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Zeitungshoroskope

Am 12. April 2010 habe ich meine Inauguraldissertation

zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Rechtswissenschaften (Dr. jur.) durch die Juristische Fakultät der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover mit dem Thema:

„Die Astrologische Beratung –
eine Herausforderung für das Recht“

eingereicht.

Hier eine Leseprobe:

 

 

Anhang 6:  Zeitungshoroskope

 

 

Furthmann, Katja (Diss. 2006): Die Sterne lügen nicht. Eine linguistische Analyse der Textsorte Pressehoroskop. Göttingen: V & R unipress.

 

Furthmann schreibt: S.17:

 

„1.1 Horoskope in den Massenmedien

Betrachtet man das gegenwärtige Textsortenangebot der Massenmedien, so sticht eine Textsorte in ihrer universalen Präsenz, relativen Stabilität, zielgruppenbedingten Vielfalt und Repetitivität aus der Vielzahl an Medientexten deutlich hervor: das Horoskop.

Ob nun beim Blättern in Zeitungen oder Zeitschriften, beim morgendlichen Frühstücksfernsehen, Radiohören oder beim Surfen im Internet - immer wieder stößt der Rezipient auf Horoskope, und immer wieder aufs Neue erfährt er Dinge über seine persönlichen astralen Aussichten für den Tag, die Woche, den Monat oder das ganze Jahr und erhält Empfehlungen, wie sich am besten zu verhalten sei [...]

 

Adorno sprach schon in den 50er Jahren von einer astrologischen Infektion […]

Kaum ein Medium scheint auf ein Horoskop in irgendeiner Form zu verzichten - was darauf schließen lässt, dass diese Texte vom Publikum gewünscht werden und offenbar sehr beliebt sind - und so sind Horoskope in ihren mannigfachen Erscheinungsformen als selbstverständliche Bestandteile aus den Massenmedien kaum noch wegzudenken.

Es muss davon ausgegangen werden, dass Horoskope wohl jedem Angehörigen der modernen Gesellschaft bekannt sind und dass jeder die Voraussagen und Ratschläge für sein Sternzeichen mehr oder weniger häufig zur Kenntnis nimmt. [...]

 

Horoskope sind ein - wenngleich umstrittener - Bestandteil der Pseudowissenschaft Astrologie.

Astrologie wiederum lässt sich dem sehr komplexen und heterogenen Wissens - und Kommunikationsbereich der Esoterik oder Psychoszene zuordnen, die wesentlich von der New-Age-Bewegung der 70er Jahre beeinflusst wurde.

Die Esoterik hat einen eigenen, sehr heterogenen gesellschaftkulturellen und kommunikativen Bereich ausgebildet. Vom kommerzieller Erfolg der Esoterik zeugt nicht nur die überwältigende Anzahl der Publikationen, die sowohl von allgemeinen Buchhandlungen wie auch von speziellen Esoterik - Buchhandlungen angeboten werden.

Mehrere tausend ausgebildete oder selbst ernannte Astrologen und Psychologen, Wahrsager, Kartenleger, Hellseher und Wunderheiler bieten auf einem kaum überschaubaren Markt öffentlich ihre Dienste an - entsprechende Anzeigen dazu finden sich immer wieder in den Printmedien, im Fernsehen oder Internet.

Ob Horoskopdeutung, Numerologie, Pendeln, Kaffeesatzlesen, Engelskontakte, Geistheilen oder okkulte und paranormale Techniken - das Bedürfnis nach „übersinnlich - spirituellen" Momenten, aber auch nach individueller Beratung und Sinn - bzw. Zukunftsdeutung ist in unserem wissenschaftlich - rationalem und aufgeklärten Zeitalter offensichtlich nicht zurückgegangen, im Gegenteil, ständig steigt die Anzahl der an das Paranormale glaubenden Menschen und selbst hohe finanzielle Beträge werden für solche Dienstleistungen aufgebracht.

Ob man esoterische Praktiken nun als höhere Wahrheit auffasst oder wie Adorno als Metaphysik der dummen Kerle einschätzt - die ursprüngliche Beschränkung esoterischen Wissens auf Auserwählte und Eingeweihte ist heute der Öffentlichkeit und Kommerzialisierung weitgehend gewichen.

Vorbei sind die Jahrhunderte, in denen auch die Astrologie eine geheime Wissenschaft von Eingeweihten war, vorbei auch die Zeit, da Astrologie vom gesellschaftlichen Leben verbannt wurde.

