auch in Heuchelei viele Lügen reden und - wie der „Skorpion“, unter dessen Zeichen er geboren ist - würde er sein Gift oft ausgießen. Schließlich „wird er auch ein Ursach sein großes Blutvergiessens“, wie es in der deutschen Übersetzung Lichtenbergers heißt. Ob dieser Prophet schließlich ein „wahrer“ oder „falscher“ sein würde, soll erst „hernach kund und offenbar“ werden.  

    

   Zum Massen-Medienereignis wurde diese Prognose aber erst, als sie durch die reformatorischen Ereignisse zwischen 1517 - dem Thesenanschlag an der Schlosskirche in Wittenberg und den nachfolgenden Ereignissen - und 1522 mit der Person Martin Luthers in Verbindung gebracht werden konnte. Von den 14 lateinischen und deutschen Auflagen der Lichtenberger-Prognose ab 1488 erscheinen allein sieben erst zwischen 1526 und 1528.

 

   Während der Text der Lichtenberger-Prognose zwar in manchen allgemeineren Aussagen den Bezug zu Luther und den Ereignissen um ihn zuließ, einige konkrete Aussagen aber doch deutlich fehlgriffen (z.B. das von Middelburg errechnete Geburtsjahr 1503), erregten vor allem die in der Flugschrift enthaltenen Illustrationen vom „kleinen Propheten“ die Gemüter. Selbst Luther – sonst nicht verlegen im Missachten der heidnischen Astrologie – identifizierte sich mit dieser Abbildung und hielt sie für „gut getroffen und nahe zu geschossen, mehr denn mit den Worten.“

 

   Luther erkannte die publizistische und popularisierende Wirkung der Prognosticatio insgesamt, und das veranlasste ihn, zur Wittenberger Ausgabe ein ausführliches Vorwort über Lichtenberger und die astrologische Weissagung überhaupt zu verfassen. Gleich zu Beginn der Vorrede erklärt er: „nach dem aus diesem buch ein fast gemeine rede ist entstanden gewest ... bin ich bewogen, mit dieser Vorrede den selbigen Lichtenberger noch eins aus zu lassen, mein Urteil drüber zu geben.“ Er bezieht sich dabei nicht nur auf die Prognose vom „Kleinen Propheten“, sondern auf die direkte Verknüpfung dieser Prognose mit der Sintflutprognose und deren angekündigten religiösen und politischen Umwälzungen insgesamt.

 

   Die prophezeiten großen Ereignisse für 1524 und 1525 waren vorübergegangen und offensichtlich bewirkte das ein allgemeines erleichtertes Aufatmen, besonders unter der katholischen Geistlichkeit. In der Prognose war davon die Rede, dass das „Schifflein Petri“ schwere Stürme durchzustehen hätte, dann aber wieder erstehen werde. Luther greift diese Stimmung auf und warnt vor einer verfrühten Beruhigung der Gemüter, denn viele der Geistlichen hätten die Prognose vom „Kleinen Propheten“ so verstanden: „es werde einmal über die Pfaffen gehen und darnach widder gut werden, und es sey nu geschehen, sie seyen hindurch, das ihr verfolgung durch der bauern auffrur und des Luthers lehre sey von diesem Lichtenberger gemeinet“. Dem setzt Luther eine andere Deutung der Prognose entgegen, eine erstaunlich astrologie- und weissagungsfreundliche, aber auch eine, die sich damit an die publizistisch wirksame Prognose Lichtenbergers anhängen kann.

 

   Luther erkennt in Lichtenberger ausdrücklich nicht einen falschen Propheten, der „mit lügen trostet und mit falschheit dreuet.“ Im Gegenteil: „Den grund seiner sternkunst halt ich für recht ... Die zeichen am hymel und auf erden fehlen gewislich nicht“, aber „das die kunst ungewisse sey, hatt ihn lassen fehlen etliche mal.“

   So müssen nach Luthers Meinung die detaillierten – und teils offensichtlich falschen - Ankündigungen im Text nicht wörtlich genommen werden, aber Luther zeigt sich doch überrascht, wie Lichtenberger „hat auch etliche ding eben troffen, sonderlich mit den bildern und figuren“

 