Heute ist die Astrologie und ganz besonders die massenmediale Textsorte Horoskop zu einer öffentlich angebotenen Ware, einem alltäglichen Massenphänomen geworden, dass man kaum noch übersehen kann, egal wie man dazu stehen mag. […]

 

Der Philosoph Theodor W. Adorno hat sich unter soziologischem Aspekt kritisch mit dem Alltagsphänomen Horoskop auseinandergesetzt.

Die Ergebnisse seiner Untersuchungen zu der Horoskopspalte der rechtsrepublikanischen Tageszeitung Los Angeles Times Anfang der Fünfzigerjahre wurden zuerst unter dem Titel "The Stars down to Earth" veröffentlicht - ein Aufsatz, der sich in die Tradition des Instituts für Sozialforschung einordnen lässt und zu den klassischen Studien Adornos zur Kulturindustrie zählt. [...]

Adorno glaubt in den Horoskoptexten eine ideologisch - totalitäre Funktion zu erkennen, die den gesellschaftlichen Status quo unterstützen und aktualisieren soll.

Der Kerngedanke dieses Essays liegt in der Behauptung, dass das Horoskop dem Adressaten nichts Neues sage, sondern die mehr oder weniger bewusst wahrgenommenen, von der Gesellschaft anerkannten und vorausgesetzten Normen, Wertmaßstäbe sowie gebräuchlichen Handlungsschemata ständig aktualisiere und reproduziere:

 

  • „Die Botschaften des Horoskops künden nichts als den Status quo. Sie wiederholen die Anforderungen, welche die Gesellschaft ohnehin an den Einzelnen stellt, damit er funktioniert. Auch die verwaltete Astrologie serviert ihren Anhängern nichts, woran sie nicht durch ihre tägliche Erfahrung gewöhnt wären, und was ihnen, sei es bewusst, sei es unbewusst, Tag für Tag beigebracht wird. [...]
  • Daher das Interesse, unermüdlich den Menschen Ideologien und Verhaltensweisen einzuhämmern, die sie ohnehin von früh an geformt haben und mit denen sie gleichwohl niemals ganz sich identifizieren können.“
  • Es sind Adorno zufolge für den Rezipienten in der Regel selbstverständliche Empfehlungen und Aussagen, mitunter „höchst triviale Ermahnungen wie die, bedächtig zu fahren", denen durch die Verwendung im Horoskop zusätzliche Würde und Gewicht verlieren würden.

    Damit stünden Horoskope im Dienste der Erhaltung und Reflexion der Gesellschaft "der umfassenden gesellschaftlichen Ideologie, der Affirmation des Bestehenden als eines naturhaft Gegebenen."

    Dies geschehe, indem Horoskoptexte ihre Leser direkt oder indirekt zur Anpassung an die gesellschaftlichen Umstände auffordern. Anpassung und Individualismus sind laut Adorno jedoch konträre Verhaltensweisen, die in den Angehörigen der Gesellschaft im Zwiespalt stehen, was in Horoskopen selbst ständig thematisiert werde. Um die bestehenden gesellschaftlichen - ideologischen Normen effektiv erfüllen zu können, fungiere dabei das „autoritative Moment" das Adorno Zeitschriftenhoroskopen und der Astrologie an sich zuschreibt.

    Somit hält Adorno Zeitschriftenastrologie gerade nicht für ein nebensächliches, harmloses und unterhaltendes Spiel, sondern erkennt in ihr eine auf Beibehaltung des Status quo gerichtete Widerspiegelung gesellschaftlicher Zufälligkeit und Irrationalität.

    Die Hypothesen Adornos sind an verschiedenen Stellen erörtert worden und haben zu weiteren, hauptsächlich soziologischen Forschungen im Bereich der Vulgärastrologie angeregt. [...]

    Es konnten die meisten von Adornos Aussagen tatsächlich bestätigt und nur einige geringfügige geringfügige Differenzen festgestellt werden.“

     

    S.32:

    „Abschließend sei noch auf die zahlreichen Einführungswerke und spezifischer ausgerichteten Untersuchungen zur Astrologie hingewiesen, die sich jedoch hinsichtlich der massenmedialen Horoskope zumeist auf die Abgrenzung zwischen seriöser Astrologie und den populären vulgärastrologischen Formen beschränken, oftmals nicht ohne die Vulgärastrologie kritisch oder abwertend als Beweis für die weite Verbreitung, Vermarktung und Kommerzialisierung von Astrologie durch die Medien anzuführen.

    Pressehoroskope seien aufgrund ihrer Beschränkung auf das Sonnenzeichen „grober astrologischer Unfug" und hätten kaum etwas mit der seriösen Astrologie gemein.

    Gleichwohl gesteht man den Horoskoprubriken der Zeitungen und Zeitschriften die positive Funktion zu, einen ersten Kontakt der Menschen zur ernsthaften Astrologie zu stiften und das Wissenssystem der Astrologie - wenn auch in ihrer reduzierten, vulgären Form - als Kulturgut permanent im Bewusstsein der Menschen präsent zu halten.“

     

    S. 42:

    „Aus diesen knappen Erläuterungen wird bereits erkennbar, dass die Astrologie ein holistisches semiotisches System darstellt, das auf der Ebene des Symbols agiert.

    Die Symbole spiegeln nach Auffassung vieler Astrologen die seelische Wirklichkeit, sie sind durchsetzt mit mythischen Elementen. Aufgrund der Vielzahl der einzelnen Variablen und ihre Kombinationsmöglichkeiten, die jeweils bildhaft - symbolisch interpretiert werden, eröffnet sich dem Astrologiekundigen ein großer Bedeutungsspielraum. Eine Fülle von Faktoren muss bei der Auslegung berücksichtigt, gewichtet und in ein einheitliches Ganzes umgeformt werden.

    Im Allgemeinen wird für jeden Planeten gedeutet, in welchem Tierkreiszeichen und in welchem Haus er sich befindet und welche Aspekte er mit welchen anderen Planeten bildet.

    Wie Schubert-Weller betont, dürfte der Astrologe nicht einfach die Bedeutung der einzelnen Grundelemente aneinanderreihen, sondern er müsse vielmehr inhaltliche Schwerpunkte erkennen, bestimmte Grundtendenzen herausarbeiten und eventuell widersprüchliche Tendenzen gegeneinander abwägen. Die Deutungsmöglichkeiten seien so umfassend und komplex, dass sie keinesfalls absolut zu setzen und nur begrenzt einholbar und rekonstruierbar sind.

    Dazu kommt, dass der ungeheuren Vielfalt der astrologischen Kombinationsmöglichkeiten nur begrenzt sprachliche Möglichkeiten der Vermittlung dieser Vielfalt (Niehenke) gegenüberstünden.

    Teissier hält die Auslegung eines Horoskops für eine langwierige, minutiöse und subtile Angelegenheit, da der Astrologe aus der Vielzahl möglicher Kombinationen die wahrscheinlichste auswählen und damit sowohl die geometrische Sachkenntnis als auch das Gefühl für Nuancen beweisen müsse.

    Die Verbindung von Sachkenntnis und Intuition des Astrologen wird immer wieder hervorgehoben. Gleichermaßen begreift man das Horoskop als eine Struktur, ein komplexes und vielseitiges Symbol, das seinen Inhalt nicht vorgibt, exakt bestimmt oder gar bewirkt, sondern lediglich Prinzipien und Muster aufzeigt, die verschieden realisiert und aktualisiert werden können; es geht also um das Erschließen von Sinn aus bestimmten Zeichen und Symbolen.

    In den vergangenen Jahrhunderten war das Erstellen des Horoskops eine langwierige, komplizierte und mühevolle Aufgabe. Die Planetenbahnen mussten mit aufwändiger Genauigkeit mathematisch berechnet werden. Eine erhebliche Erleichterung brachten die sogenannten Ephemeriden - umfangreiche Tafeln und Tabellen, in denen die Positionen der Gestirne für Jahre im Voraus berechnet waren und daraus abgelesen werden konnten. Heute vollzieht sich die Zeichnung eines Horoskops meist in Sekundenschnelle mithilfe von Computerprogrammen. Eine Tätigkeit, die früher nur eingeweihte Astrologiekundige ausüben konnte, ist seit einiger Zeit auch dem Laien prinzipiell zugänglich.

    Es dürfte deutlich geworden sein, dass aus der Astrologie stammende Lexem Horoskop sich in erster Linie auf eine astronomisch berechnete, grafisch dargestellte Planetenkonstellation bezieht, die mithilfe überlieferter symbolischer Interpretationsmuster zu Zwecken der Persönlichkeitserklärung und der Zukunftsprognose gedeutet wird.