   Besonders überzeugt hat ihn wohl der Holschnitt, der einen größeren Mönchspropheten zeigt, auf dessen Schultern ein Teufel sitzt. Hinter ihm – auf manchen Abbildungen auch neben ihm – ist ein zweiter, kleinerer Mönch zu sehen. Die Ereignisse zwischen 1517 und 1525, besonders die im Zusammenhang mit dem Reichstag zu Worms und dem Vorwurf der Ketzerei, nötigten eine Identifizierung mit Luther und seinem insinuierenden Teufel geradezu auf. Die lateinische Mainzer Ausgabe von 1492 enthält auf dem Bild eine nachträgliche handschriftliche Notiz eines unbekannten Lesers: „Dyth is Martinus Luther un Philipp Melanton“ Die Augsburger Ausgabe von 1526 enthält eine ähnlich handschriftliche Bemerkung: „O Bestia Martin Luther“ und neben dem Teufel steht: „Blaß deuffel blaß“.  An der propagandistischen Ausdeutung der Prognosticatio beteiligen sich also auch die Leser, die, wie in dem zweiten Kommentar erkennbar, deutlich zur Emotionalisierung, in diesem Falle zur antireformatorischen, beitragen.

 

   Man könnte meinen, wenn Luther von der Tendenz des Textes und der Bilder nicht ohnehin überzeugt gewesen wäre, so war es im Interesse seiner Popularität geraten, sich mit der Gestalt des „Kleinen Propheten“ zu identifizieren. Einer unsicheren Überlieferung nach soll Luther gesagt haben: „Der Teufel sitzt nicht dem Mönchen im hertzen ... ich meine er sitzt mir auff dem nacken durch Papst, Kayser und grosse Potentaten.“

  

   Die Lichtenbergerprognose, in der sich Luther ja wiederfindet, ist schließlich auch Anlass eines gelehrten Disputes um Luthers Geburtszeit. Das genaue Geburtshoroskop Luthers sollte nun darüber Aufschluss geben, ob er ein „wahrer“ oder ein „falscher“ Prophet sei. Seine Geburt im November unter dem Zeichen „Skorpion“ und das nicht restlos zu klärende Geburtsjahr 1483 oder 1484 ließen plötzlich die ältere und ursprüngliche Version der Prophezeiung vom „Kleinen Propheten“ für das Jahr 1484 wieder aktuell werden. Dieser Disput, an dem unter anderen Philipp Melanchthon, Lucas Gauricus, Johann Carion und Erasmus Reinhold teilnahmen, hatte als massenmediales Ereignis aber keine Bedeutung mehr, denn der Streit war nun offensichtlich von jeweils reformationsfreundlichen und -feindlichen Interessen geleitet. 

 

 

Die Ereignisse der Reformation und die Flugschriftenpublizistik

 

   Um das Gesamtbild der frühneuzeitlichen Medienereignisse zu vervollständigen, muss noch auf einen zweiten Hauptstrom von Flugschriften hingewiesen werden, der vielleicht den größten Anteil an Ausgaben und Exemplaren der Flugschriftenproduktion in dieser Zeit ausmacht. Es sind Flugschriften, die sich unmittelbar auf die reformatorischen Ereignisse beziehen und mit astrologischer und mantischer Weissagung überhaupt nichts zu tun haben, die aber doch auffallend parallel mit der ab 1519 anschwellenden Woge der Sintflutschriften einhergehen. Auch diese reformatorische Flugschriftenflut erreicht im „Sintflutjahr“ 1524 ihren Höhepunkt, um dann ab 1525 steil abzufallen.

   Der deutliche Rückgang der Flugschriftenproduktion nach 1524 betrifft also nicht nur die Schriften zur Sintflut, sondern auch die reformatorischen. Es sind interne Entwicklungen der reformatorischen Bewegung, die ab 1525 zu einer plötzlich nachlassenden Flugschriftenproduktion führen.   

 

   Der Verlauf der reformatorischen Ereignisse um Luthers Person und im Zusammenhang mit der Flugschriftenpublizistik lässt sich kurz so skizzieren:

 

   Am 31. Okt. 1517 sendet Martin Luther den lateinischen Text der 95 Thesen an mehrere Bischöfe mit dem Wunsch, dazu mündlich oder schriftlich Stellung zu nehmen. Mit dieser Aufforderung beabsichtigt Luther eine rein gelehrte Disputation über den Wert des Ablasshandels. Der für den selben Tag überlieferte Thesenanschlag an die Türen der Schlosskirche zu Wittenberg war ebenso eine lateinisch gehaltene Aufforderung zur Disputation. Aus vielen Äußerungen Luthers geht hervor, dass er anfänglich nicht an eine Popularisierung seiner Ablassthesen gedacht hatte. Wie kam es dennoch dazu, dass nach Luthers eigenen Angaben „die Thesen schier in 14 Tagen durch ganz Deutschland liefen?“

 

   Nachdem die Bischöfe auf Luthers Disputationsangebot kaum ernsthaft eingehen, versendet er seine handschriftlich verfassten Thesen an einige Freunde und Gelehrte, unter anderem nach Nürnberg. Erst hier werden sie von begeisterten Anhängern übersetzt und gedruckt. Die folgende rasante Verbreitung veranlasst Luther in einem Brief an den Nürnberger Advokaten Christoph Scheurl zu der Aussage: „Es war weder meine Absicht noch mein Wunsch sie zu verbreiten, sondern mit Wenigen, die bei uns und um uns wohnen, zunächst über sie mich zu besprechen, damit sie so nach dem Urteil vieler entweder verworfen oder gebilligt und herausgegeben würden.“

  

   Luther ist sich der publizistischen Wirkung seiner Thesen bewusst und bemerkt im selben Brief: „Doch ich erkenne zur Genüge aus dieser Verbreitung, was alle allenthalben vom Ablass denken, freilich geheim.“ Nach der ersten Publikationswelle der 95 Thesen, denen Johann Tetzel noch Ende 1517 Gegenthesen entgegensetzte, die in Frankfurt/O. zwar gedruckt wurden, aber ohne große öffentliche Wirkung blieben, greift Luther nun die im  reißenden Absatz erkennbare Welle der Sympathie auf, und nutzt nun offensiv und gezielt die medialen Möglichkeiten.

 

   Im Jahr 1518 verteidigt Luther seine Thesen in zwei Richtungen: mit einer deutsch gehaltenen und an das Volk gerichteten Flugschrift, dem „Sermon von Ablass und Gnade“, sowie einer gelehrten lateinischen Fassung und ausführlichen theologischen Verteidigung seiner Thesen, den „resolutiones disputationum de indulgentiarum virtute“, die er im Mai 1518 auch an Papst Leo X. sendet.

   Die propagandistische Wirkung des „Sermon“ ist ernorm: bis 1520 erscheint diese Schrift in 25 Auflagen - bei 1000 bis 3000 Exemplaren also um die 50 000 Schriften mit entsprechenden mündlichen Multiplikatoren. Luther hat damit die Stimmung in vielen deutschen Städten maßgerecht getroffen. Die massenhafte Publikation gibt dieser latenten Stimmung ein Forum, um aus dem Verborgenen in die Öffentlichkeit zu treten und sich als einheitliche Meinung zu formen. Luther weiß die Mehrheit der städtischen Bevölkerung hinter sich.

 

   Vorerst suchte der Papst zwar eine friedliche Beilegung des Konfliktes, Luther lehnte aber jeden Widerruf und selbst die ihm über den Kurfürsten Friedrich dem Weisen angetragene Verleihung der Kardinalswürde ab. Zumindest gelingt es im Januar 1519 Karl von Miltitz, dass Luther zu schweigen verspricht, solange seine Gegner schweigen würden.

 

   Das Brechen des Schweigens, ausgelöst durch die Leipziger Disputation vom Juni/Juli 1519 erbringt, dass Luther über seine Ablassthesen hinaus in grundsätzlichen theologischen und kirchenpolitischen Fragen von seinem Kontrahenten Johann Eck der Ketzerei bezichtigt wird. Damit ist der Schritt von der speziellen Streitfrage über den Ablasshandel zu grundsätzlichen theologischen und kirchenpolitischen Fragen getan. Damit erweitert sich auch der Kreis der Rezipienten reformatorischer Ideen.