    Mit diesem Begriff dürften die Horoskope der Massenmedien streng genommen allerdings kaum bezeichnet werden, da diese nur das Sonnenzeichen berücksichtigen, was in den Augen der Astrologen nicht nur eine unzureichende Vereinfachung, sondern eine platte Abwertung des gesamten astrologischen Deutungssystems darstelle. Diese in den Massenmedien regelmäßig veröffentlichten Texte hätten lediglich die Ausdrucksseite "Horoskop"  übernommen, ohne jedoch den mit dieser Bezeichnung verbundenen Bedeutungsgehalt einer seriösen astrologischen Berechnung und individuellen Deutung planetarischer Konstellationen zu bedienen.

    Während einige Astrologen den Sonnenstandshoroskopen der Massenmedien lediglich weniger Aussagekraft als individuell berechneten Horoskopen beimessen, sind sich andere darüber einig, dass es sich bei Horoskopen in Zeitschriften und einigen anderen Massenmedien überhaupt nicht mehr um Astrologie handelt, sondern nur die Textsortenbezeichnung Horoskop diesen Eindruck fälschlicherweise erweckt. Daraus lässt sich ihrer Meinung nach auch erklären, warum sich das Wissen der meisten Menschen über Astrologie aus Sonnenstandshoroskopen der Massenmedien speist. So kann ganz allgemein von einer Bedeutungserweiterung gesprochen werden: im Sprachgebrauch wird mit dem Begriff Horoskop nicht mehr nur auf Individualhoroskope referiert, die aus persönlichen Daten errechnet wurden, sondern - ob nun berechtigter - oder unberechtigterweise - ebenso eine Textsorte der Massenmedien, die Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist.“

     

     

     

     

     

     

     

    S. 48:

    „Anhand dieser knappen Betrachtungen zur Geschichte der Astrologie lassen sich zusammenfassend folgende Aspekte herausstellen:

     

    • 1. Die Astrologie hat im Laufe ihrer Geschichte grundlegende funktionale und strukturelle Wandlungen vollzogen und ist ein Wissen, das Anteil an anderen Wissensfeldern hat und sich daher zwischen Naturwissenschaften, Religion, Psychologie, Gesellschaftswissenschaften und Kunst ansiedeln lässt.
    • 2. Schon früh erfolgt eine Spaltung in zwei Teilbereiche: einerseits verfolgte man mit der Sterndeutung eine wissenschaftlich - seriöse Linie, die entweder mehr naturwissenschaftlich oder aber mehr religiös orientiert war, andererseits gebrauchte man sie als profane Praktik magisch - okkulter Schicksalsdeutung und Wahrsagerei. Zwischen beiden Extremen gab es zahlreiche Übergangsstufen.
    • 3. Während die seriösen Formen von Astrologie sich ständig zwischen öffentlicher Verachtung und Bekämpfung bewegten und starken Schwankungen ihrer Akzeptanz innerhalb des geistig - kulturellen, sozialen und politischen Kontext der jeweiligen Zeit unterworfen waren, ist ein solches auf und ab bei den profanen Formen der wahrsagerischen und abergläubisch - magischen Astrologie nicht zu verzeichnen vielmehr muss hier von einem konstanten Interessentenkreis ausgegangen werden.
    • 4. Der Hauptstreitpunkt zwischen Astrologie und anderen Wissenschaften beziehungsweise zwischen einzelnen Richtungen der Astrologie selbst war das Problem der Determination, die Fatalismusfrage: legen die Sterne das Schicksal des Menschen als unveränderbares Faktum fest oder aber ist der Mensch frei in seinen Entscheidungen und Handlungen?
    • Soll der Mensch sich passiv seinem von den Sternen aufgezeigten Schicksal ergeben oder aktiv selbstständig sein Leben gestalten? […]
  • Mit dem zunehmenden öffentlichen Interesse an der Astrologie setzte eine Differenzierung in astrologische Richtungen ein, die […] verstärkt Disziplinen und Schulen etablieren.

    Der Begriff Astrologie kann in ganz verschiedener Weise verwendet werden und bezeichnet damit auch jeweils unterschiedliche Konzepte und Theorien: psychologische Astrologie, astrologische Prognose, esoterische Astrologie, medizinische Astrologie, magische Astrologie, Mundanastrologie, meteorologische Astrologie, symbolische Astrologie, reformierte Astrologie, Wirtschaftsastrologie, Astrologie als Lebenshilfe und Astrologie als Naturwissenschaft sind nur einige Richtungen, die in der Literatur immer wieder mit unterschiedlicher Gewichtung behandelt werden und die Heterogenität des Wissensbereichs reflektieren. Die Grenzen zwischen diesen zahlreichen Richtungen sind keineswegs fest und absolut, sondern eher fließend, und oftmals überschneiden sich die einzelnen Bereiche."