 

   Im August 1520 erscheint Luthers kämpferische Flugschrift: „An den christlichen Adel deutscher Nation“, die an den Kaiser, die Fürsten und den übrigen Adel mit der Aufforderung zu tiefgreifenden Reformen gerichtet ist, weil sich die römische Kirche jedem Reformverlangen gegenüber sperre. Wieder ist dies ein publizistisches Ereignis ersten Ranges. Die erste Auflage mit 4000 Exemplaren ist bereits nach fünf Tagen vergriffen. Es folgen weitere 14 Auflagen. Die im gleichen Jahr herausgegebene theologische Schrift: „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, in der die Lehre von den Sakramenten einer gründlichen Kritik unterzogen wird, erscheint in 13 Auflagen. Der reißende Absatz der Flugschriften und die zusätzlichen mündlichen Multiplikatoren schweißen Luthers Reformideen in kürzester Zeit zu einer geschlossenen Reformbewegung zusammen. 

 

   Die römisch-katholische Seite war sich schon lange der Gefahren bewusst, die von der unkontrollierten Vervielfältigung von Druckerzeugnissen ausgehen konnte. Die päpstliche Bannandrohungsbulle „Exsurge domine“ vom Juni 1520 gebot nun die Verbrennung sämtlicher Schriften Luthers. In Löwen in den Niederlanden wurde die öffentliche Verbrennung schließlich auch durchgesetzt, was wiederum Luther veranlasst, die päpstliche Bannandrohungsbulle in Wittenberg vor Professoren und Studenten ebenfalls zu verbrennen. Zum Kommunikationsprozess gehören also auch solche fast rituell anmutenden Gesten wie die Bücherverbrennung, die zur propagandistischen Einflussnahme ebenso beitragen wie die Flugschriften selber. 

 

   Der kirchenpolitische Höhepunkt, dem dann der publizistische Höhepunkt folgt, ist schließlich mit dem Reichstag zu Worms im April 1521 erreicht. Da Luther hier auf seinen Positionen beharrt, verhängt das Wormser Edikt über ihn und seine Anhänger die Reichsacht, gebietet die Verbrennung aller reformatorischen Schriften und setzt für alle theologischen Schriften in Deutschland eine Bücherzensur ein. Diese Maßnahmen zur Eindämmung der reformatorischen Dominanz in der Publizistik werden von den meisten deutschen Druckereien ignoriert. Allein im Zusammenhang mit den Ereignissen zu Worms erscheinen 28 Titel in 105 Auflagen, von denen sich allein 96 mit dem Fall Luther befassen.

   Das Publikationsverbot wird aber nicht nur ignoriert, viele Druckereien stellen sich nun erst vollends auf den Druck der Schriften Luthers ein, in manchen Städten – so in Wittenberg - entstehen neue, reformatorisch ausgerichtete Druckereien. Dass es dabei nicht nur um die reformatorischen Ideen geht, sondern auch ökonomische Faktoren eine nicht unerhebliche Rolle spielen, zeigt ein Beispiel aus Leipzig: dort führen im Jahre 1524 Drucker beim Rat der Stadt Klage gegen das Druckverbot der lutherischen Schriften, weil sie dadurch in den finanziellen Ruin getrieben würden.

 

   Der Druck der populären Flugschriften hatte die Buchkultur längst über die reine Vermittlung von Inhalten hinausgeführt. In den Kommunikationsprozess sind nun Autoren, Produzenten und Leser mit ihren jeweiligen Absichten und Interessen einbezogen. Nicht nur die Autoren steuern diesen Kommunikationsprozess, die Produzenten wie auch die Leserschaft greifen ebenso mit ein. Luther nach der ungewollten Verbreitung seiner Thesen: „Ich hätte manches weit anders und sicherer behauptet oder weggelassen, wenn ich das erwartet hätte.“     

 

   Die Auflagen der reformatorischen (und gegenreformatorischen) Flugschriften steigen in den Jahren bis 1524 ebenso sprunghaft an, wie die des Sintflutdisputes zwischen 1519 und 1524, ohne dass ein unmittelbarer Zusammenhang auszumachen wäre. Neben Luther, der mit seinen Schriften zuerst deutlich dominiert, kommen nun auch andere Autoren zum Zuge: so zum Beispiel Johann Eberlin von Günzburg, der 1521 allein 16 reformatorische Flugschriftentitel herausgibt, oder auch Ulrich von Hutten mit einer Vielzahl von Flugschriften antirömischen, politisch-nationalen Inhalts. Von gegenreformatorischer Seite haben Thomas Murners Flugschriften den größten publizistischen Erfolg, besonders seine Schrift aus dem Jahr 1522: „Von dem großen Lutherischen Narren“.