     

     

     

     

     

     

     

    S. 55:

    „Unter Vulgärastrologie versteht man vor allem die Formen der  Astrologie, die uns täglich in den Massenmedien begegnen - sei es in Zeitungen und Zeitschriften, im Fernsehen, Radio, Videotext, bei Telefondienstleistungen oder im Internet. Sie lassen sich in erster Linie durch die Beschränkung auf das Sonnenzeichen, ihre Ausrichtung auf Unterhaltung sowie durch den Zuschnitt auf eine breite Masse der Bevölkerung kennzeichnen.

    Allen vulgärastrologischen Angeboten gemeinsam ist die weitgehende technische und inhaltliche Reduktion der Astrologie selbst, stellt Schubert- Weller fest.

    Dass die Vorstellung, alle Vertreter eines bestimmten Sternzeichens, also ein Zwölftel aller Menschen, hätten an einem Tag dasselbe zu erwarten, offensichtlich unsinnig ist, betont Niehenke und Schubert-Weller hebt hervor, dass man für eine technisch akkurat ausgeführte, seriöse astrologische Prognose wenigstens 20-30 Konstellationen der einzelnen Planeten, Häuser usw. berücksichtigen müsse.

    Teissier kritisiert darüber hinaus den Schwerpunkt der Prognosestellung der kommerziellen Astrologie. Böhringer kennzeichnet vulgäre Astrologie erstens als fatalistisch geprägt, da sie menschliche Freiheit verleugne und verantwortliches Handeln lähme; sie sei zweitens Instrument zur ebenso banalen wie illusionären Wunschbefriedigung und Leidvermeidung; drittens gehe es vor allem um die Vermeidung des Lebensrisikos und um den Gewinn von Macht und Sicherheit im Blick auf eine ungewisse Zukunft. […]

     

    Letztlich ist man sich weitgehend darüber einig, dass vulgärastrologische Formen kaum zum Bereich der Astrologie im engeren, eigentlichen Sinn gezählt werden dürfen, da es sich eher um eine unter dem Deckmantel der Sterndeutekunst auftretende Verbreitung von Banalitäten handele.

    Insofern sei selbst die Bezeichnung „Horoskop" eigentlich nicht mehr gerechtfertigt.

    Eyenck/Nias konstatieren, dass Zeitschriftenhoroskope nicht als bloße Unterhaltung etikettiert sind und viele Menschen doch daran glauben, dass diese Kolumnen mehr sind als ein Spaß."

     

    S. 94:

    „Mediale Voraussetzungen für Pressehoroskope

     

    Die Horoskopspalten in der Presse sind nicht seriösen astrologischen Deutungsregeln verpflichtet, sondern werden durch publizistische Kommunikationsbedingungen, Zwecke und Operationsweisen determiniert.

    Zeitungen und Zeitschriften gehören zu den Massenmedien, welche ein breites Publikum erreichen möchten. […]

     

    Die Bedingungen der Pressekommunikation lassen eine Ausrichtung des Horoskops auf einzelne Individuen und auf umfassende Beratung nicht zu. Für die große, anonyme, inhomogene, vielfältige sowie im wesentlichen unorganisierte, „disperse" Menge von Rezipienten können keine individuellen Horoskope erstellt werden. […]

     

    Das Problem wird gelöst, indem nur ein Faktor des Horoskops, nämlich das Tierkreiszeichen (Sonnenzeichen), zu Grunde gelegt und damit die diffuse Menge der Adressaten in 12 Gruppen eingeteilt wird, gegebenenfalls darüber hinaus in Dekaden oder männliche und weibliche Vertreter der Sternzeichen. Damit ist es möglich, sowohl das gesamte potentielle Massenpublikum anzusprechen als auch den einzelnen, der sich in dieser Einteilung wiederfindet."

     

    S. 99:

    „Die meisten Horoskope enthalten keinen Hinweis auf ihre Produzenten und ihre Produktionsmethode."

     

    S.102:

    „Pressehoroskope werden in der redaktionellen Praxis auf drei Arten produziert:

     

    1. über einen Astrologen beziehungsweise ein Astrologenteam

    2. über eine Medienagentur

    3. mit zeitschrifteninternen Produktionsmethoden.