   Den Hauptstrom der Flugschriften im Zusammenhang mit der Reformation machen aber die Schriften Luthers und anderer Reformatoren aus. Die Spannbreite der Autoren reicht von den Humanisten wie Hutten bis zu den Vertretern der Bauernschaft, deren Sympathien zwar meistens Luther gelten, deren Anliegen aber überwiegend politische sind und die an theologischen Fragen kaum Interesse zeigen. Allen war gemeinsam, dass sie stilistisch und inhaltlich die Volksmentalität aufgreifen und ansprechen. Abgesehen von Murners Schriften, sind die meisten gegenreformatorischen auch deshalb erfolglos, weil sie ausführlich theologisch-apologetisch und wenig volkstümlich verfasst sind. 

 

   Luthers vorübergehendes Exil auf der Wartburg erbringt mit der Übersetzung des Neuen Testaments auch ein gewisses populäres Interesse für den Buchdruck. Die erste Auflage im Jahr 1522 erscheint in 3000 Exemplaren, die sofort vergriffen sind. Bis 1534 erscheinen 85 Ausgaben des Neuen Testaments in deutscher Sprache.

 

   Die Jahre 1522 und 1523 sind der Höhepunkt der religiösen Reformbewegung in Deutschland. Viele Großstädte, die gleichzeitig auch Zentren des Buchdruckes sind, schließen sich der Reformation an, unter anderen Straßburg und Nürnberg. Alle Bemühungen, das Wormser Edikt doch noch durchzusetzen, scheitern vor allem am Widerstand der Städte. Die Nachfrage an reformatorischen Schriften und damit auch die Produktion von Flugschriften erreicht schließlich im Jahr 1524 – dem Jahr der angekündigten „Sintflut“ - ihren Höhepunkt. Im Vergleich zum Jahr 1517, dem Beginn der reformatorischen Publizistik, verzehnfacht sich die Zahl der herausgegebenen Titel. Im Jahr 1525 und in den folgenden Jahren bricht die Flugschriftenpublizistik regelrecht ein und ist im Jahr 1527 etwa wieder auf dem – immer noch recht hohen - Niveau des Jahres 1519.

 

   Dieses plötzliche Nachlassen des Interesses lässt sich mit innerreformatorischen Schwierigkeiten erklären. Das anfänglich geschlossene Aufbegehren von Geistlichen und Humanisten, von Vertretern des Adels, des Bürgertums und der Bauern gegen religiöse und politische Missstände, zeigt schon ab 1520 Risse, die besonders 1524 voll zum Ausbruch kommen. Luther, der im März 1522 von der Wartburg nach Wittenberg zurückkehrt, wendet sich nun innerreformatorischen Problemen zu. Publizistisch kommt es zu polemischen Auseinandersetzungen mit geistlichen „Schwärmern“ (Thomas Münzer, Karlstadt), mit Humanisten (Erasmus), die sich nun zum Teil ganz von der Reformation abwenden (Pirckheimer) und mit den Schweizer Reformatoren (Abendmahlsstreit). Die Schriften sind nun weniger gegen die tradierte religiöse Ordnung gerichtet, als vielmehr gegen abweichende und revolutionäre Strömungen in den eigenen reformatorischen Reihen. Die propagandistische und agitatorische Richtung der Flugschriften ist nun nicht mehr so eindeutig auf den Beifall breiter Massen aus, wie die Flugschrift: „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ von 1525 zeigt.