     

    Ein großer Teil der auflagenstarken Zeitschriften engagiert für das Horoskop Astrologen, deren Namen genannt und die oftmals zusätzlich abgebildet sind. Damit wird eindeutig versucht, die sonst übliche Anonymität des Produzenten zu vermeiden. […]

     

    Häufig schreiben sie die Horoskope für mehrere Zeitungen oder Zeitschriften. Einige dieser Haupt oder nebenberuflich arbeitenden Medienastrologen verfassen die Horoskope nicht selbst, sondern in Zusammenarbeit mit einem Astrologenteam. [...]

     

    Als vulgär wollen die Astrologen zumindest die von ihnen selbst verfassten Horoskope nicht verstehen, da hier ihren Angaben zufolge ebenfalls astrologische Berechnungen auf der Grundlage von Tabellen und Computerprogrammen zugrundeliegen, die allerdings nur sehr allgemein sein könnten, da sie lediglich das Tierkreiszeichen und eventuell noch die Stellung der einzelnen Planeten berücksichtigen würden.

    Die Honorare für die Astrologen sind Verhandlungssache und zumeist abhängig von den Referenzen der Astrologen.

    Prinzipiell bewegen sie sich allerdings auf vergleichsweise hohem Niveau. […]

     

    Aufgrund der Kosten können es sich nur auflagenstarke Zeitungen und Zeitschriften leisten, das Horoskop von einem bekannten Astrologen anfertigen zu lassen. Eine Vielzahl der Zeitungen und Zeitschriften mit geringer Auflage kann ihrem Publikum diesen Service nicht bieten und muss auf andere Mittel zurückgreifen. Eine Möglichkeit ist ein Vertrag mit einer Medienagentur [...]

    Die Redaktion kann bei dieser Medienagentur einen bestimmten Horoskoptyp auswählen und bestellen und bekommt das aktuelle Horoskop dann regelmäßig geliefert […]

     

    Die Horoskopproduktion geht bei den meisten Medienagenturen in zwei Schritten vor sich.

    Ein Astrologe oder ein Astrologenteam liefert der Agentur sogenannte Rohdaten, das sind astrologische Angaben, die aus Tabellen oder mithilfe von Computerprogrammen für die einzelnen Sternzeichen gewonnen wurden, beispielsweise Venus Opposition Mars oder Mond im Krebs zusammen mit einer knappen Deutung, etwa Gesundheit labil. Die eigentliche Produktion des Horoskops erfolgt durch die - in der Regel nicht astrologisch ausgebildeten - Mitarbeiter der Medienagentur, die diese Rohdaten vertexten, also zu vollständigen Horoskoptexten ausbauen. […]

    Eine dritte, wenngleich als unseriös kritisierte Möglichkeit der Horoskopproduktion soll hier als Eigenproduktion bezeichnet werden. Sie wird von Redaktionen beziehungsweise Verlagen genutzt, die aus finanziellen oder anderen Gründen weder einen Astrologen noch eine Medienserviceagentur eigens für das Horoskop beauftragen, auf diese Textsorte aber dennoch nicht verzichten möchten. Hier liegt die Produktion von Horoskopen in der Regel in den Händen einer nicht beziehungsweise wenig astrologiekundigen Person beziehungsweise Personengruppe.

    Haider konstatiert etwa das böse Gerücht, dass in manchen Zeitungsredaktionen die Horoskope von der Buchhalterin getextet werden. (Als Urlaubsvertretung soll auch schon der Portier eingesprungen sein).

     

    Die Redakteure und Mitarbeiter können sich plausibel klingende Horoskoptexte ausdenken , auf spezielle Hilfsmaterialien zurückgreifen, sich etwa aus Computerprogrammen und Büchern mit Horoskopvorschlägen oder aus den Horoskopen anderer Zeitschriften Anregungen holen. Häufig werden vorgefertigte Texte oder Textteile modifiziert oder reproduziert und nach dem Zufallsprinzip zu Horoskoptexten zusammengestellt beziehungsweise teilweise sogar vollständig übernommen und in gewissem unregelmäßigen Abständen wiederholt."

     

    S.109:

    „Verschiedene Umfragen aus den letzten Jahren haben ergeben, dass immer mehr Menschen Horoskope in Zeitungen und Zeitschriften lesen. Nach Angaben des Allensbacher Instituts für Demoskopie lasen im Jahr 2001 rund 77 % der deutschen Bevölkerung ab 16 Jahren Horoskope in der Presse, 1977 waren es gerade 46 %."

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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