 

  Trotz der reformationsinternen Gründe für das Nachlassen der Publikationsflut fällt die zeitliche Koinzidenz ihres Höhepunktes mit der verheißenen Wasserflut im Jahr 1524 auf. Diese Synchronizität könnte einen Zusammenhang vermuten lassen, der weder historisch noch kommunikationswissenschaftlich noch religionswissenschaftlich zu klären ist – es sei denn, man erkennt in der seit 1499 öffentlich diskutierten Sintflutprognose eine umgeleitete self-fulfilling prophecy, die auf das Jahr 1524 hin einen Erwartungsstau schafft, der sich dann – mangels eintreffender Wassermassen – anderswo „Fluten“ erzeugt.

   Zumindest lässt sich religionsgeschichtlich dies feststellen: beide komplementären Medienereignisse – die Sintflutprognose und die Reformation, zusammengebunden in der Prognose vom „Kleinen Propheten“ - sind von einer religiösen Endzeit- und Erneuerungsstimmung bestimmt, die teils prophetisch gezielt, teils unbeabsichtigt im Jahr 1524 publizistisch kulminiert und dann auch schnell und deutlich abflaut. 

 

 

 

Fazit

 

   Historisch betrachtet konnte die erwartete und nicht eingetretene Sintflut das Gesamtbild der Prophezeiungen nicht widerlegen. Die religiösen und politischen Unruhen gaben den allgemeineren und milderen Prognosen eines Johann Stöffler recht und widerlegten nur die Katastrophenszenarien eines Teils bewusst popularisierender Astrologen. Und: Der „Kleine Prophet“, der als mediales Ereignis betrachtet, nicht ganz die europaweite Aufregung verursachte wie die „Große Wässerung“, der von Paulus von Middelburg auch ganz falsch datiert und mit unzutreffenden körperlichen Merkmalen beschrieben war, der doch aber gekommen war, und die Veränderungen in den Gesetzen und Zeremonien der Kirche gebracht hatte, mag für viele als Bestätigung der astrologischen Prophetie gegolten haben. Denn die Geschichte astrologischer Prophezeiungen ist mit diesem ersten europäischen Medienereignis noch lange nicht zu Ende geschrieben.

 

   Kommunikationswissenschaftlich betrachtet sind die in den Flugschriften transportierten Informationen nur ein Teil der Kommunikation. Wichtig ist das Gesamtereignis, der Kommunikationsprozess, in den Autoren und Leser einbezogen sind. Die Absicht, die Meinung und nicht zuletzt die Leidenschaft des Autors, die Interessen der Produzenten und die Dispositionen der Leser hinsichtlich ihrer Erwartungen, Interessen und Leidenschaften, geben zusammen mit den Informationen ein Gesamtbild ab, das selbst das Ereignis ist – eben ein Medienereignis.     

  

   Religionswissenschaftlich lässt sich erkennen, dass die massenmediale Publizistik ganz verschiedene religiöse Anliegen zusammenbindet. Die Flugschriftenproduktion bewirkt – trotz oftmals gezielter Intoleranz im Einzelfall – insgesamt eine gewisse religiöse Vielfalt und Toleranz, nämlich insofern als öffentlich eine reflexive Auseinandersetzung mit religiösen Alternativen stattfindet und in Rücksicht der jeweils mobilisierten Mehrheiten auch stattfinden muss. Das gilt für die reformatorischen Positionen innerhalb der katholischen Kirche, ebenso für die kirchenintern diskutierten naturreligiösen Ansätze. Luther ist so populär, dass alle beabsichtigten Beschränkungen wirkungslos bleiben. Die polytheistische Astrologie und Mantik ist ebenfalls populär und beeindruckt Luther so sehr, dass er trotz seiner apologetischen und zugespitzten monotheistischen Position ihr eine gewisse Berechtigung einräumt und vielleicht auch einräumen muss. Dieser naturreligiöse Polytheismus leistet mit seinen Prophezeiungen Schützenhilfe sowohl für die Reformation, als auch für die Bewahrer der bestehenden Verhältnisse. Die Flugschriftenpublizistik spiegelt eine religiöse Lebenswelt wider, die innerhalb der jüdisch-christlichen monotheistischen Position ein im beschränkten Umfang offenes plurales System zeigt, in dem auch polytheistische Ansätze ihren Platz beanspruchen und behaupten.

 

 

 

 

 

 

 

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